Zur Zielgruppe von Leichter Sprache gehören rund 8 Millionen Menschen in Deutschland. Das entspricht etwa 10 Prozent der Gesamtbevölkerung.

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Interview: Isolde Hilt

Wie oft sitzen wir selbst über Texten wie etwa Vertragsbedingungen, aus denen man am liebsten gleich einen Papierflieger falten würde. Sprache ist oft genug sehr kompliziert. Und manches Mal scheint es so, als sollten bestimmte Texte gar nicht wirklich verstanden werden. Wie aber geht es nun Menschen mit Lernbeeinträchtigungen oder Menschen, die sich mit der deutschen Sprache schwer tun? Wer nichts oder kaum etwas versteht, bleibt schnell außen vor.  

Die Un-Behindertenrechtskonvention sieht die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen in der Gesellschaft vor. Damit Menschen mit Behinderung teilhaben können, müssen sie verstehen, worum es geht. Aus diesem Grund gibt es zunehmend mehr Büros für Leichte Sprache. Sebastian Müller leitet das Büro „sag’s einfach“ der Katholischen Jugendfürsorge in Regensburg. Was es mit der Leichten Sprache auf sich hat und warum man nahezu ein Meister auch im Verstehen von schwierigen Texten sein muss, verrät er in diesem Interview.

 

Wann ist Sprache leicht? Hast du da bitte ein Beispiel?

Wenn möglichst viele Menschen den Inhalt, den man vermitteln will, verstehen und die Information selbst erkennen können. Ein Beispiel aus einer der letzten Übersetzungen: Im Original hieß es: „Der Landwirt hat das Land gepachtet.“ Die Übersetzung in Leichte Sprache lautete: Der Bauer hat das Feld gemietet. Das heißt: Er muss Geld an jemanden bezahlen. Dafür darf er das Feld benutzen. Und zum Beispiel Kartoffeln auf dem Feld pflanzen. 

Für wen ist Leichte Sprache gedacht?

Das sind ganz schön viele Menschen. Zum Beispiel

  • Menschen mit Lernschwierigkeiten; früher nannte man sie Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung. Das betrifft etwa 300.000 bis 450.000 Menschen in Deutschland.
  • Menschen mit funktionalem Analphabetismus. Das sind insgesamt ca. 7,5 Millionen Menschen in Deutschland.
  • gehörlose Menschen; sie machen etwa 80.000 Menschen in Deutschland aus.
  • Menschen mit Migrationshintergrund. Sie brauchen Hilfe vor allem beim sich Eingewöhnen und Zurechtfinden in Deutschland.

Zur definierten Zielgruppe von Leichter Sprache gehören somit rund 8 Millionen Menschen in Deutschland. Das entspricht etwa 10 Prozent der Gesamtbevölkerung. Darüber hinaus profitieren sicher noch viele weitere Menschen von Leichter Sprache, da hier Informationen kurz, kompakt und verständlich aufbereitet sind.

Seit wann gibt es Leichte Sprache, und wer hat sich das einfallen lassen?

Die Entstehungsgeschichte der Leichten Sprache reicht bis 1974 zurück. In diesem Jahr wurde die US-amerikanische Organisation „People First“ gegründet, die im Jahr 1996 erstmals die Idee des „Easy Read“ formulierte. Die Ursprünge der Leichten Sprache stammen wahrscheinlich aber aus Schweden. Das Komitee der Swedish National Agency for Education griff die Idee eines „Leichten Lesens“ erstmals 1968 auf und brachte 1984 die erste Zeitung in Einfacher Sprache „8 Sidor“ heraus.

In Deutschland entstand 1997 ein erstes offizielles Netzwerk von Menschen mit Lernschwierigkeiten; 2001 wurde der Verein „Mensch zuerst“ gegründet. Das „Netzwerk Leichte Sprache“ entstand 2006 und gilt als größter Zusammenschluss der Büros für Leichte Sprache in Deutschland.

Wer hat da eigentlich eine kognitive Einschränkung?

Du leitest seit vier Jahren „sag’s einfach“, das Büro für Leichte Sprache. Was sind deine wichtigsten Erfahrungen?

Die wichtigste und für mich auch schönste Erfahrung ist, dass ich in meiner Annahme bestätigt worden bin, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten eine sehr wertvolle und äußerst bereichernde Arbeit für unsere Gesellschaft übernehmen können. Wenn man Informationen versteht, kann man sich selbst zu unterschiedlichen Themen eine eigene Meinung bilden und dadurch besser am Leben in der Gesellschaft teilnehmen bzw. mitbestimmen.

Eine weitere wichtige Erfahrung für mich war, dass ich in der Arbeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten gemerkt habe, dass es unter ihnen viel weniger Neid und Missgunst für die Leistungen und Erfolge anderer gibt. Wenn man sich dagegen Menschen anschaut, die Berufe ausüben, die gesellschaftlich weitaus mehr Anerkennung finden, frage ich mich manchmal: Wer hat da eigentlich eine kognitive Einschränkung? Einen glücklicheren und zufriedeneren Eindruck machen jedenfalls die Menschen mit Lernschwierigkeiten. Daraus schöpfe ich viel Motivation, auch für mein eigenes Leben und meine Arbeit.

Was war für dich eine überraschende Erkenntnis?

Dass wir auch Lob und Anerkennung für unsere Arbeit von Stellen bekommen, von denen ich es nie erwartet hätte. Neulich erhielt ich zum Beispiel einen Anruf von einer Gymnasiallehrerin, die unseren Führer zum Regensburger Dom in Leichter Sprache sehr lobte und meinte, dass jetzt auch ihre Schülerinnen und Schüler den Regensburger Dom viel anschaulicher und informativer begreifen können.

 

Klar verständliche Sprache, so mein Eindruck, ist sehr oft nicht gewünscht. Nehmen wir zum Beispiel das Kleingedruckte in Verträgen oder auch Statements aus der Politik. Irreführung gehört in vielen Bereichen zum Geschäft. Hier könnte Leichte Sprache eine wertvolle Hilfe sein, oder?

Das ist richtig. Leichte Sprache ist ein Instrument der barrierefreien Kommunikation und somit Teil der UN-Behindertenrechtskonvention. Leichte Sprache bringt Dinge auf den Punkt und lässt die nur schön klingenden und vom eigentlichen Inhalt ablenkenden Umschreibungen weg. Dies führt manchmal auch dazu, dass die Fertigstellung von Texten in Leichter Sprache etwas länger dauert, da Erwartungen und Perspektiven der verschiedenen Seiten (Auftraggeber und Prüfgruppe) zusammengeführt werden müssen.

Fakten werden klar und deutlich formuliert, und die Wahrheit kommt dadurch ans Licht.

Leichte Sprache ist – näher besehen – ein Instrument, das mehr Demokratie zwecks besseren Verständnisses befördern kann, oder?

Ja, das stimmt. Bei einem guten Text in Leichter Sprache gibt es keinen Interpretationsspielraum mehr, wie ein Text zu verstehen ist. Fakten werden klar und deutlich formuliert, und die Wahrheit kommt dadurch ans Licht. Im günstigsten Fall kann ein Text in Leichter Sprache eine Diskussion auslösen, wie Verbesserungen in der Gesellschaft erreicht werden können.

Wer sind eure Auftraggeber und was übersetzt ihr so?

Wir haben viele unterschiedliche Auftraggeber. Neben Trägern aus der Arbeit von Menschen mit Behinderung zum Beispiel Kirchen, Landratsämter, Stadtverwaltungen, Krankenhäuser, Politiker, Verbände wie aus Tourismus, Sport. Man muss sich in viele Themengebiete einarbeiten und erweitert dadurch auch die eigene Allgemeinbildung enorm. 

Portraitaufnahmen: www.wsfoto.de • Fotocollage: www.plural-design.de

Manchmal erhält man Texte, die in einem solchen „Fach-Chinesisch“ geschrieben sind, dass man am liebsten davonlaufen möchte, weil man sie nicht versteht. Wie gehst du so etwas an?

Als erstes muss man jeden Text gründlich durcharbeiten bzw. durchlesen. Danach nimmt man sich Absatz für Absatz vor und arbeitet die wichtigsten Informationen heraus. Oft entsteht dabei in meinem Kopf schon eine Art Strukturformel, wie ich komplexe Sachverhalte verständlich auflösen kann.

Kommunen sind aufgrund der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet, gewisse Inhalte auch in Leichter Sprache anzubieten. Gibt es denn auch Auftraggeber, die das gerne und ohne aus einer Verpflichtung heraus tun?

Ja, die gibt es auch. Unabhängig von Kommunen aber stellt man oft fest, dass manche Aufträge nur zustande kommen, wenn es dafür eine Förderung gibt und die Rechnung von einer anderen Stelle bezahlt wird. Da wünsche ich mir, dass es mehr Auftraggeber gibt, die sagen: „Leichte Sprache ist mir wichtig und ich bin bereit, die Kosten dafür zu übernehmen.“

Wo siehst du Leichte Sprache in fünf Jahren? Wird sich dieses Angebot besser durchsetzen können?

Diese Frage ist schwer zu beantworten. Wichtig ist, dass noch mehr Leute die Wichtigkeit von Informationen in Leichter Sprache begreifen und dass diesem Thema eine größere gesellschaftliche Beachtung geschenkt wird. Dafür brauchen wir neben politischer Unterstützung auch die Medien, die wir für dieses Thema sensibilisieren müssen. 

In Österreich haben Verträge in Leichter Sprache sogar rechtsverbindliche Wirkung.

Wie steht es um Leichte Sprache in anderen Ländern? Gibt es da ähnliche Angebote?

Ich möchte an dieser Stelle kurz die Situation in Schweden beschreiben: Seit 1991 gibt es in Schweden bereits ein eigenes Verlagsgebäude für Publikationen in Einfacher Sprache. In sogenannten Servicestellen der Easy-to-Read-Kommission erstellen und übersetzen geschulte Mitarbeiter*innen im Auftrag von Behörden, Organisationen, Verbänden und Unternehmen Texte in Einfacher Sprache. Seit 1992 sind in Schweden rund 3.500 Personen als Lesebeauftragte beschäftigt, die Menschen mit Lernschwierigkeiten unterstützen, Texte zu verstehen. Auch in Österreich gibt es Leichte Sprache. Dort hat sie sogar rechtsverbindliche Wirkung. Das heißt, Verträge in Leichter Sprache dürfen unterschrieben werden und sind vor dem Gesetz gültig. 

Was wünschst du dir für die Leichte Sprache am meisten?

Dass sich das Konzept und der Gedanke der Leichten Sprache gesellschaftlich durchsetzt. Dass Menschen mit Lernschwierigkeiten, die als Prüferinnen und Prüfer tätig sind, stärker als wertvolle Mitglieder unserer Gesellschaft wahrgenommen werden. Damit meine ich speziell auch die Arbeitswelt. Es darf in Zukunft nicht mehr sein, dass man Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung außerhalb des Leistungsprinzips schaffen will. Jedem muss klar sein: Jeder Mensch erbringt in der Arbeitswelt entsprechend seiner Fähigkeiten eine wertvolle Leistung, die als solche gewürdigt werden muss. Alles andere ist für mich ein Verstoß gegen die Menschenwürde. 

Was hat die Auseinandersetzung mit Leichter Sprache bei dir persönlich verändert?

Ich lese Texte anders und kann die eigentlichen Botschaften und Inhalte eines Textes schneller „entlarven“. Außerdem habe ich gelernt, mich schnell und umfangreich in verschiedene Themengebiete einzuarbeiten.

Habt ihr auch Rückmeldungen von Menschen, für die diese Übersetzungen gedacht sind?

Wir erhalten immer wieder Rückmeldungen, dass Übersetzungen von uns gut angenommen werden. Das weiß ich zum Beispiel von den Rummelsberger Kliniken in Schwarzenbruck. Hier haben wir medizinische Untersuchungen in Leichter Sprache erklärt.

 

Sebastian Müller,

Sozialpädagoge (M. A.), leitet das Büro für Leichte Sprache „sag’s einfach“ der Katholischen Jugendfürsorge in Regensburg seit September 2014. Das Büro konnte dank Unterstützung von Aktion Mensch auf den Weg gebracht werden.

Weitere Infos unter: www.sags-einfach.de

 

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