Timebanks Frankfurt ersetzt Geld durch Zeit. Initiator Wolfgang Weicht fragt: "Ist es nicht an der Zeit, Wert ganz anders zu messen als nur in Euros?"

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von Michael Rebmann

Wolfgang Weicht, Initiator der Timebanks Frankfurt

Timebanks Frankfurt will in einem lokalen, auf der Blockchain* basierenden Netzwerk Geld durch Zeit ersetzen. Gründer Wolfgang Weicht plant damit nicht weniger, als die Gesellschaft zu revolutionieren.

Wolfgang Weicht reicht es. „Wir sind die einzige Spezies, die sich ständig weiterentwickelt. In Zeiten der Aufklärung war man neugierig, das Unbekannte zu erkunden. Heute wird die Zukunft verflucht. Man idealisiert die Vergangenheit und hat keinen Plan für die Zukunft. Doch die Zukunft kommt, ob man will oder nicht.“

 

Diese Bank produziert keine Zinsen, sondern steigert das Gemeinwohl.

Wolfgang Weicht ist ein Macher, einer der anpackt, keiner, der in Konzepten und Theorien schwelgt. „Ich will die Grundhaltung ändern“, sagt er. Er will den gefühlten Dystopien „ganz pragmatisch“ etwas entgegensetzen und einen „Diskurs über Gesellschaft 4.0“ anzetteln.

Sein Rezept dafür heißt Timebanks, eine lokale, zeitbasierte Währung, deren Einheitswert die Personenstunde ist. Timebanks Frankfurt funktioniert so: Eine Frankfurterin oder ein Frankfurter arbeitet freiwillig für eine Stunde für eine Nachbarin oder einen Nachbarn. Ihr oder ihm wird dann eine Stunde gutgeschrieben, die für einen Dienst bei einer oder einem anderen Freiwilligen eingelöst werden kann. Festgehalten wird das Ganze auf einer Blockchain-basierten Online-Plattform, um Vertrauen innerhalb der Gemeinschaft zu gewährleisten. Das „Geld“ bei Timebanks produziert also keine Zinsen, sondern steigert das Gemeinwohl.

 

Die Timebanks Frankfurt befindet sich derzeit noch im Aufbau.

 

Jede Stunde ist gleich viel wert.

Die Qualität des Gemeinwohls werde von den Gefühlen des Einzelnen bestimmt, ist Wolfgang Weicht überzeugt. Wenn Bürger sich für ihren Nachbarn verantwortlich fühlten, seien sie bereit, anderen in ihrer Gemeinschaft etwas zurückzugeben und zu helfen. Damit eine nachhaltige Bereitschaft entstehe, brauchten die Geber ein sichtbares Ergebnis für ihre „Investition“. Auf der anderen Seite wollten sich Menschen in einer Gemeinschaft, die Hilfe von anderen benötigten, nicht schuldig fühlen, wenn sie Hilfe erhalten. Für diesen Ausgleich sorgt Timebanks Frankfurt durch den Tausch der Talente der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Ob man Rasen mäht, jemandem bei der Steuererklärung hilft, einen Kochkurs organisiert: Jede dieser Stunden ist gleich viel wert auf der Plattform.

Wolfgang Weicht hat Timebanks in Frankfurt ins Leben gerufen, weil die alten Strukturen aus Vereinen, Tauschringen und Ehrenamt offenbar nicht ausreichen, um die Gesellschaft zusammenzuhalten. Tauschringe etwa würden zudem meist von Menschen geführt, die sowieso aktiv seien. Doch um die geht es ihm nicht. „Es geht mir um die, die nicht sichtbar sind“, sagt er. „Der Arbeitslose, die Oma, der Flüchtling, die alleine zuhause mit ihren Talenten sitzen und darauf warten, dass der Tag vorbei geht.“ Es geht ihm auch darum, Anlässe zu schaffen, wieder vor Ort miteinander ins Gespräch zu kommen.

"Jobs, die zum Gemeinwohl am meisten beitragen wie Krankenschwester, Müllmann oder Kindergärtnerin, sind am schlechtesten bezahlt."

 

„Ist es nicht an der Zeit, Wert ganz anders zu messen als nur in Euros?“

Und es geht Wolfgang Weicht noch um viel mehr: um konstruktives Hinterfragen der gesellschaftlichen Strukturen. Geld durch Zeit zu ersetzen ist dabei nur die plakative Oberfläche. Der Initiator von Timebanks stellt Fragen nach der Gerechtigkeit: „Jobs, die zum Gemeinwohl am meisten beitragen wie Krankenschwester, Müllmann oder Kindergärtnerin, sind am schlechtesten bezahlt“, sagt er. In einer Stadt mit hochbezahlten Bankern will er eine Diskussion über den „Wert“ der Arbeit führen. Welche Arbeit braucht die Gesellschaft wirklich? Wie sorgen wir für Wertschätzung? Ist es nicht an der Zeit, Wert ganz anders zu messen als nur in Euros?

Wolfgang Weicht will einen Diskurs-Wandel: weg von schiefgelagerten und überhitzten Diskursen von Populisten hin zu Themen, die etwas greifbar bewegen und verbessern können. Der Schlüssel dafür liegt für ihn in der Aktivierung lokaler Verbindungen. „Wer die Welt verbessern will, muss vor seiner eigenen Haustür anfangen“, sagt er.

Das Team um Wolfgang Weicht bereitet sich gründlich vor. Unter anderem sind Workshops in Riederwald, einem alten Arbeiterviertel in Frankfurt, geplant, um auf folgende Fragen eine Antwort zu finden: Was sind die Themen in der Nachbarschaft? Welche Probleme gibt es und wo kann eine Tauschfunktion helfen?

Timebanks Frankfurt befindet sich noch im Entstehungsprozess und sucht Partner*innen für die Umsetzung. Vielleicht ändert sich dann von Frankfurt aus die Haltung der ganzen Republik und wir erleben die Rückkehr der Aufklärung von Kant & Co.

 

*Eine Blockchain ist eine dezentrale Datenbank, die eine stetig wachsende Liste von Transaktionsdatensätzen vorhält. Die Datenbank wird chronologisch linear erweitert, vergleichbar einer Kette, der am unteren Ende ständig neue Elemente hinzugefügt werden (daher auch der Begriff „Blockchain“ = „Blockkette“). Ist ein Block vollständig, wird der nächste erzeugt. Jeder Block enthält eine Prüfsumme des vorhergehenden Blocks.“

Quelle: COMPUTERWOCHE, 26.3.2018: https://www.computerwoche.de/a/blockchain-was-ist-das,3227284

 

 

Michael Rebmann

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Triodos Bank Deutschland

 

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