Über die Kostbarkeit eines Teppichs

In manchen Ländern ist der Teppich nicht nur ein Statussymbol, sondern auch Kälte-, Feuchtigkeits- und Schallschutz.

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Kurzgeschichte von Oxana Bytschenko

Papa und ich waschen Teppiche. Als Kind gibt es in der zentralasiatischen Hitze schlimmere Aufgaben, als im Wasser zu planschen. Papa rollt den braunroten Teppich zusammen, sie sehen in der Sowjetunion alle gleich aus. Es ist kein kleiner Läufer. Eher ein Mammut. Zusammengerollt wird er in den Hof getragen und über die Turnstangen gehängt. Erst klopfe ich so fest ich kann, um den Staub zu entfernen, dann Papa. Es dauert ewig und kratzt im Hals, der Staub kriecht in die Haare und legt sich wie ein Schleier auf den Körper. Der Schläger ist rutschig und steif. Das Ausklopfen der Teppiche ist das Geräusch des Sommers.

Während Papa den Teppich weiter verprügelt, spritze ich mit Wasser einen Platz auf dem Beton sauber. Dort wird er wie ein König platziert – bereit, massiert zu werden. Erst komplett nass machen, dann die Wasserpfützen mit einem Besen wieder herausstreichen. Meine Lieblingsaufgabe – barfuß über den klatschnassen Teppich laufen und mit dem Besen eine Welle erzeugen. Spuren hinterlassen.

"Die besten Teppiche wurden unter der Ladentheke verkauft."

Teppiche waren in der Sowjetunion begehrt. Die besten wurden „unter der Ladentheke“ verkauft, über Vitamin-B-Beziehungen beschafft und stolz im Zimmer aufgehängt. Sie waren ein Statussymbol in einem statussymbolarmen Land. Sie lagen nicht nur auf dem Boden, sondern hingen an den Wänden. Ein Teppich war ein pragmatischer Gegenstand: Er war der Kälte-, Feuchtigkeit- und Schallschutz, der die nackten Wände auch noch hübscher machte. Vier Fliegen mit einem Teppich! Ich fand den roten Teppich über meinem Bett aber ätzend, weil er so gewaltig war, dass mir wenig Platz für meine Poster blieb.

"Dann muss das Mammut, das jetzt wie zwei Mammuts wiegt, gedreht werden."

Der königliche Teppich wird mit Waschpulver bedeckt, auch von diesem gibt es nur eine Sorte. Wir rutschen auf den Knien und schrubben den Teppich mit Bürsten. Jeden Fleck, schön in Kreisen. Mit dem Wasserschlauch das Pulver wegwaschen – und mit dem Besen Wellen machen. Wiederholen, immer wieder. Bis die gereinigten Fasern auch das letzte Pulverkörnchen freigeben. Dann muss das Mammut, das jetzt wie zwei Mammuts wiegt, gedreht werden. Die Rückseite zu waschen, geht viel schneller, macht aber erbärmliche Wellen. Dann kommt der schwerste Teil für Papa: den nassen Teppich zum Trocknen aufhängen. Ich bin keine Hilfe, zu dünn, zu klein, aber Papa ist noch jung und stark. Aber auch er ächzt und kämpft, bis das Mammut an den hohen Turnstangen hängt. Die nächsten Tage haben wir Ruhe vor dem Teppich – bis er trocken ist und wieder zurück in die Wohnung getragen werden will.

Einen Teppich haben wir 1993 sogar nach Deutschland importiert. Er war das wertvollste Gut der Familie. Aber wir mussten ihn nie wieder waschen. Schade eigentlich.

 

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Foto: inessphotography.de

„Unverbesserliche Optimistin: 42 Jahre haben mich gelehrt, dass es sich lohnt, an das Gute zu glauben.

Sprachenliebhaberin: Ich habe Technik-Journalismus studiert und arbeite als Redakteurin. Die Zeit seit dem Ausbruch der Pandemie nutze ich für kreatives Schreiben. So entstehen Kinderbücher und Kurzgeschichten für Erwachsene.

Kunterbunt wie das Leben: Ich komme gebürtig aus Kasachstan und Tadschikistan – eine Russlanddeutsche mit einem ukrainischen Nachnamen.“

Oxana Bytschenko, Redakteurin und Autorin

 

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