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Zwei junge Deutsche in Spanien möchten die ökologische Landwirtschaft wieder beleben: „Immer mehr ältere Landwirte kommen auf uns zu und bieten uns ihre Oliven- und Mandelhaine an.“

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Interview: Isolde Hilt

Das ist die Geschichte von Veronika und Julien. Die junge Frau kommt ursprünglich aus Regensburg, der junge Mann aus Köln. Beide haben an der Hochschule Anhalt Naturschutz und Landschaftsplanung studiert und dort ihren Abschluss gemacht. Heute leben sie mit ihrer Tochter, ihrer Hündin und sechs Hühnerdamen in einem kleinen Bergdorf in Spanien – in der Region Castellón zwischen Barcelona und Valencia. In Kürze werden sie zum zweiten Mal Eltern. Was Veronika und Julien im Süden Europas gerade wiederbeleben, trägt den Namen „Fincas reanimadas“. Die zwei wollen mit ökologischer Landwirtschaft die spanische Kulturlandschaft erhalten.

Der Start ist gut gelungen. Wie sie diese Herkulesaufgabe in Zukunft bewältigen wollen, erzählen sie in diesem Gespräch. Auch, wie man an Mandeln oder Olivenöl vom eigenen Baum gelangt …

Neue Wege eröffnen sich meist dann, wenn man die üblichen nicht gehen will. Den klassischen Start ins Berufsleben – als Landschaftsplaner*in 40 Stunden im Büro verbringen – konnten sich weder Veronika noch Julien vorstellen. Sie hielten nach Alternativen Ausschau – nicht nur in Deutschland, sondern auch in Spanien. „Hier sahen wir das meiste Potenzial, unser erlerntes Wissen anzuwenden.“ Was sie hier genau einmal machen könnten, wussten sie nicht gleich, zogen aber schon einmal im Februar 2018 mit ihrer Tochter nach Spanien. „Es war eine Entscheidung für den Ort und nicht für einen Job.“

 

Neustart in Spanien

Veronika macht ihr Hobby, das Schreiben, zum Beruf, startet als Texterin und beginnt nebenbei ein Fernstudium in Journalismus. Julien arbeitet zunächst an der örtlichen Schule in der Umweltbildung. Im Gespräch vor allem mit älteren Dorfbewohner*innen findet er bald heraus, dass ländliche Regionen auch in Spanien unter Landflucht leiden. Die Gegend, in der die junge Familie lebt, ist von kleinparzelliger Landschaft geprägt, die seit vielen Jahrhunderten landwirtschaftlich genutzt wird. So ist eine wertvolle Kulturlandschaft aus Mandel- und Olivenhainen gewachsen, die langsam verloren zu gehen droht. Es lohne sich für Nachwuchslandwirte nicht, schwieriges, terrassiertes Terrain zu bearbeiten, so das Fazit der Einheimischen.

Die Idee zu fincas reanimadas nimmt Gestalt an.

Sich nicht den Regeln und Preisen von Großabnehmern unterwerfen, sondern eine Direktvermarktung aufbauen, die den realen Preis der Erzeugnisse widerspiegelt … In Julien und Veronika reift die Idee, es mit ökologischer Landwirtschaft zu versuchen. „fincas reanimadas“ nimmt Gestalt an. „Zu Beginn bemühten wir uns um Länder, die schon länger brachlagen und deren Bäume durch die ausbleibende Pflege drohten, kaputtzugehen“, berichtet Veronika. Das junge Paar schließt erste Pachtverträge mit den Eigentümern ab – nicht ohne erst einmal auf Skepsis zu stoßen: Diese Länder ohne Pestizide und synthetischen Dünger, rein ökologisch und mit Ausrichtung auf eine große Artenvielfalt bewirtschaften? „Mittlerweile kommen immer mehr ältere Landwirte auf uns zu und bieten ihre Oliven- oder Mandelhaine an. Sie registrieren auch, dass der Ertrag trotzdem gut ist.“

„fincas reanimadas • mit ökologischer Landwirtschaft spanische Kulturlandschaft erhalten“: Das klingt nach einer Bewegung. Entdecken mehr junge Leute darin ihre Zukunft? Es gibt viele ähnliche Projekte in Spanien; in der Region, in der sich Veronika und Julien niedergelassen haben, sind sie die Einzigen. Ihre Herkunft und nach wie vor engen Bindungen nach Deutschland könnten dauerhaft die Lösung sein, mit ökologischer Landwirtschaft erfolgreich zu wirtschaften:

„Die Mittelmeerregionen sind gesättigt mit Mandeln, Olivenöl und Johannisbrot. Für die Landwirte vor Ort bleibt meist nur die Abgabe großer Mengen ihrer landwirtschaftlichen Erzeugnisse an große Kooperativen – zu sehr niedrigen Preisen. Daher werden kleinparzellige und terrassierte Landstriche unrentabel. Ohne Kontakte in entferntere Regionen oder Länder zur Direktvermarktung ist ein alternatives Wirtschaften für die Menschen vor Ort schwierig. Wir haben durch unsere Herkunft die Möglichkeit, hochwertige Erzeugnisse zu realen Preisen nach Deutschland zu vermarkten.“ Die beiden jungen Deutschen wollen dieses Potenzial nutzen und hoffen, dass sich ihr Vorhaben auf diese Weise wirtschaftlich trägt. „Und es wäre großartig, wenn die Nachfrage groß genug ist und wir dadurch in Zukunft lokale Landwirte mit ins Boot holen könnten, die ihre Länder dann auch ökologisch bewirtschaften.“

 

Die Arbeitskraft und der Erhalt der Haine sind der Preis der Pacht.

Die Länder von fincas reanimadas sind gepachtet. Die Arbeitskraft und der Erhalt der Haine sind der Preis der Pacht, die Erzeugnisse der Lohn für Julien und Veronika. Inzwischen bewirtschaften sie 16 Länder, die zwischen 5 und 20 Minuten von dem Dorf entfernt liegen, in dem die junge Familie wohnt. Manche Areale sind nur wenige 100 Quadratmeter groß, einige bis zu eineinhalb Hektar.

Nicht zuletzt aufgrund ihres Studiums steht für beide fest, dass nur ökologisches Bewirtschaften in Frage kommt. „Es ist die einzige Möglichkeit, die für uns mit all dem Wissen über die Zusammenhänge im Naturhaushalt in Frage kommt. Es geht vor allem auch auf lange Sicht nur mit der Natur.“ Weg von der Masse, hin zu Qualität, lautet Veronicas und Juliens Ziel. Die konventionellen Landwirte hielten ihre Böden vollständig frei von Aufwuchs, entweder durch den Einsatz von Herbiziden oder durch den Schwergrubber und anschließendes Walzen der kahlen Erde. Das Ziel sei vor allem eine maximale Effizienz bei der Ernte. Es werde gewartet, bis die Oliven vom Baum fallen, um sie anschließend mit großen Stachelwalzen aufzupicken und zum Kilopreis zu verkaufen. Auf diese Weise könne ein einzelner Landwirt viel mehr Fläche bewirtschaften.

Das junge Paar vertraut fest darauf, dass es auch anders geht: „Wir wollen gesunden Mutterboden aufbauen und nicht den vorhandenen Boden verbrauchen. Wir wollen die Erosion aufhalten und die Wasserretention erhöhen. Uns ist eine maximale Artenvielfalt auf unseren Flächen wichtig – für die Gesundheit der Bäume und einen widerstandsfähigen Naturhaushalt.“ Zweimal im Jahr sind die Wiesen zu mähen, die Flächen zu mulchen und mit Kompost und Mist zu düngen. Auf diesen Flächen, so erklären Julien und Veronika, funktioniere die konventionelle Methode nicht, sie könnten daher viel weniger Flächen bewirtschaften. Die Oliven schütteln sie, genau zum optimalen Reifezeitraum, von den Bäumen auf darunter liegende Netze. Viel mehr Handarbeit und ein genaues Timing seien gefragt, doch die Mühen lohnten sich: „Die Qualität unseres Öls hebt sich dadurch deutlich von der Masse ab. Unser Öl ist frisch, kräftig und gesundheitsfördernd.“

 

Die Ernte: Oliven, Mandeln und Johannisbrot

Das Frühjahr ist die Zeit der Baumpflege. Im August beginnt die Ernte. Als erste sind die  schwarzen Schoten der Johannisbrotbäume an der Reihe. Direkt darauf folgen die Mandel- und im Anschluss bis Dezember die Olivenernte. Nebenbei fallen das ganze Jahr über Versand, Buchhaltung und Vermarktung an.

Ökologische Landwirtschaft kann nicht genug Unterstützung brauchen. Veronika und Julien organisieren gerade ihre erste Exkursion für Naturschutzstudierende aus Deutschland, die die besondere Flora und Fauna in der Region und auch die ökologische Landwirtschaft kennenlernen möchten. Die beiden sind im Austausch mit ähnlichen Projekten in Deutschland, aber auch in anderen Teilen Europas.

Auch „Urlaub gegen Hand“ ist bei fincas reanimadas möglich. Allerdings muss man gegenwärtig erst abwarten, ob und wie sich Möglichkeiten der Begegnung und des Kennenlernens in Zeiten von Corona verwirklichen lassen.

 

So kann fincas reanimadas besser abgesichert werden

Auch wenn der Start gut gelungen ist, kann ein landwirtschaftlicher Betrieb nie sicher sein, wie seine Ernte ausfallen wird. Aus diesem Grund haben Veronika und Julien eine Finanzierungs-Initiative gestartet, die auf großes Wohlwollen stößt: Bei fincas reanimadas kann man ab sofort Baumpatenschaften abschließen. Wer diese Form der ökologischen Landwirtschaft unterstützen möchte, übernimmt die Patenschaft für einen Oliven- oder Mandelbaum und erhält als Dankeschön für seine Unterstützung 5 Kilo Mandeln oder 5 Liter Olivenöl pro Jahr. Auch als Geschenk eignet sich solch eine Patenschaft sehr gut. „Solange noch Erzeugnisse der letzten Ernte vorhanden sind, versenden wir sie sofort nach Abschluss einer Patenschaft. Ist alles schon weg, versenden wir den Ertrag direkt nach der nächsten Ernte“, erklärt Veronika den Vorgang. Olivenöl ist im Moment noch zu haben. Die Dauer einer Patenschaft bestimmt jede*r selbst. 200 Patenschaften pro Jahr wären eine gute Grundlage, um das junge Unternehmen langfristig zu sichern.

Julien und Veronika möchten auch deshalb wachsen, weil sie mittelfristig gerne eine Kooperation mit verschiedenen Landwirten eingehen wollen, die ähnliche Ideale wie sie selbst verfolgen. Leicht ist das nicht: „Es liegt am Wirtschaftssystem und den schwierigen bis unmöglichen Marktbedingungen, die junge Menschen vor Ort abhalten, Landwirtschaft zu betreiben. Sehr viele spanische Familien haben eine lange Tradition in der Landwirtschaft. Und auch die jetzige Generation junger Menschen verbindet viel mit ihrem Land. Die allerwenigsten wagen es jedoch, die Arbeit ihrer Eltern oder Großeltern weiterzuführen. Vor allem in schwierigen, kleinparzelligen Gegenden kann das schlicht zum wirtschaftlichen Ruin führen.“ Das Risiko sei sehr hoch und die Verdienstmöglichkeiten niedrig.

Umso bewundernswerter ist, was die beiden jungen Deutschen in Spanien auf den Weg bringen!

 

Weitere Informationen unter: https://fincasreanimadas.com/

 

good news for you feiert seinen 4. Geburtstag mit einem Geschenk für euch! 

Zu unserem kleinen Jubiläum möchten wir euch ein Geschenk machen. Das heißt, unter allen Einsendungen verlosen wir eine einjährige Patenschaft für einen Mandelbaum!

Schreibt uns bis spätestens Sonntag, den 7. Februar, einen netten, persönlichen Gruß an toitoitoi@goodnews-for-you.de und ihr seid mit in der Lostrommel!

 

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

 

Hier geht es zur englischen Version:

 

 

 

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