Lebensmittel selbst hergestellt, Wasser und Strom aus Eigengewinnung: Wolfgang Zeitler lebt ein Leben, für das ihn viele bewundern, es selbst aber nicht könnten.

von Kristin Frauenhoffer

Neugierige Schafe auf Wolfgangs Hof. Foto: Wolfgang Zeitler

Vor 100 Jahren ganz normal, heute irgendwie unvorstellbar: Seit sechs Jahren lebt Wolfgang Zeitler auf einem Gehöft in der Nähe von Regensburg als Selbstversorger. Kristin Frauenhoffer hat ihn besucht und sich einen Einblick in dieses für heutige Zeiten ungewöhnliche Leben verschafft.  

Lautes Gebell begrüßt mich, als ich an der Haustür von Röhren 3 klingle. Das erste, was ich sehe, als sich die Tür öffnet, sind Werner und Kira – zwei flauschige Mischlinge, die an mir hochspringen und eifrig mit dem Schwanz wedeln. „Komm schnell rein, sonst wird’s kalt“, begrüßt mich Wolfgang und schließt energisch die Tür hinter mir. Ich betrete die gemütliche Wohnküche, in der ein altmodischer Ofen steht, den sein Besitzer immer wieder mit neuen Holzscheiten füttert.

Am Ende der Welt

Die Fahrt nach Röhren 3 war atemberaubend. Die Straße führte durch hügelige Landschaft und bunte Herbstwälder, immer weiter weg von größeren Ortschaften, bis mein Navi schließlich „Sie haben Ihr Ziel erreicht“ verkündete und ich mich auf einem Einödhof befand. Röhren 3 liegt neben Altenthann im nördlichen Landkreis Regensburg. Hier wohnt Wolfgang Zeitler und lebt ein Leben, das viele von uns bewundern, die wenigsten aber vermutlich selbst führen würden.

Wolfgang Zeitler kann fast alles für seinen Bedarf selbst herstellen. Nur zweimal im Jahr fährt er zum Supermarkt.

Ein Leben als Selbstversorger

Der erste Käse. Foto: Wolfgang Zeitler

Die Würste sind fertig, jetzt werden sie geräuchert. Foto: Wolfgang Zeitler

Ein altes, renovierungsbedürftiges Bauernhaus ohne Zentralheizung, 100 Quadratmeter Wohnfläche, 4.500 Quadratmeter Grund, zu dem Hühner, Schafe, Bienen, Werner und Kira, eine Katze und ein Gemüsegarten dazugehören: Wolfgang lebt hier nahezu autark. Fast alle Lebensmittel, die er konsumiert, stellt er selbst her. Dazu gehören Honig und Bienenwachs, Käse, Brot, Nudeln, Wurst, Gemüse und Obst, Marmeladen, Säfte und Sirups, Liköre und Tee, Eier und Wolle. Zweimal im Jahr fährt er in den Supermarkt, um sich mit Dingen einzudecken, die er leider (noch) nicht selbst gewinnt: Kaffee, Putzmittel und Reis. Den Rest kauft er regional ein: das Mehl bei einer Mühle in Wöhrd, die Milch an einer so genannten „Milchtankstelle“ bei ihm um die Ecke und das Bier in der nahegelegenen Brauerei.

Strom und Wasser aus Eigengewinnung

Nicht nur, was die Gewinnung seiner Lebensmittel angeht, setzt Wolfgang auf „lokal“. Auf das Dach seines Hühnerstalls hat er Solarpaneele montiert, die ihn in den Sommermonaten komplett und im Winter zumindest teilweise mit Strom versorgen. „So konnte ich meine Stromrechnung von anfangs 160 Euro auf 35 Euro im Monat reduzieren“, verrät der Selbstversorger, während er einen großen Löffel voll Honig in seinen Kaffee taucht. Seinen Wasserverbrauch und die Müllproduktion versucht er so gut als möglich einzuschränken. Den Wasserdruck im Badezimmer hat er gedrosselt, so dass viel weniger Wasser pro Minute ausfließt. Eine Regenwasseranlage versorgt die Tomaten in seinem kleinen Gewächshaus mit dem nötigen Nass, das Gemüsebeet wird mit Wasser aus dem Karpfenteich besprenkelt. Wenn er einkauft, dann nur Großpackungen, so dass weniger Verpackungsmüll entsteht.

Heu, das Winterfutter für die Schafe. Foto: Kristin Frauenhoffer

Wie alles begann…

Wolfgang hat seinen Lebensstil nicht von heute auf morgen geändert. „Das war vielmehr ein schleichender Prozess.“ Als er vor sechs Jahren ein Häuschen zur Miete suchte, stieß er auf eine kleine private Anzeige in der Zeitung, die ein altes, leicht in die Jahre gekommenes Bauernhaus inklusive Grund für 400 Euro Miete im Monat anbot. Viele Interessenten hatten sich schon beworben, so dass der heutige Bewohner zunächst abgewimmelt wurde. Er hinterließ trotzdem seine Nummer. Ein paar Wochen später meldete sich der Vermieter und fragte ihn, ob er noch interessiert sei. Alle anderen waren abgesprungen, weil das Haus weder Zentralheizung noch eine ordentliche Dämmung hatte „und schlicht in der Pampa lag“. All das schreckte Wolfgang nicht ab. Er zog ein und wohnte die ersten drei Monate mietfrei, damit er die nötigen Renovierungsarbeiten durchführen konnte. Er legte einen Gemüsegarten an, in dem er noch heute alle denkbaren Sorten anbaut und kaufte sich drei Schafe. Ursprünglich sollten sie als „Rasenmäher“ fungieren, heute sind sie weit mehr als das: Haustiere, Mitbewohner und Wollproduzenten. Zwischendurch wuchs die Zahl auf 19 Schafe an, heute sind es vier. Als mich Wolfgang in den Hof führt, begrüßen sie uns. Sie sind anhänglich wie Hunde und laufen uns überallhin nach. In mir keimt der Gedanke, mir ein Schaf als Haustier zu halten.

"Wenn du Bienen hast, siehst du die Welt mit anderen Augen."

Autark und nachhaltig leben: Wie weit ist das möglich?

Wolfgang mit seinen Bienen. Foto: Kristin Frauenhoffer

Drei Jahre nach seinem Einzug kauft sich der experimentierfreudige Mann ein paar Hühner, kurz darauf Bienen, die er heiß und innig liebt. Der Gedanke, so nachhaltig wie möglich zu leben und einen möglichst kleinen CO2-Fußabdruck zu hinterlassen, hat sich dabei aber erst nach und nach entwickelt. „Wenn du Bienen hast, siehst du die Welt mit anderen Augen“, hat Wolfgang erkannt. „Bienen reagieren empfindlich auf ihre Umwelt.“ Werden die Wiesen beispielsweise zu früh gemäht, finden Bienen nicht genügend Blumen, um den Nektar zu saugen. Ist es zu kalt oder zu warm, können sie nicht fliegen. Und das ist noch nicht alles: Bienen sind auch eine Referenzquelle für andere Insekten. Geht es den Bienen nicht gut, trifft das andere Insekten genauso. „Dass es heute weniger Insekten gibt als früher, merkt man allein schon an der Windschutzscheibe des Autos. Früher klebten dort immer massenhaft tote Insekten, heute sind dort fast keine mehr. Das beweist, dass es viel weniger gibt“, erläutert der Imker aus Leidenschaft, während er vorsichtig die Folie vom Bienenkasten abzieht, um mir die Waben zu zeigen. Die Bienen brachten ihn dazu, herauszufinden, wie weit man ein nachhaltiges Leben tatsächlich leben kann.

Hühner und Schafe – Nutz- und Haustiere in einem

Wolfgang zeigt mir seinen Hühnerstall, in dem ungefähr 15 Hühner verschiedener Rassen zuhause sind. Tatsächlich kann man sagen, dass die Hühner hier wohnen: Sie sind nicht eingesperrt, sondern können jederzeit durch die offene Tür und sogar durch ein Loch im Zaun nach draußen. „Eigentlich halte ich keine Hühner, sie leben bei mir. Sie können jederzeit gehen, wenn sie keine Lust mehr haben.“ Haben sie aber, wie ein Huhn, das gerade auf einem Ei sitzt und brütet. Die alten Hennen, die keine Eier mehr legen, hätten wirtschaftlich gesehen keinen Nutzen mehr. Wolfgang aber lässt sie leben, weil sie ihm jahrelang gute Dienste geleistet haben. Ab und zu schlachtet er einmal eines, denn er muss ja auch von etwas leben.

Dieses Ei ist fast fertig. Foto: Kristin Frauenhoffer

Bei den Schafen läuft es ähnlich. Ihre Wolle dient als Dünger für das Gemüsebeet, ihr Fleisch, sollte es doch einmal zu einer Schlachtung kommen, erfreut nicht nur Wolfgang selbst, sondern auch sein Umfeld. Erst neulich gab es anlässlich einer Hochzeit Lammeintopf mit Karotten und Kartoffeln. Alles aus eigener Herstellung.

Ein Tag im Leben eines Selbstversorgers

„Das muss ja ein Haufen Arbeit sein, so einen Hof zu bewirtschaften“, schießt es mir durch den Kopf. Wolfgang winkt ab, als ich ihn nach dem täglichen Zeitaufwand für sein Selbstversorgerdasein frage: „Du brauchst nicht mehr als zwei Stunden pro Tag, dafür aber 365 Tage im Jahr.“ Will Wolfgang also in Urlaub fahren, braucht er jemanden, der sich um den Hof inklusive aller Bewohner kümmert.

Wolfgang vor seinem Hühnerstall: Die Solarpaneele auf dem Dach versorgen ihn im Sommer komplett mit Strom. Foto: Kristin Frauenhoffer

Ein typischer Tag beginnt um 6.40 Uhr. Wolfgang schürt zunächst den Ofen ein, geht dann in den Hühnerstall, macht ihn sauber und gibt den Tieren Futter und Wasser. Das Gleiche passiert im Schafstall. All das dauert nicht länger als eine halbe Stunde. Dann frühstückt er, geht eine Runde laufen oder Gassi mit Werner und Kira. Anschließend fährt er mit seinem Elektroroller in die Arbeit nach Regensburg, denn Wolfgang geht einer ganz „normalen“ Arbeit nach. Abends holt er die Eier aus dem Hühnerstall und füllt seinen Selbstbedienungs-Honigkasten auf. An einem freien Tag muss er seine Schafe scheren, ihre Klauen schneiden, das Gemüsebeet bearbeiten und sich um seine Bienen kümmern. Der Honig, den seine drei Völker produzieren, ist das Produkt, auf das er am meisten stolz ist. Zu recht: Der Honigkasten, gut sichtbar an seiner Hausfassade angebracht, muss regelmäßig mit neuen Gläsern befüllt werden, so beliebt ist er.

Das erste Lämmchen und eine eingefrorene Wasserleitung

Manchmal wird die tägliche Routine unterbrochen, von angenehmen wie nicht so angenehmen Ereignissen. Als ich Wolfgang nach seinem schönsten Erlebnis auf dem Hof frage, antwortet er, ohne nachzudenken: „Das war im Mai 2014. Ich saß nichtsahnend an meinem Küchentisch und schaute aus dem Fenster. Ein paar Reiter kamen auf ihren Pferden vorbei und schauten interessiert in meinen Hof. Erst konnte ich nicht sehen, was es zu gucken gab. Als ich nach draußen ging, sah ich, dass genau in diesem Moment das erste Lämmchen geboren wurde. Das war wirklich toll!“

Ein eher unangenehmes Erlebnis hatte Wolfgang in seinem ersten Winter. Ohne groß zu überlegen, war er vier Tage in den Urlaub gefahren. Als er zurückkam, war alles eingefroren: Wasserleitungen, Toilette, Heizlüfter. Es dauerte ganze drei Tage, bis alles wieder aufgetaut war. „In diesem ersten Winter hatte ich noch einen anderen Job, musste immer sehr früh raus und hatte keine Lust, einzuheizen. Da ist mir ab und zu auch der Kaffee in der Tasse eingefroren.“ Beim Gedanken daran schmunzelt Wolfgang. Das passiert ihm heute nicht mehr, aber er muss auch immer etwas dafür tun: Holz hacken, anfeuern, nachlegen. Das Leben ist auch beschwerlich.

„Nur für mich, nicht für die anderen.“

Viele Menschen beneiden den Wagemutigen um seinen Lebensstil und könnten selbst doch nicht so leben. „Die meisten finden es interessant, wie ich lebe und wollen alles wissen“, sagt er. Auf den komfortablen Lebensstandard unserer Zeit mit Zentralheizung, schnellem Internet und Anbindung an die Stadt würden sie aber nicht verzichten wollen. „Aber ich mache es ja für mich und nicht für die anderen“, resümiert Wolfgang, während wir unseren Kaffee austrinken, ich aufstehe und mich bei Schaf Liselotte bedanke, deren Fell mich auf der Küchenbank wunderbar warmgehalten hat.

Es ist dunkel geworden in Röhren 3. Die zwei Hunde begleiten uns schwanzwedelnd zur Tür. Während ich den Motor starte und vom Hof rolle, denke ich darüber nach, wie ich den Wasserdruck in meinen Leitungen drosseln kann.

Wolfgang Zeitler vor seinem Honig-Selbstbedienungskasten. Foto: Kristin Frauenhoffer

Wer jetzt Lust bekommen hat, den köstlichen Honig von Wolfgangs Bienen zu probieren, kann gerne nach Röhren 3 fahren und sich dort ein Glas aus dem Selbstbedienungskasten nehmen. Zu finden bei Google unter „Wolfgangs Bienenhonig Altenthann“.

 

 

 

 

 

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