von Franziska Iwanow
Dieser Sommer begann für mich aufregend und fordernd. Unter anderem durfte ich als Teil des Community-Chors zusammen mit dem Opernchor und den Solist*innen, die ich normalerweise aus dem Publikum anhimmle, auf der Bühne unseres städtischen Theaters stehen. Als Laiin von Profis lernen zu können, war eine großartige Gelegenheit. Vor allem war es aber eine Erfahrung, die sehr (sehr!) weit außerhalb meiner Komfortzone lag.
„Die Magie beginnt außerhalb der Komfortzone“, heißt es auf motivierenden Postkarten und irgendwie werden wir doch sehr regelmäßig dazu aufgefordert, die Komfortzone zu verlassen. Warum hat sie eigentlich so ein schlechtes Image?
Die Komfortzone ist ein guter Ort.
Sie ist der Bereich, in dem wir uns sicher fühlen, in dem wir uns auskennen, in dem nichts Großes auf dem Spiel steht. Hier wissen wir, wie Dinge laufen. Es gibt Routinen, vertraute Menschen, überschaubare Risiken. Hier fühlen wir uns kompetent, stabil, ruhig. Das heißt nicht, dass innerhalb der Komfortzone alles angenehm und spaßig ist, aber eben bekannt und absehbar. Das Bekannte, Kontrollierbare schenkt uns Sicherheit.
Komfortzone heißt: Ich weiß, was ich tue. Ich kann das. Und ich muss keine Angst haben. Woher kommt also der Drang, die Komfortzone zu verlassen? Wie fast alles im Leben hat auch sie zwei Seiten. Verharren wir auf Dauer im bekannten Terrain, bleibt zwar vieles sicher und auf eine gewissen Art bequem, aber eben auch begrenzt. Früher oder später drohen Stillstand und verpasste Chancen.
Neben der Komfortzone liegt die sogenannte Lern- oder Wachstumszone.
Wer sich nicht weiterentwickelt, Neues wagt und Grenzen verschiebt, lernt keine neuen Fähigkeiten und bleibt in bekannten Mustern gefangen. Das „immer Gleiche“ kann irgendwann langweilig werden und frustrieren, wenn wir spüren, dass mehr möglich wäre, würden wir uns nur trauen, es zu versuchen. Je länger wir in der Komfortzone bleiben, desto größer wird die Angst, sie zu verlassen. Unbekanntes fühlt sich dann schnell riskanter an, obwohl es oft gar nicht so schlimm ist wie befürchtet.
Oder positiv formuliert: Viele Möglichkeiten entstehen nur, wenn wir etwas Neues wagen – ein Jobangebot, eine neue Bekanntschaft, ein Hobby, ein Erlebnis. Außerhalb der Komfortzone begegnen uns Menschen, Ideen, Erfahrungen, Perspektiven, die uns bereichern und den eigenen Horizont erweitern. Möglicherweise lernen wir uns selbst besser kennen und entdecken Fähigkeiten, von denen wir gar nicht wussten, dass wir sie haben.
Außerdem wächst jedes Mal das Selbstvertrauen, wenn wir etwas Ungewohntes schaffen. Bleiben wir im Vertrauten, fehlt diese Erfahrung. Je häufiger wir kleine Schritte wagen, desto weniger beängstigend fühlen sich unbekannte Herausforderungen an. Mut wird mit Übung immer leichter. 😊
Denn neben der Komfortzone liegt die sogenannte Lern- oder Wachstumszone. Hier endet der Alltagstrott. Hier beginnt das Neue, das Ungewohnte. Das, was uns ein bisschen kribbelig und lebendig fühlen lässt.
Wachstum findet dort statt, wo wir uns trauen, auch einmal Anfänger*in zu sein.
Hier bewerben wir uns auf Stellen, die uns herausfordern. Hier beginnen wir neue Hobbys. Sprechen vor Gruppen. Sagen nein, wenn wir nein meinen und ja, wenn wir ja meinen. Probieren Dinge aus, die wir noch nicht können.
Die Wachstumszone ist aufregend, aber nicht überfordernd. Wir sind vielleicht nervös, aber nicht panisch. Wir sind unsicher, können die Unsicherheit aber gut händeln. Oder wir straucheln, brechen aber nicht zusammen. Wachstum findet dort statt, wo wir uns trauen, auch mal Anfänger*in zu sein. Wo wir uns ganz bewusst erlauben, Fehler zu machen. Wäre es immer so einfach, hätte niemand Angst davor, die Komfortzone zu verlassen.
Neben der Wachstums- gibt es noch die Überforderungszone.
Manchmal verlassen wir unsere Komfortzone – und landen direkt im freien Fall. Zu viel Neues, zu viel auf einmal, zu schnell. Zu groß. In der Überforderungszone wachsen wir nicht, hier überleben wir. Der Körper aktiviert den Alarmmodus. Wir spüren den Kontrollverlust und reagieren mit Ohnmacht, Aggression, Panik oder Lähmung. Fight, flight oder freeze. Lernen ist in dieser Zone kaum möglich. Zu groß ist die Angst, zu viel die Unsicherheit, zu laut das Innere: „Ich kann das nicht!“
Die Komfortzone wächst mit uns mit.
Deshalb ist es wichtig zu wissen, dass es zwischen der Komfort- und der Überforderungszone die Wachstumszone gibt. War der Schritt zu groß, können wir dorthin zurück. Die Idee ist also nicht: „Immer raus aus der Komfortzone!“ Sondern: Immer mal wieder an ihren Rand gehen. Immer mal wieder die Tür öffnen, kurz rausspähen. Manchmal einen Schritt machen, dann wieder zurückkommen, durchatmen, pausieren, die neuen Erfahrungen integrieren. Denn: Die Komfortzone wächst mit uns mit. Was heute noch Überwindung kostet, ist morgen vielleicht schon Routine. Was uns vor einem Jahr nervös gemacht hat, machen wir heute mit links.
Doch was hilft beim Verlassen der Komfortzone?
- Mini-Schritte: Es braucht nicht gleich die Kündigung, um sich weiterzuentwickeln. Vielleicht reicht ein Kurs, ein neues Gespräch, eine mutige Bitte.
- Sich vorbereiten: Mut entsteht nicht im Vakuum. Wenn wir uns einem neuen Thema oder einem großen Schritt nähern, dürfen wir uns informieren, Unterstützung holen, Fragen stellen.
- Rückzugsort behalten: Wir dürfen uns Sicherheiten schaffen. Menschen, die uns auffangen. Routinen, die uns erden. Etwas finden, was Halt gibt.
- Erfolge feiern: Du hast etwas gewagt? Warst nervös und hast es trotzdem gemacht? Feiere das! Auch wenn es nicht perfekt war, du hast deine Komfortzone gedehnt.
Wir müssen nicht ununterbrochen wachsen!
Manchmal brauchen wir Phasen der Stabilität. Phasen, in denen nichts Neues passiert. In denen wir das genießen, was wir schon aufgebaut haben. Das ist keine Stagnation, das ist Integration. Und manchmal spüren wir: „Da ruft etwas.“ Ein Impuls, ein Traum, eine sich bietende Chance, ein kleines Ziehen in der Magengegend. Dann können wir hinhören und langsam losgehen. Oder springen – mal mit, mal ohne Anlauf. Das Wachsen können wir ruhig genießen, auch mit zitternden Knien.😊
Erforsche deine Komfortzone: 5 Impulsfragen, 2 kleine Übungen
Falls du Lust bekommen hast, dich näher mit der Komfortzone zu beschäftigen, kommen hier noch 5 Impulsfragen und 2 kleine Übungen. Viel Spaß beim Erforschen!
5 Impulsfragen
- Wo fühle ich mich gerade sicher und kompetent? Das kann beruflich, sozial oder ganz alltagspraktisch sein.
- Wann habe ich zuletzt etwas zum ersten Mal gemacht? Wie war das für mich? Aufregend, überfordernd, überraschend leicht?
- Woran merke ich, dass ich bereit für einen nächsten Schritt bin? Welche Signale senden mein Körper und meine Intuition?
- Welche Gedanken halten mich oft davon ab, Neues zu wagen? Sind es eher Zweifel? Angst vor Bewertung? Sorge, zu scheitern?
- Was könnte sich verändern, wenn ich meine Komfortzone ein kleines bisschen erweitere? Wie würde ich mich fühlen? Stolz, lebendig, inspiriert?
2 Übungen
Komfortzonen-Kartografie
Zeichne drei Kreise:
– Der innerste steht für deine Komfortzone.
– Der mittlere markiert deine Wachstumszone.
– Und der äußere Kreis symbolisiert deine Überforderungszone.
Schreibe in jeden Kreis konkrete Beispiele aus deinem Leben:
– Was fühlt sich gerade sicher an?
– Was wäre ein kleiner, mutiger Schritt?
– Und was wirkt gerade noch viel zu groß, ist aber vielleicht später möglich?
So bekommst du Klarheit, wo du aktuell stehst und was deine nächsten Schritte sein könnten.
7 Tage, 7 kleine Abenteuer
Nimm dir für eine Woche vor, jeden Tag die Komfortzone ein kleines bisschen zu weiten.
Beispiele:
- ein Kompliment aussprechen
- einen neuen Weg zur Arbeit wählen
- allein in ein Café gehen
- etwas fragen, obwohl du unsicher bist
- eine Idee laut aussprechen
- etwas veröffentlichen, was dir wichtig ist
- „Nein“ sagen, wenn du „Nein“ meinst
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Podcast-Empfehlung!
Sehr zu empfehlen sind auch die Mutmachgespräche von Franziska: „Geschichten vom Leben und anderen Katastrophen“. Zu Gast bei ihr sind Menschen, die von kleinen und großen Krisen in ihrem Leben berichten und erzählen, was ihnen die Kraft für positive Veränderungen gegeben hat. Unter inzwischen 150 Folgen ist bestimmt die eine oder andere Episode dabei, die man vielleicht gerade selbst gut gebrauchen kann. Hier geht’s zum Stöbern: https://franziska-iwanow.com/podcast-mutmachgespraeche/





