A Year of Good News:
„Positive Nachrichten? Oft genügt es, sich einfach umzusehen.“

Interview mit dem slowakischen Illustrator Martin Smatana, der 52 "good news" Geschichten in textile Kunstwerke verwandelt hat. Letztes Jahr erschien sein Buch dazu.

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von Kristin Frauenhoffer

Das sind die textilen Held*innen von Martin Smatanas Kunst.

Als die weltweite Corona-Pandemie ausbrach, gerieten viele von uns plötzlich in eine große Ungewissheit voller Angst und Sorge. Das Lesen der Nachrichten wurde schnell zu einem bedrückenden Ereignis, ein dramatischer Vorfall folgte dem anderen. Um sich nicht zu sehr unterkriegen zu lassen, hatte der slowakische Illustrator und Regisseur von Animationsfilmen – Martin Smetana – eine Idee. Er suchte aktiv nach positiven Nachrichten und setzte diese in textile Kunstwerke um.

Im November 2021 veröffentlichte er das Buch „A Year of Good News“ (Ein Jahr der guten Nachrichten), in dem man 52 aus alten Kleidern und Textilien geschaffene Werke bewundern kann. Alle Geschichten zeigen uns eine Welt, die einfühlsam und mitfühlend ist. Und vor allem zeigen sie, dass gute Nachrichten, freundliche Gesten und gute Taten überall und zu jeder Zeit zu finden sind. Im Interview erzählt Martin Smatana mehr über das Projekt.

 

Wie hast du mit dem Projekt begonnen und woher kam die Idee?

Die letzten zwei Jahre waren für viele Menschen ein Jahr der schlechten Nachrichten. Die Pandemie hat das Leben von uns allen negativ beeinflusst, mich eingeschlossen. Von Zeit zu Zeit hatte ich den Eindruck, dass die Welt jeden Tag schlechter wird. Ich spürte, dass mich eine negative Stimmung zu übermannen begann. Also musste ich eine Ablenkung finden, etwas, das mir in diesen schwierigen Tagen Freude macht und mich inspiriert. Deshalb begann ich, aktiv nach guten Nachrichten aus der ganzen Welt zu suchen.

 

Welche Technik hast du verwendet und warum hast du dich gerade für diese Form der Präsentation entschieden?

Ich mache Illustrationen aus gebrauchter Kleidung, alten Textilien und Stoffen. Ich habe mich für diese Technik entschieden, weil ich gerne manuell arbeite. Außerdem verwende ich gerne weiche Stoffmaterialien in meinen Filmen, wo ich diese textilen Oberflächen Haar für Haar animieren kann. Normalerweise bekomme ich Stoffe von Leuten, die ihre alte Kleidung nicht wegwerfen wollen. Ich schicke ihnen immer ein Foto von dem, was ich aus ihrer Kleidung gemacht habe. Als ich zum Beispiel die Illustrationen für „Year of Good News“ erstellte, steuerten viele meiner Freund*innen ein Stück ihrer Lieblingskleidung zum Set-Design bei.

Wir alle kennen die Geschichte der Italiener*innen, die während des ersten Lockdowns an ihren Fenstern Musik spielten. Martin Smatana hat sie illustriert.

 

Wie genau entsteht so ein textiles Kunstwerk?

Ich brauche etwa fünf Tage für eine Illustration. Paradoxerweise dauert es am längsten, die richtige gute Nachricht zu finden. Manchmal blättere ich durch Dutzende oder Hunderte von Nachrichten und Geschichten, bis ich eine finde, die mich glücklich macht, bei der ich gerührt bin oder eine Gänsehaut bekomme. Dann weiß ich, dass es das Richtige ist. Ich lese dann mehr darüber, suche nach Fotos, prüfe die Fakten. Dann mache ich ein paar Skizzen und versuche, die Komposition und die Form zu finden.

Wenn ich mit dem Entwurf zufrieden bin, male ich ihn an, damit ich weiß, nach welchen Stofffarben ich suchen muss. Dann wühle ich stundenlang in alten Kleidern und ausrangierten Stoffen, und erst dann beginne ich mit dem Schneiden, Nähen und Kleben. Danach stelle ich das Licht ein, mache Fotos, bearbeite und ergänze den Text der Geschichte.

Martin Smatana in seinem Atelier.

Wo findest du die Vorlagen zu deinen Werken und wie wählst du die Nachrichten aus?

Ich versuche, mich hauptsächlich auf die kleinen positiven Geschichten und interessanten Ideen zu konzentrieren, die die Welt besser machen. Ich finde sie entweder in den Medien oder in den Nachrichten. Manche werden mir auch von meinen Freund*innen geschickt.

 

Was sind deine Lieblingsgeschichten im Buch?

Fast jeden Tag finde ich eine schöne Geschichte aus verschiedenen Teilen der Welt. Hier sind einige meiner Favoriten:

Als die Flüge aus Italien wegen der Pandemie gestrichen wurden, beschloss ein zehnjähriger Junge, mit seinem Vater zu Fuß zu seiner Oma nach London zu gehen. Nach 93 Tagen, 2.800 Kilometern und zwei Wochen Quarantäne erreichten sie den Trafalgar Square, wo der Junge seine Oma endlich in die Arme schließen konnte.

Als in Barcelona öffentliche Veranstaltungen abgesagt wurden, führte ein Streichquartett Puccinis Oper „Crisantemi“ im örtlichen Opernhaus vor einem Publikum von 2.292 Zimmerpflanzen auf. Diese wurden später als Dankeschön für ihren Einsatz während der Pandemie an die Mitarbeiter*innen des spanischen Gesundheitswesens verschenkt.

Ein Radprofi in Italien lieferte Medikamente und Lebensmittel an seine von der Pandemie betroffene Heimatstadt, um sich für die Unterstützung der Einwohner*innen während der Sportsaison zu bedanken. (siehe Abbildung unten)

Ein Vater, der Weihnachten mit seiner als Stewardess arbeitenden Tochter verbringen wollte, kaufte Tickets für alle sechs Flüge, auf denen sie während der Feiertage arbeitete.

 

Was war die Idee hinter dem Projekt?

Meine Hauptbotschaft ist, die Sensibilität für die kleinen, oft unscheinbaren positiven Geschichten zu stärken, die um uns herum geschehen. Denn um positive Geschichten zu sehen, genügt es oft, sich einfach umzusehen. Ich hoffe, dass dem Leser oder der Leserin nach der Lektüre meines Buches klar wird, dass trotz der negativen Nachrichten jeden Tag viel Gutes geschieht. Nicht nur in der Welt, sondern auch in unserer unmittelbaren Umgebung.

 

Warum denkst du, dass es wichtig ist, diese gute Nachrichten zu zeigen?

Ich halte das für wichtig, denn es liegt in der Natur der Sache, dass die Medien mehr über sensationelle, dramatische oder negative Ereignisse berichten. Die Aufmerksamkeit der Leser*innen kann so viel direkter und schneller geweckt werden, weil ihre Urinstinkte angesprochen und ihre Leidenschaften geweckt werden. Das Problem liegt nicht so sehr in der Art als vielmehr in der Quantität. Wenn wir hauptsächlich negative Nachrichten konsumieren, ist es kein Wunder, dass wir bald das Gefühl haben, dass die Welt untergeht und dass es morgen schlimmer sein wird als gestern. Wir müssen die Welt nicht durch eine rosarote Brille betrachten, noch die halbleere Tasse auf Biegen und Brechen als halbvoll betrachten. Aber so wie wir die Realität oft sehen, ist sie auch nicht wahr. Sie wird einfach durch die hauptsächlich negative Berichterstattung verdeckt.

Sollten wir also negative Nachrichten meiden?

Ich glaube nicht, dass die Lösung darin besteht, schlechte Nachrichten und Probleme völlig zu vermeiden. Wir müssen sie kennen und sie lösen. Manchmal hilft es mir persönlich jedoch, mich auf das zu konzentrieren, was Tag für Tag in der Welt passiert. Ich versuche zum Beispiel, aktiv nach guten Ideen anderer Menschen zu suchen, die diese Welt zu einem besseren Ort machen.

 

Wann wurde das Buch veröffentlicht und was waren die Reaktionen?

Das Buch wurde im November letzten Jahres veröffentlicht. Seither haben wir viele positive Reaktionen und Rückmeldungen erhalten. Die Leute schreiben uns, dass sie dank dieses Buches erkennen, dass im letzten Jahr doch viele positive Dinge passiert sind. Nur haben sie davon in den Massenmedien nichts mitbekommen. Sie sagen uns auch, dass es ihnen geholfen hat, einen Überblick darüber zu bekommen, was in verschiedenen Ländern der Welt passiert ist. Ich denke, es ist wichtig, solche Nachrichten zu lesen. Vor allem, wenn man das vergangene Jahr rekapituliert und die guten und schlechten Dinge gegeneinander aufwiegt.

 

Kann man deine Kunstwerke irgendwo in „echt“ anschauen?

Ja, wir bereiten gerade eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Slowakischen Nationalgalerie vor. Im Dezember und Januar wurden einige Illustrationen in den öffentlichen Räumen und Straßen von Bratislava gezeigt. Vor den Weihnachtsfeiertagen beschloss das Kultur- und Informationszentrum von Bratislava, den Einwohner*innen der Stadt eine Freude zu machen und verschiedene öffentliche Plätze mit illustrierten guten Nachrichten zu verschönern. Die Bürgerinnen und Bürger konnten sich an ihnen erfreuen, während sie zum Beispiel auf die Straßenbahn warteten oder wenn sie an einer der 56 Lichttafeln vorbeikamen, die wir installiert hatten. Ich glaube, das hat ihre Stimmung gehoben.

Martin Smatana an einer Lichttafel in Bratislava, wo er eines seiner Kunstwerke ausstellen durfte.

Planst du etwas Ähnliches für die Zukunft?

Ja, ich habe tatsächlich beschlossen, weiterhin Geschichten über gute Nachrichten aus der ganzen Welt zu sammeln. Und ich bereite schon eine Fortsetzung des Buches vor – ein Jahr der guten Nachrichten 2022. Deshalb möchte ich eure Leserinnen und Leser gern fragen, ob es eine positive Geschichte gibt, die ihnen kürzlich aufgefallen ist. Ich würde mich freuen, wenn sie diese mit mir teilen würden unter martin@smatana.com. Vielleicht erscheint ja dann diese „good news“ in meinem neuen Buch. So möchte ich alle Menschen ermutigen, selbst Botschafter und Botschafterinnen für gute Nachrichten zu werden.

 

Wenn ihr mehr über das Buch lesen und es vielleicht sogar gerne selber hättet, klickt hier.

 

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Und noch ein kreativer „good news“ Botschafter:

The Happy Broadcast: Das Portal für angstfreie Nachrichten

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