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Wohlstand sollte sich nicht nur auf Geld- und Güterwohlstand beschränken, sondern auch einen Reichtum und eine Vielfalt an lebendigen Zeitformen und Zeitqualitäten mit einschließen.

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von Prof. Dr. Karlheinz Geißler

Geht’s um Zeit, um deren Gestaltung und Organisation werden – zumindest hat das Immanuel Kant behauptet – sich die Menschen die Glücksuche nicht ausreden lassen. Zumal sie das Gefühl nicht loslässt, das richtige Leben, das wahre Dasein ständig zu verfehlen. Kant ist nur zuzustimmen, sieht man sich den Aufwand an, den die Menschen betreiben, um ihr Zeitleben zu verbessern und in Frieden und Zufriedenheit mit jener Zeit, die ihnen irgendwann einmal das Leben kosten wird, klarzukommen. Viele dieserAktivitäten laufen ins Leere, ein Großteil bleibt wirkungslos, andere versanden. Lassen wir uns von diesen Misserfolgen nicht abhalten und machen auch wir uns auf die Glücksuche nach den besseren Zeiten. Tun wir es in vier Richtungen.

Vom Zeitnotstand zum Zeitwohlstand

Sprechen wir im Alltag von „Wohlstand“, sehen wir Menschen vor uns, denen es weder an Geld noch an Gütern fehlt, die sich relativ problemlos ihre Wünsche erfüllen können und die mehr Mittel zur Verfügung haben, als sie zum Leben brauchen. Mit einem Wort: Wohlstandsbürger haben „genug.“ Obgleich das so ist, klagen sie gerne. Es fehlt ihnen nämlich etwas Entscheidendes zu ihrem Glück und das ist Zeit. Sie leben nicht die Zeit, sie leben den Zeitmangel, die ungeliebte Tochter ihres Wohlstandes. Die Reichen kennen die Zeit nur als knappe Frist, als Deadline und als das, was ihnen fehlt: „Tut mir leid, keine Zeit!“. Sie alle leiden an „Angina temporis“. Zeitwohlstand kennt man in dieser unserer Hochgeschwindigkeitsgesellschaft, in der man sich sogar die Nasen mit Tempo putzt, nur als Sehnsucht und als schöne Hoffnung. Die Literatur eines Rabelais, eines Robert Walser, eines Hermann Hesse, eines Stan Nadolny, sie lebt von dieser Sehnsucht, und die Leser und Leserinnen dieser Literatur leben ihre Hoffnungen und Wünsche nach Zeitwohlstand durch die Lektüre aus.

Materieller Wohlstand, das beweisen die Klagen der Wohlhabenden über den Zeitmangel, macht weder zufrieden, noch garantiert er eine erfüllte Lebensqualität. Geld- und Güterwohlstand sind durch Zeitnotstand erkauft. Zeitnöte sind es denn auch, die es den Wohlhabenden verwehren, ihren materiellen Reichtum genießen zu können.

Anders wäre es, würden wir das, was wir unter Wohlstand verstehen, nicht nur auf Geld- und Güterwohlstand beschränken, wenn es auch einen Reichtum und eine Vielfalt an lebendigen Zeitformen und Zeitqualitäten einschlösse. Eine solche Zeitwohlstandsgesellschaft könnte ihren Mitgliedern Spielräume eröffnen, Eigenzeiten zu leben, mit Zeitvorgaben elastisch umzugehen und das ihnen angenehme und angepasste Tempo zu bestimmen, sich und ihr Umfeld rhythmisch zu organisieren und darüber hinaus ihre Zeitsouveränität zu erweitern.

In einer Gesellschaft, die Zeitwohlstand zum Ziel hat, sind Menschen mehr als geldverdienende Wesen. Zeitwohlstand anzustreben, hieße, die derzeit wirkmächtige Vorstellung von „Wohlstand“ um die Kategorien des Wohlbehagens und Wohlbefindens zu erweitern. Das wiederum würde uns von dem Schicksal erlösen, uns Tag für Tag abzuplagen, um die Mittel zum guten Leben zu erwerben, aus Zeitmangel aber gezwungen sind, auf die Verwirklichung des guten Lebens verzichten zu müssen.

Was Zeitwohlstand ist, weiß eigentlich jeder Mensch und jeder Mensch weiß auch, wie er gelebt werden könnte. Allein, man hat oder nimmt sich zu wenig Zeit, das Wissen praktisch werden zu lassen. Eine erfreuliche Ausnahme – zugleich ein Beispiel, wie man es machen kann – ist jener namentlich unbekannte Bahnreisende, der dem Zugbegleiter demonstriert hat, wie Zeitsouveränität aussehen könnte:

In einem dieser schnellen Züge, die unser Land durchqueren, in denen den Passagieren wegen der vielen Tunneldurchfahrten Sehen und Hören vergeht, stellt der die Fahrkarten kontrollierende Zugbegleiter bei einem der Passagiere fest, dass dieser nicht den für diesen schnellen Zug erforderlichen „besonderen Fahrschein“ hat. Er bittet ihn, den fehlenden Betrag nachzuzahlen. Auf die Frage des Passagiers, warum dies denn nötig sei, antwortet der Zugbegleiter: „…Weil dies ein so schneller Zug ist.“ Die zeitsouveräne Reaktion des Fahrgastes: „Dann fahren Sie doch langsamer.“

Wohl dem, der sich solche Antworten leisten kann, er lebt im Zeitwohlstand.

 

Mehr Informationen unter:

timesandmore • Institut für Zeitberatung • www.timesandmore.com

Zur Person

Prof. Dr. Karlheinz Geißler

Beschäftigt sich seit 30 Jahren mit der Zeit und lebt seitdem ohne Uhr. Will man ihn erreichen, geht das schriftlich per E-Mail oder Brief.

Im Impressum auf der Website steht zu lesen:

Wir bitten um Verständnis, dass wir keine Telefonnummern angeben, um der Dringlichkeitsdynamik ständiger Erreichbarkeit zu entkommen. So haben wir mehr Zeit für die Zeit und auch für Zeitberatung.

Unsere Erfahrung: Wir haben selten so rasch eine Antwort erhalten 🙂

 

 

Foto: Jonas Geißler

 

Buchtipp!

Karlheinz A. Geißler und Jonas Geißler

„Time is honey. Vom klugen Umgang mit der Zeit“

 

Zeit leben, nicht managen

Wie können wir lernen, unsere Zeit nicht als Widersacherin, sondern als Freundin zu betrachten? Wie werden wir zeitsatt und zeitsouverän? In „Time is honey“ weisen die Zeitexperten Karlheinz A. und Jonas Geißler neue Wege für einen klugen Umgang mit der Zeit und ein zufriedeneres Zeitleben.

Zeitdruck, Zeitmangel, die Zeit, die den Menschen davonläuft – lange schien es, als gäbe es ein einfaches Rezept gegen diese Probleme: Zeitmanagement. In dem Buch „Time is honey. Vom klugen Umgang mit der Zeit“ räumen die renommierten Zeitforscher und -trainer Karlheinz A. und Jonas Geißler mit diesem Mythos auf:

„Zeit kann man nicht sparen, managen oder verlieren. Man kann mit der Zeit nur eines machen: sie leben! Und der Weg dorthin ist weniger schwierig als man denkt!“

https://www.oekom.de/buecher/vorschau/buch/time-is-honey.html

 

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