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Einige Schüler*innen sind dagegen, Weihnachten in der Klasse zu feiern. Nicht alle gehören dem christlichen Glauben an. Und plötzlich ist da die Idee zu Weihnukkarami …

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von Petra Bartoli y Eckert, Gastautorin

Es war Montagmorgen. Eigentlich stand jetzt Mathe auf dem Stundenplan. Aber Frau Riedmeier, die Klassenlehrerin, hatte erst etwas zu besprechen. Sie klopfte mit den Fingerknöcheln auf die Tischplatte. „Bitte mal alle herhören!“, rief sie. Stühle wurden gerückt, Hefte raschelten. Langsam ebbte das Gemurmel in der Klasse ab. Als es endlich ruhig war, fuhr Frau Riedmeier fort: „Ich möchte mit euch gerne vor den Ferien eine kleine Weihnachtsfeier machen. Wie stellt ihr euch so eine Feier vor?“

Wieder flüsterten und murmelten einige. „Weihnachten feiere ich nicht“, rief Esra aus der letzten Reihe. Alara und Johanna vor ihr nickten. „Ihr wollt also, dass wir vor Weihnachten ganz normal Unterricht machen?“, fragte Frau Riedmeier verblüfft. Jetzt meldete sich Hakan zu Wort: „Können wir nicht einfach einen Film gucken?“ Frau Riedmeier schüttelte den Kopf. „Ich möchte gerne, dass wir in der Klasse etwas Besonderes zusammen machen. Nicht einfach nur glotzen. Macht euch doch mal ein paar Gedanken.“

 

Wieso soll ich mir Gedanken über Weihnachten machen?

„Aber ich bin gar keine Christin. Wieso soll ich mir Gedanken über Weihnachten machen?“, fragte Alara. „Ich auch nicht“, rief Roman. „Stimmt, du bist ja Russe“, kicherte Carlo. Roman funkelte ihn böse an. „Ich bin Deutscher. Meine Eltern kommen aus Russland. Außerdem hat das damit doch nichts zu tun. Die meisten Russen sind Christen. Aber wir sind Juden. Schalt mal dein Gehirn ein. Wenn du überhaupt eins hast.“

Frau Riedmeier stellte sich auf den Gang zwischen die beiden. „Beruhigt euch mal. Es geht doch gar nicht darum, woher welche Familie kommt. Ich möchte einfach nur mit euch gemeinsam als Klasse etwas Schönes machen.“ Gülsan meldete sich und wartete, bis Frau Riedmeier sie aufrief. „Ich finde, dass es nicht egal ist, woher welche Familie kommt. Meine Großeltern kommen zum Beispiel aus Anatolien. Sie sind Muslime. Und ich auch. Deshalb feiern wir zu Hause kein Weihnachten.“

Carlo grinste. „Schon schade. Weihnachten gibt es immerhin jede Menge Geschenke.“ Kadir drehte sich zu Gülsan um. „Wir sind auch Muslime. Aber wir feiern trotzdem Weihnachten.“ „Das ist eure Sache. Aber ich finde, in der Klasse sollten wir nicht einfach ein Fest feiern, das nicht alle betrifft“, widersprach Gülsan ihm. „Es ist doch irgendwie ziemlich unfair, dass wir immer nur die Feste der Christen feiern. Obwohl wir selbst ganz andere Feste haben.“

 

Welche großen Feste werden in euren Familien gefeiert?

Frau Riedmeier hob die Hand und wartete, bis alle zu ihr hinsahen. „Ich merke schon: Wir müssen in aller Ruhe überlegen, ob und wie wir gemeinsam vor den Ferien doch feiern können. Es muss ja keine übliche Weihnachtsfeier werden.“ „Also doch Filmgucken!“, rief Hakan dazwischen. Als Frau Riedmeier ihn mit zusammengekniffenen Augen ansah, war er aber gleich wieder still. „Ich finde Gülsans Argument gut. Lasst uns doch mal sammeln: Welche großen Feste werden in euren Familien gefeiert?“, fragte sie und sah sich in der Klasse um. Plötzlich redeten alle durcheinander.

„Geburtstag!“

„Sabbat.“

„Hä?“

„Das ist der jüdische Ruhetag.“

„Ostern.“

„Muttertag!“

„Eid al-Adha.“

„Was ist das denn?“

„Das Opferfest im Islam!“

 

Welches Fest ist in eurer Familie am schönsten?

Frau Riedmeier klopfte wieder auf den Tisch. „Meldet euch bitte. Sonst versteht ja niemand etwas!“ Nach und nach wurden wieder alle still und sahen zu Frau Riedmeier. „Welches Fest ist in eurer Familie am schönsten?“, wollte die Lehrerin wissen. „Aber bitte nacheinander. Ja, Esra.“ „Ich finde das Zuckerfest toll. Es heißt auf türkisch Seker Bayrami und ist ein muslimisches Fest“, antwortete Esra. Alara nickte. „Da gibt es immer so leckere Sachen zu essen. Vor allem Süßigkeiten. Und alle bekommen Geschenke.“

Frau Riedmeier schrieb „Seker Bayrami“ an die Tafel. Darunter notierte sie „gutes Essen“ und „Geschenke“. Carlo meldete sich. „Das ist an Weihnachten genauso. Wir essen alle zusammen. Und nachher packen wir die Päckchen aus, die unter dem Weihnachtsbaum liegen.“ Auch das notierte die Lehrerin. Sowohl unter Weihnachten als auch unter „Seker Bayrami“ schrieb sie noch „gemeinsam feiern“.

 

„Was ich an Weihnachten besonders schön finde, sind die Lichter.“

Kristin hob die Hand. Frau Riedmeier nickte ihr zu. „Was ich an Weihnachten besonders schön finde, sind die Lichter. Nicht nur am Weihnachtsbaum. Sondern überall. Das ist echt toll, weil es draußen ja so dunkel ist.“

Roman schnippte mit den Fingern. „Ein Lichterfest gibt es bei uns Juden auch. Es heißt Chanukka. Dafür haben wir einen extra Kerzenleuchter. Darauf wird jeden Tag eine Kerze mehr angezündet. Und am Ende brennen dann acht Kerzen.“ Auch Johanna kannte das jüdische Licherfest. „An Chanukka sitzen wir in unserer Familie immer zusammen. Da gibt es auch Geschenke. Und richtig gutes Essen. Meine Oma macht immer Latkes.“ „Lattenkäse? Was ist das denn?“, rief Carlo. Johanna schnaubte. „Blödmann! Latkes sind jüdische Kartoffelpuffer.“

Frau Riedmeier hatte schon Chanukka an die Tafel geschrieben. Und darunter wieder „gutes Essen“ und „Geschenke“. Außerdem notierte sie unter Weihnachten und Chanukka „Lichter“.

 

Es gibt einige Dinge, die bei allen Festen eine Rolle spielen.

„Fällt euch etwas auf?“, fragte die Lehrerin und deutete auf die Wörter an der Tafel. Jetzt schnellten einige Finger nach oben. Alara wurde aufgerufen. „Es gibt einige Dinge, die bei allen Festen eine Rolle spielen.“ Frau Riedmeier nickte. „Mir waren die Gemeinsamkeiten auch gar nicht so klar. Vielleicht sollten wir uns darauf konzentrieren. Nicht die Unterschiede sind wichtig. Sondern die Dinge, die wir alle – und auch unsere Feste – gemeinsam haben.“

Gülsan hatte eine Idee. „Wie wäre es, wenn wir statt einer Weihnachtsfeier alle Feste zusammenlegen?“ Esra war skeptisch. „Aber Seker Bayrami wird jedes Jahr zu einem anderen Zeitpunkt gefeiert. Es ist das Ende des Fastenmonats Ramadan. Und der richtet sich nach dem Mond oder so.“ „Das ist bei Chanukka auch so ähnlich. Es richtet sich nach dem jüdischen Kalender“, meinte Roman. Doch Gülsan ließ nicht locker. „Macht doch nichts. Ich meine, wenn wir nicht Weihnachten für alle wollen, dann könnten wir doch einfach etwas, das für alle ist, zusammen machen.“ Weihnachten, Chanukka und Seker Bayrami gleichzeitig?“, fragte Carlo. Plötzlich sprang Alara auf. „Ich hab’s. Wir feiern Weihnukkarami!“

 

90 Minuten Weihnukkarami

Obwohl Frau Riedmeier ihre Hand hob, fingen wieder alle an, durcheinanderzusprechen.

„Cool!“

„Krasse Idee!“

„Mit Plätzchen!“

„Und Latkes?“

„Und Baklava!“

„Mit Kerzen.“

„Ich kann Musik mitbringen!“

„Wollen wir uns gegenseitig etwas Kleines schenken?“

„Ja, jeder bringt ein Päckchen mit und wir wichteln.“

Frau Riedmeier unterbrach diesmal nicht. Sie hörte aufmerksam zu, nickte immer wieder und notierte die wichtigsten Stichpunkte an der Tafel. Am Ende stand die Planung für die Feier kurz vor den Weihnachtsferien. Dafür wollten sie eine Doppelstunde einplanen. 90 Minuten Weihnukkarami. Alle in der Klasse wirkten ziemlich zufrieden mit dem Ergebnis.

 

Weihnukkarami haben wir selbst erfunden. Das feiert sonst niemand.

Plötzlich gongte es. Die Stunde war vorbei. Verblüfft sah Frau Riedmeier auf die Uhr. „Na so was. Da ist uns jetzt wirklich die Zeit davongelaufen. Dabei wollte ich mit euch doch nur kurz reden und dann Mathe machen.“ „War besser als Mathe“, fand Esra. „Ja, und ging viel schneller vorbei“, grinste Carlo. Frau Riedmeier lachte. „Ich finde, die Stunde hat sich gelohnt“, sagte sie. „Finde ich auch. Weihnukkarami haben wir selbst erfunden. Das feiert sonst niemand. Und alle sind zufrieden“, rief Gülsan und die anderen fingen an, zu klatschen.

 

Weihnukkarami – eine von 16 Weihnachtlichen Kurzgeschichten aus K.L.A.R.-STORYS von Petra Bartoli y Eckert. Erschienen im Verlag an der Ruhr.

Wir bedanken uns herzlich bei der Autorin wie beim Verlag für die Genehmigung, diese Geschichte auf unserem Portal veröffentlichen zu dürfen.

„K.L.A.R.-STORYS • 16 Weihnachtliche Kurzgeschichten“ sind für den Schulunterricht mit Jugendlichen konzipiert – versehen mit vielen wertvollen Tipps, wie die einzelnen Geschichten im Unterricht besprochen werden können.

Weitere Infos:

https://petra-bartoli.de • www.verlagruhr.de

 

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

 

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In diesem Beitrag findet sich eine Buch, das Petra Bartoli y Eckert eigens für Familien mit Demenzerkrankten geschrieben hat:

Eine andere schöne Geschichte von Petra Bartoli y Eckert!

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