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Manche Situationen sind ausweglos. Schnelle Hilfe ist da Gold wert. Manchmal aber empfinden wir nicht nur Dankbarkeit. Ein Podcast über ambivalente Gefühle und warum es sich lohnt, sie abzulegen.

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von Kristin Frauenhoffer

Kinder sind sehr kooperativ und sozial. Warum fällt es Erwachsenen manchmal so schwer, sich helfen zu lassen? (Foto: privat)

Fast jeder Mensch kommt im Laufe seines Lebens in eine Situation, die er oder sie nicht allein meistern kann. Wie gut, dass wir Menschen Gemeinschaftswesen sind, die einander gern helfen und unterstützen. Doch statt einfach nur dankbar über die Hilfe zu sein, empfinden wir manchmal so etwas wie Scham darüber, es nicht selbst zu schaffen. Wir fühlen uns hilflos und ausgeliefert. Warum ist das so? Und würde es uns nicht befreien, wenn wir dieses lästige Gefühl einfach ablegen könnten?

Diesen Fragen geht Kristin Frauenhoffer in ihrem Podcast nach und stellt fest, dass diese Scham eines der unnötigsten Gefühle ist, die es gibt, dass wir das Wort „Hilfsbedürftigkeit“ neu definieren sollten und dass wir uns alle mehr öffnen sollten – denn das schafft wirkliche Verbindungen, die uns gemeinsam stärker machen.

 

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Kurz nach der Geburt meines Sohnes, lag ich mit einer Brustentzündung und 40 Grad Fieber im Bett. Mein Mann war für 3 Tage unterwegs bei einer wichtigen Fortbildung. Ich hatte ihn freimütig weggeschickt mit den Worten „Keine Sorge, ich packe das schon!“ Und dann plötzlich das: ich lag im Bett und konnte mich nicht rühren, hatte Schmerzen und Schüttelfrost. Neben mir mein 5 Tage altes Baby, das eigentlich volle Fürsorge gebraucht hätte. Es ging so weit, dass ich nicht aufstehen konnte, um mir ein Glas Wasser in der Küche zu holen. Und ich eine SMS an unseren Mitbewohner schrieb, der in seinem Zimmer war, ob er mir bitte ein Glas vorbeibringen könnte.

Ich rief meinen Mann an und berichtete weinend von meinem Zustand, er alarmierte daraufhin sofort seine Eltern, die noch am gleichen Abend kamen. Die Gefühle, die ich empfand, als sie da waren, waren sehr zwiespältig. Einerseits war ich unendlich dankbar und froh darum, diese Unterstützung zu haben. Andererseits waren da auch andere Gefühle in mir. Absolute Hilflosigkeit und Scham darüber, dass ich mich in dieser Lage befand und mir nicht selbst helfen konnte. Die Tatsache, dass ich frisch Mama geworden war und damit die Verantwortung und Fürsorgepflicht für ein Neugeborenes hatte, verstärkte diese Gefühle noch. Denn es führte kein Weg daran vorbei, ich musste mir helfen lassen. Es war das erste Mal seit langem, dass ich hundert prozentig auf die Hilfe von Anderen angewiesen war und das verschaffte mir ein ziemlich eigenartiges und ungutes Gefühl im Magen.

Aber warum eigentlich? Warum war ich nicht einfach nur dankbar? Warum spürte ich diese Scham? Warum empfand ich es sogar als unangenehm, meinen Schwiegereltern so „zur Last zu fallen“? Allein schon in diesem Ausdruck liegt viel, was vermutlich zur Beantwortung der Fragen beitragen kann. Eine Last – das ist doch etwas Schweres. Etwas, das man selbst tragen und niemand anderem aufbinden sollte. Und dann noch „fallen“. Das klingt so, als wäre man gebrechlich, könne nicht mehr allein stehen und müsse sich fallen lassen. Aus eigener Kraft nicht mehr in der Lage, sich aufrecht zu halten. Genauso ging es mir ja damals. Aber warum ist das denn so schlecht?

Ich vermute, es liegt daran, dass man als erwachsener Mensch ein bestimmtes Bild von sich selbst entwickelt. Und zu diesem Bild gehört ab einem gewissen Alter eben, dass man selbstbestimmt durchs Leben geht, dass man stark und unabhängig ist und dass man für sich selbst selbst sorgen kann. Immer. Ich denke, ich hatte dieses Bild von mir auch – ohne es zu wissen oder ohne es mir regelmäßig bewusst zu machen. Denkt mal drüber nach: Wann fragt ihr andere Menschen um Hilfe? Oder fragt ihr überhaupt? Versucht ihr erstmal, es selbst zu schaffen?

Ich persönlich bitte andere Menschen nur um Hilfe, wenn es um konkrete Situationen geht. Oft auch um Kleinigkeiten. Wenn ich es vielleicht auch allein schaffen könnte, es so aber einfacher ist. Oder spaßiger. Oder wenn es um etwas geht, was ich tatsächlich nicht schaffe – zum Beispiel etwas Schweres zu tragen -, dies aber völlig akzeptabel ist, weil niemand das allein schaffen kann. Aber diese Situationen rütteln nicht an meinem Selbstbild der starken Person. Man kann sich sein Leben ja einfacher machen und es ist ja auch schön, sich von anderen helfen zu lassen bzw. anderen zu helfen. Trotzdem ist man nicht „hilfsbedürftig“.

Und da kommen wir zum Kern der Sache: Hilfsbedürftig zu sein hat einen Anstrich von Versagen, von Scheitern, von Mitleid Erregen. Jemand, der hilfsbedürftig ist, kann sich selbst nicht mehr helfen. Er ist in einer ausweglosen Lage. Genauso wie ich damals. Meine Hilfsbedürftigkeit von damals und die Hilfsbedürftigkeit von beispielsweise Flüchtlingen, die nach Europa kommen, sind gar nicht so verschieden. Der große Unterschied ist, dass ich sofort Hilfe bekommen habe. Dass ich liebevolle Menschen um mich hatte, die mir beistanden und alles getan haben, um die Situation für mich zu verbessern. Bei Flüchtlingen sieht das ja oft ganz anders aus. Dabei empfinden sie vermutlich die gleiche Scham, die gleiche verzweifelte Hilflosigkeit wie ich damals. Denn ich vermute jeder Mensch entwickelt irgendwann im Laufe seines Lebens dieses Bild von sich selbst : ich schaffe alles. Ich kann das. Warum sollte das bei flüchtenden Menschen anders sein?
Gerade sie, die sich auf diese beschwerliche, gefährliche Reise ins Unbekannte machen. Gerade sie haben vermutlich ein positives Selbstbild. Sonst würden sie diese Strapazen gar nicht auf sich nehmen.

Wir leben in einer Zeit, in der viel mehr Menschen plötzlich hilfsbedürftig werden. Die Coronakrise verlangt so vielen von uns Unglaubliches ab. Finanziell, mental, emotional. Ich kann mir dank meiner Erfahrungen von damals vorstellen, wie sich komplette Hilflosigkeit anfühlt. Dass dieses „Auf-Andere-Angewiesen-Sein“ und sich nicht selbst helfen zu können auf eine merkwürdige Art und Weise an der eigenen Menschenwürde rüttelt.

Ich sehe die Menschen, die zu uns kommen, seitdem mit anderen Augen. Ich sehe ihre Würde, ihre Stärke und ich sehe auch, dass ihre momentane Hilflosigkeit ein vorübergehendes Phänomen ist. Das Gleiche gilt für jene, die aufgrund der derzeitigen Einschränkungen Existenznöte leiden. Vermutlich erleben auch sie Gefühle von Scham und Ohnmacht aufgrund ihrer Situation.

Ich würde mir daher wünschen, dass wir das Image des Begriffes „Hilfsbedürftigkeit“ verbessern. Dass wir Menschen in Notlagen als genau das sehen, was sie sind: Menschen in einer NOTlage. In einer vorübergehend schwierigen Situation. Wobei dabei eigentlich nicht der Kern des Problems liegt. Viele Menschen helfen gern. Denn Helfen verschafft einem selbst ja auch ein gutes Gefühl. Das Problem liegt gar nicht so sehr daran, wie wir andere Menschen sehen, die Hilfe brauchen. Sondern wie sie sich selbst sehen.

Also wie wir uns sehen, wenn wir in Not sind und Hilfe brauchen. Ich würde mir wünschen, wir alle würden uns in dieser Hinsicht mehr öffnen, zeigen, wie es uns geht, Hilfe annehmen ohne schlechtes Gewissen und ohne Scham. Denn wem nutzt diese Scham? Niemandem. Sie ist an dieser Stelle völlig nutzlos. Denn nahezu jeder Mensch gerät irgendwann im Laufe seines Lebens in eine Situation, in der er oder sie völlig auf die Hilfe von anderen angewiesen ist. Wenn wir erkennen, dass wir alle in einem Boot sitzen, dann fällt es viel leichter, das anzuerkennen. Schließlich sind wir soziale Wesen und dazu gemacht, uns gegenseitig zu unterstützen. Aus dieser Solidarität und Hilfsbereitschaft können dann viel engere und tiefere Verbindungen zu anderen Menschen entstehen. Und das ist es doch, was unser Leben ausmacht. Die Verbindung zu anderen – und zu uns selbst.

Gerade in der jetzigen Zeit plädiere ich also für mehr Solidarität. Mehr Helfen, mehr Helfen-Lassen. Denn Jede und Jeder von uns kann plötzlich bedürftig werden. Spätestens, wenn man 14 Tage in Quarantäne gehen muss, ist man auf die Hilfe von außen angewiesen. Da ist es zwar dann nicht die – vermeintlich – eigene Schwäche, die einen hilfsbedürftig macht. Aber als Übungsfeld dient es allemal.

Ich wünsche uns allen, dass wir gut durch diese Zeit kommen, dass wir gesund und uns nahe bleiben.

 

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

 

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