Beim Klettern geht es viel darum, die persönliche Komfortzone zu verlassen und sich zu trauen. Erfahrungen, die man auch gut im Alltag nutzen kann.

Im Gespräch mit Kristin Frauenhoffer • Interview: Isolde Hilt

Kristin in der Wand. Foto: privat

Kristin Frauenhoffer kam durch zwei Freunde an der Uni zum Klettern. Der eine, so verrät sie, wurde ihr Freund und später ihr Mann. Das Klettern begeisterte sie nicht von Anfang an. Kristin war eher eine Läuferin und wollte das auch bleiben. Mehrere Jahre kletterte sie gar nicht, bis sie diesen Sport vor fünf Jahren neu für sich entdeckte. Laufen findet die gebürtige Berlinerin inzwischen langweilig. Warum Klettern nicht nur Fitnesstraining und Bewegung an der frischen Luft ist, sondern vielmehr auch die eigene Persönlichkeit enorm stärkt, erzählt die Felsenbezwingerin in diesem Interview.

Klettern, ein Sport, der hundertprozentige Aufmerksamkeit in jedem Augenblick erfordert. Foto: Kristin Frauenhoffer

Was macht am Klettern so viel Spaß?

Das Klettern ist für mich mehr als Sport, es ist eine Lebenseinstellung. Klettern trainiert nicht nur die Muskeln und die Koordination, sondern auch den Geist. Es macht mutiger, stärker und zielstrebiger. Es ist ein unglaublich abwechslungsreicher Sport. Während bei anderen Sportarten wie Laufen oder Radfahren bestimmte Bewegungsabläufe eingeübt werden, die sich wiederholen, gibt es beim Klettern immer wieder neue Bewegungsfolgen, die unendlich variabel sein können. Darauf muss sich der Körper einstellen, er wird immer wieder neu gefordert. Beim Klettern geht es sehr viel darum, die persönliche Komfortzone zu verlassen und sich einfach zu trauen. Höhen- und Sturzangst spielen eine wichtige Rolle, die man überwinden muss, um besser zu werden. Körper und Geist sind gefordert und das macht für mich den enormen Reiz aus. Die Erfahrungen, die ich beim Klettern mache, kann ich wunderbar in den Alltag übertragen. Wenn ich beim Klettern nicht den einen sicheren Griff loslasse, kann ich nicht weiterklettern und verharre in der Position. So ist es auch in vielen Lebenssituationen. Manchmal muss man einfach etwas wagen und wird meist dafür belohnt.

Und dann will man das nächste Mal eine noch schwierigere Route klettern, stimmts?

Als richtiger Kletterer, richtige Kletterin hat man immer ein „Projekt“, an dem man gerade arbeitet – eine Route, die an der persönlichen Leistungsgrenze liegt und die man unbedingt schaffen will. Daraus entwickelt sich meist ein gesunder Ehrgeiz, mit dem man auch „Lebensprojekte“ angehen kann. Wenn man einmal etwas nicht schafft, lernt man, auch damit umzugehen. Oft kommt es vor, dass man die Projektroute nicht beim zweiten oder dritten, sondern erst nach dem zwanzigsten Mal schafft. Dann muss man auch das Scheitern hinnehmen und eben so lange weiterüben, bis man es schafft.

Manchmal fordert eine Wand zig Anläufe und eine große Frustrationstoleranz, bis sie bezwungen ist. Foto: privat

Noch ein wichtiger Aspekt beim Klettern ist das Im-Moment-Sein, das sich sofort einstellt, wenn man in eine Route einsteigt. Die Gedanken sind nur auf den nächsten Griff oder Tritt fokussiert. Es bleibt keine Zeit, an etwas anderes zu denken. Bei mir stellt sich meist ein richtiger Flow-Effekt ein, der mich die Welt um mich herum vergessen lässt. Das ist fast meditativ.

Klettern ist auch ein Teamsport. Man unterstützt sich gegenseitig, feuert sich an, gibt sich Tipps, wie bestimmte Passagen zu klettern sind. Die gemeinsam verbrachte Zeit an der frischen Luft ist ein herrlicher Nebeneffekt. Meist verbringt man einen ganzen Tag am Felsen, sitzt zusammen, genießt die Natur und lässt es sich gut gehen. Es gibt einen Spruch von einem Pionier des Kletterns, der die Szene geprägt hat: „Kaffee trinken ist ein essentieller Bestandteil des Kletterns.“ Kletterer sind einfach lässig drauf.

Man muss auf jeden Fall schwindelfrei sein, richtig?

Jein. Es kommt darauf an, wie hoch die Wand ist. Es gibt Kletterhallen, in der die Wandhöhe bei ungefähr 15 Metern liegt. Das ist für viele noch ganz okay, selbst wenn sie Höhenangst haben. Außerdem kann man sich daran gewöhnen. Je öfter man hochklettert, umso weniger Angst hat man. Beim Klettern ist man immer mit einem Seil gesichert, das einen eventuellen Sturz auffängt. Sobald man Vertrauen in das Seil und seinen Sicherungspartner gefasst hat, lässt die Angst automatisch nach und man kann es richtig genießen.

Bouldern, eine beliebte Alternative zum Klettern und gut für Leute, die Höhenangst haben. Foto: Kristin Frauenhoffer

Falls jemand wirklich starke Höhenangst hat, kann er oder sie auch bouldern gehen. Das ist eine Spielart des Kletterns, bei der man circa bis zu drei Metern hochklettert und dann auf eine weiche Matte abspringt oder abklettert. Bouldern ist in den letzten Jahren ziemlich in Mode gekommen, die Hallen sprießen nur so aus dem Boden.

Welche Voraussetzungen sollte ich sonst noch für diesen Sport mitbringen?

Fürs Klettern sind eigentlich nur wenige Voraussetzungen nötig. Jedes Kind kann klettern und das meist sogar mit besserer Technik als ein Erwachsener, der es „lernt“. Klettern ist eine sehr natürlich Bewegung, die wir als Menschen intuitiv machen möchten – ähnlich wie das Laufen. Hinzu kommt, dass es beim Klettern unterschiedliche Schwierigkeitsgrade gibt. So können Anfänger und Profis an ihre Grenzen kommen. Draußen am Felsen ist diese Abwechslung durch die Felsstruktur vorgegeben. In der Kletterhalle werden die Routen in Schwierigkeitsgrade unterteilt, die man an verschiedenen Farben erkennt.

Das Alter spielt eine untergeordnete Rolle. Viele Menschen fangen sogar erst im höheren Alter zu klettern an. Auch sie schaffen oft noch erstaunliche Fortschritte. Dadurch, dass dabei Kraft, Ausdauer und Koordination trainiert werden, bleiben sie auch länger fit. Ein Rundherum-Fitnessprogramm also.

Einzige Ausnahme sind Menschen mit einem gestörten Gleichgewichtssinn, die vielleicht lieber eine andere Sportart suchen sollten. Ein guter Gleichgewichtssinn ist beim Klettern Voraussetzung.

Klettern ist nicht ungefährlich. Dessen sollte man sich bewusst sein, oder?

Wie bei jeder Sportart kann man sich auch beim Klettern verletzen. Der Unterschied ist wohl, dass es beim Klettern auch schnell richtig gefährlich werden bis tödlich enden kann. Wenn man aber einige wichtige Regeln beachtet, ist Klettern eine sichere Sportart. Das mag komisch klingen, trifft aber wirklich zu. Beim Bouldern passieren immer wieder mal kleine Unfälle, die aber nie tödlich enden, weil die Absprunghöhe niedrig ist. Beim alpinen Klettern, also bei längeren Touren in den Bergen, wo es nur spärliche Absicherungen gibt, sieht das anders aus. Muss man eine Route komplett allein absichern, befinden sich also gar keine Haken in der Wand, steigt die Gefahr exponentiell an. Klettert man einfach eine Wand hoch und sichert sich weder mit Seil und Gurt noch mit Haken ab, wird es richtig gefährlich.

Man klettert immer zu zweit und sichert sich in regelmäßigen Abständen an Haken in der Wand ab. Foto: Kristin Frauenhoffer

Beim normalen Sportklettern kann man die Gefahren minimieren. Zunächst werden die Felsen immer „präpariert“, das heißt, der so genannte „Erstbegeher“ bohrt mit einer riesigen Bohrmaschine Löcher in die Wand und befestigt dort Haken. Ans Ende der Route, ganz oben, kommen dann meist zwei Haken nebeneinander. Diese „Redundanz“ ist nötig, falls einer der beiden Haken ausbricht. Wer dann die Route begeht, hat so genannte „Expressschlingen“ mit Karabinern dabei, die er in die Haken hängt. In diese Expressschlingen wiederum hängt er das Seil, das an seinem Hüftgurt befestigt ist. Unten am Wandfuß steht dann der Kletterpartner und sichert den Kletternden mit einem speziellen Sicherungsgerät, das das Seil im Sturzfall entsprechend bremst. Selbst wenn der Kletterer über seinem letzten Haken steht, fällt er im Sturzfall nur bis zu seiner letzten Zwischensicherung. Er erschrickt vielleicht, aber das ist im Normalfall ungefährlich, solange die Abstände zwischen den Haken nicht zu weit sind.

Enorm wichtig ist, dass man sich auf seinen Sicherungspartner verlassen kann und dieser die Sicherungstechnik beherrscht. Die meisten fatalen Unfälle beim Klettern passieren durch menschliches Versagen, also durch Sicherungsfehler oder ein falsches Einbinden des Seils im Gurt. Wichtig ist, die Sicherungstechnik zu lernen. Außerdem sollte man vor jeder Kletterroute den Partnercheck machen und überprüfen, ob der Knoten richtig gebunden ist und das Seil richtig im Sicherungsgerät liegt.

Noch etwas, das dir wichtig ist?

Das Wichtigste ist, Spaß zu haben. Klettern ist mehr eine Lebenseinstellung als reiner Sport. Es gibt weltweit Gleichgesinnte, die einen ähnlichen Lebensstil verfolgen. Sie reisen dabei nicht selten weit und mit wenig Geld, aber mit viel Leidenschaft. Die Kletterpioniere, die die Sportart auf diese besondere Art geprägt haben, lebten monatelang in einem umgebauten VW-Bus, ernährten sich von günstigen Lebensmitteln und verbrachten ihre Tage am Felsen. Diese so genannten „Dirt Bags“ gibt es noch heute. Der weltbekannte und mittlerweile gesponserte Kletterer Alex Honnold zum Beispiel lebte acht Jahre lang in einem umgebauten Kombi. Heute verdient er gutes Geld. Ein Drittel davon spendet er, weil er laut eigener Aussage nicht so viel für sich alleine braucht. Für Alex zählt allein der Felsen, die Herausforderung und das Leben im Hier und Jetzt.


Gurt, Seil, Express-schlingen…? Lieber mehrfach prüfen, ob auch tatsächlich alles dabei ist. Foto: Thomas Ratjen

Klettertipps für Einsteiger*innen
  1. Kauft euch relativ bald einen eigenen Schuh, aber bitte nicht zu klein. Kletterschuhe müssen klein sein, damit man auf den Tritten besseren Halt hat. Am Anfang jedoch muss man sich nicht quälen.
  2. Ein eigener Gurt gehört zur Standardausrüstung. Da man nie allein unterwegs ist, kann man sich am Anfang Seil und Expressschlingen mit seinem Sicherungspartner teilen.
  3. Am besten klettert ihr zunächst mit jemandem, der schon Erfahrung hat. Es ist einfacher, im „Toprope“ zu beginnen. Das bedeutet, dass man von oben mit einem Seil gesichert ist, das vorher jemand „hochhängt“. Dies sollte eine erfahrene Person sein.
  4. Zum Erlernen der Sicherungstechnik am besten einen Kurs machen. Die Kletterzentren des Deutschen Alpenvereins bieten regelmäßig Kurse an.
  5. Beim Einstieg oder Wiedereinsteig am besten erst einmal in der Halle klettern. Draußen am Fels ist die Absicherung manchmal ein wenig spärlicher.
  6. Bitte mit sehr leichten Routen anfangen, weil sich Sehnen langsamer an die Belastung anpassen als Muskeln. Selbst wenn man schon genügend Kraft hat, brauchen die Sehnen immer ein wenig mehr Zeit.

 

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