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Persönliche Assistenz:

„Ich bin da, wo das Leben spielt.“

Persönliche Assistenz ist eine Tätigkeit, bei der Menschen mit Behinderungen Unterstützung erhalten, um selbstbestimmt leben zu können. Ein Portrait aus der Praxis

 

von Isolde Hilt

Frau in elektrischem Rollstuhl fährt allein Gasse entlang

Wirklich gut bekannt ist das Berufsfeld Persönliche Assistenz nicht. Wer jedoch gerne mit Menschen arbeitet und diese Tätigkeit für sich entdeckt, findet meist etwas, das ihn oder sie erfüllt: „Es ist ein Job, der wirklich etwas bringt – nicht nur den Menschen, für die ich arbeite, sondern auch mir selbst“, meint zum Beispiel Marie.

Wie vielseitig dieser Beruf ist, der einem auch noch die Freiheit für andere Tätigkeiten lässt, wenn man das möchte, zeigt Tobias Schusser auf. Er ist Krankenpfleger, Mentor, Dozent für Pflegeberufe, Gesundheitsökonom und steht dem Assistenz- und Pflegedienst Phönix e. V. in Regensburg als Geschäftsführer vor.

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Persönliche Assistenz, das ist ein Beruf, den viele – glaube ich – erst einmal nicht kennen. Was macht man da?

Persönliche Assistenz bedeutet, dass wir einen selbstbestimmten Menschen in verschiedenen Lebenssituationen unterstützen – zum Beispiel in der Schule, der Arbeit, aber auch zu Hause, bei der Freizeit, bei allem, was das Leben so mit sich bringt. Zentral an unserer Arbeit ist, dass die Kund*innen entscheiden und sagen, was sie benötigen und was nicht.

Pflege ist nicht gleich Pflege. Mit der Persönlichen Assistenz geht ein anderes Verständnis einher, oder?

Absolut. In der reinen Pflege handelt es sich hauptsächlich um Maßnahmen der Grund- und Behandlungspflege, also z. B. Hilfe beim Waschen, Medikamente geben etc. Dies geht dann meist mit einem ziemlichen Zeitdruck und wenig Zeit für die Leistungsberechtigten einher.

In der Assistenz verfolgen wir da einen anderen Weg. Klar geht es auch um pflegerische Leistungen, aber eben auch sehr stark um Begleitung bei Freizeitaktivitäten, Hilfe im Haushalt, beim Kochen, Einkaufen u. ä. Ich würde es als „Rundumblick“ über alle Bereiche des Lebens beschreiben und nicht nur zum Thema Pflege.

Wie entstand dieser Beruf?

Menschen unterstützen – das gab es schon immer und wurde früher stärker im Familienverbund geregelt. Viele Menschen mit einem Grad der Behinderung zogen dann aber in den 70er und 80er Jahren in andere Städte und lebten dort in Studentenwohnheimen. Dort halfen oft Zivildienstleistende aus. Selbstverständlich wollte niemand nach dem Abschluss weiter in den Wohnheimen leben. So war der Bedarf da, den Menschen in der häuslichen Umgebung zu helfen. Auf diese Weise entstand in unseren Breitengraden nach und nach das Berufsfeld der Persönlichen Assistenz.

Für wen eignet sich der Beruf? Welche Qualitäten sollte man mitbringen?

Empathie ist wohl die größte Grundvoraussetzung, ein direkter Dienstleister sein zu wollen ebenso. Grundinteresse am Menschen, Flexibilität und Toleranz sind wichtige Qualitäten.

Generell richtet sich der Beruf sowohl an Fachkräfte im Bereich der Pflege, aber auch Quereinsteiger*innen sind herzlich willkommen.

Wer ist Arbeitgeber?

Hier in Regensburg gibt es einige Anbieter, einer davon ist unser Verein Phönix e. V. Doch auch Leistungsberechtigte selbst können mit dem sogenannten Persönlichen Budget selbst direkt Arbeitgeber sein.

Wie ist diese Arbeit vergütet?

Wir zahlen nach dem Tarifvertrag PTG (Paritätische Tarifgemeinschaft). Als absolute*r Neueinsteiger*in beginnt man bei uns mit 17,60 Euro Stundenlohn. Dieser steigt dann mit der Länge der Zugehörigkeit und nach neuen Tarifverhandlungen. Bei Vorerfahrungen ist auch ein höherer Einstieg möglich, die dreijährige Fachkraft beginnt mit 23,63 Euro. Es gibt Zuschläge für Wochenend-, Feiertags- und Nachtarbeit sowie einen Überstundenzuschlag. Darüber hinaus erhalten Arbeitnehmer*innen noch 85 Prozent Weihnachtsgeld.

Du bist Geschäftsführer eines Assistenz- und Pflegedienstes. Neben der Beratung von Menschen mit Behinderung bietet ihr Persönliche Assistenz an. Worum kümmert ihr euch im Einzelnen?

Tobias Schusser, Geschäftsführer Phönix e. V. Regensburg

Wir sprechen mit den Kund*innen und gehen ihren Bedarf durch. Wir verhandeln mit den verschiedenen Kostenträgern, kümmern uns um die Abrechnungen an allen Stellen, übernehmen alle Verwaltungsthemen. Dazu kommt die Suche nach neuen Kolleg*innen oder auch die Planung von Fort- und Weiterbildungen. Das ist jetzt nur ein kurzer Einblick.

Worauf achtet ihr, wenn ihr Persönliche Assistent*innen einstellt?

Wir überlegen uns, ob die sich bewerbende Person zur Kundin, zum Kunden passen könnte und zu unserer Überzeugung von Inklusion passt. Wir möchten Kolleg*innen bei uns haben, die mit „Herz und Hirn“ bei der Sache sind, ein ganzheitliches Menschenbild haben und kein Schubladendenken besitzen. Intoleranz und Vorurteile sind für uns ein No-Go.

Gibt es eine bundesweite Stelle, die einem Ansprechpartner*innen in der eigenen Region nennt, wenn man entweder Persönliche Assistenz sucht oder sich für eine Arbeitsstelle in diesem Bereich bewerben möchte?

Fuß auf Rollstuhl wird gesichert

Ja, da ist zum Beispiel die Initiative Selbstbestimmt Leben (ISL) e. V. mit Sitz in Berlin. Diese ist unser Dachverband. Oder die EUTB – die ergänzende unabhängige Teilhabeberatung. Regional gibt es viele Organisationen, die mithelfen, sich im Paragraphendschungel zurechtzufinden und über Rechte und Möglichkeiten aufklären, wie zum Beispiel Phönix e. V.

Arbeitsstellen in diesem Bereich gibt es viele: Seien es Gesuche von Privatpersonen über das Persönliche Budget (hier ist der Kunde der Arbeitgeber) oder über die Dienste selbst, die dann auch der Arbeitgeber sind.

Noch etwas, das wichtig ist zu wissen?

Es würde uns sehr freuen, wenn der Bereich der Assistenz in der Gesellschaft bekannter wird und sich mehr Menschen diesen tollen Arbeitsbereich vorstellen könnten. Wir setzen uns jeden Tag dafür ein, dass Vorurteile und Ausgrenzung gegenüber Menschen mit Behinderung aufhören. Wir setzen uns ein für eine offene, tolerante und inklusive Gesellschaft.

 

„Ich bin da, wo das Leben spielt“: Ein Filmportrait über Persönliche Assistenz

Der Kurzfilm gibt einen Einblick in das Leben von drei Leistungsberechtigten und ihren Persönlichen Assistent*innen. Was macht diesen Beruf so besonders und abwechslungsreich, und was macht er möglich? Für wen ist das etwas?

PS: Noch ein kleines bisschen Werbung in eigener Sache: Mit diesem Filmprojekt waren Isolde Hilt und Daniel Klare aus dem good news for you-Team beauftragt. 🙂

 

Mehr Informationen zum Thema „Persönliche Assistenz“:

– Initiative Selbstbestimmt Leben (ISL) e. V. Berlin: https://isl-ev.de/

– Persönliche Assistenz in Regensburg: https://assistenz-in-regensburg.de/

– Phönix e. V. • Beratung und Hilfen für behinderte Menschen: https://phoenix-regensburg.de/

 

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

 

Mehr zum Thema „Leben mit Behinderung“:

 

WOHN:SINN – Gemeinschaftliches Leben auf Augenhöhe

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