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Das Jahresende und ...

Die Schönheit unfertiger Pläne

Vielleicht ist das größte Geschenk zum Jahresende, dass wir lernen, das Unfertige mit einem freundlichen Blick zu betrachten.

 

Kolumne von Franziska Iwanow

Zwei Hände in Strickhandschuhen halten eine Tasse mit heißem Kaffee.

Zum Jahresende passiert etwas Merkwürdiges: Unsere offenen To-Dos, begonnenen Projekte und halbfertigen Vorsätze melden sich zurück. Sie tauchen auf wie Gäste, die unangekündigt vor der Tür stehen, freundlich lächeln und fragen: „Na, hast du uns etwa vergessen?“ Und plötzlich stehen sie alle da – die kleinen und großen Vorhaben, die in den vergangenen Monaten irgendwo zwischen Alltagsfülle, Zeitmangel und Überraschungen des Lebens liegen geblieben sind.

Es ist ein vertrautes Ritual: Die Kalenderblätter werden dünner, die Temperaturen kälter, die Beleuchtung weihnachtlicher und in uns regt sich dieser Impuls, Bilanz zu ziehen. Wir möchten abschließen, ordnen, sortieren – nicht nur unsere Schubladen und digitalen Dateien, sondern auch unser inneres Jahr. Doch mitten in diesem Prozess begegnen wir ihnen: den Dingen, die wir nicht fertigbekommen oder die wir uns für dieses Jahr vorgenommen, aber noch gar nicht angefangen haben.

Die Projekte, für die „später“ ein ganzes Jahr lang später war. Die Ideen, die wir begonnen, aber nicht weitergeführt haben. Und manche davon schauen uns so erwartungsvoll an, dass wir kurz zusammenzucken.

 

Das Jahresende und der unsichtbare Perfektionsvertrag

Müssen wir wirklich alles bis zum 31. Dezember erledigt haben, um das Jahr als „erfolgreich“ zu verbuchen? Wer hat diesen unsichtbaren Perfektionsvertrag eigentlich unterschrieben? Vielleicht niemand. Vielleicht ist es nur die leise Erwartung, die wir an uns selbst stellen – und die wir auch selbst wieder auflösen dürfen.

Denn unfertige Pläne sind nicht automatisch ein Zeichen von Nachlässigkeit. Oft erzählen sie von Lebendigkeit – davon, dass wir uns entwickeln, dass wir fühlen, dass wir uns auf Neues einlassen. Es lohnt sich, einen liebevollen Blick darauf zu werfen, bevor wir urteilen. Manchmal erkennt man erst dann, wie viel Gutes in diesen halbfertigen Dingen steckt.

 

Vorhaben – und warum manche von ihnen erstmal liegenbleiben

Einige der liegengebliebenen Vorhaben gehören zu den Plänen, die am Ende einfach nicht so wichtig waren, wie wir dachten. Der Balkon, der doch nicht begrünt wurde. Die Idee, endlich ein Musikinstrument zu lernen, obwohl es uns nach zwei Probestunden eher stresste als inspirierte. Der Sprachkurs, dessen Vorstellung schöner war als seine Umsetzung. Solche Projekte dürfen ohne schlechtes Gewissen ruhen. Sie waren ein Versuch – ein Ausdruck von Neugier, von Offenheit, von der Lust am Ausprobieren. Und das allein hat bereits Wert. Nicht jedes Samenkorn muss aufgehen, damit der Garten schön ist.

Andere Pläne sind wichtig, doch das Leben hat dazwischengefunkt. Und zwar auf jene Weise, die wir nicht steuern können. Eine Krankheit, die uns plötzlich langsamer werden ließ. Eine Beziehung, die Raum brauchte, um zu wachsen. Ein unerwarteter beruflicher Weg, der unsere Zeit und Energie verschoben hat.

Es gibt diese Momente, in denen ein Plan nicht weitergeführt werden kann, weil das Leben uns an der Hand nimmt und in eine andere Richtung führt. Das ist keine Schwäche. Es ist – so banal es klingt – Leben. Diese Pläne verdienen Respekt. Sie haben nicht an Bedeutung verloren, sie haben lediglich eine Pause eingelegt. Ein Projekt, das pausiert, verliert nicht seinen Wert. Es wartet nur darauf, dass wir wieder genug Raum haben, um uns ihm zuzuwenden.

 

Manche Pläne brauchen Zeit.

Dann gibt es die Pläne, die Zeit brauchen. Die sich nicht beschleunigen lassen, selbst wenn wir es noch so sehr wollen. Manche Ideen entfalten ihre beste Form nicht in hektischen Endjahresaktionen, sondern erst, wenn sie reifen dürfen. Sie wachsen langsam, unsichtbar, leise – wie etwas, das unter der Erde schon wurzelt, bevor es sich zeigt. Ein kreatives Projekt, das Klarheit braucht. Ein persönliches Ziel, das sich erst mit Erfahrung und Gefühl entwickeln darf. Ein Veränderungswunsch, der nicht in Wochen, sondern in Jahreszeiten denkt. Hier ist Unfertigkeit kein Makel, sondern ein Zeichen von Tiefe, von Bedeutung, von innerer Wahrheit.

Und es gibt noch eine vierte Art von Unfertigkeit – eine, die wir oft ungern anschauen: die Dinge, vor denen wir zurückschrecken. Vorhaben, die wir nicht angegangen sind, weil wir Angst hatten zu scheitern. Oder weil wir befürchteten, dass die Umsetzung anstrengend werden könnte. Entscheidungen, die wir aufgeschoben haben, weil sie Mut verlangen. Manchmal drücken wir uns, weil wir Menschen sind. Weil wir uns schützen wollen. Weil wir spüren, dass ein Schritt uns verändern würde und wir dafür noch nicht bereit waren. Auch das verdient Mitgefühl. Sich zu drücken, ist kein Charakterfehler. Oft ist es ein Zeichen dafür, dass uns etwas wichtig ist, vielleicht sogar sehr wichtig – so wichtig, dass wir Angst davor haben. Der Mut kommt nicht schneller, nur weil der Kalender umblättert.

 

Das Jahresende, ein guter Moment für eine kleine innere Rückschau

Wie aber unterscheiden wir, was wir loslassen, was wir weiterführen und was wir in Ruhe wachsen lassen dürfen? Vielleicht hilft ein Moment der ehrlichen, liebevollen Reflexion. Eine kleine innere Rückschau, die nicht wertet, sondern wahrnimmt. Warum ist etwas noch offen? Lag es an äußeren Umständen oder daran, dass es uns doch nicht so sehr entspricht, wie wir dachten? Ist dieser Plan heute noch wichtig – wirklich wichtig, nicht nur in der Theorie? Bringt er uns Freude, Sinn, Wachstum? Oder trägt er inzwischen mehr Last als Leichtigkeit? Und schließlich: Ist jetzt der richtige Moment dafür? Oder darf dieser Plan seine Zeit bekommen, ganz ohne Druck?

Manchmal zeigt sich die Antwort sofort. Manchmal fühlt sie sich leise an, fast zart. Und manchmal müssen wir sie ein paar Tage mit uns tragen, bis sich Klarheit bildet. Alles darf sein. Nichts muss erzwungen werden.

 

Die Schönheit unfertiger Pläne

Die Schönheit unfertiger Pläne liegt darin, dass sie uns Raum geben. Raum für Kreativität, für Überraschungen, für Entscheidungen, die nicht aus Pflicht entstehen, sondern aus Bewusstsein. Sie erinnern uns daran, dass unser Leben nicht aus perfekten Abschlüssen besteht, sondern aus Bewegungen, aus Zwischentönen, aus Phasen des Wachsens und Werdens. Aus Wegen, die wir manchmal langsam und tastend gehen.

Vielleicht ist das größte Geschenk zum Jahresende, dass wir lernen, das Unfertige mit einem freundlichen Blick zu betrachten. Nicht als Mangel, sondern als Möglichkeit. Als Einladung, sanft und neugierig ins neue Jahr zu gehen – mit Respekt für alles, was wir sind, und mit Vertrauen in das, was noch kommen darf. Vielleicht darf das Unfertige unser Begleiter bleiben – als Erinnerung daran, dass wir nicht alles sofort wissen, können oder vollenden müssen, um auf dem richtigen Weg zu sein.

Und wer weiß? Vielleicht überraschen uns gerade die unfertigen Pläne im nächsten Jahr auf eine Weise, die wir heute noch gar nicht erahnen können. Manche Dinge brauchen einfach ihre Zeit. Manche Ideen müssen erst ein Stück mit uns mitwandern, bevor sie sich zeigen. Und manchmal ist genau das das Schönste an ihnen, dass sie uns lehren, geduldig zu sein, achtsam, sanft und liebevoll mit uns selbst.

 

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