Ausstieg auf Zeit: Mit Kletterseil und Meditationskissen durch Asien

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von Krissi Frauenhoffer

Eine typisch asiatische Großstadt: Ho Chi Minh City

Es ist heiß, staubig und das ewige Hupen der unzähligen Zwei- und Vierräder raubt einem den letzten Nerv. Das Überqueren von gewöhnlichen Straßen wird zur Herausforderung und überhaupt ist der ganze Tag eine einzige Herausforderung, wenn man durch Asien reist. So oder so ähnlich sieht das Bild aus, das viele Menschen mit dem für uns wohl fremdesten Kontinent verbinden.

Und es stimmt, zumindest in Teilen. Andererseits bieten asiatische Länder vieles, was man in westlichen Ländern manchmal nur schwer findet: zum Beispiel gelebte Spiritualität, neue, überraschende Weltanschauungen oder bedingungslose Warmherzigkeit. Außerdem: Was wäre das Leben ohne Herausforderungen, ohne Abenteuer und neue Erfahrungen? Langweilig. Deswegen zog es mich und meinen Mann für fünf Monate nach Asien, auf diesen riesigen, vielfältigen, verrückten Kontinent.

Arbeit im Reisfeld

Asien, immer für Überraschungen gut

Sri Lanka, Indien, Thailand, Laos und Vietnam standen auf unserer nicht gerade kurzen Liste. Dabei muss erwähnt werden, dass sowohl mein Mann als auch ich eine ganz besondere Beziehung zu Asien haben. Wir sind schon dutzende Male dort gereist. Ich habe neun Monate in Indien gelebt und gearbeitet. Wir kamen also nicht als Neulinge dort an und doch erlebten wir wieder überraschende, witzige, besondere und wunderschöne Momente. Hinzu kommt, dass wir beide begeisterte Kletterer und Meditierende sind und uns Asien diesmal auf diesem Wege nähern wollten. Uns zog es daher eher in die Natur und Einsamkeit als in die Stadt.

In Indien gelten Kühe als heilig.

An den größeren Städten in Asien kommt man trotzdem nicht vorbei, denn dort sieht man die interessantesten Dinge. Geht man zum Beispiel in Indien auf die Straße, wird man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit irgendetwas Absurdes, Verrücktes, Lustiges oder Tragisches beobachten können. Als wir in Pune, einer „Kleinstadt“ mit nur 4 Millionen Einwohnern in der Nähe von Mumbai, mit einem geliehenen Moped durch die Straßen fuhren, kam uns ein anderes Moped entgegen, auf dem ein riesiger Ventilator transportiert wurde. Ein anderes Mal kollidierten wir fast mit einer Kuh, die sich die Mitte der Fahrbahn für ihren Mittagsschlaf ausgesucht hatte. Und weil Kühe in Indien als heilig gelten, wurde sie nicht verjagt, sondern als natürliches Hindernis respektiert, das man umfahren muss. Ochsenkarren sind in einer modernen indischen Stadt ebenfalls nichts Ungewöhnliches.

„Schwerbeladen“ ins Sabbatical

Mehrere Monate Sabbatical plus Klettern plus Meditieren ergibt viel Gepäck.

Als Lehrer war es für meinen Mann relativ leicht, sich eine Auszeit von einem Jahr, ein so genanntes „Sabbatical“, zu gönnen. Und für mich ging sowieso gerade ein Arbeitsvertrag zu Ende. Perfekte Voraussetzungen für eine lange Reise nach Asien… Als wir im Oktober das Flugzeug nach Bangkok bestiegen, hatten wir einiges an Gepäck dabei: unsere Kletterausrüstung, bestehend aus einem Seil, Expressschlingen, Klettergurten und Schuhen, musste mit und ließ das Gesamtgepäckgewicht ordentlich in die Höhe schnellen. Glücklicherweise lebt ein Freund von uns in Bangkok, dessen Wohnung wir zu unserem Hauptumschlagplatz für Kleidung und Kletterausrüstung machen durften.

 

Unser erstes Ziel: das kleine Paradies Sri Lanka

Wer möchte da nicht sofort hin? Ein Strand in Sri Lanka

„Ja, wer kommt da?“ Affen sind immer neugierig.

Sri Lanka liegt nur unweit der südindischen Küste mitten im Indischen Ozean, reichlich mit Stränden gesegnet. Die Vegetation im Landesinneren ist üppig, die Tierwelt beeindruckt durch ihre Vielfältigkeit. Wir verbringen einige Tage in einem Meditationszentrum in der Nähe von Kandy, direkt im Dschungel. Durch das tropische Klima kriecht und krabbelt es an allen Ecken und Enden. Überall, wo man hinsieht, bewegt sich etwas. Bäume und Sträucher sind saftig grün und triefend nass, die Erde aufgeweicht, so dass sie bei jedem Schritt nachgibt. Man hört Vögel aller Art. Manche klingen wie der Jubelschrei eines Menschen in der Achterbahn – ein lang gedehntes Juhuuuu –, andere, als würden sie mit Klanghölzern spielen. Wieder andere machen Geräusche wie ein startendes Moped. Wir beobachten gelb-schwarze und feuerrot-schwarze Vögel beim Sich-Gegenseitig-Jagen oder einen Tausendfüßler, der aussieht wie ein dickes Stromkabel. Das alles wird begleitet vom unaufhörlichen Ratschen der Zikaden und Grillen sowie dem Fauchen und Kreischen der Affen.

So geht turteln.

Sri Lanka ist wirklich eine Reise wert, wenn man die Natur liebt. Wir haben dort so vielfältige Landschaften gesehen, wie man es sich nur vorstellen kann. Die Strände sind wahlweise traumhaft weiß, gesäumt von Palmen, oder von Felsen durchsetzt und etwas wilder. Dazu gibt es Wasser, das Badewannentemperatur hat und sich vorzüglich mit dem Surfbrett oder dem Schnorchel erkunden lässt. Die Gegend um Ella ist bergig und wird besonders für den Teeanbau genutzt. Der Nationalpark Horton Plaines mutet dagegen fast wie eine Steppe an. Apropos Nationalparks: Sri Lanka besitzt unzählige, die bei einer Reise auf keinen Fall ausgelassen werden sollten. Im Kaudulla Nationalpark, den wir besuchten, konnten wir eine Herde von 300 wild lebenden Elefanten beobachten – ein Erlebnis, das mich sehr beeindruckt hat.

Elefanten im Kaudulla Nationalpark

 

Mit Vollgas in die Krise – ohne Geld in Indien

Unser Aufenthalt in Indien begann etwas holperig. Es gab kein Geld. Im ganzen Land herrschte zu diesem Zeitpunkt Ausnahmezustand. Premierminister Narendra Modi hatte drei Wochen zuvor die gebräuchlichsten Banknoten, 500 und 100 Rupien, für ungültig erklären lassen. Gleichzeitig wurden neue 500 und 2000-Rupee-Scheine eingeführt. Ziel der Maßnahme war es, die immense Korruption und Geldwäsche im Land einzudämmen. Nur 1 Prozent der arbeitenden Bevölkerung zahlt in Indien Steuern. Allerdings scheiterte das Vorhaben an der Umsetzung, da Banken und Geldautomaten nicht mit genügend neuen Geldscheinen ausgestattet worden waren. Das führte dazu, dass viele der Automaten geschlossen waren. An den wenigen, die noch über Geld verfügten, bildeten sich lange Schlangen. Zusätzlich war die Bargeldmenge, die man abheben durfte, auf 2.000 Rupien beschränkt, umgerechnet etwa 15 Euro. Die Inder allerdings nahmen es relativ gelassen. Während ihre Wirtschaft ins Chaos taumelte, warteten sie geduldig an den Automaten oder stiegen gleich auf bargeldloses Bezahlen um. Not macht erfinderisch: Binnen kürzester Zeit war es ganz normal, alles mit seinem Smartphone zu bezahlen. Sogar am Saftstand um die Ecke. Verrückt.

 

Klettern im Weltkulturerbe Hampi in Karnataka

Zum Klettern hat Indien vor allem einen Ort zu bieten: Hampi im Bundesstaat Karnataka. Als ehemalige Königsstadt „Vijayanagar“ und UNESCO Weltkulturerbe ist Hampi mit seinen zahllosen Tempelruinen gleichzeitig ein wichtiger Pilgerort für Hindus und kulturell interessierte Touristen. Die Umgebung von Hampi könnte locker als Filmkulisse durchgehen, so muten die alten Ruinen und wahllos herumliegenden Felsbrocken in der ansonsten eher flachen, von Reisfeldern durchzogenen Landschaft an. Die Felsen lassen sich vorzüglich beklettern – ohne Seil, dafür mit einer Matte am Boden, damit das Abspringen nicht zu schmerzhaft wird. Diese Spielart des Kletterns nennt sich Bouldern.

Bouldern in Hampi

„Don´t worry, be Hampi!“, rief uns der erste Rikshafahrer zu, der uns über die heißen, staubigen Straßen nach Hampi-Basar brachte. Und so ist der Ort dann auch: extrem entspannt. Wer nicht zum Bouldern kommt, besichtigt die Tempel oder lässt einfach nur die Seele baumeln in einem der Gästehäuser mit Blick über den Fluss. Wir nutzten die kühleren Morgen- und Abendstunden, um uns an den teilweise extrem scharfen Felskanten die Fingerkuppen wundzuklettern. Mittags konnten wir oft aufgrund der flirrenden Hitze nichts weiter tun, als im Schatten einer Palme in der Hängematte zu liegen. Als reisende Kletternde oder kletternde Reisende ist es leicht, neue Bekanntschaften zu machen. Immerhin hat man eine gemeinsame Leidenschaft. Und so wurde die Gruppe, mit der wir täglich kletterten, immer größer, bis wir am Ende ungefähr elf Nationalitäten beisammen hatten. Das Gemeinschaftsgefühl, das dabei aufkam, ist unbeschreiblich!

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Foto: Thomas Ratjen

Kristin Frauenhoffer ist Weltenbummlerin und Sportlerin aus ganzem Herzen. Neben Asien besuchte sie auch alle anderen Kontinente, nachhaltig beeindruckt hat sie aber nur der asiatische. Sie hat in Frankreich, Lettland und Indien gelebt. Ihr Herz gehört Regensburg, ihrer Wahlheimat; als gebürtige Berlinerin hat sie hier das Klettern gelernt. Sie geht noch gern mountainbiken und spielt Beachvolleyball. Im Winter ist sie per Ski in den Bergen unterwegs.

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