Das KAP-Institut verdankt seine Existenz u. a. einem Jugendlichen, den fast alle schon aufgegeben hatten. Und auch Carlos hat seinen Weg gemacht.

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Text: Isolde Hilt

Manches Mal ist es ein Segen, wenn einem eben mal die Regie aus der Hand genommen wird. Peter Alberters Leben wäre nicht unbedingt schlechter verlaufen, vielleicht aber nicht so erfolgreich wie es das jetzt tut. Die Geschichte seines KAP-Instituts ist außergewöhnlich. Das international agierende Outdoor-Unternehmen verdankt seine Existenz nicht unwesentlich einer kirchlich-caritativen Organisation, der Katholischen Jugendfürsorge in Regensburg, und Carlos, einem Jugendlichen, den fast alle schon aufgegeben hatten.

„Mein erster Kontakt zur Jugendfürsorge? Ich hatte mich um einen Ausbildungsplatz an der Fachakademie für Heilpädagogik beworben und konnte den Einstellungstest nicht mitmachen. Ich war da gerade als Mitarbeiter auf einem heilpädagogischen Segelschiff unterwegs, das sich der Aufgabe ‚Therapie statt Strafe‘ verschrieben hatte.“ Die KJF nimmt den Fachkrankenpfleger für Kinder- und Jugendpsychiatrie trotz verpassten Tests eingehend unter die Lupe und kommt zu dem Schluss, es geht auch ohne Prüfung.

„Was tun wir denn täglich? Ist es dunkel, schalten wir das Licht ein. Ist es kalt, drehen wir die Heizung auf. Haben wir Hunger, machen wir den Kühlschrank auf. In der Natur ist alles viel authentischer.“

„Mein Traumjob – als Erlebnispädagoge nur noch mit Kindern draußen in der Natur arbeiten!“

Peter Alberter begeistert in den Praktika, die er unter anderem im Kinderzentrum St. Vincent, einer Einrichtung der Erziehungshilfe, absolviert: „Hier war ich mit den Kindern in den Oster-, Pfingst- und Sommerferien draußen in der Natur unterwegs. Mit ihnen einfach mal die geschlossenen Räume verlassen… Was tun wir denn täglich? Ist es dunkel, schalten wir das Licht ein. Ist es kalt, drehen wir die Heizung auf. Haben wir Hunger, machen wir den Kühlschrank auf. Kinder werden in stationären Einrichtungen rundum versorgt.“ In der Natur sei alles viel authentischer. Werde es kalt, müsse man Holz suchen, ein Feuer entfachen. Peter Alberters Augen leuchten: „Da werden die Kinder selber aktiv, wenn sie merken, dass einfach keiner da ist, der ihnen das Holz bringt, Feuer macht, das Brot schmiert.“ Die Kinder, so erzählt er, lernten unwahrscheinlich in ihrem Selbstwertgefühl dazu – und man selbst auch. „Es war gigantisch, mein Traumjob! Das hat mir soviel Freude bereitet, dass ich mir gar nichts anderes mehr vorstellen konnte – als Erlebnispädagoge voll einsteigen und nur noch mit Kindern draußen in der Natur arbeiten.“ Für ihn steht der weitere Weg fest, mit einem Notendurchschnitt von 1,3 legt er einen exzellenten Abschluss hin und ist … arbeitslos. Sein Traumjob konnte damals in dem Kinderzentrum noch nicht eingerichtet werden und woanders hatte er sich nicht beworben.

 

„Schickt Carlos in die Wüste.“

Ein halbes Jahr später trifft der frisch gebackene Heilpädagoge ohne Job in einer Szenekneipe einen Gruppenleiter von St. Vincent. Dieser erzählt ihm von Carlos. Der 14-jährige Junge lässt niemanden an sich heran, ist aggressiv gegen andere wie gegen sich selbst, muss so schlimme Dinge erlebt haben, dass niemand mehr weiß, wie dem Kind noch zu helfen ist.

Peter Alberter erinnert sich an eine Expedition mit seinem Bruder, ein „um die Wette radeln“ nach Barcelona. „Je weiter wir weg waren, umso schwerer fiel uns das Vorankommen. Und da war unser Fazit: Das nächste Mal fahren wir mit dem Zug weg und radeln zur Mama zurück.“ Weit weg sein, wo man nichts und niemanden kennt, das einem Halt geben könnte und langsam, oft auch mühsam, das Ziel vor Augen, dahin zurückzukehren, wo man sich zu Hause oder zumindest doch angenommen fühlt. Und Peter Alberter empfiehlt: „Schickt Carlos in die Wüste.“

 

„Carlos und ich waren eine Schicksalsgemeinschaft.“

Vielleicht war die Ratlosigkeit groß und es gab keinen besseren Plan. Der Wunsch aber, dem Jungen wirksam zu helfen, und eine dicke Portion Mut ließen zwei Tage später den damaligen Einrichtungsleiter von St. Vincent Peter Alberter anrufen, um ihn zu fragen, ob er die „Wüsten-Expedition“ unter eigener Regie übernehmen würde. „Das Spannende dabei war: hier der Carlos – keine Zukunft, kein Plan, wie es weitergeht, keine Vision. Und auf der anderen Seite ich, der Peter – keine Zukunft, kein Plan, wie es weitergeht, ohne jegliche Visionen. Wir waren eine Schicksalsgemeinschaft“, erinnert sich der heute erfolgreiche Unternehmer, der damit, ohne es zu ahnen, die Geburtsstunde seiner Selbstständigkeit einläutete.

 

 

Die Wüste, ein Spiegel des Lebens

Carlos stimmt dem Plan zu. Die Katholische Jugendfürsorge stellt fachliche Ressourcen wie Therapie und Supervision zur Verfügung. Der Rahmen ist klar gesteckt: Dem Jungen und seinem Betreuer stehen 180 Tage zur Verfügung, um von der Hafenstadt Agadir im Süden Marokkos am Atlantik entlang, quer durch die Sahara bis zur algerischen Grenze, von dort über das Atlasgebirge den Weg nach Hause anzutreten.  Anfangs, erzählt Peter Alberter, habe er die Zügel straff gehalten, eine feste Struktur vorgegeben. Wer grenzenlos starte, komme nicht weit. Wie die straffen Zügel ausgesehen hätten? „Das Wichtigste war ein fester Tagesablauf. Wir haben jeden Tag mit einer Morgenrunde begonnen, um zu überlegen, welche Ziele haben wir heute und wie erreichen wir sie. Wir hatten unsere festen Rituale. Dazu gehörten musizieren, jeden Tag dokumentieren … Um 22 Uhr war Bettgehzeit. Das gab uns einen äußeren Halt, so dass wir letztendlich auch einen inneren Halt aufbauen konnten.“

Carlos, der bislang Frustrations- oder Durchhaltevermögen nicht zu seinen Stärken zählen konnte, verändert sich. Die Wüste scheint dafür der ideale Ort zu sein, ein Spiegel des Lebens. Der Oase mit saftigem Grün, frischem Gemüse, Wasser folgen Steine, Sand, Dürre. Der Weg wird zur Meditation, zur inneren Einkehr: „Ich musste Carlos nie antreiben, er wollte von selber weiter. Mit der Zeit merkte er, zu welcher Leistung er fähig ist. Und die hat sich mit steigender Kondition noch verbessert.“

 

„Das größte Geschenk war für mich, wieder all die Chancen sehen zu können, die wir in Deutschland haben.“

In Peter Alberter fängt die Wüste ebenfalls zu keimen an. „Ich hatte keine Vision. Ich war so mit diesem Projekt beschäftigt, dass ich mir sagte, wenn ich das schaffe, mache ich den nächsten Schritt… Carlos und ich haben so viele Herausforderungen bewältigt, das hat mich zuversichtlich werden lassen. Ich verspürte auch eine gewisse Demut, wenn ich sah, wie die Marokkaner einzelne Getreide pflanzten, pro Quadratmeter, wie sie mit der Hand, einem Blumenstrauß gleich, das Getreide pflückten…“ Das größte Geschenk sei für ihn die Erkenntnis gewesen, all die Chancen wieder zu sehen, die wir in Deutschland hätten, gepaart mit dem Gefühl, er könne etwas und Ziele seien dazu da, gepackt zu werden.

 

Das Ziel: einmal im Leben etwas ganz durchziehen und erfolgreich beenden

Auch das lernt Carlos‘ Betreuer: sich entscheiden und damit auf das eine oder andere verzichten, um etwas wirklich gut zu machen und zu Ende zu bringen. Der Leiter des Kinderzentrums, der sich in den 180 Tagen zweimal mit den Wüstenreisenden trifft, ist eine wichtige Stütze: „Wenn man so nah an einem Jugendlichen dran ist, kann man sich schnell verrennen. Jemanden aus der Distanz zu haben, der das pädagogische Verhalten korrigiert und einem wieder Mut macht, hilft sehr. Ich hatte zum Beispiel gedacht, ‚Radfahren‘, ‚Ausdauer‘, ‚Durchhaltevermögen‘ seien bei Carlos ausgereizt. Da könne man doch noch ein paar Praktika einbauen, etwa auf einem Bauernhof arbeiten. Mir wurde aber klargemacht, dass es für Carlos wichtig sei, einmal im Leben etwas ganz durchzuziehen und gemeinsam in Regensburg anzukommen. So ein buntes Potpourrie wie ‚hier ein bisschen arbeiten, dort ein bisschen was anderes‘ verwässere die Maßnahme.“

Das Experiment „Wüste“ geht gut aus. Carlos lebt anschließend zunächst in einer Außenwohngruppe von St. Vincent und beginnt eine Ausbildung, bevor er sich dann selbst eine kleine Wohnung sucht. Er macht den Führerschein, arbeitet bei einer Telekommunikationsfirma, später bei den Maltesern und geht auch eine feste Beziehung ein. „Carlos sagte mir einmal, hätten wir die Maßnahme nicht durchgezogen, wäre er nicht mehr am Leben. Er hatte zuvor schon mehrere Selbstmordversuche unternommen.“ Wichtig, merkt Peter Alberter an, sei dem jungen Mann immer gewesen, die Kosten, die aufgrund dieser Maßnahme entstanden seien, mit seinen Steuergeldern aus fester Arbeit zurückgezahlt zu haben.

„Der Erfolg des KAP-Instituts? Es ist vermutlich das genaue Hinschauen, das lernt man in der Jugendhilfe.“

Carlos hat gleichsam auch den Grundstein für ein erfolgreiches Unternehmen mit gelegt. Jugendämter und verschiedene Träger traten an Peter Alberter mit der Bitte heran, sie hätten ebenfalls einen jungen Menschen, dem eine solche Maßnahme vielleicht helfen würde. Ob er nicht auch eine Weiterbildung für Fachkräfte in Erlebnispädagogik anbieten könnte …? Das KAP-Institut für Teamtraining und Outdoor-Teamtraining ist geboren.

 

Auch in der Wirtschaft werden Durchhaltevermögen, Teamfähigkeit, Motivation und Ausdauer gebraucht.

Treffen Wirtschaft und Soziales aufeinander, macht sich das Soziale gerne klein. Von Peter Alberter und seinem mittlerweile 20-köpfigem Team kann man auch in dieser Hinsicht noch lernen. „Wir  haben irgendwann einmal für die Wirtschaftsjunioren das erste Outdoor-Training durchgeführt, bei dem jemand von BMW dabei war.“ Die Begeisterung war groß und steckt am besten andere an. Heute zählen über 150 Firmen, darunter Ebay oder die Europäische Zentralbank, zu den Kunden des KAP-Instituts, die ihre Mitarbeiter zu Trainings auf hoher See, mit Mountainbikes, Kanus, in die Höhle, ins Gebirge schicken.

Was macht die Anziehungskraft aus? „Es ist vermutlich das genaue Hinschauen, das lernt man in der Jugendhilfe. Man ist am Ball, es entgeht einem nichts, man lernt Körpersprache deuten. Wer jahrelang in einer Gruppe mit schwierigen Kindern arbeitet, in der es leicht eskalieren kann, merkt schnell, wenn es jemandem nicht gut geht, wenn einer Hilfe braucht.“ Bei den Trainings, führt Peter Alberter aus, achten er und sein Team genau darauf, wer zum Beispiel mit wem im Boot sitze, wie das Ruder in die Hand genommen werde, wie sich Teilnehmer*innen abstimmten. Der KAP-Begründer beschreibt exemplarisch eine andere, scheinbar simple Übung, die aber viel ans Licht bringe: „Jeder stellt sich auf eine Bierkiste und ordnet sich, entsprechend seiner Betriebszugehörigkeit, zu. Wir achten darauf, wie sich die Teilnehmer annehmen, sich helfen, ob sie sich die Hände reichen, den Rücken zudrehen oder jemanden fallen lassen. Das reflektieren wir mit ihnen in einer aufschlussreichen und wohlwollenden Auswertung.“

Spüren, dass man über sich selbst hinauswachsen kann

Sich selbst erleben, in der Natur, aus der wir ursprünglich kommen. Grenzen spüren, aber auch, dass Hinauswachsen über sich selbst möglich ist. Andere auffangen, sich selbst helfen lassen. Menschlichsein, das ist es vermutlich, was Teilnehmer am KAP-Institut so begeistert.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die für Peter Alberter arbeiten, hat er selbst ausgebildet und gefördert. Wichtig, so sagt er, sind ihm Ehrlichkeit, Offenheit, Transparenz, Echt-Sein. Die Leidenschaft und Begeisterung, mit Menschen zu arbeiten, tun ihr Übriges dazu. Weitere Infos: www.kap-outdoor.de

 

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