Die erstaunliche Geschichte der Seumestraße 14 in Friedrichshain-Kreuzberg

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von Michael Rebmann

Geschafft! Die Seumestraße ist vor Spekulanten gerettet. Foto: Seume14 e. V.

 

Wohnungen sind in vielen Städten längst zu Spekulationsobjekten verkommen. Mieten steigen und steigen. Was man dagegen tun kann? Mehr als man denkt! Ein Beispiel einer mutigen Hausgemeinschaft aus Berlin gibt Hoffnung.

In vielen deutschen Städten und Ballungsgebieten ist Wohnen für Normalverdienende immer schwieriger zu stemmen. Wohneigentum in beliebten Lagen ist für die allermeisten unerschwinglich. Steigende Mietpreise treiben viele Menschen aus den Innenstädten. Für finanzkräftige Investoren dagegen sind die rasant kletternden Immobilienpreise ein Segen: Sie kaufen Wohnungen in guten Lagen auf, sanieren sie und vermieten oder verkaufen sie danach mit horrenden Aufschlägen weiter. In jedem Fall ist das ein lohnendes Geschäft. Gentrifizierung* ist das Schlagwort, das die Lage in vielen Stadtteilen deutscher Metropolen zusammenfasst.

 

Einigkeit macht stark: von normalen Mietern zur eingeschworenen Hausgemeinschaft

Ein Berliner Stadtteil, auf den diese Entwicklung zutrifft, ist Friedrichshain-Kreuzberg. Investoren haben das für sein Nachtleben berühmte Viertel ins Visier genommen. Die Gentrifizierung erscheint in Friedrichshain unaufhaltsam. In ganz Friedrichshain? Nein! Mutige Mieterinnen und Mieter in der Seumestraße 14 haben sich erfolgreich widersetzt und einen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen, um die Übernahme durch einen Investor zu verhindern.

„Wir sind ein ganz normales Mietshaus“, sagt Birgit Ziener, die seit rund 15 Jahren in der Seumestraße lebt. Die Hausgemeinschaft habe sich bis Anfang 2016 kaum gekannt, jeder habe sein Leben gelebt, wie in vielen anderen Mietshäusern in einer Großstadt eben auch. Doch dann wuchs die Hausgemeinschaft von einem Tag auf den anderen zusammen – und das kam so:

Anfang 2016 erfuhren die Bewohner der Seumestraße 14 zufällig, dass ihr Vermieter das Haus verkaufen will. Unruhe machte sich breit. Viele Mieter fürchteten, dass sie sich ihre Wohnung bald nicht mehr leisten können. Es waren ganz normale Menschen, die dort lebten und heute noch leben – eine bunte Truppe aus 40 Erwachsenen und drei Kindern. Der Älteste von ihnen lebt seit seiner Geburt und damit seit 71 Jahren in der Seumestraße. Unter den Bewohnern sind Hartz-IV-Empfänger und viele, deren Geldbeutel nicht gerade üppig gefüllt ist. „Wir sind eine recht arme Mieterschaft“, sagt Birgit Ziener. Umso heftiger habe sie die Nachricht vom Verkauf ihres Hauses damals getroffen.

 

Die Gentrifizierung erscheint in Friedrichshain unaufhaltsam.
In ganz Friedrichshain?
Nein! Mutige Mieterinnen und Mieter in der Seumestraße 14 haben sich erfolgreich widersetzt.

Mieterinnen und Mieter werden zu einer eingeschworenen Hausgemeinschaft, die sich erfolgreich gegen Spekulantentum behauptet. Foto: Seume14 e. V.

Die Schocknachricht für die Mieter war zugleich das Signal, sich zusammenzutun. „Wir haben uns zunächst in einer Kneipe getroffen“, erklärt Birgit Ziener und dann „regelmäßig in immer anderen Wohnungen versammelt“. Aus einer anfangs „verrückten Idee“, das Haus in Eigenregie zu übernehmen, kristallisierte sich sehr schnell ein konkreter Plan heraus. Es musste zügig vorangehen, da der Vermieter bereits ein unterschriftsreifes Angebot eines Immobilieninvestors auf dem Tisch liegen hatte.

 

Das Mietshäusersyndikat trotzt erfolgreich Spekulanten

Der einzig gangbare Weg für Birgit Ziener und ihre Mitstreiter war eine Zusammenarbeit mit dem bundesweiten Mietshäusersyndikat. Das Syndikat ist ein von ehemaligen Hausbesetzern der alternativen Szene gegründeter Verein, der Hausgemeinschaften dabei hilft, eine Immobilie zu erwerben und so dem Spekulationsmarkt zu entziehen. Dafür müssen die Hausgemeinschaften Mitglieder des Syndikats werden. Die Bewohner der Seumestraße 14 entschlossen sich, genau dies zu tun. Einmal in das Syndikat aufgenommen, zahlen alle Mitglieder in einen Gemeinschaftstopf ein, aus dem neue Projekte unterstützt werden. Außerdem stehen sie sich mit Rat und Tat zur Seite, wenn es um Fragen zu Sanierung, Renovierung & Co. geht.

Im Fall der Seumestraße gründete die Hausgemeinschaft eine GmbH, die zwei Gesellschafter hat: Auf der einen Seite einen Verein, dessen Mitglieder die Mieter sind, und auf der anderen Seite das Mietshäusersyndikat. Die Mieter haben bei fast allen Fragen das alleinige Entscheidungsrecht. Sie kümmern sich beispielsweise gemeinsam um die Müllentsorgung, halten das Haus in Schuss oder entscheiden über neue Mieter. Wenn es um den Verkauf der Seumestraße 14 oder die Umwandlung in Eigentumswohnungen ginge, müsste das Mietshäusersyndikat zustimmen. Dessen Statuten schließen aber eine Zustimmung dazu aus. Durch diese Konstruktion wird garantiert, dass es auch in zwei, drei Generationen, selbst wenn keiner der Initiatoren des Projektes mehr im Haus wohnt, unmöglich sein wird, die Immobilie oder den Boden zurück in Privatbesitz zu führen oder gar damit zu spekulieren.

 

Die Seumestraße 14 – ein Modell für erfolgreichen Widerstand

Foto: Seume14 e. V.

Das Syndikat zahlte zwar als Gesellschafter eine Gründungseinlage, doch die reichte bei Weitem nicht aus, um mit dem Geld eine Immobilie zu erwerben – erst Recht nicht in dieser Lage in Berlin. Die Mieter der Seumestraße mussten das Geld also auf andere Art und Weise auftreiben. Und das schafften sie, trotz des Zeitmangels:  Etwa 300.000 Euro kamen über Kleinkredite von Freunden, Bekannten und Sympathisanten zusammen, ein weiterer Teil über die gemeinnützige Stiftung Edith Maryon, die ein 99-jähriges Erbbaurecht für den Grund und Boden an die Haus-GmbH vergibt, und durch einen Kredit der Triodos Bank.

Vermieter und Mieter in einem zu sein, sei „anstrengend“, aber zugleich auch „ganz großartig“, findet Birgit Ziener: „Mich würde es sehr freuen, wenn sich unser Modell weiter verbreitet.“ Und darauf deutet einiges hin. Denn viele andere Hausgemeinschaften haben bereits in der Seumestraße 14 angefragt, wie die Bewohner ihr Kunststück vollbracht haben. Die Gentrifizierung macht leider vielen Mietern Angst – nicht nur im Berliner Stadtteil Friedrichshain-Kreuzberg.

 

* Gentrifizierung:

   Aufwertung eines Stadtteils durch dessen Sanierung oder Umbau mit der Folge, dass die dort ansässige Bevölkerung durch wohlhabendere Bevölkerungsschichten verdrängt wird.

  Quelle: Duden

 

Zur Person:

Michael Rebmann. Foto: Triodos Bank

 

Michael Rebmann

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Triodos Bank Deutschland

 

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Eine Antwort

  1. Jup

    Das ist toll, dass sowas immer wieder, dann doch klappt. Glückwünsche an alle Mieter*innen 😉 Jupheida-Jupheidi

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