Wie wir kommunizieren, bestimmt die Qualität unserer Beziehungen und die Qualität unseres Lebens. Aktiv zuhören und sein Gegenüber ernstnehmen - das ist gar nicht so schwer.

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von Franz Schindlbeck

„Du, was wäre ich ohne dich?“* Dieser Satz hat mich elektrisiert. Denke ich länger darüber nach, muss ich zugeben, ich wüsste es nicht. Wenn ich mir vorstelle, niemand hätte mir bisher in meinem Leben eine Rückmeldung gegeben, wie er mich erlebt oder sieht… Weder im Kindergarten noch in der Schule, weder in Ausbildung noch Studium… Kein Feedback von Kolleg*innen, Freund*innen, Partner*innen, was sie an mir schätzen oder nicht ausstehen können… Wie wäre da mein Selbstbild, mein Selbstwertgefühl? Was wüsste ich über meine Eigenschaften? Nichts.

Kaum ein Mensch kann auf Dauer völlig alleine und aus sich heraus existieren, ohne verrückt zu werden. Wir brauchen die anderen, die Auseinandersetzung im täglichen Leben mit ihnen. Das kann uns viel über uns selber und unsere Bedürfnisse verraten, wenn wir bewusst wahrnehmen und uns selbst reflektieren.

 

Wenn sich an Kaffeetassen ein Konflikt entzündet, steckt meist etwas anderes dahinter.

Ein Beispiel: In einem Teamtraining beschwert sich eine Kollegin, sie sei die Einzige, die in dem zwölfköpfigen Team die gemeinsame Teeküche aufräume, Kaffeepulver organisiere, den Müll rausbringe, abends die stehengelassenen Tassen einsammle und abspüle, weil man sonst am nächsten Morgen keine sauberen hätte. Ihre Bitten und Forderungen nach Unterstützung würden nicht ernst genommen, die Spül- und Organisationsregeln nicht eingehalten. „Ich werde dann ärgerlich und wütend, fühle mich ohnmächtig und traurig.“

Als wir die Bedürfnisse, die hinter diesen Gefühlen liegen, untersuchen, äußert die Kollegin zunächst das Bedürfnis nach Ordnung. Und weiter, fügt sie hinzu, wünsche sie sich einfach mehr Unterstützung. Auf die Frage, was denn wäre, wenn die Kollegen die Putzpläne einhalten und ihr Bedürfnis nach Unterstützung erfüllen würden, antwortet sie leise: „Dann würde ich merken, dass ich meinen Teamkollegen wichtig bin.“ Tränen steigen ihr in die Augen, es wird still im Raum. Allen wird klar, worum es eigentlich geht.

 

Gefühle wie Zorn, Wut, Ärger sind wie das rote Lämpchen im Auto, das anzeigt, dass etwas nicht stimmt.

Unsere Gefühle geben unter anderem Hinweise auf dahinterliegende Bedürfnisse – wie das rote Lämpchen im Auto, das den Ölmangel im Motor anzeigt und vor einem Kolbenfresser warnt. Nehmen wir unsere Gefühle bewusst wahr, können wir die Bedürfnisse, die dahinterstecken, erkennen und unser Handeln daraufhin ausrichten. Tun wir das nicht, bleiben die eigentlichen Bedürfnisse oft unklar.

 

4 Tipps für bessere Kommunikation, für bessere Beziehungen

Wie hätte die Kollegin, anstatt zu schimpfen und zu nörgeln, konstruktiv vorgehen können?
1. Den Sachverhalt klar beschreiben (nicht bewerten!), dass „…fast alle im Team ihre Tassen in den Büros herumstehen lassen und weder die Kaffeemaschine putzen noch den Müll rausbringen“.
2. Darlegen, welche Konsequenzen das für sie hat, nämlich „…zusätzliche Arbeit, jeden Abend 20 Minuten extra, damit am nächsten Morgen Kaffee und Tassen verfügbar sind“.
3. Ihre Gefühle und Bedürfnisse ansprechen, dass „…ich mich ärgere und enttäuscht bin, weil mich niemand aus dem Team unterstützt und ich mich im Hinblick auf mein Engagement fürs Team weder beachtet noch gewürdigt fühle“.
4. Die Kolleg*innen konkret bitten, dass sie „…mithelfen, sich an die Putzpläne halten und auch einmal Danke sagen“.

Die Wahrscheinlichkeit, das zu bekommen, was man sich wünscht, würde enorm steigen. Stattdessen gab es als Unterstützung nur einen allgemeinen Appell des Teamleiters ans ganze Team: „Sie sind doch alle erwachsene Menschen und da dürfte doch so etwas kein Problem sein…“ Wie hätte der eine oder andere Kollege im Team reagiert, hätte er gemerkt, die „Kümmerin“ im Team ist unzufrieden und enttäuscht?

 

Ein wichtiger Türöffner: aktiv zuhören!

Anstatt sich rasch wieder mit der vollen Kaffeetasse aus der spannungsgeladenen Situation in der Teeküche zurückzuziehen, sich zehn Minuten Zeit nehmen, den Kaffee mit der Kollegin zusammen trinken und ihr zuzuhören. Keine Kommentare abgeben, keine Erklärungen oder Rechtfertigungen, sondern einfach nur zuhören – aktiv zuhören. Das heißt, dabei auf die Gefühle der Kollegin achten, diese „nach“spüren und versuchen zu benennen: „Wenn ich dich richtig verstehe, bist du eigentlich eher enttäuscht und traurig, weil hier alle so tun, als würde sie das nichts angehen… Und niemand nimmt wirklich wahr, dass dir das Team wichtig ist,oder?“ … „Ja, genau…“

Entscheidend beim aktiven Zuhören ist, dass sich der andere von uns verstanden fühlt. Die Leitlinie für aktives Zuhören ist: „Ich will das Problem mit deinen Augen sehen und fühlen.“ So entsteht echte Verbindung zwischen zwei Menschen und nicht durch Erklärungen. Die Kollegin fühlt sich nicht mehr so alleine im Team und kann auch auf die übrigen Teammitglieder wieder anders zugehen.

 

Du, was wäre ich ohne dich?*

Was fürs Team gilt, trifft auch für Paarbeziehungen, die Beziehung zwischen Eltern und Kindern oder Freundschaften zu. Kommunikationsregeln sind universell.
Wir brauchen die anderen und die Auseinandersetzung mit ihnen. Die Art und Weise, wie wir kommunizieren, bestimmt die Qualität unserer Beziehungen. Und die Qualität unserer Beziehungen bestimmt enorm die Qualität unseres Lebens.
Du, was wäre ich ohne dich?

 

Literatur für Interessierte:

Friedemann Schulz von Thun: „Miteinander reden – Band 1“
Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation

*Isolde Hilt

 

 

Franz Schindlbeck

Foto: Isolde Hilt

Kommunikationstrainer

Schwerpunkte:

Rhetorik und Präsentation • Gesprächsführung • Teamtraining • Konflikt- und Klärungshilfe • Business-Coaching • Work-Life-Balance

 

 

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