Wer seine Heimat verlassen muss, weil ihm sonst der Tod näher ist als das Leben, droht seine Identität und Wurzeln zu verlieren. Fragen von einem, der fliehen musste. Fragen, die uns zwingen, in den Spiegel zu schauen: Und wer sind wir?

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von Mohammad Khalid Kaddoura

 

 

Jetzt kann ich mir in verschiedenen Sprachen diese Frage stellen.

Bin ich niemand mehr, weil ich keinen Reisepass habe?

Werde ich jemand sein, wenn ich einen Reisepass habe?

In welcher Farbe muss er sein?

 

War es ein Zufall, dass ich so heiße?

Oder dass meine ID-Nummer so ist?

Aber wenn ich vorlese, was nach der Nationalität steht, fängt meine Frage an:

staatenlos.

 

War das der Fehler meiner Großeltern,

dass sie einfach von den Bomben weggegangen und geflüchtet sind?

Aber hier sind auch Leute, die vor Bomben geflüchtet sind.

Trotzdem haben sie eine Nationalität.

Sollten sie sterben, damit ich jemand mit Nationalität wäre?

Soll mein Vater das Leid meiner Großeltern vergessen,

um irgendeine Identität zu finden?

Soll ich auch später alles ignorieren?

Soll morgen mein Sohn vergessen,

dass ich und meine Großeltern geflüchtet sind,

um für unsere Existenz zu kämpfen?

Oder soll er einfach irgendeine Nationalität haben?

 

Bin ich der Mensch, der vor den Bomben geflüchtet ist?

Oder einfach jemand, der Geld bekommen will…

Der eine unbekannte Reise gehabt hat, die kein Ende nahm…

Oder der eine schöne Zeit hatte in dem 6-Meter-Boot in der Mitte vom Mittelmeer,

nachts, mit 60 Leuten,

die eng aufeinander um ihr Leben kämpften…

 

Bin ich der Mensch, der zwischen den Grenzen vor scharfen Schüssen weggerannt ist?

Oder der Mensch, der zwischen Sozialamt und Landratsamt seinen Tag verbracht hat?

Oder der sein Geld ausgegeben hat, um zu überleben

und hier die Frage oft hört:

„Woher hast du dein neues Handy?“

 

Bin ich reich, wenn ich ein solches Handy habe?

Oder reich, wenn ich meine Mutter jeden Tag sehen kann…

Oder bin ich hier – mit oder ohne Wertsachen – einer, der keine Identität hat…

Bin ich der,

der jeden Tag einsam ist,

einsam aufwacht, einsam schläft, einsam weint, einsam lacht?

Und der alles machen würde, um die Mutter wiederzusehen

und auch auf das neue Handy verzichtet…

 

Bin ich der, der von der idealen Stadt zur begrenzten Stadt gekommen ist?

Oder das Gegenteil? Oder beide sind begrenzt?

Aber jeder hat seinen eigenen Stil…

 

 

Bin ich der, der alle Vorurteile verstehen muss?

Weil, es ist halt so,

dass er nichts dagegen sagen kann, weil er Gast ist.

 

Bin ich der Terrorist, der wegen seiner Religion gefährlich ist?

Oder wegen seines Barts zum Beispiel?

Oder bin ich der Araber, der zu Hause keinen Fernseher gehabt hat…

Der in der Wüste gelebt hat…

Der in seinem Leben kein Handy gesehen hat.

 

Bin ich der Typ, der eine Schulung und einen Integrationskurs braucht,

um zu lernen,

wie man mit Frauen hier in Deutschland verhandeln soll…?

Wie man das Klopapier benutzen soll?

Oder der Typ, der in Deutschland ein Leben mit 5 Sternen lebt,

das er in der Heimat niemals gehabt hätte…

 

Bin ich ein paar Papiere in einem Büro von einem Beamten?

Und bin ich seine Entscheidung,

wenn er behauptet,

wer und wo und wann ich sein werde

und wie mein Leben aussehen wird…

 

Bin ich der, der Zeit hat, um alles richtig zu schreiben oder zu sagen,

während er an die Kinder denkt, die jeden Tag immer noch getötet werden?

Oder der, der auf Akkusativ und Dativ gar nicht achtet,

obwohl er alles richtig sagen kann…

Bin ich der, der ganz genau versteht, was das Verb „hätte“ oder „wäre“ heißt!

 

Bin ich der, der hier bleiben würde?

Oder der, der woanders hinfahren will…

 

Bin ich der, der später ein Teil von dieser Gesellschaft sein will?

Oder nicht…?

 

Das bin ich. Wer bist du?

 

 

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