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Reinhard Witt ist naturnaher Grünplaner und schafft mit seinen Naturgärten ökologische Oasen für heimische Wildtiere und Wildpflanzen.

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von Kristin Frauenhoffer

Ein Zitronenfalterweibchen trinkt Nektar.

Der Garten von Reinhard Witt ist eine Baustelle. Überall stehen in kleinen Töpfen Pflänzchen, es liegen Steine oder Holz herum. Das Gelände fällt zum Fluss hin terrassenförmig ab. Unten steht der noch nicht ganz fertige Schwimmteich. Noch ist alles sandig und kahl, doch schon bald wird hier ein grüner, farbenfroher und vor allem fruchtbarer Naturgarten entstehen. Ein Paradies für Tiere und Pflanzen.

Dr. Reinhard Witt ist freiberuflicher Biologe und naturnaher Grünplaner. Er gilt auf seinem Gebiet als Koryphäe und hat mehrere Bücher über Naturgärten veröffentlicht. 1990 gründete er den Verein Naturgarten e. V. mit, der aus der Naturgartenbewegung entstanden ist. Er soll die Idee, Gärten und freie Flächen naturnah anzulegen, verbreiten. Das Spezialgebiet des Vereins sind dabei heimische Wildpflanzen, die als Nahrungsquellen den Lebensraum der heimischen Wildtiere sichern.

Ein Gespräch mit Dr. Reinhard Witt über seine Arbeit, den Verein und die Entwicklung der Welt ...

Herr Witt, Sie planen und gestalten Naturgärten. Aber sind nicht eigentlich alle Gärten „Natur“?

Ein normaler Garten an sich hat nichts mit Natur zu tun. Man muss nur einen Spaziergang durch die Siedlung hier machen und sich die Gärten anschauen. Das Gras, das dort wächst, ist ein hochgezüchtetes Gras. Nach einer Hitzeperiode ist es kaputt. Das hängt vom Dünger und vom Wasserhahn ab. Fehlt eines dieser zwei Dinge, geht es sehr schnell ein. Wenn man die Pflanzen, die in den meisten Gärten wachsen, nicht ständig wässern und pflegen würde, würden etwa zwei Drittel nicht lange existieren. Es wird da ganz viel mit Hybriden, also Zuchtpflanzen, gearbeitet. Und die haben die Eigenschaften, dass sie sich nicht vermehren können. Sie sind quasi unfruchtbar.

Warum ist das so?

Das Problem ist, dass Pflanzen ein Geschäft sind. Vieles, das man im Gartencenter kaufen kann, wird im Grunde als Konsumware verstanden. Du kaufst etwas und kaufst es nach einer gewissen Zeit wieder neu. Wenn man sich die Beete ansieht, wachsen da Pflanzen, Blumen und Stauden, die einfach keine Überlebenschancen haben. Die sind dann mit viel Dünger herangezogen und haben eine oder zwei Blütezeiten. Die Idee ist, immer wieder neu zu kaufen, den Konsum anzukurbeln. Das verbraucht Ressourcen und Energie.

Und der Schaden liegt auch noch im ökologischen Bereich, weil wir keine Werte für unsere Wildtiere mehr schaffen, keine Lebensräume. Die Gartenindustrie ist ein globaler Markt. Wir als Naturgartenbewegung sind da ein Gegengewicht. Wobei, kein Gewicht … eher ein Federchen. Aber wir versuchen, eine Alternative zu schaffen, die eine hohe ökologische Wertigkeit hat.

Üppige Blumenstauden im Naturgarten bieten Nahrungsquellen für Wildtiere.

Woher kommt die Naturgarten-Bewegung?

Die Naturgarten-Bewegung gibt es schon sehr lang. Der erste naturnahe Garten entstand 1920. Das war in Holland. Und das ist interessant, denn Holland ist ja ein „Kunstland“. Da gibt es sehr viele künstlich angelegte Flächen. Es zeigt, dass, je weiter wir uns von der Natur entfernen, das Bedürfnis umso dringender wird, dahin wieder zurückzukehren. Deswegen haben gerade die Menschen in Holland mit den Wildpflanzengärten angefangen. Jetzt sind wir in Europa überall dabei.

Seit der Gründung des Vereins gibt es jetzt auch eine Struktur. Wir verstehen uns als Multiplikatoren und bieten Informationen. Inzwischen haben wir 3.000 Mitglieder und es werden immer mehr. Durch die Gründung des Vereins hat sich ein Netzwerk von Produzenten von Wildpflanzen gebildet. Dort findet man Saatgut, Wildpflanzen, Sträucher.

Was macht einen Naturgarten aus?

Die Trockenmauern stehen schon. Bald entsteht hier ein grüner, fruchtbarer Naturgarten.

Naturgärten sind nachhaltige Gärten. Man findet dort viele verschiedene Wildpflanzen. Diese haben die Eigenschaft, dass sie sich von selbst erhalten und vermehren. In einem Naturgarten wachsen mindestens zwei Drittel heimische Wildpflanzen. Das ist eine feste Definition, die wir mit unserem Verein aufgestellt haben. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass unsere Wildtiere von den heimischen Pflanzen abhängig sind. Man kann sich eine Faustregel merken: Von einer heimischen Pflanze hängen zehn Tierarten ab. In einem Naturgarten wachsen rund 100 Wildpflanzenarten. Ich schaffe damit also Potenzial für 1.000 Tierarten. Das sind genau die Tierarten, die heute am Verschwinden sind. Das liegt daran, dass die Landschaft nur noch wenige Nahrungsquellen bietet. Und wir haben festgestellt, dass die Tierarten im Siedlungsraum mehr Lebensmöglichkeiten finden als draußen in der Landschaft. Dort sieht man Mais, Weizen und Grasflächen; das ist das Problem. Dort können Tiere nicht leben.

Das nächste Merkmal ist Standortvielfalt. Das heißt, es gibt zum einen schattige und nährstoffreiche Standorte, zum anderen halbschattige und weniger nährstoffreiche. Und dann haben wir noch sonnige und damit magere Standorte. Auf dem Dach ist es zum Beispiel ganz trocken, an einem Teich hingegen feucht oder es gibt eine Sumpfwiese. Und an jedem dieser Standorte wachsen unterschiedliche Pflanzen.

Das letzte ist Strukturvielfalt. Es gibt Mauern, Höhen und Tiefen und auch Totholz. All diese Strukturen sind Lebensräume. Sogar der Weg und die Terrasse sind Lebensräume. Und selbst die Fugen werden wir mit Blumen bepflanzen. Wir haben außerdem einen Blumenrasen, auf dem 30 bis 40 verschiedene Blumenarten wachsen. Im naturnahen Garten ist alles vernetzt. Es gibt nichts, was einfach nur da ist. Alles hat einen Wert und einen Zweck. Auch ein alter Stein erfüllt eine besondere Aufgabe, er bietet Schatten und auch Wärme.

Wenn ich mir aber diesen Blumenrasen anschaue: Darf ich da als Mensch überhaupt drauf? Mich zum Beispiel hinlegen?

Ja, natürlich. Wir nennen es Blumenrasen. Da kannst du so oft mähen, wie du magst. Dann könntest du zum Beispiel einen Bereich herausmähen, den du zum Zelten mit deinen Kindern nutzen kannst. Wenn man Kinder hat, würde man natürlich mehr Nutzbereiche anlegen. Aber man hätte trotzdem noch naturnahe Flächen. In konventionellen Gärten gibt es fast ausschließlich Nutzfläche. Das ist der Unterschied. Es ist immer ein Kompromiss. Je mehr du als Mensch deinen Lebensraum beanspruchst, umso weniger kannst du für deine Mitlebewesen Platz lassen. Und wenn dann an einer Stelle die Nutzung nachlässt, kann sich diese wieder mehr Richtung Natur entwickeln.

Welche Entwicklung beobachten Sie seit der Gründung des Vereins bezüglich des Anlegens von Naturgärten?

Tothölzer bieten Lebensräume für Insekten. Hier leben zum Beispiel Wildbienen.

Die ersten 20 Jahre waren wir im Verein damit beschäftigt, zu definieren, was ein Naturgarten ist und wo wir die Pflanzen herbekommen. Jetzt sind wir in der Visionsphase und wissen noch nicht genau, wohin es geht. Was ich beobachte, ist, dass gerade jetzt viel mehr Menschen Interesse an dem Thema haben. Wir haben auch einen enormen Zulauf im Verein. Unsere Mitgliederzahlen steigen parallel zum Artensterben. Die Menschen bekommen langsam ein Bewusstsein für dieses Thema. Sie wissen, dass etwas passieren muss und fangen dann in ihrem Garten an. Jetzt in der Coronapandemie hat sich der Trend verstärkt. Man kann nicht mehr flüchten und schaut sich um, in welcher Welt man eigentlich lebt. Es findet eine Rückbesinnung auf eine natürliche Lebensweise im Einklang mit der Natur statt.

Woher kommt dieses neue Bewusstsein?

Die Menschen beginnen langsam zu erkennen, dass unsere Welt bedroht ist. Sie haben ein Verständnis dafür, dass sich etwas ändern muss. Es sind eigentlich drei große Phänomene, die uns momentan bedrohen: der Klimawandel, das Artensterben und der Biodiversitätsschwund. Gerade der Klimawandel wird uns in den nächsten Jahrzehnten stark beschäftigen. Ebenso das Artensterben, das sich gerade exponentiell entwickelt. Das alles hat natürlich globale Ursachen. Es gibt auf der Welt Menschen, die die Natur ausbeuten. Und dagegen können wir im Kleinen nichts tun. Aber wenn ich auf unser kleines Stückchen Land schaue, dann mache ich eben einen Naturgarten und tue damit etwas Gutes. Das hilft meiner Seele, das hilft den Tieren, das hilft meinen Kindern und das ist etwas Sinnvolles.

Die Karnevalsprimel, eine heimische Wildpflanze, ist der Star der Wildblumenwiese. Sie gibt es nicht im konventionellen Gartenhandel.

Sind Naturgärtner*innen also Umweltaktivist*innen?

Nein, sie sind Praktiker. Ich lebe mein Leben, in dem ich etwas tue und nicht, indem ich etwas sage. Ich bewirke lieber etwas durch gute Taten als durch kluges Reden. Das kluge Reden ist begrenzt, wenn keine gute Tat folgt. Dann hat es keinen Wert. Und da muss jede und jeder selbst entscheiden, was einem das „Drumherum“, also die Natur, wert ist. Viele haben jetzt begriffen, dass dieses „Drumherum“ ziemlich viel wert ist. Denn es ist gerade in Gefahr.

Was ist Ihre Vision für die Zukunft?

Eine menschenfreundliche Welt mit Tieren, in der die Natur ihren Platz hat. Wir müssen ganz dringend schauen, dass wir die Städte mit den ganzen Lebensräumen erhalten und den Menschen nahebringen, diese zu schützen. Statt Rasenflächen in der Stadt könnte es mehr Blumenwiesen geben. Natürlich nicht nur, aber in einem guten Verhältnis. Dann muss man auch weniger mähen. Was man in Städten noch machen könnte, wäre, Dächer und Fassaden zu begrünen oder das Regenwasser zurückzuerhalten. Das Regenwasser nicht in den Fluss leiten, sondern auf dem Grundstück und in die Erde fließen lassen. Man könnte auch einen Teich daraus machen oder Spielmulden für Kinder. Das schafft auch Lebensräume. Jeder Sumpfgraben ist ein Lebensraum. Und wenn wir uns jetzt nicht darum kümmern, diese Räume zu erhalten, wird uns der Klimawandel irgendwann zerstören.

In Ihrem Verein bieten Sie eine Ausbildung zum Naturgarten-Profi an. Was kann man sich darunter vorstellen?

Reinhard Witt dort, wo er sich am wohlsten fühlt: in der wilden Natur.

In unserem Bereich muss man sich ja bestimmtes Wissen aneignen. Zum Beispiel, wie man eine Trockenmauer baut oder eine Rasenfläche in eine Blumenwiese umwandelt. Erstaunlicherweise lernt man so etwas nicht in den gängigen Ausbildungsberufen. Man lernt dort nicht, wie man Natur wiederherstellt oder neu schafft. Man lernt nichts über Wildpflanzen oder Ökologie. Die meisten geplanten Flächen sind leblos. Da stehen ein bisschen Stahl, drei Bäume und zwei Bänke. Die meisten Menschen gehen in den Wald und fühlen sich dort am wohlsten. Aber den Wald hat niemand geplant, das ist Natur pur.

Wir versuchen mit unserem Lehrgang, diese Lücke zu schließen. Er dauert zwei Jahre und man macht ihn berufsbegleitend. Man muss aber kein Gärtner sein, auch Laien sind willkommen. Es geht darum, das Wissen, das ich mir über die letzten 30 Jahre angeeignet habe, weiterzugeben. Die Nachfrage ist auch sehr hoch, sogar der Kurs im Herbst 2022 ist schon ausgebucht. Es gibt zwar kein staatliches Siegel, aber die Leute, die die Ausbildung abgeschlossen haben, sind wirklich Profis auf dem Gebiet.

Haben Sie ein paar praktische Tipps, wie man mit kleinen Veränderungen den eigenen Garten naturnaher gestalten kann?

Es reicht schon ein kleines Beet von zwei Quadratmetern Größe. Da kann man heimische Wildpflanzen anbauen. Das geht auch in einem normalen Staudenbeet. Vorher muss man natürlich die wertloseren Stauden entsorgen. In vielen Gärten stehen zum Beispiel Forsythien. Die sollte man gleich ersetzen, denn sie haben weder Nektar noch Früchte. Sie ziehen die Bienen an, weil sie so schön gelb sind. Dadurch verbrauchen die Bienen Flugenergie, finden aber nichts. Am besten ersetzt man die Forsythie durch die Kornel-Kirsche. Deren Früchte kann man sogar essen. Auch kleine Rasenflächen kann man in Blumenwiesen verwandeln. Heimische Wildblumen sind zum Beispiel Primeln, Krokusse oder Blausterne. Wenn man diese Pflanzen dann auch noch bei verantwortungsvollen Produzenten besorgt, ist das ein guter Anfang.

Wer mehr über die Naturgartenbewegung und den Verein Naturgarten e. V. erfahren möchte, kann hier weiterlesen.

Und wer nun gleich loslegen möchte, dem sei folgendes Buch von Reinhard Witt ans Herz gelegt: „Natur für jeden Garten. Das Einsteigerbuch.“ Zu erwerben online im Buchshop von Reinhard Witt.

 

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Eine Antwort

  1. Kira N.

    Vielen Dank für diesen Beitrag über den Naturgarten. Ich stimme zu, dass Menschen erkennen, dass die Natur bedroht ist und sich auf sie zurück besinnen. Ich möchte auch einen großen Garten an meinem neuen Haus und suche nach einem Landschaftsbau-Unternehmen. Weitere Infos habe ich auch hier gefunden: https://dergruenebaum.de/unsere-leistungen/

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