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Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der ZEIT: "Andreas Labes ist es gelungen, die Würde des gelebten Lebens mit der Kamera einzufangen."

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Interview: Isolde Hilt

Edith Wolffberg floh 1939 mit ihrer Familie vor den Nazis über Bolivien in die USA. Mit ihrer Tochter sprach sie weiter Deutsch, ein feines Deutsch aus den dreißiger Jahren: zum Beispiel „kosten“ statt „probieren“ und „sich besinnen“ statt „erinnern.“ Foto © Andreas Labes

Andreas Labes ist ein gefragter Fotograf. Für seine Handschrift stehen viele Prominente wie Schauspielerin Hannelore Elsner, Bundespräsident Frank Walter Steinmeier, Schriftstellerin Judith Hermann oder der Tenor Benedikt Kristjánsson. Ein Projekt hat ihn selbst noch einmal neu ins Licht gerückt – die Auseinandersetzung mit „100 Jahre Leben“. Sein Bildband mit Texten des Berliner Journalisten Martin Pallgen rückt behutsam Menschen ins Licht, die aus einer anderen Zeit kommen.

Im Rahmen einer europaweiten Studie der Universität Kiel, bei der die biologischen Grundlagen für gesundes Altern und das Erreichen eines hohen Alters untersucht wurden, fiel Andreas Labes die Aufgabe zu, 100 Hundertjährige zu portraitieren. Das Projekt forderte, ähnlich einem methusalemschen Leben, enormes Durchhaltevermögen. „2004 fand das erste Gespräch dazu statt, 2010 im Frühjahr erschien endlich das Buch.“ Dazwischen aufwändige Recherchen in ganz Deutschland, Ausloten der richtigen Herangehensweise und die Suche nach einem Verlag, der sich dieses vielschichtigen, nicht einfachen Sujets annimmt. Wie reagiert die Öffentlichkeit auf solch ein Thema? Wir sind auf der einen Seite fasziniert, so alt werden zu können. Zugleich sehen wir aber auch den Verfall, der unvermeidlich ist. Das Leben kurz vor dem Ende… Andreas Labes erzählt von seiner außergewöhnlichen Reise in eine andere Zeit.

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Sie portraitieren gerne Menschen. Was fasziniert Sie daran?

Auf den ersten Blick der Ausdruck oder die Ausstrahlung. Wenn sich aber die Gelegenheit bietet, auch der Einblick in ein anderes Leben, eine andere Perspektive.

Wie locken Sie Menschen aus der Reserve, die sich mit Fotografieren-Lassen schwer tun?

Ein bißchen stelle ich mir vor, wie es ist, wenn jemand vor dem Zahnarzt Angst hat. Ich erkläre dann viel. Treffe ich auf jemanden, dem es schwer fällt, vor der Kamera zu sein, versuche ich, ihm ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit zu geben, eine Situation herzustellen, in der er sich wohl und gut aufgehoben fühlt. Wir reden über dies und das, um Gemeinsamkeiten zu finden. Auch wenn die noch so klein sind, diese Verbindung sollte dann bestehen, größer werden und zu einem guten Foto führen. Das geht übrigens selten mit Prominenten, es sei denn, man kennt sich privat. Sonst bleibt die Begegnung oft nur ein Rollenspiel.

Für „100 Jahre Leben“, ein europaweites Studienprojekt der Universität Kiel, haben Sie den Auftrag erhalten, 100 Hundertjährige fotografisch festzuhalten. Wie kam man auf Sie?

Eine enge Freundin hatte von dem Projekt erfahren und mich für diese Aufgabe empfohlen. Die Chemie stimmte, mein Konzept kam an und der Gestaltungsentwurf meines Bruder Alex für das Buch überzeugte. Alles danach war harte Arbeit und viel, sehr viel Durchhaltevermögen von allen Beteiligten. 2010 erschien die erste Auflage. Bis 2012 legte die Deutsche Verlagsanstalt (DVA) in München das Buch dreimal auf und verkaufte rund 7.000 Exemplare. Die vierte Auflage habe ich 2015 selbst produziert.

Können Sie das Projekt bitte näher beschreiben?

Das Projekt unter Prof. Dr. Stefan Schreiber hatte das Ziel, das menschliche Genom zu entschlüsseln. In den USA hatte man das Altersgen bereits gefunden und forschte nun in Europa weiter. Prof. Schreiber war es auch, der die Idee hatte, die Menschen, die sich für dieses Forschungsprojekt zur Verfügung stellten, ins Rampenlicht zu holen. Er war maßgeblich an der Realisierung des Bildbandes beteiligt.

Wie waren für Sie die Begegnungen mit den Menschen, die Sie fotografiert haben?

Diese Begegnungen waren immer interessant und sehr bewegend. Es gab in der Summe so viel Neues, nichts Allgemeines … Durch das Erzählen der persönlichen Erfahrungen wurde es so lebendig und nachvollziehbar, dass ich manches Mal nur da saß und einen Kloß im Hals hatte.

Was hat Sie besonders berührt?

Eine schwierige Frage… Es gab soviel Ergreifendes, erschütternde Details, Komisches, Herzzerreißendes und teils Absurdes. Ich weiß nicht, wo ich zuerst anfangen soll… Da ist zum Beispiel Elisabeth Pietruschok, die unendlich glücklich war, als sie ihren Mann kennenlernte. Sie heirateten noch während des Krieges und bekamen ein Kind. Am 8. Mai 1945 – der Krieg war zu Ende – wurde er auf dem Weg nach Hause, an seinem Geburtstag, von einem Granatsplitter tödlich getroffen.

Da gibt es viele Beispiele, die einem so nahegehen. Plötzlich hast du Augenzeugen vor dir, die das selber erlebt haben. Man kann das gut vergleichen mit Menschen, die jetzt aus Kriegsgebieten zu uns kommen. Plötzlich wird das alles nachvollziehbar. Mein lieber Freund, der Journalist Martin Pallgen, hat die Aufzeichnungen meiner Gespräche im Buch gut zusammengefasst.

Peter Hodes kommt aus einer Stellmacherfamilie. Schon als Neunjähriger fuhr er alleine mit der Bahn nach Kassel, um für seinen Vater Waren auszuliefern. Die Belohnung am Abend: „Da hat mich mein Vater in den Arm genommen.“ Foto © Andreas Labes

Wie wirken sich diese Begegnungen auf einen selber aus?

Schwer zu sagen. Manche klingen lange nach und sind bis heute präsent, so dass ich oft an einzelne Gespräche denke. Peter Hodes wollte ich in Beverungen später noch einmal besuchen. Leider war es um wenige Tage zu spät. Ich habe ihn sehr gemocht, er hat mir das Du angeboten.

Lebe einfach, nutze deine Zeit, auch wenn du faulenzt und in der Hängematte träumst!

Was hat sich aus diesem Projekt nachhaltig bei Ihnen festgesetzt?

Ich glaube, alt werden macht, ehrlich gesagt, nur gesund Spaß. Alles andere wäre gelogen. Dieses arg strapazierte „Carpe diem!“ scheint die Wahrheit zu sein. Lebe einfach, nutze deine Zeit, auch wenn du faulenzt und in der Hängematte träumst! Wir leben in einem unglaublichen Wohlstand und werden überschüttet mit so viel Wohlstandsmüll, der uns die Sinne vernebeln kann.

Menschen in diesem Alter sind nicht mehr weit vom Tod entfernt. Haben Sie darüber gesprochen?

Edith Wolffberg in jungen Jahren. Sie ist der klare, feste Blick auf der Titelseite des Bildbandes „100 Jahre Leben“. Foto: privat

Als ich Ruth Podlech traf, war sie bereits erblindet. Sie sagte mir, sie sei des Lebens müde. Da kann man nichts erwidern. Edith Wolffberg (Anmerkung: die Frau auf der Titelseite) vertraute mir nach dem Shooting an, dass sie nun – nach dieser Reise zu ihren Wurzeln nach Berlin – nach Texas heimkehren würde, um zu sterben. Das kam dann auch so. Bei den meisten war es schon spürbar, auch wenn sie es nicht so sagten, dass sie mit sich im Großen und Ganzen im Reinen waren und dass sich der Kreis schließt. Ich habe aber nie nach dem Tod gefragt, nur nach dem Wichtigsten im Leben. Meist kam als Antwort: „Die Liebe!“

Wie geht man so einen Fototermin an? Haben Sie sich länger unterhalten?

Ich denke, nötig sind gute Vorbereitung, klare Absprachen, feste Termine und ein einfaches Konzept. Erst habe ich das Set aufgebaut und fotografiert. Anschließend haben wir uns unterhalten. Das Interview hätte fast immer länger gehen können, aber ich hatte ja noch so viele andere zu besuchen…

Welche Biografie hat Sie besonders beeindruckt?

Donnerwetter, sehr viele, alle! Mich hat ja nicht jeder gleich in sein Leben blicken lassen und nur mehr oder weniger preisgegeben.

Möchten Sie selbst einmal so alt werden?

Ich möchte am liebsten ewig leben! Was wäre das für ein Spaß! Zu erleben, wie das Erdölzeitalter zu Ende geht, die Autos erst leise werden und dann ganz verschwinden. Vielleicht fliegen wir dann nur noch oder laufen? Was wird die Wissenschaft noch über uns herausfinden? Wie werden wir zusammenleben?

Was hat diese Menschen besonders ausgezeichnet?

Schwester Aline, geboren 1905. Foto © Andreas Labes

Hm… Vielleicht, die Dinge so zu nehmen wie sie sind? Helden, keine Helden…

Wir wollen alle lange leben, gleichzeitig aber so lange als möglich jung aussehen und sein. Alt, älter sein ist kein Merkmal, auf das man stolz ist. Wie denken Sie darüber? Was bedeutet Alter für Sie?

Alter bedeutet heute vielleicht mehr den Verfall der Kräfte, den Verlust von Gesundheit und Energie. Dass man im Alter die Dinge anders angeht und auch in Würde tun kann, scheint heute in unseren Breitengraden fremder zu sein. Als junger Mann musste ich mir einiges von Älteren sagen lassen. Das war selten schön, öfter aber richtig. Diese Brücke zu schlagen zwischen den Generationen und die Verbindung zu halten, scheint mir der Punkt.

 

Finden Sie alte Menschen schön?

Zum Fotografieren? Aber ja!

 

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Nur bei Jüngeren "geht richtig was ab"? Von wegen…

„Als Rosl Persson fast 60 Jahre alt war, entdeckte sie das Bergsteigen und wagte sich an die anspruchsvollen Routen in den Alpen. ‚Der Großglockner war mein erster bezwungener Dreitausender. Ihn habe ich insgesamt fünfmal bestiegen.‘ In den Bergen lernt Rosl Persson auch die Liebe ihres Lebens kennen. ‚Ich war 66 Jahre alt. Arno war 40 Jahre jünger.‘ Die beiden blieben 16 Jahre zusammen und unternahmen zahlreiche Reisen und gemeinsame Klettertouren. ‚Ich war die bessere Bergsteigerin. Arno konnte viel von mir lernen. Auch in der Liebe.‘ Mit 86 Jahren ist Rosl Persson das letzte Mal auf einen Viertausender gestiegen.“

Auszug aus dem Buch „100 Jahre Leben“. 4. Auflage, Copyright © Andreas Labes, Berlin

Hier kann das Buch bezogen werden:

über Läden der Büchergilde, im normalen Buchhandel bezogen, über amazon.de oder direkt bei Andreas Labes

 

Andreas Labes

Andreas Labes. Foto: privat

1965 im Erzgebirge geboren, in Frankfurt an der Oder aufgewachsenen, lebt in Berlin. Seit 1990 ist er freiberuflich Fotograf. Neben seiner Familie und seinem Beruf liebt er die Natur und die Musik. Mehr Infos unter: https://www.andreas-labes.de/

 

Das Gute will hinaus in die Welt!

Liebe Fangemeinde von good news for you, inzwischen kennt ihr das schon. Da, wo es sich anbietet, bitten wir um ein Geschenk für euch. Wir freuen uns sehr, dass Andreas Labes 3 Exemplare dieses großartigen Bild- und Erzählbandes stiftet! Herzlichen Dank dafür! Sich mit dem menschlichen Da-Sein auf diese Weise auseinandersetzen zu können, macht bewusst, wie kostbar jeder Augenblick im Leben ist.

Wer diesen Bildband gewinnen möchte, trage sich bitte bis Samstag, 5. August 2017, in unser good news telegram ein, Stichwort „100 Jahre Leben“. Wer bereits eingetragen ist, klickt bitte hier. Wir wünschen euch viel GLÜCK!

 

PS: Die Gewinner*innen stehen fest und wurden benachrichtigt.

 

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