Dr. Hermann Scheuerer-Englisch: "Junge Menschen brauchen die Sicherheit, dass sie geliebt werden und ihre Eltern an ihrer Entwicklung interessiert sind."

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Interview: Isolde Hilt

Für die meisten 14 bis 17-Jährigen heute gilt: Man möchte sein wie alle. Die auf Abgrenzung und Provokation zielenden großen Jugend-Subkulturen gibt es kaum mehr. Einer Mehrheit sind Freiheit, Aufklärung, Toleranz und soziale Werten sehr wichtig, weil nur diese das „gute Leben“, das man in diesem Land hat, garantieren können. Das ist ein Fazit der Sinus-Jugendstudie 2016.

Doch wie geht es Jugendlichen sonst so? Was macht sie aus? Was beschäftigt oder bedrückt sie? Dr. Hermann Scheuerer-Englisch, Psychologischer Psychotherapeut und systemischer Familientherapeut, leitet die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Katholischen Jugendfürsorge in Regensburg. Wir haben bei ihm nachgefragt, was junge Menschen auf ihrem Weg zum Erwachsen-Werden brauchen.

 

Wie geht es Jugendlichen heute? Wie sind sie generell so drauf?

Sie sind sehr unterschiedlich unterwegs und stellen durchaus einen Spiegel unserer Gesellschaft dar. Der überwiegende Teil vertritt die vorherrschenden Werte: Jugendliche schätzen ihre Familie als sicheren Anker. Sie eifern ihren Eltern bezüglich der Erziehung nach und akzeptieren die Leistungsforderungen in Schule, Beruf und Studium. Jugendliche sind mehrheitlich offen für Europa und die Welt und reisefreudig. Sie sind auch altruistisch, zum Beispiel offen für Flüchtlinge.

Die Kehrseite ist: Der Druck ist bei beiden Geschlechtern enorm groß, sich körperlich optimal darzustellen und das Äußere entsprechend zu betonen. Damit verbunden sind Identitätsprobleme und Essstörungen. 40 Prozent leiden an psychosomatischen Störungen. Sie haben zum Beispiel Kopfweh oder Schlafprobleme – als Folge eines hohen Leistungsdrucks und einer verplanten Kindheit.

Eine hohe Unsicherheit über die eigene Zukunft und ein Verzweifeln angesichts der vielen Möglichkeiten prägen den Übergang in den Beruf. Es gibt eine soziale Spaltung in „arme“ und „reiche“ Jugendliche, in Teilhabeverlierer und -gewinner. Jugendliche, die in ihrer Kindheit und von ihrer Familie wenig unterstützt werden oder deren Eltern sich aus der Beziehung zurückziehen, sind hoch gefährdet. Sie brauchen Unterstützung durch Fachleute, da das Gefährdungspotential in einer offenen Gesellschaft durch viele negative Einflüsse – vor allem durch das Internet sowie stoffliche und nicht-stoffliche Sucht-„Möglichkeiten“ – enorm ist.

 

Die Welt hat sich aufgrund der Digitalisierung und der Globalisierung tiefgreifend verändert bzw. steckt mittendrin in diesem Prozess. Welche Auswirkungen hat das auf das Leben von Jugendlichen?

Heutige Jugendliche sind bereits mit Internet, Computern und ab der Grundschulzeit mit Smartphones aufgewachsen. Sie nutzen die digitalen Möglichkeiten selbstverständlich, sind aber zugleich mit einer unglaublichen Informationsfülle und auch mit Inhalten aus dem Internet und mit Phantasiewelten in Spielen konfrontiert, die zu einem Verschwinden der Kindheit führen. Das Fokussieren der Aufmerksamkeit auf den Bildschirm verändert inzwischen ab der Babyzeit die Kommunikationsstrukturen. Direkte Kommunikation nimmt ab, Ablenkbarkeit und Selbstbezogenheit nehmen zu.

Soziale Netzwerke ermöglichen jederzeit und in großer Zahl Kontakte. Die Selbstinszenierung in Chats, auf Twitter, Instagram und Snapchat wird immer wichtiger. Damit ist auch soziale Kontrolle in allen Beziehungen möglich. Die Privatsphäre verschwindet, Verletzungen und Kränkungen durch Cybermobbing, das heißt durch Bloßstellen und Angriffe über die sozialen Netzwerke, nehmen zu.

Natürlich nutzen Jugendliche das Internet, um Kontakte zu Menschen auf der ganzen Welt herzustellen, um zu reisen, Dinge zu organisieren und gemeinsam Spaß zu haben. Jugendliche und bereits Kinder müssen aber immer früher Medienkompetenz erwerben, um die Informationsmenge, die Zeiteinteilung, die Balance zwischen analogen und digitalen Aktivitäten sowie das Erkennen von Gefahren im Netz zu managen. Dabei dürfen sie nicht allein gelassen werden, denn alle diese Möglichkeiten ersetzen keine echten Beziehungen. Und jeden verfügbaren Lebens-Zeitraum kann ich nur einmal nutzen.

Ich vergleiche mich als Jugendliche*r nicht mehr allein mit dem unmittelbaren Umfeld, sondern mit der ganzen Welt.

Viele Herausforderungen, die man als junger Mensch zu bewältigen hat, stellen sich noch genauso wie vor 30 Jahren: Man ist zum Beispiel nicht mehr Kind, aber auch noch nicht erwachsen und steckt in dem vermutlich größten Verwandlungsprozess seines Lebens. Was blieb gleich, was äußert sich anders?

Vielleicht sind die innere Unsicherheit angesichts der körperlichen und sozialen Veränderungen in der Pubertät, die Sehnsucht nach verlässlichen Freundinnen und Freunden oder der Wunsch nach Selbstinszenierung und dem sich Ausprobieren ähnlich geblieben. Der Kontext aber ist schon schwieriger geworden: Ich vergleiche mich als Jugendliche*r nicht mehr allein mit dem unmittelbaren Umfeld, sondern mit der ganzen Welt. Beziehungen sind unverbindlicher und schnelllebiger geworden, die eigene Liebenswürdigkeit vielleicht brüchiger. Vor allem aber ist die Schulzeit noch einmal deutlich länger geworden. Die Zeitspanne, in der der junge Mensch ökonomisch nicht selbst für sich sorgen kann, ist deutlich länger, bis hin zum 25 Lebensjahr. Jugend wird mehr zum Lebenszustand. Die Suche, wohin ich im Erwachsenenleben gelangen will, dauert länger. Junge Menschen sind oft erst mit 30 Jahren in einem stabilen Erwachsenenleben angekommen.

 

Eine besondere Herausforderung sind die digitalen Möglichkeiten. Kinder und Jugendliche erfahren, wenn sie wollen, alles aus dem Netz – nicht nur Sinnvolles, sondern auch Verstörendes wie extreme Gewalt oder Pornografie. Wie wirkt sich das auf die persönliche Entwicklung aus?

Verstörende Inhalte, die Jugendliche ungeschützt erreichen, führen dazu, dass sie sich schwerer tun, eine Orientierung für die eigene Identität zu bekommen. Sie müssen auch früher seelisch Inhalte verarbeiten, für die sie noch nicht stark genug sind. Auch hier sind Gespräche mit Eltern und Lehrkräften, Angebote zur Stärkung der Medienkompetenz und auch Hilfen, die Informationsflut und Dauer von Bildschirmzeit zu begrenzen, sinnvoll.

In die Beratungsstellen kommen Jugendliche, die in großen Nöten stecken.

Welche Fragen brennen Jugendlichen auf der Seele? Was schlägt in Ihrer Beratungsstelle auf?

Beratungsstellen helfen Jugendlichen kostenlos und anonym weiter, auch ohne elterliche Begleitung. Bildmaterial: LAG Erziehungsberatung Bayern

In die Beratungsstellen kommen Jugendliche, die in großen Nöten stecken, weil sie sich in einer Sackgasse wiederfinden: in der Schule, der Familie, in ihren Freundschaften (zum Beispiel Mobbing oder Isolation) oder in ihren Gefühlen und ihrer Lebensfreude (Resignation und depressive Episoden). Sie hoffen, dass jemand ihren Eltern oder ihrer ganzen Familie hilft, mit Konflikten (zum Beispiel Trennung und Scheidung) oder mit ihnen als Jugendlichen klarzukommen und um sie besser zu verstehen. Viele belastete Jugendliche übernehmen viel Verantwortung für einzelne Familienmitglieder und verlieren sich darüber selbst.

 

Was müsste die Gesellschaft dringend für junge Menschen tun? Mein Eindruck ist, im Vergleich zu Kleinkindern oder Kindern im Grundschulalter fallen sie leicht hinten runter.

Junge Menschen brauchen Begleitung, realen Kontakt zu interessierten Erwachsenen, die sich mit ihnen auseinandersetzen und nicht nur funktional bestimmte pädagogische Ziele oder Erwartungen haben. Sie brauchen Erwachsene, die neugierig sind und sich in die Welt der Jugendlichen, auch in die digitale, entführen lassen. Die Gesellschaft sollte Jugendlichen vielfältige Möglichkeiten bieten, sich zu beteiligen: in Vereinen, der Politik, bei sozialen Aktivitäten, bei der Gestaltung der Bildungsprozesse in der Schule…

Junge Menschen brauchen die Botschaft, dass sie gebraucht werden. Sie brauchen aber auch Reibungsflächen zu Erwachsenen, die Werte und Regeln vertreten, die nachvollziehbar und glaubwürdig gelebt werden. Jugendliche sollten aber auch das Recht haben, kritisieren zu dürfen, sich zu überschätzen und auch mal nicht verstanden zu werden.

 

Wie unterstützt man als Eltern seine jugendlichen Kinder auf dem Weg in ein eigenständiges Leben am besten?

Jugendliche brauchen die Sicherheit, dass sie geliebt werden und ihre Eltern an ihrer Entwicklung interessiert sind. Eltern sollten sich gleichzeitig aber emotional zurückhalten, ihre Gedanken und Sorgen über ihre Kinder als Angebot äußern und nicht als das richtige Wissen über das, was zu tun ist. Das können die Jugendlichen nur selbst wissen.

 

Dr. Hermann Scheuerer-Englisch

Psychologischer Psychotherapeut, systemischer Familientherapeut, Leiter der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Katholischen Jugendfürsorge Regensburg, Mitglied im Vorstand der Bundeskonferenz Erziehungsberatung (bke) und der Landesarbeitsgemeinschaft für Erziehungssberatung in Bayern

https://www.eb-regensburg.de/start

 

Erstveröffentlichung dieses Interviews in etwas längerer Version in:

Aktion Kontakte, Magazin der Katholischen Jugendfürsorsorge der Diözese Regensburg e. V., Ausgabe 2/2017 • Dezember 2017

 

 

 

Weiterführende Infos:

Online-Beratung für Jugendliche (kostenfrei, vertraulich, anonym)

https://jugend.bke-beratung.de/views/home/index.html

Übersicht zu allen Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Eltern in Deutschland; die Beratung ist generell kostenfrei und vertraulich:

http://www.bke.de/?SID=049-6AF-5F5-61C

Weitere Erkenntnisse aus der Sinus-Jugendstudie – getragen von der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend, der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, der Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz und der VDV Akademie:

https://www.wie-ticken-jugendliche.de/presse/pressematerialien.html

 

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