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Mehr Sicherheit und bessere Heilungschancen für Patientinnen mit Brustkrebs: Blinde Frauen mit Ausbildung zur MTU ertasten bereits ganz kleine Gewebeveränderungen

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von Isolde Hilt

Andrea Windbichler hörte im Sommer 2009 zum ersten Mal von discovering hands. Ihre Schwester hatte einen TV-Bericht gesehen und sie gleich am nächsten Tag informiert. discovering hands meint soviel wie taktile Diagnostik, mit deren Hilfe bei Frauen bereits kleine Gewebeveränderungen in der Brust ertastet werden können. Die neunmonatige Ausbildung zur Medizinisch-Taktilen Untersucherin, kurz MTU genannt, wendet sich an blinde und stark sehbeeinträchtigte Frauen, die über einen hochsensiblen Tastsinn verfügen. Andrea Windbichler war eine der ersten MTUs. Sie liebt ihren Beruf: „Ich arbeite gerne mit Menschen und finde es ein schönes Gefühl, den Frauen die Angst zu nehmen.“

Laut discovering hands* lässt sich Brustkrebs gut behandeln. Ist der Tumor bei seiner Entdeckung kleiner als zwei Zentimeter, liegen die Überlebenschancen deutlich über 90 Prozent. Hochgradig sehbehinderte Medizinisch-Taktile Untersucherinnen (MTU) können Gewebeveränderungen bereits ab sechs Millimeter ertasten. „MTUs verbessern die Heilungschancen und können das Leben von Patientinnen retten“, so Nina Petrick, Pressesprecherin des gemeinnützigen Sozial- und Integrationsunternehmens.

 

Die Ausbildung zur MTU

Die Ausbildung dauert neun Monate und teilt sich in zwei Abschnitte, wie Andrea Windbichler erläutert. Im theoretischen Teil erhalten die angehenden Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen in sechs Monaten einen fundierten Einblick in Anatomie, Myologie, Hämatologie, Zellteilung, Aufbau der Brust und in die Terminologie. „Wir lernen, wie sich verschiedene Befunde anfühlen. Dann bekommen wir die ersten Frauen, an denen wir üben dürfen. In diesem ersten halben Jahr findet auch ein ein- bis zweiwöchiges Klinikpraktikum statt.“ Nach dieser Ausbildungseinheit nimmt ein ärztliches Prüfungskomitee die erste schriftliche Prüfung ab. Es folgt ein dreimonatiges Praktikum in einer oder mehreren Arztpraxen. Die Frauen führen die Untersuchungen ganz normal durch, können aber der Ärztin, dem Arzt noch viele Fragen stellen. Die Ausbildung endet mit einer praktischen Prüfung vor dem ärztlichen Prüfungskomitee.

 

 Taktilographie, eine innovative Methode zur frühen Erkennung von Brustkrebs

 

  • Die MTU kann etwa 30 Prozent mehr und bis zu 50 Prozent kleinere Gewebeveränderungen (6 bis 8 mm) finden als Ärzt*innen (1 bis 2 cm). Dies ergab eine Vorstudie in Zusammenarbeit mit der Universität Essen 2008.
  • Eine Studie der Universität Erlangen belegt, dass 94 Prozent der Patientinnen eine MTU-Untersuchung erneut wahrnehmen, 97,6 Prozent sie empfehlen würden. Sie schätzen Gründlichkeit, Dauer und persönliche Zuwendung und vertrauen der Tastfähigkeit. Viele Frauen fühlen sich bei einer sehbehinderten Tastspezialistin wohler. Sie schätzen es, dass die Taktilographie – das professionelle Tasten mit den Händen – schmerzfrei nur mit den Händen erfolgt, ohne Geräte und Strahlenbelastung.
  • Die Taktilographie empfiehlt sich auch besonders für Frauen unter 50 Jahren, da ihnen in der Regel nur die kurze ärtzliche Tastuntersuchung als Möglichkeit der Früherkennung zur Verfügung steht.
  • Männer können ebenfalls an Brustkrebs erkranken, insbesondere bei familiärer Vorbelastung. Auch für sie kommt die MTU-Untersuchung in Frage.

 

Wie funktioniert die Methode discovering hands?

Andrea Windbichler arbeitet seit November 2010 als MTU. Wie viele Frauen sie schon untersucht hat, kann sie gar nicht mehr genau sagen: „Es waren tausende. Viele kommen jährlich oder sogar zweimal im Jahr.“ Eine Untersuchung dauert zwischen 30 und 60 Minuten. Zuerst geht sie mit der Patientin den Anamnesebogen durch: Da geht es um die familiäre Dispositon, Medikamenteneinnahme, Kinder, ob sie gestillt hat, wann die erste und letzte Periode war, wann die Menopause einsetzte.

Bei der eigentlichen Untersuchung tastet Andrea Windbichler zuerst die Lymphknoten in der Schlüsselbeingegend, am Hals und in den Achselhöhlen ab. Für einen ersten Überblick der Brust bittet sie die Frau, sich hinzusetzen. Feinheiten wie Temperaturunterschiede werden ebenfalls ertastet. „Dann legt sich die Patientin hin. Ich klebe fünf Orientierungsstreifen auf, so dass vier Zonen oder Bereiche entstehen. Reihe für Reihe, Zentimeter für Zentimeter wird nun getastet auch in die Tiefe. Zum Schluss tasten wir auch um die Brustwarze herum, so dass alles abgedeckt ist.“

 

Wie fühlen sich die Unterschiede in der Brust an?

Die MTU „tastet keinen Krebs“, sondern stellt fest, wo es Gewebeveränderungen gibt. Im Taktilogramm dokumentiert sie ihren Befund graphisch für den oder die Fachärzt*in. Ist etwas Auffälliges festgestellt worden, muss weiter per Ultraschall abgeklärt werden. Andrea Windbichler weiß auch genau, wo ihre Grenzen sind: „Es gibt Unterschiede in der Brust: festes und weiches Gewebe, Zysten, Fibroadenome und manchmal auch bösartige Knoten. Das fühlt sich in der Regel sehr unterschiedlich an. Wir dürfen aber nicht entscheiden, was das ist. Wir sagen nur, wenn an einer Stelle ein auffälliger Befund ist. Der hinzugezogene Arzt oder die Ärztin entscheidet dann, wie es weitergeht.“ An seine Grenzen als MTU komme man, wenn die Brust besonders groß oder das Gewebe viel zu undurchlässig ist. Richtiges Abtasten sei dann nicht möglich. Generell empfiehlt die Expertin, die in München lebt und arbeitet, trotz der guten discovering hands-Methode zusätzlich einen Ultraschall und auch eine Mammographie machen lassen.

 

Neues berufliches Selbstbewusstsein für sehbehinderte Frauen

discovering hands bietet hochgradig sehbeeinträchtigten Frauen eine neue berufliche Perspektive, „eine einzigartige Tätigkeit mit Sinn und Anerkennung“, wie das Unternehmen festhält. Oftmals werden Frauen, die aufgrund ihres Blindseins Schwerbehindertenrente bezogen, zu Berufstätigen auf dem ersten Arbeitsmarkt. discovering hands stellt die MTUs ein; per Arbeitnehmerüberlassung arbeiten sie wohnortnah bei niedergelassenen Gynäkolog*innen. Die Praxen bestellen die Patientinnen an ihrem jeweiligen MTU-Tag ein. Für die Medizinisch-Taktile Untersucherin gibt es einen festen Einsatzplan und sie ist unbefristet fest angestellt.

Bis 2020, so das gemeinnützige Sozial- und Integrationsunternehmen, will man mehr als 100 MTUs beschäftigen. Derzeit sind ca. 45 Brust-Spezialistinnen an 83 Standorten deutschlandweit beschäftigt, weitere im Ausland. Vielleicht lassen sich ja noch mehr sehbehinderte Frauen für diese Ausbildung begeistern: „Es ist ein schönes Gefühl, dass wir durch unsere Blindheit einen Vorteil haben, dass wir besser tasten können“, bestätigt Andrea Windbichler. Zusätzlich belegt eine Studie von McKinsey und Ashoka, dass eine flächendeckende Taktilographie jährlich bis 80 bis 160 Millionen Euro bundesweit einsparen könnte.

 

Weitere Informationen zu discovering hands

zu dem Sozial-  und Integrationsunternehmen discovering hands, 2011 von dem Gynäkologen Dr. Frank Hoffmann gegründet, mehrfach national und international ausgezeichnet, sowie zu Ausbildungsmöglichkeiten unter: www.discovering-hands.de

 

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