zusammengestellt von Florian Roithmeier
Wo es in Deutschland die erste Zugverbindung gab, wissen vermutlich noch die meisten: zwischen Nürnberg und Fürth. Die erste Fahrt auf der sechs Kilometer langen Strecke fand am 7. Dezember 1835, also vor gut 190 Jahren statt. In England waren Züge schon rund zehn Jahre früher unterwegs: Am 27. September 1825 beförderte Locomotion Nr. 1 als erste Dampflokomotive der Welt Passagiere auf einer öffentlichen Strecke – im Nordosten Englands von Stockton nach Darlington. Als Vater der Eisenbahn gilt der Maschinenbauingenieur George Stephenson (9. Juni 1781 – 12. August 1848).
Passend zu dem besonderen Jubiläum finden an diesem Wochenende in ganz Deutschland Veranstaltungen zum jährlichen „Tag der Schiene“ statt, um die Bahn zu feiern.
Klar: Grund zum Feiern gibt es, wenn man auf die Bahn angewiesen ist, nicht immer. Deshalb haben wir uns gedacht: Lasst uns doch die schönen, interessanten oder vielleicht auch kuriosen Geschichten über die Bahn erzählen! Zum Nachdenken, zum Schmunzeln, zum Staunen. Und unser Team von good news for you hat da einiges zu erzählen …
Isolde über einen Schutzengel namens Oscar
„Zum Fahren mit der Eisenbahn hat bestimmt jede*r eine Menge Geschichten. An eine erinnere ich mich besonders gerne. Sie trug sich in Italien zu – lange, bevor es Handys und Smartphones gab.
Interrail. Wir sind zu fünft unterwegs und gerade vom italienischen Festland nach Sizilien übergesetzt. Es dämmert bereits. Sehr spät erst bemerken wir, dass wir hätten raus müssen. Meine Freund*innen schaffen es noch aus dem Zug, ich reiche die Rucksäcke nach, auch meinen eigenen, als sich der Zug in Bewegung setzt und erstaunlich schnell Fahrt aufnimmt. Aussteigen ist nicht mehr. Und ich kann kein Italienisch. Ich habe auch keine Ahnung, wann der nächste Halt kommt, wo ich sein werde … Im Zug auffallend viele Soldaten.
Ich muss einen guten Schutzengel haben. Das stelle ich nicht zum ersten Mal fest. Oscar spricht mich an. Der freundlich dreinblickende Mensch hat mir wohl vom Gesicht abgelesen, auf welch innerer Achterbahn ich mich gerade befinde. Er ist etwa in meinem Alter, Student und spricht … Englisch! Welch ein Segen!
Selten habe ich einen Menschen getroffen, der ohne groß zu fragen so hilfsbereit ist. Oscar steigt mit mir an der nächsten Haltestelle aus, obwohl er eigentlich nach Palermo müsste. Er wartet mit mir auf den nächsten Zug, zurück in die andere Richtung, begleitet mich und steigt mit mir dort aus, wo ich die anderen verloren habe. An diesem Abend finden wir sie nicht mehr. Wir haben dann irgendwo am Strand übernachtet. Am nächsten Tag blieb Oscar so lang beschützend an meiner Seite, bis meine Freund*innen, die ebenfalls überall nach mir gesucht hatten, wieder auftauchten.
Oscar und ich haben uns noch eine ganze Weile geschrieben. Dann verloren wir uns leider aus den Augen. Gerne wüsste ich, wie es ihm heute geht. Ich hoffe, gut!
Isabel: Warum wir das Bahnfahren so mögen

Kristin: Meine schönste Bahngeschichte ist gleichzeitig auch meine schlimmste …
„Vermutlich sollte ich sie eher als erinnerungswürdigste Geschichte in deutschen Zügen bezeichnen.
Sie spielt im Sommer 2022. Es ist heiß, alle tragen noch Masken und gefühlt die halbe Republik möchte „quer durchs Land“ fahren mit einem Ticket, das den gleichen Namen trägt. Wie das damals noch nicht eingeführte Deutschlandticket kann man mit diesem Ticket in allen Nahverkehrszügen einmal durch ganz Deutschland fahren. Und ich bin mittendrin mit meinem damals fast 4-Jährigen.
Wir fahren von Regensburg nach Cottbus und das dauert schon, wenn man keine Ausfälle oder Verspätungen hat, knapp acht Stunden. Die Hinfahrt ist schon eine Herausforderung für sich, weil wir einfach keinen Platz finden und schließlich am Boden sitzen. Aber immerhin schaffen wir einigermaßen pünktlich, in Cottbus zu sein.
Die Rückfahrt stellt sich dann allerdings als mittelgroße Odyssee dar. Am Sonntagnachmittag reiht sich eine Katastrophe an die nächste. Wir verpassen den Anschlusszug, warten stundenlang am Gleis, haben eine Fahrtunterbrechung irgendwo mitten im Nirgendwo, die Klimaanlage fällt aus, es ist eng wie in einer Konservenbüchse. Irgendwann kippt ein junger Mann plötzlich um und muss sich übergeben. Der ganze Boden schwimmt. Und in all dem Chaos dann plötzlich soviel Gemeinschaftsgefühl.
Die Menschen kümmern sich gemeinsam so liebevoll um den schwachen jungen Mann, der am Boden kauert. Es werden Flaschen und Tücher durchgereicht, ihm gut zugesprochen und herumgefragt, ob ein Arzt anwesend sei. Als es ihm wieder besser geht, steigt auch die Stimmung in dem heißen, zum Bersten gefüllten Waggon. Es werden Scherze gemacht und irgendwo sogar ein Liedchen angestimmt. Ein Mann, von dem man es absolut nicht erwartet hätte (Tattoos überall, Muskelprotz… hallo Vorurteile!) spricht allen Mut zu und schafft so eine Atmosphäre des Zusammenhalts. Mein Sohn spielt mit einem anderen kleinen Mädchen am Boden (ja, am gleichen Boden! In dem Moment war das egal) und beide sind tiefenentspannt.
Als wir dann schließlich mitten in der Nacht an einem Bahnhof stranden, der nicht unserer ist, sondern noch anderthalb Stunden von zu Hause entfernt, rufe ich meinen Mann an und bitte ihn, uns abzuholen. Als wir beide da so vor dem Bahnhofsgebäude sitzen, völlig erschöpft (mein Sohn schläft bereits und ich musste ihn und meinen schweren Rucksack aus dem Zug hieven), werden wir von einer jungen Familie angesprochen, die gerade spazieren geht. Ob alles in Ordnung sei oder sie uns helfen könnten. In diesem Moment konnte ich nachvollziehen, wie sich Flüchtlinge in Deutschland fühlen, wenn sie frisch ankommen. Die mitfühlende Nachfrage der Familie hat mich tief bewegt und einen anstrengenden, chaotischen, aber auch sehr verbindenden Tag für mich abgerundet.“
Welche Erinnerungen verbindet ihr mit der Bahn? Schreibt es uns in die Kommentare unter diesem Beitrag! 🙂
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2 Antworten
Auch wenn es manchmal umständlich sein kann (wie kürzlich mit dem „durchgehenden“ ICE von Wien nach Hamburg, wo wir nach 4x Umsteigen (in Passau, Regensburg, Kassel und Hannover) wegen Lokomotiv-Ausfall bzw. Polizeieinsätzen mit 150 Minuten Verspätung um 0.30h ankamen), fahren wir (seit 1986 ohne Auto) oft und gern mit der Bahn (2. Klasse, nur in der Schweiz manchmal 1. Klasse, weil es mit „Spezial-Billett“ für SNB-Aktionäre kostenlos ist).
Hier für einige Länder mein persönliches Ranking auf einer Punkteskala von 0-100 (von „unmöglich“ bis „perfekt“):
99 Schweiz (meist auf die Minute pünktlich!)
97 Österreich (ÖBB / Westbahn / Raaber Bahn, das Klimaticket gilt auch in allen Bussen/U-Bahnen etc.)
95 Dänemark/Norwegen/Schweden/Finnland (Interrail 1980…)
93 Niederlande/Belgien
90 Deutschland (DB nach 1989; Reichsbahn zu DDR-Zeiten wesentlich darunter)
88 Italien (hat sich stark verbessert gegenüber Interrail 1983)
86 Tschechien
84 Slowenien/Slowakei
80 Ungarn
75 Rumänien (manche Regionalzüge erheblich schlechter, Eindrücke aus dem Jahr 2023)
10 USA (mit Ausnahme der Ostküsten-Staaten, die lägen eher bei 80-90): Frachtzüge haben hier Vorfahrt, so dass die Personenbahn (Amtrak gehört zu 100% den Frachteisenbahn-Konzernen) fallweise 30 Minuten warten muss… warnen kann man nur vor einer „nationwide“-Netzkarte, denn diese entspricht eher einem stand-by-Ticket, das nur gilt, wenn noch Plätze frei sind („wir können Ihnen für die Strecke von Chicago nach Washington DC einen Platz in 14 Tagen anbieten..“) … im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“.
Grosser Vorteil des Bahnfahrens gegenüber Autoreisen (neben dem ökologischen Fussabdruck): man trifft nette Menschen, die man sonst nie treffen würde – Mitreisende und Schaffnerinnen wie Frau Bräter auf der Strecke Nürnberg-Coburg, durch die die DB wieder einen Punkt (auf 90) zugelegt hat!
Lieber Max, herzlichen Dank für das Ranking – sehr interessant zu lesen!