Das Brachland-Ensemble, eine Gruppe professioneller Theater- und Kulturschaffender, ist auf der Suche nach dem Besten im Menschen

Foto: Brachland-Ensemble

Alles wird gut? Wer kommt angesichts all der Krisen, Kriege und Katastrophenmeldungen weltweit auf so eine Idee? Das Brachland-Ensemble, eine freie Gruppe professioneller Theater- und Kulturschaffender aus den Bereichen Schauspiel, Performance, Tanz und Film. In Form von darstellender Kunst, Dokumentation und Installation setzen sie sich intensiv mit gesellschaftsrelevanten Themen und Prozessen auseinander, die zunächst einmal schwer zu verstehen sind. Anhand des neuen Stücks „Revolution: Alles wird gut!“ wollen sie den Beweis antreten, dass die Welt viel besser ist als ihr Ruf. Dafür recherchieren sie schon einmal bis zu knapp einem Jahr. Gemeinsam mit ihrem Publikum möchten sie der Frage nachgehen, wie eine friedliche, nachhaltige Revolution weltweit möglich ist. Ideen, wie das gelingen kann, legt Dominik Breuer, Schauspieler und Regisseur, dar.

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Wie kam es zu diesem Zusammenschluss und Namen?

Die meisten von uns arbeiten seit vielen Jahren an Stadt- und/oder Staatstheatern. Dort ist aufgrund einer oftmals sehr dichten Spielzeitplanung vor Probenbeginn nur wenig Zeit für eine wirklich intensive Auseinandersetzung mit dem Stoff – von Recherchen oder gar Reisen ganz zu schweigen. Dazu kommt, dass interdisziplinäre Arbeiten auch nur sehr selten bzw. in eingeschränkter Form stattfinden. Wir stammen teils aus sehr unterschiedlichen Sparten und Kunstrichtungen… Diese Diversität hat uns sehr gereizt, da sie die Möglichkeit bietet, voneinander zu lernen und sich auch neue Kunstrichtungen zu erschließen. Darin liegt auch der Name begründet: Ein Brachland ist letztlich schlummerndes Potenzial. Wir wollen diese Potenziale entdecken – bei uns sowie in den Themen, mit denen wir uns auseinandersetzen.

Ihr versteht euch als politisches Theater?

Theater ist im Grunde immer politisch bzw. sozialkritisch, egal ob man die Schneekönigin, Zement von Heiner Müller oder ein Recherche-Projekt auf die Bühne bringt, da es sich eben mit dem Leben beschäftigt. Wir sind getrieben von einer großen Neugierde und stoßen oftmals auf gesellschaftsrelevante Themen oder Fragen, die wir nicht verstehen. Dann beginnen wir eine zeitintensive Recherche, die zwischen einem halben bis zu einem Jahr dauern kann. Dies beinhaltet u. a. Reisen in bestimmte Regionen, Interviews mit Experten usw. Wir empfinden das auch als eine Frage der Verantwortung unserem Publikum gegenüber.

Probenfoto zu „the curiosity of brain“. Foto: Brachland-Ensemble

Relativ spät erst entscheiden wir uns für die Art und Weise, wie wir das Recherchierte zeigen, da bei uns der Inhalt die Form bestimmt. Wir haben einen großen Spaß daran, mit künstlerischen Mitteln Zusammenhänge aufzuzeigen und erhoffen uns, dass das Publikum eigene neue Blicke auf die Welt und ihre Themen entwickelt. Es geht also weniger um Belehrung oder politische Statements, sondern vielmehr um Inspiration und eine Ermutigung des Publikums, der eigenen Neugierde zu folgen – das eigene „Brachland“ zu erkunden.

Das Projekt, an dem ihr aktuell arbeitet, heißt „Revolution: Alles wird gut“. Dazu gibt es, wie du angedeutet hast, eine aufschlussreiche Vorgeschichte…

Foto: Brachland-Ensemble

Wir haben im letzten Jahr in Kooperation mit Amnesty International den 2014 vom US-Kongress veröffentlichten Bericht über das CIA-Internierungs-und Verhörprogramm in Form des Live-Hörspiels „Ready for Boarding“ auf die Bühne gebracht. Damit einher ging die etwas wahnwitzige Idee, eine „Weltkarte der Krisen“ anzufertigen. Wir erhofften uns durch einen solchen Überblick, evtl. Zusammenhänge zu erkennen, anhand derer man Lösungsansätze hätte entwickeln können.

Also haben wir uns über mehrere Wochen in die Tiefen des Dark-Net gestürzt, waren auch in Krisengebieten unterwegs und wurden in dieser Zeit mit dem Schlimmsten konfrontiert, was die Spezies Mensch zu bieten hat: Grausamkeiten jenseits jeglicher Vorstellungskraft und Abgründe von einer Tiefe, dass es uns beinahe selbst hineingerissen hätte, denn es kam nach einigen Wochen zu einem psychischen Zusammenbruch. Die Welt war nicht nur schlecht, sie war ein einziger Müllhaufen. Daher begannen wir, zu jeder Negativ-Recherche eine Konter-Recherche vorzunehmen, also nach etwas Positivem zu suchen. Wir stellten fest: Unter der Kruste an Schreckensmeldungen ruht ein wahrer Ozean an positiven Entwicklungen und Geschichten.

Ihr seid auf zwei Fakten gestoßen. Fakt 1: Die Welt war noch nie so friedlich wie heute. Fakt 2: Unsere verzerrte Wahrnehmung versperrt die Sicht auf Fakt 1. Was bedeutet das für die Entwicklung des Projekts? Wie sieht das Konzept dafür aus?

Wir stehen in Kontakt mit Neurowissenschaftlern wie Gerald Hüther und Statistikern wie Max Roser, die uns dabei helfen zu begreifen, wie und warum wir negative Nachrichten speichern und verarbeiten und wie und warum Medien ihren Fokus oft auf die negative Berichterstattung legen. Daneben sammeln wir weltweit Geschichten, die als Inspiration dienen können. Letztlich wollen wir diese Zusammenhänge verdeutlichen und das Publikum in die Lage versetzen, den eigenen Blick zu schärfen und auch zu hinterfragen.

Für euch ist eine wahre Revolution, wenn Veränderung auf gewalttätigen Umbruch verzichtet. Wie kann diese Revolution gelingen?

Sie gelingt doch bereits. Betrachtet man die globale historische Entwicklung der Menschheit, befinden wir uns in einem stetigen Aufwärts, manchmal machen wir einen Schritt zurück und dann wieder zwei nach vorne. Dabei unterschätzen wir unsere eigenen Kräfte und die Geschwindigkeit, in der wir uns entwickeln. Homosexualität stand früher unter Strafe, das ist nicht lange her. Vergewaltigung in der Ehe war früher nicht strafbar. Da gibt es viele kleine Schritte. Betrachtet man nur das Jetzt, kann man diese rasante Entwicklung nicht nachvollziehen. Fakt ist: Wir leben in den friedlichsten Zeiten aller Zeiten. Die großen Veränderungen sind immer durch die Gesellschaft selbst entstanden, aber so etwas braucht eben auch Zeit. Sobald wir begreifen, dass wir gar nicht so schlecht sind, wie wir alle denken, wird sich diese Entwicklung sogar noch beschleunigen. Dieser Prozess setzt gerade ein.

Es ist doch viel besser und produktiver, sich kritisch für den Umweltschutz einzusetzen als sich gegen die Umweltzerstörung zu positionieren. … Der Fokus auf das Produktive erzeugt andere Kräfte.

Zum Beispiel gegen Trump, Le Pen, den Brexit zu sein, ist nicht der Weg zu einer besseren Welt, sondern…?

Letztlich sind das nur austauschbare Begriffe und Namen, die für bestimmte Haltungen stehen. Sobald man sich auf diese Namen und Begriffe konzentriert, ist man auch schon in die Falle der Fronten-Bildung getappt. Es ist doch viel besser und produktiver, sich kritisch für den Umweltschutz einzusetzen als sich gegen die Umweltzerstörung zu positionieren. Das mag auf den ersten Blick keinen Unterschied machen, aber der Fokus auf das Produktive erzeugt andere Kräfte. Wenn du bei einem Marathon den Fokus auf das Ziel richtest, wirst du mit Problemen wie Wadenkrämpfen oder unerwarteten Hindernissen ganz anders umgehen. Wenn dir dabei noch bewusst wird, dass du dich auf der Gewinnerstraße befindest, mobilisiest du ganz andere Kräfte und Ideen. Die benannten Probleme sind existent, die eigentliche Herausforderung besteht aber doch darin, dass ich bessere Alternativen anbiete. So mache ich auch denen, die den benannten „Heilsbringern“ hinterherlaufen, „Appetit“ auf eine offene Gesellschaft, so dass sie freiwillig und von selbst anfangen, mitzumachen.

Letztlich müssen wir lernen, die Tür auch für jene offen zu lassen, die wir im ersten Moment lieber ausschließen würden. Nimmt man als Korrektiv z. B. die Menschenrechte, hat man eine gute Orientierung, wie man miteinander umgehen sollte.

Foto aus der Produktion „Im Schweiße deines Angesichts“. Foto: Brachland-Ensemble

Ihr seid für eure Revolution weltweit auf der Suche nach Visionär*innen und Vorbildern und auch schon fündig geworden. Zum Beispiel…?

Es ist viel schwieriger, jemanden ausfindig zu machen, der sich nicht für irgendetwas einsetzt oder engagiert: Seien es Spenden, Müll trennen, einen Plastikstaubsauger für die Ozeane erfinden, in 25 Jahren mit Hammer und Meissel allein einen Gang durch ein Gebirge hauen, damit die Dorfbewohner schneller zum Arzt kommen und und und… Vielleicht dies: In Solingen gibt es ein junges Mädchen, das sonntags mit einer Zange in den Wald geht, um Müll aufzusammeln. Als wir sie fragten, warum sie das mache, antwortete sie: „Weil der Müll da liegt.“

Zwei junge Männer mit Ghettovergangenheit geben inzwischen regelmäßig kostenlose Meditations-Seminare in Schulen. Dies hat dazu geführt, dass sich das komplette Sozialverhalten der Kinder geändert hat. Eine 80jährige Frau verlor in Aleppo durch einen Raketenangriff ihre 15-köpfige Familie. Nach zwei Tagen in den Trümmern beschloss sie, Hilfe zu leisten, jedem, egal von welcher Kriegspartei, ob syrischer Pilot, Rebell, Terrorist – es war ihr egal, sie half. Auf unsere Frage, ob sie keine Rachegefühle verspüre, antwortete sie: „Wer sich der Rache hingibt, wird wieder zum Opfer.“ Die Genannten könnten von ihrer Vita her unterschiedlicher nicht sein, doch sie sind das, was wir die „Praktischen Possibilisten“ nennen: Sie sehen die Probleme, analysieren sie und packen sie mit den Mitteln ihrer eigenen Fähigkeiten an. Sie versuchen nicht, die ganze Welt zu retten, sondern setzen da an, wo sie am besten wirken können. Solche Leute haben nicht die Zeit, ihr Tun an die große Glocke zu hängen; sie verschwenden ihre Zeit auch nicht damit, in sozialen Medien endlose Diskussionen zu führen, sie packen an. Diese „stillen Revoluzzer“ sind die wahren Weltveränderer. Sie sorgen dafür, dass die Entwicklungskurve der Menschheit nach oben verläuft. Unendlich viele kleine Tropfen, die über einen langen Zeitraum Flussverläufe verändern können, aber eben nicht durch die eine große Welle, die meist mehr Schaden anrichtet als Nutzen bringt.

Warum sollte ich die Welt retten oder mich für Demokratie einsetzen, wenn es mir keinen Spaß macht?

Für euer Projekt sind verschiedene Aufgaben zu bewältigen, u. a. Zuschaltungen aus der ganzen Welt oder Interaktion mit dem Publikum…

Unsere Stückstruktur ist noch in der Entwicklungsphase, da wir die Inhalte noch sammeln. Fest steht jedoch, dass es neben den Spielszenen auch Interaktionen mit dem Publikum geben wird. Unter anderem gibt es Live-Scouts, die mit einer Kamera in der Innenstadt unterwegs sind und Passanten ansprechen oder Aufgaben erledigen müssen, die uns das Publikum stellt. Zudem wollen wir Personen und Projekte von besonderer „Strahlkraft“ live auf die Bühne schalten und mit dem Publikum in Kontakt bringen. Wir haben festgestellt, dass man dieses Thema nicht nur verstehen, sondern im Sinne des Wortes „begreifen“ muss. In der Neurowissenschaft spricht man von aktiver Partizipation: Nur durch Mitmachen, das eigene Bauen am Bauklötzchenturm erlebe ich Freude. Warum sollte ich die Welt retten oder mich für Demokratie einsetzen, wenn es mir keinen Spaß macht? Aber natürlich respektieren wir unser Publikum und zwingen niemanden. Es ist immer eine Einladung, ein Angebot. Es anzunehmen, entscheidet allein das Publikum.

Kommt die Aktion „Rotes Telefon“ auch darin vor?

Foto: Brachland-Ensemble

Das „Rote Telefon“ ist aktuell unser Lieblingsspielzeug – ein klassisches Wählscheibentelefon in knalligem Rot. Dieses positionieren wir auf einem Podest in der Fußgängerzone. Das Besondere: Das Telefon funktioniert mit einer SIM-Karte und kann per Handy von überall aus angerufen werden. Dann lassen wir es klingeln und interviewen Passanten. Die sind meist völlig platt, dass da wirklich jemand dran ist – ein toller Opener für wahnsinnig interessante Gespräche. Man kann von diesem Telefon aus per Kurzwahl auch bei uns anrufen. Dieses Element werden wir in die Vorstellung integrieren, evtl. sogar eine bundesweite Hotline schalten, über die man uns auf der Bühne anrufen kann.

Ihr seid noch auf der Suche nach Menschen und Projekten, die auf ihre Weise – im Großen wie im Kleinen – die Welt ein Stück besser machen…

Ja. Wenn ihr so eine Person seid oder jemanden kennt bzw. von einem Projekt gehört habt, dann schreibt uns unter info@brachland-ensemble.de und wir melden uns bei euch.

Ihr werdet wahrscheinlich mehr gute Beispiele finden als ihr verarbeiten könnt. Was macht ihr damit?

Zuallererst sichten wir diese Geschichten und entwickeln daraus unser Stück, wobei wir an den Abenden die Geschichten zum Teil auch austauschen, da es so wahnsinnig viele sind. Zusätzlich stellen wir alle Projekte und Initiativen auf einer interaktiven Karte online, so dass Interessenten darauf zugreifen können.

Wie sind die Reaktionen auf euer Projekt?

Großartig. Selbst bei den größten Skeptikern findet nach fünf Minuten Gespräch eine Art „kleiner Aufbruch“ statt, da wir unsere These mit wissenschaftlichen Fakten untermauern. Fragt man die Leute zum Beispiel, wieviele Menschen auf der Welt inzwischen lesen und schreiben können, nennen sie in der Regel einen Wert zwischen 40 bis 50 Prozent. Erfahren sie dann, daß es bereits 85 Prozent sind, folgt auf das große Erstaunen eine gewisse Nachdenklichkeit und das ist toll. Die meisten reagieren darauf, als seien sie froh, dass es endlich mal jemand ausspricht. Einerseits herrscht ein großes Bedürfnis nach „Wahrheiten“ – dahinter eine kleine verwundete Hoffnung, dass diese Wahrheiten etwas Positives beinhalten könnten. Also sind die meisten Menschen tatsächlich Träumer und das Beste daran: Der Traum ist dabei, wahr zu werden und ist es in großen Teilen auch schon. Jetzt müssen wir nur noch dafür sorgen, dass die Leute sich als das begreifen, was sie sind: Weltverbesser*innen. In unüberschaubarer Zahl, eine Mehrheit, die sich (noch) nicht als solche begreift.

Wo tretet ihr auf?

Die Uraufführung findet am 10. November am Theater Aachen statt, weitere neun Vorstellungen sind dort bereits geplant. Dazu kommen mehrere Auftritte im Künstlerhaus Nürnberg (KunstKulturQuartier), in Kassel sowie in verschiedenen Städten in NRW. Wir touren bundesweit und gastieren auch international mit einer englischsprachigen Fassung.

Noch etwas, das Euch wichtig ist, das Euch am Herzen liegt?

Alles wird gut.

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Revolution: Alles wird gut!

Eine internationale Stückentwicklung über mediale Schwarzmalerei und angewandten Optimismus

Uraufführung: 10. NOVEMBER 2017, Theater Aachen

Kooperation mit dem Theater Aachen, der Landeszentrale für politische Bildung NRW und der Tafelhalle im KunstKulturQuartier Nürnberg

weitere Infos unter: https://brachland-ensemble.de/projekte.html

 

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