Eltern sollen keine Angst haben, sondern mit Freude und Liebe in die Beziehung zu ihrem Kind gehen, empfiehlt Diplom-Psychologe und Familientherapeut Dr. Hermann Scheuerer-Englisch.

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Im Gespräch mit Dr. Hermann Scheuerer-Englisch

„Du bist ein Wunder. Du bist einzigartig. In all den Jahren, die vergangen sind, hat es niemals ein Kind gegeben wie dich.“ Der spanische Komponist und Dirigent Pablo Casals spricht damit sicher den meisten Eltern aus der Seele. Das ist die eine Seite des Eltern-Seins. Doch es gibt auch die andere, die verunsichert, ratlos macht, erschöpft und einen vor die Frage stellt: „Mache ich alles richtig?“ Dr. Hermann Scheuerer-Englisch kann beruhigen. Intuitiv machen Eltern das meiste tatsächlich richtig. Den einen oder anderen Tipp gibt der Bindungsexperte und Familientherapeut in diesem Interview. Eine wichtige Erkenntnis: ruhig bleiben, nicht alles persönlich nehmen und versuchen, sich immer wieder in sein Kind hineinzuversetzen. Das bewirkt oft schon das eine oder andere kleine Wunder.

 

 Gerade beim ersten Kind sind Eltern oft sehr unsicher. Wie mit dem Baby umgehen, wenn es zum Beispiel schreit oder nicht schläft..? Man weiß einfach noch so wenig. Was ist am Anfang wichtig?

Menschliche Babys kommen so unreif auf die Welt, dass sie ohne stabile und fürsorgliche Bezugspersonen, die so genannten Bindungspersonen, nicht überleben könnten. Ob füttern, wickeln, tragen, beruhigen – das Kind ist auf ein DU, auf Zuwendung und Bindung ausgerichtet. Eltern können deshalb grundsätzlich damit rechnen, dass ihr Kind sie lieben wird. Das Baby muss aber erst einmal mit sich selbst und seinem Körper zurechtkommen: saugen und Nahrung aufnehmen, ausscheiden, einen Tag-Nacht-Rhythmus oder den Übergang von Aktivität zur Ruhe finden. All das ist anstrengend und störungsanfällig.

Babys quengeln oder schreien deshalb und man weiß nicht immer gleich, woran es liegt. Natürlich sind frisch gebackene Eltern da anfangs unsicher. Kinder lieben es jedoch, wenn sie Halt gebend angefasst werden und viel Körperkontakt bekommen. Es tut ihnen gut, wenn man sie anschaut und anlacht, wenn Mama und Papa viel mit ihnen reden und sie in eine „Decke von Worten“ einhüllen.

Kann man sein Kind zu viel verwöhnen?

Die ersten 10 Monate kann man sein Kind nicht verwöhnen. Es fühlt sich sicher und geliebt, wenn man schnell auf seine Bedürfnisse reagiert und versucht, sich in es einzufühlen und ruhig und liebevoll mit ihm umgeht. Im ersten Lebensjahr entsteht so automatisch die Bindung, die Halt gibt.

Ohne Bindung könnte kein Mensch überleben. Die wichtigsten Bindungspersonen zu Beginn eines Lebens sind die Eltern. Worauf sollte man da achten?

Menschen bringen die angeborene Bereitschaft mit, sich ab der Geburt an die wichtigen Bezugspersonen zu binden. Bindung ist wichtig, um das Neugeborene bei Gefahr zu beschützen, es zu trösten und zu versorgen, da es aus eigener Kraft nicht überleben könnte. Das Kind lernt so im ersten Lebensjahr, wer diese wichtigen Personen sind, an denen es sich orientiert. Bei Gefahr, Müdigkeit und Krankheit, bei Trauer, Angst und Frustration sucht es deshalb deren Nähe.

Im ersten Lebensjahr bevorzugt das Baby meist eine Hauptbindungsperson – die Person, die am häufigsten und intensivsten anwesend ist und das Kind versorgt. In unserer Kultur ist das nach wie vor vor allem die Mutter, manchmal auch der Vater oder die Oma. Neben dieser Hauptbindungsperson kann sich das Kind aber auch noch an zwei bis drei weitere Personen binden, von denen es sich auch trösten lässt. Im ersten Lebensjahr sollten es aber nicht zu viele Personen sein.

Irgendwann fangen die Kinder zu fremdeln an. Was passiert da?

Etwa ab dem 8. Monat unterscheidet das kindliche Gehirn genau zwischen vertrauten und fremden Personen. Das Kind beginnt zu fremdeln und lässt sich nicht mehr von allen Personen trösten.

In der Kinderkrippe ist auf jeden Fall eine mehrwöchige Eingewöhnung notwendig, bis das Kind mit der verantwortlichen Erzieherin so vertraut ist, dass es sich ohne Angst von ihr versorgen lässt. Ab dem zweiten Lebensjahr nutzt das Kind seine verschiedenen Bindungspersonen stärker und freut sich, wenn es mehrere zur Verfügung hat.

Die Forschung zeigt, dass Männer und Frauen in gleicher Weise Bindungspersonen für das Kind sein können. Der Papa ist also auch eine wichtige Bindungsperson. Er muss aber für das Kind erkennbar in Erscheinung treten, es füttern, wickeln, trösten und natürlich mit ihm spielen.

Die erste Krise haben Eltern oft schon wenige Tage nach der Geburt, wenn sie mit ihrem Kind zuhause sind: Das Kleine schreit vielleicht recht oft und lässt sich scheinbar nur schwer trösten. Was raten Sie?

Das kann zunächst noch ganz normal sein. Eltern sollten sich bei der Betreuung des Kindes abwechseln. Sie sollten sich nicht zu sehr davon verunsichern lassen, wenn das Trösten nicht gleich gelingt. Hilfreich ist, sein Baby gut zu beobachten und zu schauen, wann es sich beruhigt. Wenn es lange schreit und auch über Tage hinweg nicht aufhört, ist es sinnvoll, sich nach Hilfe umzusehen. Das sind zunächst die Hebammen beim Hausbesuch, Kinderärzt*innen oder auch die Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Eltern. Reden und Austausch über die Situation kann sehr wichtig sein.

Ein Baby tut sich in der ersten Zeit noch schwer, nachts durchzuschlafen. Sollen Eltern es zu sich ins Bett nehmen?

Babys haben noch keinen sehr tiefen Schlaf, wachen zirka fünfmal nachts auf oder kommen nahezu in einen Wachzustand. Sie haben eventuell einfach auch Bedürfnisse: zum Beispiel gestillt werden wollen. Oder es melden sich die ersten Zähne. Oder sie sind unruhig wegen vieler neuer Eindrücke, zum Beispiel beim Krabbeln lernen. Viele Kinder beruhigen sich oft selbst wieder und schlafen weiter. Gelingt dies nicht, braucht das Kind die Bindungsperson.

Auch in der Nacht gilt: Die Eltern sollten möglichst viel Ruhe ausstrahlen und ihr Kind eher bei gedämmtem Licht versorgen, mit ruhiger Stimme und nicht zu viel reden. Zum Stillen kann das Baby gut ins Elternbett genommen werden. Fachleute raten aber aufgrund von Studien zum plötzlichen Kindstod eher davon ab, das Kleine direkt im Elternbett schlafen zu lassen. Grundsätzlich wird empfohlen, das Baby im Schlafzimmer der Eltern in einem eigenen Bettchen schlafen zu lassen, in bequemer Reichweite zum Elternbett. So kann man das Kind mit der Hand erreichen und beruhigen.

Wenn das Kind schon etwas älter ist, sind die Eltern neu gefordert. Wie gehen sie zum Beispiel am sinnvollsten mit Wutanfällen ihres Sprößlings um?

Wut und Frustration gehören zum Alltag eines Kleinkindes. Es will möglichst viel selber machen, die Welt erkunden, ganz viel ausprobieren, will schon alles können so wie die älteren Geschwister oder Mama und Papa. Es will das gleiche Spielzeug wie das andere Kind, seinen Platz in der Schaukel verteidigen, seine Zähne nicht putzen, sondern spielen. Oder es hat andere Ideen als seine Eltern. Gleichzeitig kann es noch nicht so gut reden, vorausschauend denken, Konflikte alleine lösen und sich nicht so gut selbst beruhigen.

Das Kind braucht deshalb Eltern, die sich von seiner Wut nicht anstecken lassen und ihre eigenen Gefühle reflektieren, bevor sie auf das Kind reagieren. Wie zum Beispiel geht man damit um, wenn das Kind länger aufbleiben und weiterspielen will? Was gut hilft, ist, wenn sich die Eltern in ihr Kind einfühlen: Was will es und warum? Und das Kind wissen lassen: „Ich weiß, du würdest jetzt so gerne noch länger spielen und es ist nicht leicht für dich, dass jetzt Bettgehzeit ist …“ Dasselbe gilt für das Gefühl des Kindes: „…und deshalb bist du jetzt ärgerlich und enttäuscht.“ Eltern sollten sich bewusst machen, dass viele Dinge im Leben durch äußere Notwendigkeiten sinnvoll begrenzt sind: Der Tag hat zum Beispiel nur 24 Stunden. Kinder brauchen viel Schlaf. Am nächsten Tag ist wieder Schule oder Kindergarten etc. Das kann es manchmal leichter machen, den Ärger des Kindes nicht so persönlich zu nehmen.

Wenn man das Kind körperlich aus einer Situation herausnimmt (bei einem Kind bis zum Kindergartenalter geht das noch gut), sollte man dabei besonders ruhig und stabil sein, um eine weitere Eskalation zu vermeiden. Kinder spüren, ob sich Eltern in bestimmten Situationen wie beim Einkaufen, im Bus oder bei Oma und Opa schwerer tun, Grenzen zu setzen. Kinder probieren dann aus, ob sie nicht mehr bestimmen können. Auch hier gilt: möglichst ruhig bleiben und sich innerlich beruhigende Sätze sagen wie „Auch wenn es alle sehen, tut es meinem Kind jetzt nicht gut, wenn es sich mit seiner Wut durchsetzt. Es braucht meine Hilfe bei der Beruhigung. Was die anderen denken, ist jetzt nicht so wichtig…“

Je älter ein Kind wird, umso mehr geht es nach außen: in die Krippe, den Kindergarten, die Schule. Wie wirken sich diese Gemeinschaftseinrichtungen auf die Entwicklung von Kindern aus?

Unsere Kinder haben damit noch weitere Erziehungs- und Lerninstanzen. Diese stellen wichtige Entwicklungsorte dar, in denen sie andere Kinder und Erwachsene kennen lernen, sich ausprobieren können, wichtige Ideen mitbekommen und manches Mal auch schlechte Erfahrungen machen müssen, kurzum: Sie stellen das Leben für ein Kind dar, das ja nicht nur aus der Familie besteht. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: „Man braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.“ Es geht dabei nicht immer um Erziehung, sondern um neue und weitere (Er-)Lebensräume für das Kind. Die Familie ist der Ort, wo es sich wieder erholen und verstanden fühlen kann, wo es einen sicheren Hafen hat, wenn es sich orientieren muss. Khalil Gibran, ein türkischer Philosoph, sagt dazu: „Du kannst deinen Kindern deine Liebe geben, nicht aber deine Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken.“ Und die finden sie außerhalb der Familie.

Eltern-Sein lernt man vorher nicht. Wie kann ich darauf vertrauen, dass ich diese Aufgabe trotzdem gut bewältige?

Erwachsene können das in der Regel gut intuitiv – ihr Kind versorgen, es beruhigen, mit ihm reden. Eltern sollten deshalb keine Angst haben, sondern mit Freude und Liebe in die Beziehung zu ihrem Kind gehen. Wenn ich als Mutter oder Vater etwas nicht weiß, gibt es inzwischen hervorragende Informationen der Familienministerien oder der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Und es gibt gute Beratungsstellen.

Was ist, neben einer stabilen Bindung, noch wichtig, damit Erziehung gelingt?

Die Bindungen und Beziehungen sind für das Kind sozusagen der „Urgrund“, auf dem es steht. Es hofft unbewusst, dass es sich um die Erwachsenen keine so großen Gedanken oder gar Sorgen machen muss. Aus der kindlichen Neugier entwickelt sich dann alles weitere: lernen, Grenzen austesten, Freundschaften knüpfen, Kompetenzen erwerben, Spaß haben… Eltern sind in ihrer Lebensführung, mit ihren Interessen und Gefühlen ein wichtiges Vorbild. Indem sie die Fähigkeiten und Anlagen ihres Kindes fördern, viel gemeinsam mit ihm unternehmen und es auch herausfordern, bringen sie seine Entwicklung voran.

Entwicklungsstudien belegen, dass der Einfluss der Familie auf den Bildungserfolg eines Kindes doppelt so groß ist wie alle anderen pädagogischen Einflüsse außerhalb der Familie. Erziehung, also Erfolg haben, dass das Kind sich ungefähr an den Werten der Eltern orientiert, gelingt eher, wenn die Beziehung zwischen Eltern und Kind stabil, freundlich und wertschätzend ist. Eltern sind als die Erwachsenen in der Verantwortung, immer wieder darüber nachzusinnen und zu versuchen, dies möglich zu machen.

Erziehung ist am ehesten dann gelungen, wenn Eltern und Kinder gern ein Leben lang entspannt und ohne Forderungen in Kontakt bleiben. Wenn das Kind seinen eigenen Weg gefunden und Verantwortung für sein Leben übernommen hat. Wenn das Kind nicht all das gemacht hat, was sich die Eltern gewünscht haben. Bindungen sollen eine gesunde Selbstständigkeit unterstützen und sind kein Selbstzweck für die Wünsche Erwachsener.

 

Dr. Hermann Scheuerer-Englisch

Diplom-Psychologe, Familientherapeut, selbst Vater von zwei Kindern, leitet eine Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern in Regensburg

 

 

 

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