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Erfahrungsbericht einer Rennradbegeisterten:

Meine persönliche Tour de France – Oder: wie ich jedes Jahr im Juli leide

Wenn aus dem Mitfiebern bei sportlichen Ereignissen ein Mitleiden wird, dann kann es anstrengend werden. Unsere Autorin kennt dieses Gefühl nur zu gut. Und ihr?

von Kristin Frauenhoffer

Gelbe Shirts an der Wäscheleine, in einer Gasse zwischen zwei Hausreihen gespannt

Letztes Wochenende ist die Tour de France gestartet, das größtes Radrennen der Welt. Drei Wochen lang quälen sich die Fahrer durchs Land – bei Hitze, manchmal bei Regen, Berge hoch, Berge runter und immer am Limit. Für mich beginnt jedes Jahr mit der Tour auch immer ein ganz persönliches Leiden, denn mein täglicher Arbeitsweg wird zum erbitterten Kampf ums gelbe Trikot – also im übertragenen Sinne.

 

Jeden Tag ein Bergzeitfahren

Der Berg, der passenderweise Galgenberg heißt und den ich zu meinem Büro bezwingen muss, wird dann zu meinem täglichen Bergzeitfahren, das ich auf jeden Fall gewinnen muss. Ihr fragt euch jetzt sicher, ob mit mir noch alles stimmt und warum ich jeden Tag alles geben muss? Es ist schließlich mein Arbeitsweg, und da ist es auch nicht sonderlich schlau, morgens völlig verschwitzt anzukommen und mindestens 30 Minuten zu brauchen, um wieder auf Normaltemperatur abzukühlen.

Wenn die Euphorie zu groß wird, bestimmt sie meinen Alltag

Vielleicht muss ich an dieser Stelle ein wenig ausholen, um mich zu erklären. Ich bin eine sportliche Person und habe früher selbst Radsport auf Leistungsniveau betrieben. Vielleicht kommt daher auch meine Begeisterung für sportliche Wettkämpfe im Allgemeinen. Und zwar nicht nur als Teilnehmerin, sondern auch passiv als Zuschauerin. Das betrifft längst nicht alle Sportarten, aber gerade im Radsport und auch bei diversen Wintersportarten überkommt mich regelmäßig eine derartige Euphorie beim Zuschauen, dass es sich auf mein tägliches Leben auswirkt.

Keine Zeit am Schießstand …ähm … beim Bäcker

Es ist zum Beispiel schon häufiger vorgekommen, dass ich während der Biathlon-Saison meinen Rucksack immer so schnell wie möglich abnehmen möchte, um ja keine Zeit zu verlieren. Ich stehe beim Bäcker und brauche den Geldbeutel aus meinem Rucksack. Zack – schnell runter das Ding. Keine zwei Sekunden dauert das. Das Aufsetzen muss natürlich auch schnell gehen, genauso wie mein Atem, der sich automatisch beschleunigt. Schließlich bin ich ja – zumindest gefühlt – gerade am Schießstand, nehme mein Gewehr ab und darf keine Zeit verlieren. Je häufiger und ausgiebiger ich Biathlon schaue, umso stärker schleichen sich diese Reflexe in meinen Alltag ein. Und sagt bitte nicht, dass es euch nicht auch so geht! Wer träumt denn nicht davon, einmal an einer Weltmeisterschaft teilzunehmen, fürs eigene Land anzutreten und vor einem Millionenpublikum alles zu geben?!

Schummeln gilt nicht bei meiner persönlichen Tour de France

Und jetzt eben die Tour de France. Gerade heute Morgen habe ich wieder mindestens drei Personen am Berg überholt. Im Stehen bin ich an ihnen vorbeigerast, dass ihnen sicher die Spucke wegblieb. Ich kann nichts dafür, aber sobald jemand vor mir ist, schaltet mein Gehirn auf Wettkampf um. Ich bin dann geistig an einem steilen Anstieg in den Alpen und kämpfe – natürlich – um das gelbe Trikot, also den Gesamtsieg. Ob dabei mein 30 Jahre altes Rennrad quietscht und rasselt, ist mir egal. Gemein wird es, wenn ein E-Biker an mir vorbei pedaliert. So muss man es wohl nennen, wenn jemand völlig entspannt und gemütlich, mit minimalen Bewegungen der Beine, einen steilen Anstieg hochfährt. So etwas sollte verboten werden, schreie ich dann immer innerlich. Schließlich verstößt die Person gerade gegen die Regeln meiner persönlichen Tour de France.

Jetzt wisst ihr, warum ich im Juli immer so angespannt bin. An alle, die mich morgens vor dem Büro antreffen und sich fragen, was los ist: Gebt mir einfach einen Energieriegel. Der Rest löst sich dann von allein. Spätestens im August bin ich wieder ganz die Alte.

 

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