"Die Zukunft ist besser als ihr Ruf" ist ein österreichischer Dokumentarfilm über sechs unterschiedliche Menschen, die in ihrem Umfeld eine Menge zum Guten bewegen

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von Isolde Hilt

Judith Schachinger hat das „Speiselokal“ mitbegründet. Das Unternehmen stärkt die lokale, ökologische Lebensmittelversorgung.

Alles hat doch immer mindestens zwei Seiten. Von der einen mit Umweltverschmutzung, Handelskrieg, Armut, Menschen auf der Flucht, instabiler werdenden politischen Systemen, die verunsichert und Ängste nährt, möchte man sich am liebsten abwenden. Doch wohin? Es lohnt sich, die andere Seite in Augenschein zu nehmen. Dort entwickeln sich kleine Welten, die – zusammengenommen – Hoffnung auf eine Gesellschaft machen, wie sie sich vermutlich die meisten von uns wünschen. In ihrem Film „Die Zukunft ist besser als ihr Ruf“ haben Teresa Distelberger, Niko Mayr, Gabi Schweiger und Nicole Scherg sechs Menschen portraitiert, die sich für ein anderes Zusammenleben engagieren: für eine lebendige politische Kultur, nachhaltige Lösungen bei Lebensmitteln und Bauen, Klarheit im Denken über Wirtschaft und soziale Gerechtigkeit. Können wir den Lauf der Dinge doch selbst mitgestalten? Der Film macht Mut dazu.

 Die Idee zu dem Film hatte Produzent Michael Kitzberger: „Ein Gespräch mit einem engagierten Menschen hilft oft am besten über das Ohnmachtsgefühl gegenüber den Krisen dieser Welt hinweg. Der Wunsch war, die Qualität solcher Begegnungen beispielhaft in einem Film spürbar werden zu lassen.“

Die Regisseur*innen Teresa Distelberger, Niko Mayr, Gabi Schweiger und Nicole Scherg lassen sich in ihrer gemeinsamen Dokumentation Zeit. Behutsam, mit langen Einstellungen, nähern sie sich den Menschen, die sie näher kennenlernen möchten. Deren Welten sind ein echtes Kontrastprogramm, so dass man schlicht neugierig werden muss.

 

Sechs Menschen ermutigen dazu, die Welt mitzugestalten.

 

Wie können wir miteinander sprechen, ohne uns abzuwerten?

Rita Trattnig, Expertin für partizipative Demokratie

Wandel und Übergänge, so wie wir sie derzeit weltweit erleben, verunsichern. „Das Alte passt nicht mehr, das Neue ist noch nicht in Form gegossen“, stellt Rita Trattnig fest. Das sei jedoch kein Grund, die Politik anderen zu überlassen. In den Menschen stecke so viel Potenzial, Intelligenz und Wissen, das ganz anders genutzt werden müsse. In „BürgerInnen-Räten“ treffen sich durch Zufallsauswahl aus dem Melderegister zusammengewürfelte Menschen für eineinhalb Tage, um zu zukunftsrelevanten Fragen Lösungen zu entwickeln und gleichzeitig eine neue Dialogkultur zu erleben: „Mich interessiert, wie wir miteinander sprechen können, ohne uns abzuwerten. Wie können wir uns gegenseitig in unserem Potenzial bestärken?“ Rita Trattnig, Expertin für partizipative Demokratie, initiiert und moderiert BürgerInnen-Räte in ganz Österreich. Sie leitet das Institut für kulturellen Wandel. www.kultureller-wandel.at

 

Viele Leute glauben, dass sie besser sind, nur weil sie mehr Geld haben.

Andrea Roschek, Gründerin der „Pannonischen Tafel“

Andrea Roschek weiß aus eigener Erfahrung, was Armut ist. „Und glauben Sie mir, das kann jeden treffen und macht vor keiner Schicht Halt.“ Als sie mitbekommt, welche Mengen an Lebensmitteln Supermärkte wegwerfen – „Während du nicht weißt, was du deinen Kindern am nächsten Tag zu essen geben sollst…“ – wird sie aktiv. Sie gründet die „Pannonische Tafel“. Neben der Umverteilung von Lebensmitteln bietet sie hilfebedürftigen Menschen ein „Wohnzimmer“ mit kostenlosem Essen, vermittelt Schlafplätze, begleitet zu Behörden und hat ein offenes Ohr: „Die Leute brauchen jemanden, bei dem sie sich aussprechen können.“ Die beherzte Frau und Mutter von sieben Kindern und Pflegekindern räumt zugleich mit einem Vorurteil auf: „Die soziale Hängematte ist nicht so bequem wie manche glauben.“ www.pannonischetafel.com

 

Wir haben noch eine große Vielfalt an Lebensmitteln und Agrarräumen in Österreich.

Judith Schachinger bringt Biobäuer*innen und Konsument*innen in der Region zusammen.

Judith Schachinger hat ebenfalls mit Lebensmitteln zu tun. Sie will die Strukturen der Versorgung verändern. Aus diesem Grund hat sie das „Speiselokal“ mitbegründet – eine Initiative, die Biobäuer*innen und Konsument*innen aus der Umgebung zusammenbringt. Dank eines Webshops und zentraler Abholstellen kann man sich mit saisonalen Lebensmitteln von kleinbäuerlichen Betrieben versorgen. Lokale Initiativen, führt Judith Schachinger aus, würden nicht nur wertvolle Versorgungsstrukturen in Österreich erhalten, das wirke sich auch global aus: „Leben wir von dem, was wir hier anbauen, dann macht das auch in Afrika ganz viel. Weil wir alle im Supermarkt die billigen Putenbrüste kaufen, bleibt viel Fleisch übrig, das billigst nach Afrika transportiert wird. Eine Bäuerin dort kann ihr Geflügel nicht mehr verkaufen, weil das teurer ist und sich niemand leisten kann.“ www.speisetafel.org

 

Dass es eine Demokratie gibt, könnte man geschichtlich als Wunder beschreiben.

Walter Ötsch, Kulturhistoriker und Ökonom, erforscht seit Jahrzehnten das Wirtschaftssystem.

„Ich bin genetisch völlig falsch programmiert: Ich bin nicht pessimistisch. Je größer die Probleme sind, umso mehr habe ich Optimismus.“ Der Kulturhistoriker und Ökonom Walter Ötsch erforscht seit Jahrzehnten das Wirtschaftssystem. Er ist davon überzeugt, dass es oft die kleinen Bewegungen sind, von denen große historische Veränderungen ausgehen. „Als Kulturhistoriker weiß ich, dass es überhaupt kein Gesetz in der Geschichte gibt. Niemand kann sagen, wie sich die Zukunft entwickeln wird. Es kann morgen Barbarei geben oder eine bessere Gesellschaft. Die Zukunft ist offen; wir müssen sie machen.“ www.walteroetsch.at

 

Wenn man beobachtet, wie wir derzeit bauen, sind unsere Ressourcen wirklich sehr bald zu Ende.

Anna Heringer, Architektin, erteilt Beton eine klare Absage.

Sie ist gerade 27 Jahre jung, als sie in Bangladesh gemeinsam mit ihrem Kollegen Eike Roswag eine 500 m2 große Schule aufzieht. Anna Heringer baut jedoch nicht mit den üblichen Materialien. Beton erteilt sie eine klare Absage: „Die globale Bauwirtschaft verantwortet 40 Prozent des Energie- und Ressourcenverbrauchs. China hat in drei Jahren so viel Zement verbraucht wie die USA im ganzen 20. Jahrhundert.“ Die Schule in Bangladesh, so die Architektin, sei mit ein paar Wasserbüffeln, vier Bohrmaschinen, dem Dreck unter den Füßen und Bambus, der rundherum wächst, gebaut. Anna Heringer hat sich auf Lehmbau und kompostierbare Architektur spezialisiert. Werde ein Gebäude nicht mehr gebraucht, könne es wieder in die Erde zurück. www.anna-heringer.com

 

Dieses Einzelkämpfertum, dass sich die Stärksten durchsetzen, ist relativ unmenschlich.

Andreas Renoldner, Schriftsteller und Heimhelfer, sieht Sozialleistungen als eine Aufgabe der Gesellschaft.

Andreas Renoldner lebt das, von dem er überzeugt ist. Der freie Schriftsteller hat vor einiger Zeit sein Auto verkauft, weil es ihn die meiste Zeit nervte. Seine Touren plant er jetzt anders und fährt sie alle mit dem Fahrrad – selbst die Route zum Nordkap. Dabei fiel ihm auf, dass er mit wenig auskommt und ihm nichts abgeht, um glücklich zu sein. „Mein Ausflug ans Nordpolarmeer, für den andere 3.500 Euro hinlegen, hat mich gerade einmal 600 Euro gekostet.“ Irgendwann war ihm ausschließlich Bücher und Hörbücher schreiben nicht genug. Er wollte zusätzliche etwas machen, noch etwas Soziales. Vor einigen Jahren nahm er eine Teilzeitstelle als Heimhelfer in einer kommunalen Organisation an. „Sozialleistung“, so seine Einstellung, „ist eine Aufgabe der Gesellschaft“. www.renoldner.at

 

Wird der Film „Die Zukunft ist besser als ihr Ruf“ etwas verändern?

„Die Zukunft ist besser als ihr Ruf“ zeigt zumindest, was im Kleinen möglich ist. Regisseur Niko Mayr zitiert Walter Ötsch: „Es gilt, im Kleinen die Bilder fürs Große zu entwickeln und diese Bilder im Leben, in der alltäglichen Interaktion und Verstrickung zu testen.“

Eines tut die österreichische Dokumentation auf jeden Fall: Sie stellt uns Menschen vor, die sich nicht beirren lassen und ihren Weg gehen, in dem sie das für sich Gute erkannt haben und umsetzen. Oder, um mit Rita Trattnig zu sprechen: „Wenn jeder bei sich bleibt und in seinem Umfeld wirkt und das jeden Tag, kann Großes entstehen.“

Die Ärmel aufkrempeln und was tun – der Film „Die Zukunft ist besser als ihr Ruf“ macht darauf Lust. Denn eines wird auch klar: Gibt es einen besseren Weg? Nein. Es ist bereits der beste!

 

Weitere Infos:

www.diezukunftistbesseralsihrruf.at

www.geyrhalterfilm.com

 

Der Film „Die Zukunft ist besser als ihr Ruf“ ist als DVD erhältlich.

 

 

 

 

 

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