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Die Wanderausstellung "Vom Scheitern eines anberaumten Massenmordes • Bulgarien 1934 bis 1944" zeugt von einer Zivilcourage, die scheinbar Unmögliches möglich gemacht hat.

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von Isolde Hilt

„Übers Land“ Marco Behar, 1941

„Topographien der Menschlichkeit“ ist ein Projekt von Courage gegen Fremdenhass e. V. aus Berlin. Der Verein, der sich 1991 gründete, war als Reaktion auf eine sich erhöhende Zahl ausländerfeindlicher Übergriffe gedacht. In 30 Jahren konnten viele Initiativen vor allem an Schulen verwirklicht werden: Schreibwerkstätten, Lesungen, Theaterprojekte, Diskussionen. Auch in kommunalen Galerien, Kultur-Initiativen, Kirchengemeinden oder an Volkshochschulen ist Courage gegen Fremdenhass aktiv.

„Im Zuge dieser Arbeit“, berichtet Vorsitzende Ana Tüne, „haben wir festgestellt, dass es notwendig ist, positive Beispiele aus Vergangenheit und Gegenwart ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Beispiele gelungener Humanität sind konstruktiv und inspirierend.“ „Vom Scheitern eines anberaumten Massenmordes • Bugarien 1934 bis 1944“ ist die dritte Ausstellung in der Projektreihe „Topographien der Menschlichkeit“.

Die Ausstellung dokumentiert die Geschichte von Menschen in Bulgarien, die sich den Vernichtungsplänen der Nationalsozialisten widersetzten und tausenden jüdischen Mitbürger*innen das Leben retteten. In der gesamten Geschichte Europas gibt es nichts Vergleichbares, so Kuratorin Anna Tüne.

Letzte Woche konnte die Ausstellung auf Einladung der Kunstsammlungen des Bistums Regensburg und der Katholischen Jugendfürsorge Regensburg zum ersten Mal der Öffentlichkeit gezeigt werden. Ein Gespräch mit Anna Tüne, Schriftstellerin und Kuratorin, die die Wanderausstellung konzipiert und umgesetzt hat.

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Die Ausstellung „Vom Scheitern eines anberaumten Massenmordes • Bulgarien 1934 bis 1944“ ist die dritte in der Reihe „Topographien der Menschlichkeit“. Die Nationalsozialisten versuchten auch hier, alle Juden zu vernichten. Doch in Bulgarien „gelingt“ die Umsetzung nicht in der gewünschten Form und nicht in dem geplanten Ausmaß. Wie sah die Menschlichkeit in diesem Kontext aus?

Es ist oft nicht bekannt, dass Nazi-Deutschland mit vielen anderen autoritären Staaten verbündet war, die sowohl dessen Vernichtungspolitik pro-aktiv unterstützt haben als auch mit Truppen an seinen Kriegszügen beteiligt waren. Bulgarien gehörte zu diesen mit dem Nazi-Reich verbündeten Ländern. Ihre Führung beteiligte sich willentlich und wissentlich an den Vernichtungsplänen. In den durch den Wehrmachts-Überfall auf Griechenland und Jugoslawien möglich gewordenen Annexionen von Thrakien und Makedonien haben die bulgarischen Behörden die Deportation aller dortigen Juden organisiert.

Im bulgarischen Kernreich sollte dies auch umgesetzt werden. Dieses Vorhaben scheiterte jedoch schlichtweg an der klugen und nicht nachlassenden Rettungsarbeit weiter Kreise des bulgarischen Volkes aller Schichten. Aus Kern-Bulgarien gab es keine Deportationen; sie sind alle – manche in letzter Minute – verhindert worden. In Bulgarien sind auch Juden in dieser Zeit gestorben, doch das geschah, weil sie aktiv am Widerstand beteiligt waren.

 

Was ist in der Ausstellung zu sehen? Was sind die für Sie wichtigsten Botschaften?

Es sind Fotodokumente aus der Zeit zu sehen, Portraits von wichtigen Handelnden sowie Zeichnungen und Gemälde des jüdischen Malers Marco Behar. Die für mich wichtigsten Botschaften sind:

  1. Jede*r ist aufgerufen, nach den ihm oder ihr zur Verfügung stehenden Mittel, mitmenschlich und solidarisch zu handeln.
  2. Es gibt nichts Gutes, es sei denn, man tut es. Und es geht nicht automatisch schief.

 

Marco Behar bringt die Zeit von damals mit seinen Zeichnungen und Bildern eindringlich nahe: Furcht, Armut, Demütigung, Verfolgt-Sein, Trennung, Ausgrenzung, Leid, Gewalt, Folter, Mord … Was ist ihm als Zeitzeugen bei dieser Ausstellung besonders zu verdanken?

Familienrat, Marco Behar, 1939

Er bringt die suggestive Kraft des Kunstwerkes in die Ausstellung und fokussiert so den Blick aufs Wesentliche. Marco Behar führt manches vor Augen, von dem es keine dokumentarischen Bilder gibt und diese sind ja doch Realität gewesen.

 

Auch diese Ausstellung ist der Fähigkeit der Menschen gewidmet, sich auf die richtige Seite zu stellen – auf die Seite der Geschwisterlichkeit aller Menschen. Wie gelingt das? Viele wollen ja nicht mehr unbedingt an diese Zeit erinnert werden, argumentieren, dass das doch jetzt wirklich schon so lange her sei …

Ja, es ist eines der großen Rätsel, was Menschen dazu bringt, das „Richtige“ zu tun. Ich glaube, es ist vor allem auch der Selbst-Respekt, der dazu führen kann. Man will sich im Spiegel ohne Scham anschauen können.

Wenn man diese Frage behandelt wie eine Sünde, eine Schuld, die sich über Generationen weitervererbt, trägt man genau dazu bei, dass sich die Menschen von solchen Themen abwenden. Wir sollten nicht vergessen: Seit der Aufklärung ist Schuld etwas, das nur den individuellen Taten zugerechnet wird. Kollektive Schuld gibt es nur, wenn sie im Rahmen einer sich ausdrücklich zu kriminellen Zielen bekennenden Vereinigung geschieht.

Für den Start dieser Ausstellung wünsche und hoffe ich, dass sie aufgenommen wird als ein Hoffnungszeichen – unter den vielen, die wir noch ausgraben wollen.

 

Kuratorin Anna Tüne • Foto: Michaela Heelemann

Beim Aufspüren von „Topographien der Menschlichkeit“ ist man unweigerlich auch mit der düsteren und oft nicht mehr vorstellbaren Kehrseite menschlichen Seins und Handelns konfrontiert. Wie kommen Sie in Ihrer Arbeit damit zurecht?

Das Gelingen von Menschlichkeit ist ja das Hauptthema der Reihe. Dies ist eher stärkend und entlastend, stellt es doch auch ein anderes, besseres Gleichgewicht des Menschenbildes her. Die Frauen und Männer, die in den Gedenkstätten der Höllenorte arbeiten, haben es da mutmaßlich ungleich schwerer.

 

Die Spannungen in unserer Gesellschaft nehmen gefühlt stark zu. Sind Sie noch zuversichtlich? Was macht Ihnen Mut?

Nun ja, meine Generation hat es sowohl zeitlich als örtlich sehr gutgehabt – das ist wahr. Wenn zunehmend mehr Menschen erkennen, dass es zu grundlegenden Veränderungen kommen muss, kann es gut gehen. Das würde bedeuten, dass wir weitgehende Änderungen unserer Lebensstile nicht nur in Frage stellen, sondern diese auch pro-aktiv umsetzen.

Wie gerne man von Krise spricht: Dabei sagt das Wort aus, dass man danach wie ehedem weitermachen kann. Wir sind nicht in einer Krise, sondern wir stehen vor einer grundlegenden Weggabelung. So wie es war, wird es nicht mehr. Warum nicht auch konstruktiv und neugierig in diese neue Zeit hineingehen? Den Kindern und Kindeskindern schulden wir dies allemal.

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Die Ausstellung „Vom Scheitern eines anberaumten Massenmordes • Bulgarien 1934 bis 1944“  ist in Regensburg noch am 19. und 26. September von 14 bis 18 Uhr in der Galerie St. Klara, Kapuzinergasse 11, zu sehen. Anschließend geht sie auf Wanderschaft. Begleitend dazu gibt es einen ausgezeichnet aufbereiteten Ausstellungskatalog.

 

Weitere Infos zur Ausstellung finden sich hier:

https://www.topographiendermenschlichkeit.de/bulgarien/

https://www.galerie-st-klara.de/ausstellungen

 

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