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Renate Ottos große Leidenschaft ist die Vespa. In ihrem Alter dürfte sie so ziemlich die Einzige sein, die auch noch weite Strecken ohne weiteres mit ihrem geliebten Motorroller zurücklegt.

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Interview: Isolde Hilt

Seit 1963 hat sie den Führerschein für Auto und Motorrad. Den ersten Roller, eine Bella von Zündap, kaufte sie gleich danach. Ihr erster Mann weckte ihre Liebe zu dem kultigen, italienischen Motorroller. „1980 kaufte er mir die erste Vespa mit 50ccm“, erzählt Renate Otto, die in diesem Jahr ihren 77. Geburtstag feiert. Sie fuhr damit durch Hamburg, ihre vier Jahre alte Tochter im Kindersitz mit Skihelm auf dem Kopf hinten drauf. Die Leidenschaft war geweckt. 1985 kaufte sie sich eine Vespa 200 PX, trat in den Hamburger Vespaclub ein und fuhr ab da zu Vespatreffen europaweit. Ihr Beruf als Kinderkrankenschwester kam ihr dabei sehr entgegen: sieben Nächte Dienst, sieben Nächte frei. Alle zwei Wochenenden, erinnert sich Renate Otto, konnte sie in der Saison auf Treffen fahren. Ihr Mann war früh gestorben, ihre beiden älteren Kinder waren aus dem Haus und die Jüngste fuhr noch zwei Jahre mit. Es muss ein unbändiges Gefühl von Freiheit sein, das sie heute noch auf ihrer geliebten Vespa auch weitere Strecken zurücklegen lässt. Bedenken, Furcht, als Frau allein? Bei der flotten Hamburgerin kein Thema.

 

Sie sind begeisterte Vespa-Fahrerin. Was ist es, was Sie so fasziniert? Gibt es ein spezielles Vespa-Feeling, von dem nur Eingeweihte wissen, was es ausmacht?

Mit der Vespa kommt man überall hin, auch über Feldwege. Wir Vespafahrer bilden eine große Familie wie andere Menschen mit einem Hobby auch. Die Vespa ist leicht zu handhaben. Man kann auch als Frau vieles selber machen, zum Beispiel Kerze und Öl wechseln. Die Vespa ist ein gutes Stadtfahrzeug, man bekommt überall einen Parkplatz. Als Frau kann man im Sommer im Rock und mit Stöckelschuhen fahren. Früher brauchte man nicht einmal einen Helm, was der Frisur sehr entgegenkam. Die Männer konnten im Anzug ins Büro fahren. Das machte die Vespa sehr schnell populär, besonders in den Großstädten. Es gab auch andere Roller, aber keiner war so beliebt wie die italienische Vespa. Und im Gegensatz zu den anderen gibt es sie auch im Jahre 2019 noch mit fast der gleichen Form wie die erste von 1946.

Was macht diesen Roller so besonders?

Es ist so etwas wie ein Kult. Anfang der 50-er Jahre war die Vespa das „Auto“ des kleinen Mannes und machte Urlaubsreisen nach Italien möglich. Heute ist sie oft Zweitfahrzeug und in Städten immer noch sehr beliebt.
Für Sammler gibt es nicht nur Roller, sondern auch viele andere Vespa-Artikel zu erwerben – unter anderem ein Grund, auf Treffen zu fahren. Es  gibt Dosen, Schmuck, Anstecker, Figuren, Modelle, Clubbänder, Plaketten und vieles mehr.

Lassen sich die Leute, die eine Vespa fahren, charakterisieren?

Vespafahrer sind wetterfest, technikbegeistert, gesellig und reisen gern auf zwei Rädern. Mit zwei Jahren fangen Sie auf einem Vespa-Dreirad an und mit circa 80 fallen sie dann endgültig herunter.

Wie viele Clubs gibt es inzwischen?

Die ersten Clubs entstanden Ende der 40-er Jahre in der Schweiz und Deutschland. Bei uns gibt es ca. 150 Clubs, die im vcvd.vespaclub von Deutschland zusammengefasst sind.

Was ist das Außergewöhnliche an diesen Treffen? Was macht man da?

Auf den Vespa-Treffen steht die Geselligkeit an erster Stelle. Dann gibt es“Benzingespräche“, Ausfahrten in die Umgebung, Geschicklichkeitsturniere und Trail im Gelände.

Bei wie vielen Treffen waren Sie schon dabei und in welchen Ländern?

Ich war auf vielen, vielen Treffen in insgesamt 16 europäischen Ländern.
Fünf Jahre hintereinander bin ich nach Sizilien gefahren, einmal von Hamburg aus den ganzen Stiefel hinunter. Das waren meine schönsten Reisen und Erlebnisse. Dort habe ich mit 24 anderen Deutschen an der Vespa Raid Triamare teilgenommen. Sechs Tage rund um Sizilien.

Sie lernen sicher sehr viele nette Menschen kennen. Wie verändert das einen selber?

Durch die Rollerreisen habe ich wirklich viele nette Menschen kennengelernt, die mir viel Zuneigung – trotz Sprachbarrieren – entgegengebracht haben. Auch wenn ich anfangs meist in einer Gruppe gefahren bin, habe ich gelernt, wie ich gut allein zurechtkomme und meinen Weg finde. Trotzdem fahre ich lieber zu zweit oder zu dritt. Ich bin eben ein geselliger Mensch, ich schraube gerne und Menschen mit Sprachkenntnissen sind auch nicht zu verachten.

Sie gehören nicht zu den Sonnenscheinfahrerinnen, sondern sind bei jedem Wetter unterwegs. In diesem Jahr war das Treffen in Ungarn und Sie sind die ganze Strecke von Hamburg aus da runtergefahren. Machen das noch viele?

Ich glaube nicht, dass es viele Frauen gibt, die 600 Kilometer am Tag fahren, bei einem Freund übernachten und am nächsten Tag ins nächste europäische Land fahren. Ich kenne keine in meinem Alter.

Man braucht als Frau sicher noch einmal besonders Mut, wenn man sich alleine auf die Reise macht, oder?

Im Gegensatz zu meinem neuen Ehemann bin ich angstfrei und mutig genug, auch noch weitere Reisen zu machen.

Was sagt Ihr Mann zu Ihrer Leidenschaft? Macht er sich nicht manchmal Sorgen um Sie?

Mein Mann macht sich immer Sorgen, wenn ich unterwegs bin. Zumal ich schon drei schwere und mehrere kleine Unfälle hatte. Sind eben nur zwei Räder!

 

 

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