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Sabine Kunst widmet sich seit fünf Jahren dem Thema „Achtsamkeit an Schulen“ – mit großem Erfolg. Da das vor Ort gerade nicht möglich ist, bietet sie ihre Übungen kostenlos in Videoclips an – für alle.

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Interview: Isolde Hilt

Wir kennen uns (noch) nicht persönlich und wurden uns doch schnell vertraut. Als wir vor einer Woche zum ersten Mal miteinander telefonierten, hatten wir beide Zeit. Wie gut das tut, einander aufmerksam zuzuhören! Mit einem Menschen zu sprechen, der trotz allem, was gerade passiert, fröhlich, ausgeglichen und zuversichtlich bleibt. Man „muss“ also doch etwas für sich tun können, um den augenblicklichen Herausforderungen gewachsen zu sein. Achtsamkeit ist nicht nur etwas, über dessen Sinn und Zweck man philosophieren kann. Achtsamkeit trainieren und immer wieder anwenden, ist in diesen Tagen eine große Hilfe – für Kinder wie Erwachsene. 

Sabine Kunst – Pädagogin, Sprecherzieherin und Lehrerin für Yoga und Achtsamkeit – arbeitet auch an Schulen. Begeistert erzählt sie, wie Kinder zu sich selbst finden und spüren, wie stark sie sind, wenn sie Möglichkeiten an die Hand bekommen, mit aufwühlenden Gefühlen umzugehen. Da ist der „Glitzer im Kopf“ – aufgewirbelte Gedanken, bei denen man nicht mehr klar sehen und nichts verstehen kann. Kleine Übungen helfen ganz leicht, wieder herunterzukommen. Auch die Lehrer*innen sind begeistert und nehmen diese Angebote ebenfalls dankbar an.

Ein Unterricht vor Ort ist gerade nicht möglich. Also hat sich die erfahrene Trainerin für Achtsamkeit etwas einfallen lassen: Zirka dreimal pro Woche stellt sie kostenlos auf Instagram und Facebook ein Video mit Übungen ein. „Jetzt brauchen wir diese mentale Stärkung mehr denn je!“

In diesem Interview erzählt uns Sabine Kunst mehr über Achtsamkeit. Außerdem hat sie eigens für unsere good news for you-Community zwei Videos aufgenommen. Im ersten erklärt sie, wie das mit dem „Glitzer im Kopf“ funktioniert. Im zweiten Clip gibt sie eine kleine, wirksame Achtsamkeitsübung mit auf den Weg.

 

Wie hast du die Achtsamkeit entdeckt?

Nach meiner Ausbildung zur Yogalehrerin und während einer Auszeit, die ich mir vor fünf Jahren schenkte, begann ich, mich mit dem Thema „Achtsamkeit an Schulen“ auseinanderzusetzen. Schon damals hatte ich immer wieder eine laute Stimme in mir, die sagte: „Diese Kids müssen nicht schneller, weiter, höher machen und tun, die brauchen etwas anderes. Sie müssen lernen, wo ihr Nein beginnt. Sie müssen sich spüren und dürfen das nicht verlernen. Kinder sollen für sich gesunde Entscheidungen im Leben treffen können. Und das geht meiner Meinung nach nur über eine Reise zu sich selbst. Über eine gesunde Verbindung zu sich. Alles andere kommt dann von alleine.

Du wolltest Achtsamkeit an Schulen bringen?

Ja, ich habe mich dann weitergebildet und während meiner Zeit in Nordthailand IntoPause und The Pause Project gegründet. Ein Projekt, mit dem ich an Schulen gehe, um dort einen Zugang zu Achtsamkeit und authentischem Miteinander-Sein zu eröffnen. Ende 2015 kam ich zurück und fing dann an der Grund- und Mittelschule in Schierling an. Zu dieser Zeit wurden dringend Lehrkräfte für den Bereich „Deutsch als Zweitsprache“ gesucht, um Übergangsklassen zu leiten. Dort bin ich immer noch in Teilzeit tätig und arbeite mit geflüchteten Kindern, Kindern mit Migrationshintergrund und mit Jugendlichen.

Mit The Pause Project bin ich bayernweit unterwegs. Ich arbeite mit Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern sowie Eltern zum Thema „Selbstfürsorge und Gesundheit“ zusammen.

Foto: Eva Orthuber

Wie sieht die Arbeit in der Praxis aus?

Meine Arbeit hat verschiedene Formate. Das kann ein einmaliger Workshop sein; Schulen kommen aber immer häufiger mit dem Wunsch nach einer längeren Zusammenarbeit auf mich zu. Sie wollen wissen, wie sich eine achtsame Haltung nachhaltig und langfristig in den Schulalltag integrieren lässt. Das sind dann Projekte, die zeitlich über mehrere Monate bis hin zu einem Schuljahr oder darüber hinausgehen. Ich mache sogenannte Klassenzimmertrainings und biete Lehrer*innen entsprechende Workshops und Supervisionen an.

Ich berate auch Einzelpersonen oder gebe Workshops in Yoga-Studios.

Wie reagieren die Leute darauf?

Sie sind „berührt“. Ich mache die Arbeit in dieser Form nun seit fünf Jahren und merke, dass – egal welches Geschlecht, welche Nationalität oder welches Alter –jede*r das gleiche Bedürfnis hat: ein bisschen mehr Ruhe und Raum. Die Menschen sehnen sich danach, wieder zu sich zu finden.

Von Kindern – „Mein Kopf fühlt sich so leicht und geordnet an“ – wie von Erwachsenen – „Das war für mich die beste Maßnahme meiner gesamten Laufbahn, weil sie mich auch privat weitergebracht hat“ – kommt sehr viel Wertschätzung. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Im Moment ist es für viele besonders schwer, Ruhe zu bewahren, weil man nicht weiß, wie das alles ausgehen wird. Auf sich selbst zu achten ist besonders wichtig. Wie kann das gelingen?

Jetzt sind Ressourcen gefragt. Das heißt, alles, was wir bisher vielleicht schon gemacht haben, um uns selbst etwas Gutes zu tun, einsetzen und weitermachen. Wenn ich merke, dass ich meine Selbstfürsorge in den letzten Jahren ziemlich habe schleifen lassen, dann jetzt anfangen. Beginnen ist immer möglich.

Das können Spaziergänge in der Natur sein, Kontakt zu wichtigen Menschen, Tätigkeiten, die uns Freude bereiten und entspannen lassen. Für jeden ist das etwas anderes. Wichtig ist, herauszufinden, was einem gut tut. Dazu braucht man ab und an mal ein bisschen Zeit alleine, sofern das möglich ist. Dass all das momentan vermutlich nicht mit der gleichen Ruhe wie sonst geht, ist klar. Wenn ich mir aber kleine Schritte vornehme, anstatt mich mit großen Zielen zu überfordern, betreibe ich schon Selbstfürsorge.

Wie gehst du das für dich an?

Mir helfen Rituale und eine gewisse Routine. Ich habe beispielsweise seit Tagen am Abend eine Video-Verabredung mit einer guten Freundin in Hamburg. Darauf freuen wir uns beide jeden Tag sehr. Das tut gut. Wir tauschen uns aus und merken immer wieder: Wir sind mit uns, unseren Gefühlen und Ängsten nicht allein. Also bewusst in Kontakt gehen.

Wie können Familienmitglieder besser miteinander klarkommen, wenn es in der Wohnung über so lange Zeit doch ganz schön eng wird?

Auch hier glaube ich an die Unterstützung durch festgelegte Routinen. Ein strukturierter Tagesablauf kann ein Anker sein, der Halt und Orientierung gibt. Wenn möglich, hinausgehen und sich bewegen – das ist total wichtig.

Vielleicht kann man zur Psycho-Hygiene einen regelmäßigen ‚Familien-Rat‘ einberufen, in dem man sich erzählt, wie es gerade jedem geht. Das kommt natürlich auf die Familie an. Auch eine Art Kummerbox könnte ich mir vorstellen. Das gibt Menschen, die sich vielleicht davor scheuen, eigene Gefühle zur Sprache zu bringen, die Möglichkeit, sich trotzdem mitzuteilen.

Hilfreiche Rituale …

Ja. Was ich auch schön finde, ist das Füllen eines Danke-Glases vor dem Zubettgehen. Man schreibt schöne Dinge, die an diesem Tag passiert sind, auf kleine Zettel. Danach gibt man sie in ein großes Weckglas, das gleichzeitig ein Symbol für die Fülle an Glück ist, die wir auch während solch schwerer Zeiten schätzen dürfen.

Wichtig ist immer wieder zu erkennen, dass ich die anderen um mich herum und deren Gefühlszustände nicht kontrollieren kann. Was ich tun kann, ist, mich selbst zu regulieren. Das wiederum kann den Nervensystemen meiner Mitmenschen helfen, etwas mehr in die Ruhe zu kommen.

Foto: Eva Orthuber

Du hast dir jetzt in diesen schweren Zeiten etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Du zeigst Eltern und ihren Kindern Möglichkeiten, wie sie sich besser fühlen können, wenn sie der Mut verlässt oder sie sich nicht wohl fühlen. Wie sieht das aus?

Ich habe letzte Woche damit begonnen, Videos zum Thema „Achtsamkeit“ zu drehen. Eigentlich ist das aus der Tatsache heraus entstanden, dass alle meine Klassenzimmertrainings im Moment pausieren müssen. Da wollte ich Lehrer*innen und Schüler*innen etwas an die Hand geben. Jetzt mache ich kurze Anleitungen für alle – für die Kleinen wie die Großen. Die Videos sind um die 5 Minuten lang mit Anregungen für Groß und Klein. Ich erkläre zum Beispiel, was derzeit mit unserem Nervensystem geschieht und warum sich das anfühlen kann wie „Glitzer im Kopf“. Dann gibt es verschiedene Übungen – von Atem-Übungen bis hin zum achtsamen Essen für Naschkatzen. 

Noch etwas, das dir wichtig ist? Ein Gedanke, der anderen Mut macht?

Was ich nach den letzten beiden Wochen feststelle, ist, dass Menschen trotz körperlicher Distanz einander näherkommen. Mir persönlich gibt das viel Halt.

Ich glaube, es ist fundamental wichtig, dass wir – auf diese neue Weise – miteinander sind, dass wir zu uns selbst und dadurch zueinander finden. Dass wir zusammenhalten. Dass wir an diejenigen denken, die alleine sind und die unterstützen, die Angst haben. Und dass wir auch einmal andere Meinungen gelten lassen.

Was gerade geschieht, ist für uns alle neu. Uns ist allen unwohl – dem einen mehr, der anderen weniger. Neues und Ungewisses fühlen sich immer fremd an. Und das ist okay so. Wir sind alle Menschen und daran dürfen wir uns nun täglich erinnern. Das allein ist schon Selbstfürsorge.

 

Zur Ruhe kommen, Achtsamkeit üben – zum Mitmachen!

Was bedeutet „Glitzer im Kopf“? Wie werde ich mit Gedanken fertig, die mich nicht zur Ruhe kommen lassen und, wie eine Gebetsmühle, einen Kreis nach dem nächsten drehen?

Wieder herunterkommen und ruhiger werden: Eine kleine Achtsamkeits-Übung, mit der du dich gleich besser fühlst! Viel Freude damit!

 

* Weitere Videos sind auf Instagram (@into_pause) und auch auf Facebook (Into Pause – Sabine Kunst) zu sehen.

 

Foto: Eva Orthuber

Sabine Kunst

Pädagogin, Anglistin und Sprecherzieherin (univ.).

Über die Zusatzausbildung „Deutsch als Fremdsprache“ vor 20 Jahren zum Unterrichten gekommen: zunächst an der Universität (in den USA und in Regensburg), dann in der Erwachsenenbildung. Vor 12 Jahren Wechsel an eine Privatschule, dort 6 Jahre im Grund- und Gymnasialbereich tätig. Seit Anfang 2019 Weiterbildung in körperorientierter Trauma-Arbeit.

Mehr Infos unter: https://intopause.com/

 

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