von Kristin Frauenhoffer
Indien ist ein Land der Superlative und Rekordhalter in vielen Bereichen. Unter anderem dem der Landwirtschaft. Als eines der größten Agrarländer der Welt produziert der Subkontinent etwa 7,5 Prozent der weltweiten Agrarerträge. Hinzu kommt die höchste Zahl an Biolandwirten und -landwirtinnen sowie die größte Artenvielfalt der Welt. Da verwundert es nicht, dass auch eine landwirtschaftliche Revolution aus Indien kommt: Die Andhra Pradesh Community Managed Natural Farming Bewegung (APCNF). Im Frühjahr sind zwei APCNF-Bäuerinnen unterwegs in Europa, um ihre Methode vorzustellen und sich mit Gleichgesinnten auszutauschen.
Ökologische Landwirtschaft – betrieben vor allem von Frauen
Gegründet im südwestlich gelegenen Bundesstaat Andhra Pradesh, setzt die Methode auf nachhaltige, klimaangepasste Bewirtschaftung der Böden, Beteiligung der Bauern und Bäuerinnen an der Weiterentwicklung der Methode und schließlich der Stärkung der Community. Hauptaugenmerk liegt hierbei auf den Frauen, die in Indien traditionell stark an der Landwirtschaft beteiligt sind. Sie sind es, die APCNF vorantreiben.
Bewirtschaftung rund um das Jahr und ein gesundes Mikrobiom
In Bezug auf die schonende Nutzung der Böden kann APCNF ein Modell für ausgelaugte europäische Böden sein. Denn was wir bei uns häufig erleben, sind trockene, nährstoffarme Ackerflächen, die durch den Anbau von Monokulturen entstehen. Beim Natural Farming setzt man auf Mischkulturen. Das bedeutet, dass auf einer Ackerfläche 15 bis 20 verschiedene Nutzpflanzen angebaut werden, darunter auch Bäume. Die wiederum sorgen für eine Durchfeuchtung des Bodens, der damit fruchtbarer wird. Der Boden muss außerdem 365 Tage im Jahr mit Nutzpflanzen bedeckt sein, auch wenn es sich nur um Pflanzenreste handelt. Das schützt vor einer Austrocknung.
Ein weiteres Prinzip ist der Verzicht auf synthetische Düngemittel oder Pestizide. Wenn überhaupt, werden so genannte Biostimulanzien eingesetzt. Das ist eine Mischung aus fermentiertem Kuh-Urin und Dung, Rohrzucker, Mehl von Hülsenfrüchten, Wasser und fruchtbarer Erde. So erhält der Boden Nährstoffe und es bildet sich ein Mikrobiom aus wichtigen Bakterien und Pilzen.
Regelmäßiges Einkommen für die Bäuer*innen
Insgesamt sind es neun verschiedene Prinzipien, die beim Natural Farming wichtig sind, um möglichst nachhaltig, vielfältig und ökologisch anzubauen. Ein Ergebnis der natürlichen Anbaumethode ist der ATM („any time money“) -Garten. Hierbei bauen die Landwirt*innen rund 20 verschiedene Gemüsesorten, Beeren, Wurzelfrüchte und Kräuter an, um 365 Tage im Jahr zu ernten und auf dem Markt zu verkaufen. So schaffen es die Menschen vor Ort, sich ein regelmäßiges Einkommen zu sichern sowie ihre Familie zu ernähren.
Die stille, agrarökologische Revolution – vorangetrieben durch Frauen
Damit ist die Methode weit mehr als eine besondere Anbauform. In Indien hat sich eine riesige Bewegung etabliert, die das Konzept weiterverbreitet. Bobbili Jyothi und Arika Narasamma stehen für eine neue Generation von Bäuerinnen, die begonnen haben, Indiens Landwirtschaft umzukrempeln. Über eine Million Menschen nutzen bereits die APCNF-Methode. Und sie geben ihre Erfahrungen an andere weiter, halten Vorträge in Dörfern und Communities. Eine Art Schneeballsystem, von dem vor allem die Frauen profitieren. Sie sind Rückgrat der Bewegung, organisieren sich in Selbsthilfegruppen, vergeben Kleinstkredite als Starthilfe an andere und vertreten die Haushalte gegenüber der Bank, die sie als verlässliche Partnerinnen schätzt. Sie sorgen für Zusammenarbeit, Austausch und Information und sehen zuweilen auch nach dem Hausfrieden. Im UN-Jahr der Bäuerinnen stehen sie für eine stille, aber effektive, agrarökologische Revolution.
Seit 2023 gibt es sogar einen über die Indo-German Global Academy for Agroecology Research and Learning (IGGAARL) organisierten 4-jährigen Bachelor-Abschluss, der mit Mitteln der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) finanziert wird. Hierbei lernen 500 Studierende von 180 bäuerlichen Mentor*innen. Ihre Anschlussarbeit ist das eigene Feld sowie ein Vortrag vor den Nachbarn.
Vorteile des Natural Farming liegen auf der Hand
So werden kleine, lokale, sich selbst versorgende Wirtschaftseinheiten geschaffen. Die Menschen haben durch ertragreichere Ernten wirtschaftliche Unabhängigkeit und Ernährungssicherheit. Sie sind gesünder, weil sie auf ihren Äckern keine Pestizide und die unterschiedlichsten Gemüse- und Getreidearten verwenden. Die Wasserqualität verbessert sich, und nicht zuletzt wird die Gemeinschaft gestärkt. Die Menschen müssen nicht mehr in die Städte fliehen, weil es auf dem Land genug für alle gibt.
Vijai Kumar Thallam, der die Verbreitung der APCNF-Anbauweise vor zehn Jahren maßgeblich vorantrieb und in die Fläche brachte, erhielt 2024 sogar den prestigeträchtigen Gulbekian-Preis for Humanity von Angela Merkel überreicht. Der Preis würdigt herausragende Beiträge zum Klimaschutz und Lösungen, die Hoffnung machen.

Rundreise durch Europa zum Erfahrungsaustausch
Dass man in Europa von dieser Methode lernen kann, davon ist Jasper Jordan von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft überzeugt. Diese organisiert die Rundreise der zwei indischen Bio-Bäuerinnen Bobbili Jyothi und Arika Narasamma durch Europa. „Auf der Tour bekommt man die Gelegenheit, ganz alltagsnahe Erzählungen aus Indien zu erleben und sich mit Bäuerinnen, die Natural Farming seit mehreren Jahren praktizieren, über ihre Erfahrungen auszutauschen“, erzählt er. Und ergänzt: „Wir möchten insbesondere junge und zukünftige Landwirt*innen miteinander verknüpfen und die Grundsteine für einen langfristigen interkontinentalen Austausch legen.“ Denn auch die indischen Bäuerinnen werden von dem Austausch mit ihren europäischen Kolleg*innen profitieren.
Hier könnt ihr Bobbili Jyothi und Arika Narasamma antreffen!

Die Reise beginnt am 10. Februar in Nürnberg, geht dann über die Schweiz und Polen zurück nach Berlin, wird dann in den Niederlanden fortgesetzt und endet Anfang März in Brüssel. Auf allen Stationen haben ortsansässige Landwirt*innen die Möglichkeit, sich zu informieren und auszutauschen. Es wird aber auch öffentliche Veranstaltungen für interessierte Laien geben. Wichtig zu erwähnen: Diese finden größtenteils auf Englisch statt und werden nicht übersetzt. Den gesamten Tourplan kann man hier einsehen.
Sollte jemand noch Interesse haben, die Beteiligten auf der Tour zu treffen oder einen praktischen Austausch zu organisieren – zum Beispiel auf einem Hof, in einem Forschungsinstitut oder an ähnlichen Orten –, freut sich das Team über eine Kontaktaufnahme. Allerdings sollten die Orte auf der Route liegen und mit den eingeplanten Zeiten übereinstimmen.
Zukunft für die Landwirtschaft: die Weltacker-Idee
Wer sich außerhalb der Reise für ökologische und nachhaltige Landwirtschaft interessiert, kann einen der „Weltäcker“ oder auch den ersten Weltacker in Berlin besuchen. Dieser entstand 2013 und wurde von der Zukunftstiftung Landwirtschaft ins Leben gerufen.
Die Idee dahinter: Teilt man die rund 1,6 Milliarden Hektar weltweiter Ackerfläche durch die Zahl der Menschen auf der Erde, so erhält jeder Mensch ungefähr 2.000 Quadratmeter Land. Darauf muss wachsen, was ihn ernährt und versorgt: Weizen, Kartoffeln, Kohl, Karotten, aber auch Mais und Soja als Futterpflanzen für Tiere oder Baumwolle für Kleidung und Raps für Biodiesel.
Die Weltäcker freuen sich über Besucher*innen und helfende Hände!
Nach diesem Prinzip werden Weltacker-Bildungsorte aufgebaut. Dort wachsen auf 2.000 Quadratmetern maßstabsgetreu die zirka 45 wichtigsten Kulturen der Welt. In umfangreichen Bildungsangeboten geben lokale Vereine Einblicke in die Zusammenhänge von Landwirtschaft, Ernährung, globalem Klima, Ernährungsgerechtigkeit und Biodiversität. Knapp 40 dieser Weltäcker gibt es mittlerweile rund um den Globus. Sie freuen sich immer über Besucher*innen und helfende Hände.
„In Indien sollen 2026 gemeinsam mit APCNF fast 20 neue Weltäcker entstehen – teilweise an Schulen, teilweise als Lebensunterhalt-Acker mit kleinbäuerlicher Landwirtschaft“, erklärt Jaspar Jordan. Organisiert wird das von der APCNF-Bewegung. Ein gutes Beispiel dafür, wie – im wahrsten Sinne – fruchtbar internationaler Austausch sein kann.
Mehr Informationen zu APCNF gibt es hier.
Hier findet ihr den Tourplan der APCNF-Tour durch Europa.
Mehr zur Weltacker-Idee kann man hier nachlesen.
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