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Praktikum im Kreißsaal:
Als Hebamme brauchst du Zeit, Geduld und Empathie.

Unsere Autorin Kristin hat den innigen Wunsch, Hebamme zu werden. Hier lässt sie uns an ihren Eindrücken aus einem Praktikum im Kreißsaal teilhaben.

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von Kristin Frauenhoffer

Foto von Christian Bowen auf Unsplash

Im Dezember 2023 wurde das Hebammenwesen zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt. Die Aufnahme in die UNESCO-Liste würdigt die herausragende Stellung des Hebammenwesens als wichtigen Teil der menschlichen Kultur und Tradition. Damit wird dem Beruf der Hebamme die Bedeutung zugemessen, die er verdient. Denn es ist paradox: Einerseits sind Hebammen in der Gesellschaft hochgeachtet, andererseits sind ihre Arbeitsbedingungen immer noch eher schwierig, weshalb großer Mangel herrscht. Wer Hebamme sein möchte, braucht immer noch eine gehörige Portion Idealismus.

Idealistisch, wie ich bin, begeistere ich mich schon seit einiger Zeit für dieses Berufsfeld und möchte gern eine Ausbildung zur Hebamme machen. Das ist seit kurzem in einem Bachelorstudium möglich. Damit ich mir aber ein klares und vor allem realistisches Bild der Aufgaben einer Hebamme machen kann, habe ich vor kurzem ein 10-tägiges Praktikum im Kreißsaal eines großen Krankenhauses absolviert. Meine Erfahrungen möchte ich hier gern schildern.

 

Routiniert und professionell

Mein erster Tag im Kreißsaal. Ich bin gespannt.

Pünktlich um 7 Uhr 30 werfe ich mich in die zartrosa Kleidung, die die Hebammen hier tragen und stehe etwas nervös am so genannten Stützpunkt herum – ein Art Infopunkt direkt am Eingang des Kreißsaal-Traktes. Die erste Besprechung und Übergabe des Nachtdienstes an den Tagdienst stehen an. Diese Übergaben erfolgen immer beim Schichtwechsel und sind essenziell. Hier erfahren die neu eingetroffenen Hebammen alles über die Patientinnen, die aktuell da sind, geboren haben oder die später kommen. Alles läuft routiniert und professionell ab. Die ganzen Abkürzungen, die mir um die Ohren fliegen, verstehe ich nicht ansatzweise. Später löchere ich die Hebamme, bei der ich mitlaufe, mit all meinen Fragen.

Ich hefte mich an die Sohlen einer der Hebammen und erlebe acht Stunden ihres Arbeitstags. Das ist nur ein Ausschnitt, denn eine Schicht dauert üblicherweise zwölf Stunden. Doch es ist genügend Zeit, um mir einen umfassenden Eindruck zu verschaffen. Die Klinik, in der ich bin, hat insgesamt sieben Kreißsäle, was sehr viel ist. Entsprechend geschäftig ist es dort. Täglich werden hier bis zu zehn Kinder geboren. Am Ende meines Praktikums werde ich sechs spontane Geburten und drei Kaiserschnitte miterlebt haben.

 

Ein vielseitiger Beruf mit viel Verantwortung

Als Praktikantin stehe ich vor allem viel dabei und schaue zu, aber ich kann auch selbst Hand anlegen und bekomme so das Gefühl, helfen zu können. Außerdem erfahre ich, wie vielseitig der Hebammenberuf ist. Ich darf zum Beispiel das CTG-Gerät zum Messen der Herztöne des Babys bedienen und bei den Frauen den Blutdruck messen. Ich öffne Päckchen mit Spritzen und Kompressen steril. Das bedeutet, dass man die Plastikverpackung so öffnet, dass der Inhalt auf ein steriles Tuch fällt – man darf ihn nicht berühren. Am Anfang bin ich noch etwas unbeholfen, aber nach und nach werde ich immer routinierter. Die Abläufe in einem Krankenhaus sind perfekt abgestimmt und das gefällt mir.

Ich bin auch in der Schwangeren-Ambulanz dabei, in der Frauen betreut werden, die zur Kontrolle kommen oder weil sie Probleme haben. Die Hebammen machen hier die „Vorarbeit“ für den untersuchenden Arzt: CTG schreiben, Blutdruck messen, Anamnese. An einem Tag begleite ich eine Hebamme auf die Wochenbett-Station, wo wir die Frauen besuchen, die am Tag zuvor geboren haben. Es ist toll, die Frauen wieder zu treffen, bei deren Entbindung ich dabei war. Es tut gut, die entspannten und glücklichen Gesichter nach all der Qual zu sehen.

 

Die Geburt, das „Hauptgeschäft“ einer Hebamme

Was mir am besten gefällt, ist, Geburten direkt zu begleiten – das „Hauptgeschäft“ einer Hebamme von jeher. Die erste Geburt zu erleben, war ein wirklich beeindruckendes Erlebnis. Es ist für mich immer wieder unvorstellbar, wie ein Baby durch eine so schmale Öffnung geboren werden kann. Das kann man nur als Wunder bezeichnen. Jede Geburt, die ich miterleben durfte, war ein emotionales Erlebnis und nicht selten musste ich mit den Tränen kämpfen, wenn ich die frischgebackenen Eltern mit ihrem Baby sah. Die Erleichterung und dieses Glück zu spüren, ist einfach unglaublich.

Die Arbeit einer Hebamme ist hier so wertvoll; das ist mir während des Praktikums wieder bewusst geworden. Sie begleitet die Frau, tröstet sie, spricht ihr Mut zu und bestärkt sie. Die Frauen befinden sich im Ausnahmezustand. Sie sind verletzlich und verlieren die Kontrolle. Das alles muss eine Hebamme mit empathischer und persönlicher Begleitung auffangen. Deshalb ist der Beruf meiner Ansicht nach in erster Linie ein sozialer und erst dann ein medizinischer.

 

„Es braucht Zeit, Geduld und den Blick für die werdende Mama.“

Auf meine Frage, welche drei Dinge im Hebammenberuf am wichtigsten seien, antwortet mir eine der Hebammen: „Zeit, Geduld und den Blick für die werdende Mama nicht verlieren.“ Zeit, weil eine Geburt lange dauert. Zwar ist das sehr individuell, aber im Schnitt muss man sich als Erstgebärende auf mindestens zwölf Stunden einstellen. Geduld scheint mir fast die wichtigste Eigenschaft zu sein und hängt viel mit der Dauer einer Geburt zusammen. Man muss fähig sein, das Nichtstun auszuhalten und geduldig zu warten, bis sich der Muttermund öffnet und sich der Körper für die eigentliche Geburt bereit macht.

Da Krankenhäuser wirtschaftlich arbeiten (müssen), wird hier immer wieder versucht, mit Medikamenten künstlich einzugreifen und Geburten zu beschleunigen. An einer Geburt, bei der der Kreißsaal zwölf Stunden belegt ist, ist nicht viel verdient. Meiner Meinung nach ist das besorgniserregend. Jede Frau sollte das Recht auf eine selbstbestimmte Geburt haben. Und das ist es auch, was mit dem dritten Punkt gemeint ist. Frauen wissen oft instinktiv, was ihnen guttut – gerade unter der Geburt. Hebammen sollten in der Lage sein, die Frauen zu stärken und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie die Kraft haben, dieses Extremerlebnis zu überstehen.

 

Auch Notfälle gehören dazu

Im Praktikum hat mich begeistert, mit welcher Hingabe die Hebammen ihren Beruf ausüben. Wie sie empathisch und gleichzeitig professionell sein können und auch in Notfällen ruhig und überlegt reagieren. Während meiner Zeit in der Klinik gab es zwei dieser „Notfälle“. Es waren eher weniger medizinische als örtliche Notfälle. Eine Frau bekam ihr Kind im angrenzenden Parkhaus, weil sie es nicht mehr schnell genug in den Kreißsaal geschafft hatte. Und eine andere hätte ihr Baby fast im Fahrstuhl entbunden … Zum Glück war sofort eine Hebamme zur Stelle und half dem Baby im Kreißsaal auf die Welt.

Als Fazit kann ich festhalten, dass der Beruf einer Hebamme einer der wichtigsten und faszinierendsten unserer Gesellschaft ist. Es ist ein Beruf mit einer jahrhundertealten Tradition, ohne den wir als Menschheit vermutlich nicht überlebt hätten. Nicht umsonst werden Hebammen im Französischen als „sages femmes“ – weise Frauen – bezeichnet. Für mich ist die Aufnahme des Hebammenwesens in die UNESCO-Liste absolut gerechtfertigt. Ich hoffe, das wird zum Anlass genommen, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Mich hat das Praktikum in meinem Berufswunsch jedenfalls bestärkt. Eine weise Frau zu werden, würde mir gefallen.

 

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