von Isolde Hilt

Eigentlich erkennen wir immer erst sehr viel später, wenn überhaupt, wo und wann uns das Leben eine Weiche gestellt hat. Eine mit tief gehenden Konsequenzen. Vor über 30 Jahren kreuzten sich die Wege von Carlos und Peter Alberter. In einem Augenblick, in dem vor beiden ein großes Fragezeichen stand. Peter hatte, trotz eines exzellenten Abschlusses als Heilpädagoge, noch keinen festen Job gefunden. Carlos galt mit seinen 15 Jahren als schwerst erziehbarer Jugendlicher, gar als aussichtsloser Fall – ohne wirkliche Familie, dem auch kein Kinder- und Jugendheim mehr gewachsen war. „Packen wir die beiden mal zusammen und gucken, was passiert“, dachte sich das Schicksal. Es hat beide reichlich belohnt – für ihren Mut, sich aufeinander einzulassen und nicht aufzugeben.
Diese Geschichte handelt von Carlos, der heute Security-Man in den U.S.A. ist. Und von Peter Alberter, der auf 30 Jahre KAP-Institut zurückblicken kann – einem Unternehmen, das als Spezialist für erlebnispädagogische Projekte, Weiterbildungen und Outdoor-Trainings einen ausgezeichneten Ruf genießt.
Es dauert ein bisschen, bis wir uns online verabreden können. Da sind die Zeitverschiebung, aber auch die gezählten freien Tage. Carlos, der neben der deutschen auch die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, lebt seit über siebeneinhalb Jahren in Florida. Er arbeitet im Sicherheitsdienst – angestellt als Manager in einer Firma, darüber hinaus als Selbstständiger für verschiedene Unternehmen und eine Feuerwache tätig, damit es für den persönlichen Unterhalt reicht.
Man muss flexibel sein, dranbleiben, wenn man sein Leben bestreiten will, erklärt er mir. Mit dem Regierungswechsel Anfang des Jahres schnellten nicht nur die Lebensmittelpreise in die Höhe. Auch Aufträge sind weggebrochen. Etliche Ferienhausbesitzer aus dem benachbarten Kanada etwa haben ihre Urlaubsbleibe im „Sonnenscheinstaat“ im äußersten Südosten der U.S.A., für die man in ihrer Abwesenheit immer einmal nach dem Rechten zu sehen hatte, aufgegeben.

Carlos hat sich alles hart erarbeitet. Obwohl er bereits jede Menge Berufserfahrung als Sicherheitsbediensteter in Deutschland vorweisen konnte, musste er sich in den Vereinigten Staaten noch einmal nachqualifizieren, um die entsprechenden Lizenzen zu erhalten. Das hieß u. a., Gesetze pauken und das notwendige Geld für den Abschluss aufbringen. Sein Aufwachsen und sich Durchschlagen-Müssen in Deutschland erweisen sich jedoch immer wieder als hilfreiche Qualitäten: „Du hast hier Möglichkeiten, egal, welchen Status du lebst. Was du daraus machst, wie du es machst – danach fragt niemand. Solange du deine Steuern bezahlst und deine Lizenzen gültig sind, kannst du machen, was du willst. In Deutschland ist das so nicht möglich.“
Und so hat er geschafft, worum ihn viele beneiden: „Ich habe mir bald mein eigenes Auto, das einiges gekostet hat, finanziert. Nach ein paar Jahren hatte ich meinen ersten Supervisor-Job, jetzt bin ich Manager. Wenn die Leute zu mir kommen und fragen, ‚Wie machst du das?‘, antworte ich ihnen, sie sollten sich besser fragen, was sie falsch machen.“ Dieses hart an sich Arbeiten-Müssen hat den Mitvierziger geprägt. Seine amerikanischen Landsleute, merkt er an, liebten es, sich zu beschweren, wollten aber auf der anderen Seite nicht wirklich etwas ändern.
Jammern ist nicht sein Ding. Dafür braucht man Zeit, die man nicht hat, wenn man zu oft im Überlebensmodus war. Carlos‘ Leben halbwegs zu skizzieren, ist nicht leicht. Er hat so viel in so vielen unterschiedlichen Welten durchgemacht, dass es einem Wunder gleichkommt, wie geordnet und reflektiert er heute aufgestellt ist. Gut möglich, dass sein Beruf als Security-Man ihm das gibt, was er so lange für sich gesucht hat: Sicherheit und klare Strukturen.
Wenn du bereits als kleines Kind ums Überleben kämpfst
Das Bild eines Menschen ist nie vollständig. Irgendwelche Teile fehlen immer, weil man sie vergessen, aus einem triftigen Grund verdrängt hat oder als nicht wichtig erachtet. Und doch entsteht eine Ahnung, dass dir da ein Leben unter Bedingungen gegenübersteht, an dem viele zerbrechen würden. Carlos Erinnerungen beginnen, als er in Deutschland im Alter von fünf Jahren adoptiert wird.
Er geht kaum ins Detail, doch Bemerkungen nebenbei lassen ahnen, dass er bereits als kleines Kind ums Überleben kämpft. Nachbarn rufen das Jugendamt an, um seine Adoptiveltern anzuzeigen. Doch die Botschaft in seinem Zwangszuhause ist nur zu deutlich: „Wenn du irgendetwas sagst, das uns schadet, passiert dir was.“ Schläge sind sein täglich Brot. Er baut Mist, viel Mist, wie Carlos andeutet, um diesem Haushalt zu entfliehen. „Ich kam auch in die Psychiatrie wegen des Verdachts auf Suizid, aber ich war kein psychiatrischer Fall, und dann hat man mich von einem Heim ins nächste geschoben.“
Der weitere Weg scheint vorgezeichnet. Wie soll sich ein Junge, der ins Extrem gehen muss, um sich zu schützen, der kein sicheres Umfeld, sondern nur die Flucht kennt, irgendwo ein- oder anpassen? So hält ihn auch nichts in St. Vincent, eine Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe der Katholischen Jugendfürsorge in Regensburg. Er verschwindet immer und immer wieder und entscheidet sich schließlich, auf der Straße zu leben: „Da war ich ungefähr 13. Und da hat das Ganze auch mit Drogen und Alkohol angefangen.“
Irgendwie muss es aber doch in Carlos immer schon eine innere, funktionierende Instanz gegeben haben, die ihn zwar viel Grenzwertiges tun ließ, aber auch noch ein Stopp kennt. Auf die Frage, ob er dann Drogen verkauft habe, um sich über Wasser zu halten, meint er: „Nein. Damit hatte ich nicht wirklich was am Hut. Das wollte ich auch nie. Aber ich habe in der Techno-Disco vermittelt und da meinen Anteil bekommen.“ Zusammengerechnet habe er, mit Unterbrechungen, drei, vier Jahre auf der Straße gelebt.
Ein Wüstentrip drückt bei Carlos die Reset-Taste
So unberechenbar das Leben auch sein mag, es hängt nie nur auf eine Seite. In St. Vincent macht man sich trotzdem weiterhin Gedanken um den Jungen, der sich nicht zu bändigen lassen scheint, den auch kein anderes Kinderheim nehmen will. Und dann macht es Klick …
Da ist Carlos. Und da ist Peter Alberter, der zwar seine Ausbildung zum Heilpädagogen äußerst erfolgreich abgeschlossen hat, aber arbeitslos ist, weil es gerade keine freie Stelle für ihn gibt. Das Jugendamt genehmigt nach längeren Verhandlungen – vermutlich auch aufgrund nicht vorhandener Alternativen – eine außergewöhnliche, erlebnispädagogische Maßnahme. Carlos darf entscheiden: wandern, bergsteigen, segeln oder Fahrrad fahren. Er entscheidet sich für letzteres: „Das wurde genehmigt. Dafür musste ich aber versprechen, dass ich, wenn ich die Reise beendet habe, in eine Außenwohngruppe von St. Vincent gehe.“ Er zuckt die Achseln und erinnert sich: „Versprechungen sind sehr einfach, weil es einfach nur Worte sind.“ Wer nur den Überlebensmodus kennt, trägt erst einmal einen anderen Kompass in sich. „Ich war noch niemals dumm. Es war eine Möglichkeit, einmal aus Deutschland zu verschwinden und etwas anderes zu sehen.“
Von Marokko nach Deutschland mit dem Fahrrad
Sechs Monate zu zweit auf sich gestellt, Tag und Nacht zusammen, unter zum Teil sehr widrigen Umständen. Meist ist es gut, wenn man vorher nicht weiß, was einen erwartet. Hat man es dann tatsächlich geschafft, möchte man ein Erlebnis wie dieses aber auch nicht missen.
Urlaub war es jedenfalls nicht, wie Carlos durchblicken lässt. Los gings in Agadir in Marokko. Die ersten beiden Wochen dienen dazu, sich zu akklimatisieren und die Räder startklar zu machen. „Peter und ich haben zwischendurch im Hotel für die Gäste Flöte gespielt, einen Hut aufgestellt und ihnen auf einer Karte unsere geplante Route gezeigt.“ Er lacht und erinnert sich an „Alle meine Entchen“ und „Ännchen von Tharau“ – Lieder, die sie im Duett gespielt hätten. Das Flötenspielen habe er sehr gemocht.

Die ersten Wochen sind hart und für Carlos eine Umstellung um 180 Grad. Er erzählt so lebendig, als sei es erst ein paar Wochen und nicht schon dreißig Jahre her: „Wir sind ein paar Kilometer geradelt und schon haben mir die Knie weh getan. Und ich war faul. Der Gegenwind war scheiße. Alles war scheiße. Ich hatte 1.000 Ausreden, um nicht mehr Fahrrad zu fahren. Ich wollte das Zelt nicht aufbauen, ich wollte eigentlich gar nichts machen.“
Hinzu kommt der Entzug von Drogen und Alkohol. Doch mit Peter Alberter hat er einen Sparringspartner an seiner Seite, der nicht aus der Ruhe zu bringen ist. Kein Entkommen möglich, und schon gar nicht, wenn man durch die Wüste fährt. Es kommt, wie es manchmal kommen muss, zur Explosion: „Wir haben uns gegenseitig angebrüllt und ich wollte ihn verprügeln. Ich bin auch auf ihn los …“ Lang hat der Kampf nicht gedauert, fasst Carlos mit bewunderndem Unterton zusammen. Peter sei einfach groß, stark und hält einiges aus. „Ich denke mal, das habe ich irgendwie gebraucht: verlieren und trotzdem aufstehen. Zu dem Zeitpunkt wollte ich auch aufgeben und habe es dann doch nicht gemacht.“ Das sei irgendwie der Wendepunkt gewesen, ab da sei alles besser verlaufen – eine wichtige Voraussetzung, um sich in der Wüste und einem hohen Gebirge zu behaupten.
Die Herausforderungen seien dann auch entsprechend gewesen. Wenn es plötzlich im Gebirge zu schneien anfängt, eine Jeanshose dein Schal und Socken deine Handschuhe sind und du dein Rad irgendwie durch den hohen Schnee bringen musst, hängst du besonders am Leben, spürst dich und deinen Begleiter unmittelbar. Das verbindet nicht nur in diesem Augenblick.
Der Wunsch nach dem Leben war dann doch größer.
Im Rückblick, so Carlos, wurde ihm klar, dass das nicht nur einfach ein Trip oder ein Abenteuer war, das sich über 5.500 Kilometer erstreckte. Es ging um eine Entscheidung für das Leben. Er sei immer schon ein sturer Hund gewesen. Auch wenn er mehrmals habe aufgeben wollen, sei das doch nie die wirklich bessere Option gewesen. Da war so ein innerer Drang, es allen zu zeigen. Mach es! „Das hat sich bis heute nicht geändert. Heute muss ich anderen nichts mehr beweisen. Aber ich habe nicht die Natur, aufzugeben.“ Schmunzelnd fügt er hinzu: „Auch wenn mich Peter mit seiner ruhigen, gelassenen Art mehr als einmal zur Weißglut gebracht hat.“
Was der Junge von damals zu Beginn noch als „blödes Pädagogen-Geschwätz“ abtat, verwandelte sich mit jedem gefahrenen Kilometer langsam in Vertrauen. Verbunden mit der Erkenntnis, dass es doch noch Menschen gibt, denen wirklich etwas an dir liegt. Die dich nicht hintergehen, deren Wort etwas gilt und die dich nicht im Stich lassen. Carlos kam gestärkt zurück – fitter, lange nicht mehr so streitlustig: „Ich hatte plötzlich Ziele, zum Beispiel ‚Ich will den Berg raufradeln ohne Pause‘ oder ‚Wir erreichen das Schiff von Marokko nach Spanien‘ „.
Wie es für Carlos nach der Wüstentour weiterging

Zurück in Regensburg, bemüht sich Carlos, sein Versprechen zu halten. Doch in der Wohngruppe fühlt er sich nicht willkommen. Zu unterschiedlich sind die Welten, die da zusammenstoßen. Neid und Ausgrenzung bleiben nicht aus. Er entscheidet sich wieder für die Straße, doch die Abwärtsspirale greift nicht mehr so wie früher. Da sind Menschen wie Hans, ein Pädagoge in St. Vincent, mit seiner Familie, die ihn zu sich nach Hause einladen. Und noch etwas ist still und leise passiert: Sein innerer Kompass hat sich in der Wüste neu ausgerichtet. Das Ziel jetzt heißt „Leben“: es selbst in die Hand nehmen, um sich von einem Milieu zu befreien, das ihm nicht gut tut.
Carlos geht nach Hamburg, schafft es mit Hilfe des Sozialamts weg von der Straße und arbeitet sich Schritt für Schritt vorwärts. Von der Zeitungskolonne zum Roten Kreuz im Bereich Mitgliederwerbung, dann zu den Maltesern. Dazwischen ist er eine Zeitlang auch einmal selbstständig. Irgendwann macht er eine Qualifizierung für den Sicherheitsdienst. Ist vor Ort bei Events, der Grenzkontrolle und in Flüchtlingsheimen. Der Einsatz in Asylunterkünften löst in ihm erneut den Alarmknopf aus. Zu dicht sitzen unendliches Leid und „Scheiße bauen“ aufeinander. Er spürt, dass er gehen muss, will er sich nicht selbst gefährden.
Das Schicksal guckt wieder einmal bei ihm vorbei. Seine Schwester aus Amerika, mit der Carlos die gleichen leiblichen Eltern hat, hat ihn ausfindig gemacht: „Ich habe nach meinen Wurzeln gesucht und irgendwie hat sie das auch getan. Eines Tages bekam ich dann über Facebook eine Nachricht von ihr auf Englisch.“ Er nutzt die Chance und geht mit seiner zweiten Staatsangehörigkeit zurück in die U.S.A., die Heimat seines Vaters.
Ob das Leben für ihn leichter geworden ist? Carlos macht das Beste daraus. Als Überlebenskünstler weiß er die vielen kleinen Momente zu schätzen. Wenn er sich zum Beispiel liebevoll um seine 91-jährige Großmama kümmert und sie zu einem Arzttermin bringt oder sich eines seiner Lieblingsgerichte wie Rindsrouladen mit Bandnudeln kocht. Wer weiß schon, was kommt? „Eines kann ich sagen: Das Leben ist keine Einbahnstraße. Wenn du irgendetwas haben willst, musst du deinen Ar… bewegen und dafür arbeiten. 30 Jahre später stehe ich immer noch hier und beschütze sogar Menschen.“ Und leise, zum Ende des Gesprächs, fügt er hinzu: „Es bräuchte ein paar Leute mehr wie den Peter.“
Und was wurde aus Peter?

Auch bei Peter Alberter hinterließ der Wüstentrip Spuren und wesentliche Erkenntnisse. Draußen in der Natur – im Wald, in Höhlen, auf Bergen, dem Meer, in der Wüste – ist der beste Platz, damit ein Mensch wieder zu sich findet. Hier kann so vieles, ohne große Worte, heilen. Diese Quelle, die der Heilpädagoge, Erlebnispädagoge, Outdoor-Trainer und Fachkrankenpfleger für Kinder- und Jugendpsychiatrie für sich ausgemacht hat, bringt er seit über 30 Jahren mit seiner Frau Annett und seinem Expertenteam anderen Suchenden in Trainings, Workshops und Teambuildings nahe. Das vor 30 Jahren von ihm gegründete KAP-Institut mit einem Herz im Logo begeistert, weil es für Lebensfreude und Zuversicht steht. Und da gibt es noch eine Gruppe, die Peter nie aus den Augen verloren hat: Kinder und Jugendliche, die ähnlich wie Carlos ins Straucheln geraten sind. Sie finden in einer erlebnistherapeutischen Intensivgruppe des KAP-Instituts neuen Halt und sich selbst.
Weitere Infos zum KAP-Institut: https://www.kap-outdoor.de/
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Eine Antwort
Hut ab vor Carlos und Peter Alberter. Ich hab selber Soziale Arbeit studiert und gelernt, aber so ein Abenteuer hätte ich mir nicht zugetraut. Es ist wunderschön zu sehen, welche Kraft es in einem Menschen aktivieren kann, wenn du spürst, ‚‘jemand glaubt an dich‘.
Was man von Carlos lernen kann: „Du kannst dich durch jede Wüste hindurchkämpfen, einfach wenn du nicht aufgibst“.
Großartig, und vielen Dank den beiden!