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Mit ihrem Akustikprojekt „Im Vielklang mit der Natur“ wollen Ursula und Frank Wendeberg Menschen auf besondere Art für die Natur und ihre Bewahrung begeistern.

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Interview: Isolde Hilt

Käferkontakt im Nationalpark Kellerwald-Edersee in Hessen. © Im Vielklang mit der Natur

Verbindung schafft Nähe. Nähe macht neugierig, regt dazu an, sich auf etwas genauer einzulassen und vielleicht auch andere damit anzustecken. So wie das Akustikprojekt „Im Vielklang mit der Natur. Auf dem Klangteppich der Wildnis durch die deutschen Nationalparks“ von Ursula und Frank Wendeberg. Die beiden einte immer schon eine große Liebe zur Natur sowie der Wunsch, unbedingt einmal alle Nationalparks in Deutschland gesehen und erlebt zu haben.

Folgende Fragen beschäftigten das Paar: Wie hört sich das an, Natur „Natur sein“ zu lassen? Kann ich an den Geräuschen erkennen, ob eine Landschaft ohne menschlichen Eingriff geblieben ist? Wie klingen und wirken die jeweiligen Nationalparks, wie unterscheiden sie sich?

Zwei Jahre lang bereisten Ursula und Frank Wendeberg 16 Nationalparks mehrfach, ausgestattet mit unterschiedlichen Mikrophonen, um nach „Antworten zu lauschen“, wie sie sagen. Sie haben einzigartige eingefangen wie Adler-Schreie, Kaulquappen oder Seepferdchen unter Wasser, Moos-Gluckern, Wind und Fels …

„Im Vielklang mit der Natur“ ist jedoch nicht nur einfach etwas zum Nachhören. Im Nachhall entstand im Tonstudio der „Natur-Klang-Parcours“, eine Mischung zwischen Musikstunde und Umweltbildung, der dazu einlädt, sich gemeinsam neu auf Natur einzulassen. Die Teilnehmer*innen lauschen 7 Minuten einem Hörstreifzug durch einen Nationalpark und wählen anschließend ein Instrument oder Natur-Material, um das Gehörte musikalisch auszudrücken oder einfach nachzuahmen. Ein Viel-Klang-Konzert entsteht, das neu mit der Natur und den Menschen verbindet.

Frank, der bereits im Alter von 12 Jahren Natur-Töne aufnahm, berichtet, dass allein schon die Zusammenstellung des Equipments auf Highend-Qualität ein Projekt für sich war. Es umfasste so seltene Mikrophone wie die moderne Ambeo-Surround-Aufnahmetechnik für dreidimensionale Soundscapes – das heißt, für akustische Landschaftsaufnahmen auf einem ganz neuen Level. Oder ein weitreichendes Parabol-Mikrophon, um zum Beispiel in ein 200 Meter entferntes Fischadler-Nest zu lauschen. Kontaktmikrophone kamen zum Einsatz, um Baumrinden abzuhören. Mit einem Hydrophon ließ sich der Sound der Gezeiten-Strömung unter Wasser einfangen. Und ein Ultraschall-Mikrophon machte unzählige Fledermäuse hörbar.

Wie erstellt man einen Klangteppich der Wildnis? Ursula und Frank Wendeberg geben einen Einblick, wie sie dieses Projekt, das seinesgleichen sucht, angegangen sind …

In der Sächsischen Schweiz den Ameisenlöwen zum Hören bringen. © Im Vielklang mit der Natur

Jeder der Nationalparks hat seinen eigenen Charakter. Welche haben euch besonders fasziniert?

Frank: Für mich war Jasmund auf Rügen, der kleinste Nationalpark Deutschlands, besonders eindrücklich, weil er so unterschiedliche Lebensräume auf kleinstem Raum beinhaltet: Wald, Meer, Brachland, Sumpfgebiete und die spektakuläre Steilküste. Und immer wieder der älteste Nationalpark, der Bayerische Wald mit seinen Gebieten. Hier sieht man, wie sich Natur entwickelt, wenn sie 50 Jahre lang von Menschen unberührt bleibt.

Ursula: Mich hat der Nationalpark Hainich in Thüringen fasziniert. Solch weite, reine Laubwälder kannte ich bis dato nicht. Dort blühen im Frühling Millionen von Frühblühern wie Märzenbecher, Lerchensporn oder Bärlauch und verwandeln den Waldboden in Blumenwiesen, so weit das Auge reicht. Aber auch der Nationalpark Unteres Odertal hat es mir angetan. Dort gibt es eine unglaublich vielfältige Fülle an unterschiedlichen Vogel- und Amphibienstimmen in der Auenlandschaft der Oder, die noch ein bisschen zeigt, wie Flüsse ohne menschlichen Eingriff aussehen können.

Seid ihr vorher schon gute Natur- und Tierkenner gewesen?

Ursula: Ich würde sagen, eher Natur-Begeisterte, die sich viel draußen aufhalten und versuchen, aufmerksam wahrzunehmen. Was das Wissen betrifft, betrachten wir uns eher als Lernende, die für und mit dem „Vielklang“ enorm viel Neues dazugelernt haben.

Die Recherchearbeit stelle ich mir aufwändig vor. Ihr habt sicher auch neue Tierarten kennengelernt. Wie findet man heraus, welche das sind?

Ursula: Ja, wir haben von vielen Vogel- und Insektenarten erfahren, die uns kein Begriff waren wie zum Beispiel der Zwergschnäpper (seltener Singvogel) oder der Halligfliederspitzmausrüsselkäfer1. Oder dass es Insekten wie die Ameisenjungfer gibt, deren Larve Ameisenlöwe heißt. Und dass Goldschakale2 wohl auch langsam wieder nach Deutschland einwandern.

In Berchtesgaden dem Steinadler auf der Tonspur. © Im Vielklang mit der Natur

Während des Recherchierens haben wir auf den Internetseiten der Nationalparks nach dort typischen Tieren gesucht, aber auch Mitarbeiter*innen der Nationalparks und Ranger dazu befragt. Wir erkundigten uns nach Orten und Zeitpunkten, wo und wann wir mit Chancen auf gute Aufnahmen rechnen konnten. Und wenn wir interessante Sounds aufgenommen hatten, die wir nicht zuordnen konnten, haben wir Rangern oder Ornithologen Aufnahmen geschickt und sie um ihre Mithilfe bei der Bestimmung gebeten.

Womit hättet ihr nie gerechnet? Was war ein besonderes Erlebnis für euch?

Frank: Ich hätte nie gedacht, dass man die Geräusche von Kaulquappen oder Seepferdchen unter Wasser hören kann. Oder dass wir eine so große Vielfalt von Naturstimmen einfangen. Und dass ein Luchs, nachdem ich fünf Stunden vor seiner Höhle gewartet hatte, heraustrat, fast direkt auf mich zukam und anfing, seine Laute zur Partnersuche auszustoßen.

Ursula: Für mich war es besonders zu erleben, wie uns ein Ranger im Nationalpark Müritz zu einem Fleck mitten im Wald führte, von dem er wusste, dass dort ein seltener Zwergschnäpper sang. Er konnte den Vogel unter allen anderen Stimmen exakt heraushören und uns erkenntlich machen. Oder ein Ornithologe im Nationalpark Schwarzwald nannte uns den genauen Ort und die Uhrzeit, um eine Waldschnepfe quorren zu hören.

„Im Vielklang mit der Natur“ ist ein vielschichtiges Projekt. Ihr hattet die Idee, in die Natur- und Tieraufnahmen eure eigene musikalische Stimme einzubinden. Spürt man, welches Instrument sich am besten eignen könnte? Spürt man einen Rhythmus, eine bestimmte Harmonie?

Ursula und Frank Wendeberg schufen mit „Im Vielklang mit der Natur“ ein einmaliges Akustikprojekt. © Im Vielklang mit der Natur

Frank: Das war verschieden. Bei manchen Nationalparks hatte ich schnell eine Ton-Aufnahme ausgewählt, zu der ich Musik machen wollte, weil sie mir für die Region charakteristisch schien und mich gleich inspirierte. Für das Musikstück „Am Puls der Polder“ des Nationalparks Unteres Odertal analysierte ich, in welcher Tonart und welchem Rhythmus der Drosselrohrsänger singt, den wir so schön eindrücklich im Schilf aufgenommen hatten. Ich überlegte, über welches Instrument ich mit dieser Tierstimme gut in Dialog kommen könnte. In diesem Fall war das die Handpan, mit der ich diesen Shuffle-Rhythmus des Vogels gut nachahmen konnte. Dann stellte sich die Frage, welche anderen Aufnahmen dieses Nationalparks sich noch harmonisch mit einweben lassen, um die Fülle der Region darzustellen. Das waren dann die Singschwäne, genauso wie der allgegenwärtige Klang von Wasser.

Bei anderen Musikstücken stand mehr ein Gefühl im Vordergrund, das die Natur eines Nationalparks bei mir auslöste und das ich versucht habe, mit Musik auszudrücken. Zum Beispiel die etwas wehmütige Weise und das Gefühl von Abschiednehmen und Unterwegssein im „Herbstzug der Kraniche“ für den Nationalpark „Vorpommersche Boddenlandschaft“.

Bei der Auswahl der Instrumente habe ich immer wieder Bezug genommen auf Besonderheiten eines Nationalparks wie das Lithophon – ein Xylophon-artiges Instrument aus Stein –, das ich zu den Felsklippen im Nationalpark Jasmund spiele. Oder die Keltische Harfe, die auf die Geschichte des Ringwalls im Nationalpark Hunsrück-Hochwald Bezug nimmt.

So entstanden schon während der Reise manche musikalische Ideen, andere erst beim Analysieren der Aufnahmen im Tonstudio. Im Booklet zur Natur-Klang-Musik habe ich die Ideen der einzelnen Kompositionen geschildert.

Menschen sollen sich wieder von der Natur und allem, was darin ist und lebt, berühren lassen. Sie sollen sich selbst als einen Teil von ihr erleben. Ihr habt dazu einen „Natur-Klang-Parcours“ entwickelt. Wie funktioniert das?

Lauschen beim Natur-Klang-Parcours. © Im Vielklang mit der Natur

Ursula: Der Natur-Klang-Parcours ist eine Mischung aus Musikstunde und Umweltbildung. Er findet in den Nationalparks statt. Alle Teilnehmenden starten gleichzeitig an 16 von uns aufgebauten Stationen. An jeder Station befindet sich ein Kopfhörer, ein Musikinstrument und ein Natur-Material. Nach einer kurzen Einführung setzen sich alle die Kopfhörer auf und lauschen 7 Minuten einem Hör-Streifzug durch einen Nationalpark; an jeder Station einem anderen. Dann wählen sie Instrument oder Natur-Material, um das eben Gehörte musikalisch auszudrücken oder einfach nachzuahmen. So erklingen alle 16 Nationalparks Deutschlands gleichzeitig im Raum. Danach wechseln die „Natur-Komponist*innen“ eine Station weiter, zum nächsten Hörstreifzug eines anderen Parks. So kann jede*r in etwa eineinhalb Stunden 5 Nationalparks mit den Ohren bereisen und zum Klingen bringen. Die Teilnehmer*innen unserer Generalprobe im Februar waren begeistert!

Welche Spuren hat das Projekt bei euch hinterlassen?

Wir sind noch einmal hellhöriger und aufmerksamer geworden, wenn wir nach draußen gehen. Wir warten zum Beispiel jeden Abend auf die Waldschnepfe, die über unserem Grundstück am Waldrand ihr Revier abfliegt und dabei so eigentümlich quorrt. Oder wir halten geduldig an einer tiefen Lache inne, bis womöglich eine Gelbbauchunke ihren Ruf erklingen lässt.

Wir sind in Bezug auf Menschen-gemachten Lärm sensibler geworden und genießen wirkliche Ruhe sehr.

Wir haben interessante Kontakte zu Menschen geknüpft, die zum Beispiel zu „Soundecology“ forschen oder ein „Nationalparkradio“ veranstalten. Ein Teil unseres Projektes ist ja auch, den „Vielklang“ jeweils an eine*n lokale* Künstler*in vor Ort in der NLP-Region weiterzugeben. Diese Kontakte bauen wir gerade auf und lernen so Kunstschaffende in ganz Deutschland kennen.

Und die komplexen Funktionen von Nationalparks sind uns bewusster geworden: Es werden nicht nur Lebensräume und Tierarten geschützt, sondern auch Menschen, die ein großes Wissen über die Natur in sich tragen. Die finden da einen Arbeitsplatz und bewahren für uns alle dieses Know-how.

In den Nationalparks darf die Natur sein und sich ohne gezieltes Eingreifen des Menschen entwickeln. Diese Haltung, etwas sein zu lassen, es einmal nicht zu optimieren und bestmöglich zu nutzen, haben wir mitunter als sehr heilsam erlebt. Und uns ist noch einmal eindrücklicher klar geworden, wie sehr wir Menschen Teil der Natur und des ökologischen Gleichgewichts sind.

Was war das größte Geschenk für euch?

Die 600-jährige Bettel-Eiche erzählt im Nationalpark Hainich. © Im Vielklang mit der Natur

Es war für uns ein Segen, gemeinsam auf diese besonders bewusste Art und Weise viel Zeit in so wunderschöner Natur verbringen zu können. Oft still zu stehen und einfach zu lauschen – und dann „im Vielklang“ mit ihr kreativ zu werden. Und wir durften an dem Erfahrungsschatz von vielen naturkundigen Menschen Teil haben. Auch Aufmerksamkeit und Wertschätzung haben wir oft erfahren. Einmal hat uns ein Bauer am Wattenmeer angeboten, mit unserem Camper auf seinem Hof hinterm Deich zu stehen. Über die Osterfeiertage war sonst kein Quartier mehr zu bekommen, und morgens klemmte dann ein Osternest am Außenspiegel.

Wenn jemand Lust hat, das selbst auszuprobieren, auf eigene Faust in den zu Wald gehen, sich einzuhören und selbst einzustimmen: Habt ihr da einen Tipp?

Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, uns hinzusetzen, die Augen zu schließen und zunächst einen bestimmten Laut wie eine einzelne Vogelstimme herauszufiltern. Nach einiger Zeit haben wir dann die Wahrnehmung auf einen anderen Klang gelenkt. Irgendwann haben wir uns dann auf den Gesamtklang konzentriert und auf mögliche Interaktionen gelauscht. Interessant ist auch zu bemerken, was passiert, wenn wir uns wieder bewegen und selbst Geräusche machen: Verstummen die Vögel, wenn wir aufstehen und weitergehen oder zetern sie besonders laut, weil wir womöglich in die Nähe ihres Nestes geraten sind?

Tierlaute sind vor allem im Frühling zu hören. Gerade die Vögel singen wohl eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang am vielfältigsten. Und trotzdem ist es zu jeder Jahreszeit spannend, hinzuhören. Toll ist auch, in den Nationalparks an meist kostenlosen Ranger-Führungen teilzunehmen.

Was wünscht ihr euch für euer Projekt „Im Vielklang mit der Natur“ am allermeisten?

Es wäre wunderbar, wenn viele Neugierige zu unseren, meist kostenlosen Veranstaltungen in den Nationalparks kommen und wir Menschen für die Natur und das Hinhören begeistern können. Unsere Zeit ist stark von visuellen Reizen geprägt, die unsere Aufmerksamkeit auf das Außen lenken. Beim Hören aber nehmen wir unsere Umgebung in uns auf, quasi die Natur in unser Herz hinein. Wir wollen unsere Zuhörer*innen dazu anregen, sich in die Natur einzufühlen und sie zu verstehen. Dann, denken wir, ergibt es sich von selbst, dass wir sie aktiv als unsere Lebensgrundlage bewahren und zum Beispiel unser Konsum-Verhalten verändern.

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Im Vielklang mit der Natur – eine Hörprobe:

 

„Im Vielklang mit der Natur“ gestaltet von …

Ursula und Frank Wendeberg © Im Vielklang mit der Natur

Ursula Wendeberg

Pädagogin und freiberufliche Trainerin in der Erwachsenbildung. Fasste das Konzept für das Vielklang-Projekt in Worte und stellte es den Nationalparks vor. Recherchierte zu Natur-Klängen, Tieren, Hintergrundwissen, Aufnahme-Zeitpunkten. Verantwortlich für Logistik, Öffentlichkeitsarbeit und die Kommunikation mit den Projektpartnern. Erstellte die Texte für die „Hörstreifzüge“ im Natur-Klang-Parcours.

Frank Wendeberg

Musiker, Psychologe und Betreiber des Tonstudios und Labels „Otter Records“. Sein Fokus bei „Vielklang“ lag auf der tontechnischen Realisation: Technik, Aufnahme, Mix & Mastering. Erstellen der Website. Komposition und Einspielen der Musikstücke für jeden Nationalpark.

 

 

 

Zu dem Projekt gibt es zwei Tonträger als CD oder Download, die auf folgender Internetseite erhältlich sind: https://www.im-vielklang-mit-der-natur.de/

  • „Hörstreifzüge“ mit 7-Minuten-Features durch jeden Nationalpark Deutschlands
  • „Natur-Klang-Musik“ mit 16 Musikstücken, eigens für jeden Nationalpark komponiert und in Original-Natur-Sounds eingewoben
1 nur im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer heimisch
2 eng mit dem Wolf verwandte Art der Hunde

 

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