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Walter Günther, Erfinder der "mechanischen Bratwurst", liebt technische Lösungen, die sinnvoll sind, Arbeit schaffen und Spaß machen

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Interview: Isolde Hilt

 

Ein Ingenieur-Studium wäre auch möglich gewesen, das Abi hatte er. Walter Günther entschied sich jedoch für eine Maschinenschlosserlehre: „Das war die richtige Wahl!“ Heute arbeitet er seit bald 30 Jahren in Frankfurt am Main als Fachkraft bei den Praunheimer Werkstätten im Bereich Berufsförderung für Menschen mit geistiger Behinderung. Und dann gibt es da noch seine Erfinderwerkstatt, in der er kaum zu bremsen ist. Erst sprüht das Gehirn Funken und dann die Maschinen, die durch des Meisters Hand entstehen. Bekannt geworden ist Walter Günther mit seiner „mechanischen Bratwurst“, die ihn in etliche TV-Sendungen brachte. Ein gleichnamiges Buch auf Deutsch und Englisch gibt es ebenfalls dazu.

Erfinden scheint unglaublich Spaß zu machen. Manchmal, erzählt der Tausendsassa, hat er bereits die Lösung und sucht noch nach dem passenden Problem. Eines der jüngeren Produkte sind Einzelzettelschneidemaschinen, mit deren Hilfe ansprechende kleine Notizblöcke entstehen. Im Gespräch mit einem besonderen Menschen, der mit seinem Wesen und seinen Kreationen charmant aufzeigt, wie schön die analoge Welt sein kann.

 

Was macht den Reiz des Erfindens aus? Wie geht „Erfinden“?

Walter Günther, Maschinenschlossermeister und Erfinder. Foto:© Matthias Wenger Fotografie Frankfurt am Main

Beim Erfinden geht es, wie aus dem Wort zu erlesen ist, darum, dass etwas gefunden wird. In der Regel handelt es sich um ein technisches Problem, das nach einer Lösung verlangt. Für mich sindesmeist mechanische Herausforderungen, ob privat oder auch beruflich. Ich habe manchmal aber auch eine Lösung und suche noch das Problem dafür. Zum Beispiel habe ich schöne mechanische Teile mit einer tollen Bewegungsumsetzung gefunden und suche nun eine Gelegenheit, diese anzuwenden. Ähnlich wie ein Filmemacher, der für seinen Lieblingsschauspieler die geeignete Rolle sucht.

Was hat es mit der „mechanischen Bratwurst“ auf sich, nach der auch ein Buch mit Ihren Erfindungen benannt ist?

Der Buchtitel „Die mechanische Bratwurst“ war geboren, als ein Junge eine zweite Bratwurst von meiner Grillmaschine wollte und sagte: „Noch so´ne mechanische Bratwurst bitte!“

Eine Kellnerin ist „schuld“ an Ihrer jüngsten Erfindung. Worum geht es da?

Mein Stammcafé erhielt von der Brauerei keine Gratis-Kellnerböcke mehr. Die mussten sie nun selber kaufen. Die Besitzerin klagte mir ihr Leid. Das ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich begann, das Problem zu konkretisieren: Letztlich brauchte man freie beschreibbare Papierflächen in relativ kleiner Größe. Was auf der Rückseite steht, die nie benutzt wird, ist dann egal.

Das erinnerte mich an eine Situation aus der Kindheit: Wenn ich da keine Malblätter mehr hatte, suchte ich zum Kritzeln freie Flächen in Zeitungen. Dieses altbekannte „Suchgefühl“ tauchte  kurz darauf wieder auf, als mir der Altpapiercontainer in unserer Einrichtung ins Auge fiel. Und da verband sich dieser Eindruck wiederum mit der Problematik, passende Kursthemen für die praktischen, begleitenden Maßnahmen für unsere behinderten Mitarbeiter*innen zu finden.

Und wenn man einmal im Denken drin ist, ist man nicht mehr zu stoppen …

Ja. Meine „Software“ beginnt dann so richtig warmzulaufen. Die Aufgabe war, freie Flächen auf den Blättern aus dem Altpapier zu separieren und zu einem Block zusammensetzen. Mir wurde klar: Da ist viel Beschäftigung für viele Leute mit verschiedensten Ansprüchen drin. Und da wird richtig viel Mechanik nötig! Und dann ging es los mit dem Denken, Erfinden, Konstruieren, Skizzieren und Bauen.

Sie denken immer auch für die Menschen in der Werkstätte mit …

Ja. Speziell in der WfbM biete ich den Menschen nachvollziehbare, zuverlässige mechanische, also dingliche Apparate an, die beim Betätigen durch ihre Bewegungen, Geräusche und Erschütterungen die Sinne ansprechen, sozusagen Rückmeldung geben. Damit arbeitet man gern.  Elektronik leistet das erst mal nicht.

Ihr Stammcafé hat sich bestimmt über Ihre Erfindung gefreut, oder?

Das Café gibt es inzwischen leider nicht mehr. Aber die Sache mit den Blöcken hat sich herumgesprochen. Besucherinnen und Besucher in unserer Werkstatt zeigten immer mehr Interesse. Zudem wir sind vom Leimen der Blöcke auf das Binden mit Kordel übergegangen. Dabei entstand auch die Idee zu dem Aufdruck „MEINBLOCK“, für den uns Rapper Sido die Genehmigung gab. Das neue Design wirkt!

Wie sieht der Fertigungsprozess dieser Blöcke in einzelnen Schritten aus?

Zunächst sammeln wir im eigenen Haus geeignetes Altpapier. Es ist schon Wahnsinn, welche Mengen Altpapier überhaupt entstehen. Das Papier muss sauber und auf der Schreibseite möglichst weiß sein. Außerdem darf es keine sensiblen Daten enthalten. Die Mitarbeiter*innen erfassen die betreffenden „Weißräume“. Dann setzen sie einen Holzstempel in entsprechendem Format auf die Stelle und markieren diese rundherum mit einem Stift. Die markierte Stelle wird grob mit einer Schere ausgeschnitten. Und jetzt kommen die Einzelzettelschneidmaschinen zum Einsatz. Damit werden die zuvor grob geschnittenen Zettel exakt auf Maß geschnitten und danach in eigens dafür umgebauten Lochern gelocht. In einer weiteren Vorrichtung werden die Zettel mit Kordel gebunden und zuletzt kommt der Aufdruck „MEINBLOCK“ drauf. Dafür ist inzwischen auch ein Spezialgerät zum sicheren, zielgenauen Stempeln entstanden.

Wie viele Blöcke produzieren Sie pro Tag? Wie groß ist die Nachfrage?

Da die Aufträge unserer Kunden natürlich Vorrang haben, läuft das Projekt in den Zwischenzeiten und somit unregelmäßig. Es ist also schwer zu sagen, wie viele Blöcke wir pro Tag kontinuierlich produzieren könnten. Wir geben die Blöcke gegen Spenden ab – an Besucher*innen der Einrichtung oder auf Festen. Seit Sommer 2018 Jahren haben wir fast 400 Euro eingesammelt, mit eindeutig steigender Tendenz.

Sie sitzen bestimmt schon wieder über der nächsten Erfindung, stimmt’s?

Ja, die wird wohl Ende dieses Sommer spruchreif. Es geht wieder um Upcycling, dieses Mal mit Metall. Ich  bitte aber noch um etwas Geduld.

Sie sind sehr gefragt in den Medien und auch in TV-Shows. Was fasziniert die Menschen an dem, was Sie tun?

Ich denke, dass mein Tun vielen Menschen eine Projektionsfläche für Träume und Wünsche bietet.  Andere finden wahrscheinlich Anregungen für eigene Ideen.

Passen Sie mit dem, was Sie tun, noch in diese Zeit, die immer digitaler wird?

Ja, ich glaube schon. Je digitaler die Welt wird, desto größer ist die Sehnsucht nach Analogem. Die Menschen ändern sich ja nicht in ihren grundlegenden Bedürfnissen. Ich bin halt nicht am gnadenlosen Höher-Schneller-Weiter der neuesten technischen Entwicklungen beteiligt, sondern biete eher etwas Ausgleichendes.

Was bedeutet für Sie Lebensqualität?

Keine Schmerzen, wenig Sorgen und Herausforderungen möglichst spielerisch mit der kopfeigenen Software meistern.

Noch etwas, das Ihnen wichtig ist?

Ich wünsche mir mehr Technik, die nicht in erster Linie dem Wegrationalisieren von Arbeit dient, sondern Arbeit ermöglicht, verteilt und gestaltet.

 

 

Weitere Infos zu Walter Günther und seinen Erfindungen unter:

http://www.die-mechanische-bratwurst.de

 

Der Buchtipp „Die mechanische Bratwurst“

Ein Buch für alle, die gerne selber tüfteln, entwickeln und wissen wollen, wie Dinge funktionieren … Das Buch „Die mechanische Bratwurst“ entführt in die Werkstatt von Walter Günther, in der er sich gerne zugucken lässt. Unter seinen Erfindungen kann man zum Beispiel einen Korkenzieher entdecken, der vor dem Trinken entschleunigt. Oder eine Schaumkusswurfmaschine, von der wir aber nicht wissen, ob man im Zeitraffer oder in Zeitlupe in Deckung gehen muss.

Das Buch ist in zwei Sprachen – Deutsch und Englisch – aufgesetzt. Die ausdrucksstarken Fotografien von Matthias Wenger machen neugierig auf diese Reise in ein anderes Universum.

 

 

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