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dankbar leben:
Geht das in jedem Moment?

In jedem Augenblick dankbar leben schafft vermutlich kaum jemand. Doch wenn man es übt, verändert sich der Blick auf die Welt. Und die Lebensqualität wird eine andere.
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Interview: Isolde Hilt

Dankbar sein, so oft es nur geht …

Wie sehr suchen wir Menschen doch immer wieder nach dem Glück. Wie lässt es sich finden? Benediktinermönch Bruder David Steindl-Rast sieht den Schlüssel in der Dankbarkeit: „Wer dankbar ist, blüht auf. Sein Leben wird schön, wertvoll und kreativ. Jeden Tag gibt es genügend Gelegenheiten, dankbar zu sein.“ Doch geht das so einfach, dankbar leben? In jedem Augenblick?

Wir haben uns dazu mit Elisabeth Glücks aus Nordrhein-Westfalen und Robert Graf aus Wien ausgetauscht. Mit ihrem Verein „dankbar leben Begegnungsräume“ möchten sie Menschen zusammenbringen und dazu beitragen, dass sich diese Netzwerke weltweit weiterspannen und einen Ort der Geborgenheit bieten.

Ein Herzensanliegen von Elisabeth Glücks war immer schon, „die Welt zu einem besseren Ort zu machen“. Das gelang ihr in ihrem Berufsleben recht gut. Als Pädagogin leitete sie 25 Jahre lang eine Einrichtung der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung. Später beteiligte sie sich am Aufbau von Kinder- und Jugendhospizarbeit in Deutschland. Vor sechs Jahren ging sie in den Ruhestand und zog sich bewusst von allen öffentlichen Tätigkeiten zurück, um zu erfahren, wer sie jenseits aller Rollen, Funktionen, Selbst- und Fremdbilder noch sei. Das führte sie 2020 zu der privaten Initiative „dankbar leben“ und zu Bruder David Steindl-Rast.

Für Robert Graf war ein Vortrag des weltbekannten Benediktinermönchs, der als interreligiöser Brückenbauer gilt, wegweisend.

 

Wie sind Sie auf die Dankbarkeit als besondere Kraftquelle für sich gestoßen?

Elisabeth: Es war 2020, Pandemiezeit, Lockdown. Eine Freundin machte mich auf den „Offenen Raum von dankbar leben“ in Österreich aufmerksam, den Robert initiiert hatte. Mein Herz sagte nach den ersten Teilnahmen an diesem Online-Angebot sofort begeistert Ja. Bruder David Steindl-Rast kannte ich zwar schon länger, aber seine Haltung der Dankbarkeit als eine spirituelle Alltagspraxis hatte ich so noch nicht wahrgenommen. Ich war bereits längere Zeit auf der Suche nach einem verbindenden Element zwischen meiner Meditationspraxis und meinem Alltag, war hier aber nicht wirklich  zufrieden. Es klaffte dort immer wieder eine Lücke. Mit dankbar leben konnte ich diese Lücke schließen, weil einen das Dankbar-Sein sofort ins Jetzt bringt.

Robert: In einem Vortrag rief Bruder David 2014 in St. Arbogast dazu auf, kleine Netzwerke zu gründen, um die Haltung der Dankbarkeit zu üben und zu pflegen. Das war die Initialzündung. Ich habe Gesprächsgruppen in Graz und Wien gegründet, und dann ging es los mit dem Entdecken der Dankbarkeit als Kraftquelle. Diese Reise ist noch nicht zu Ende, im Gegenteil.

 

Wie ist es um die Dankbarkeit auf dieser Welt, in unserem Leben bestellt? Wie schätzen Sie das ein?

Elisabeth: Ich glaube, dass jeder Mensch in seinem Inneren eigentlich um die Dankbarkeit weiß. Nicht zuletzt deshalb, weil es in den meisten Gesellschaften eine Form von Geschenkkultur gibt und sich alle Religionen in ihren Ritualen und Grundwerten auf Dankbarkeit beziehen. Und die innere Sehnsucht nach Verbundenheit, die doch in den meisten Menschen präsent ist und sich gerade neu an die Oberfläche des Lebens bewegt, hat auch eine empfangende Komponente, die eng mit Dank verbunden ist. Ich sehe die Veränderungen, die die Menschen bei unseren Angeboten innerhalb kurzer Zeit erleben.

Robert: „Dankbarkeit muss man niemandem erklären, jeder Mensch kennt sie“, sagt David Steindl-Rast. Viele Menschen stellen sich darunter vor, dass man doch schon dankbar sei, wenn man Danke sagt. Das ist nicht der Punkt. Das Wesen ist die Vorstellung, dass alles ein Geschenk ist: unser Leben, jeder Tag, jede Sekunde, einfach alles ist „gegeben“. Wann wird ein Geschenk zum Geschenk? Wenn man es auspackt. Wenn ich also mit dem Gegebenen bewusst umgehe, es annehme und darauf antworte. Das kann eine Lebenshaltung werden. Die einfache Formel von Bruder David lautet: STOP – LOOK – GO. Innehalten – Innewerden – und dann Handeln. Diese Lebenshaltung zu entwickeln, ist mein Ziel. Nach meiner Beobachtung gibt es da in der Welt noch viel zu tun.

 

Sie engagieren sich bei „dankbar leben Begegnungsräume“, einem gemeinnützigen Verein. Was kann man sich darunter vorstellen? Wie entstand er?

Robert: Die Jahre ab 2014 waren vor allem dem Vernetzen von möglichst vielen Menschen mit der Idee der Dankbarkeit gewidmet. So wuchs ein kleines Netz von „dankbar leben-Gruppen“ in Österreich. Mit dem ersten Lockdown im März 2020 war klar, dass persönliche Begegnungen erst einmal nicht mehr möglich waren. So entstand die Online-Gruppe „Offener Raum“, die seither jeden Dienstag stattfindet und mittlerweile Menschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz anzieht. Im Lauf der Zeit wuchsen Menschen aus dieser Gruppe zu einem Team zusammen. Das Netzwerk „dankbar leben Begegnungsräume“ entstand, und in diesem Jahr gründete sich der Verein. Die Aktivitäten, die man auf unserer Website nachlesen kann, haben sich seither stark ausgeweitet.

 

Ihre Arbeit geht auf Bruder David Steindl-Rast zurück. Welche Chancen sieht er in der Dankbarkeit?

Robert: Er sagt zum Beispiel: „Unsere Aufmerksamkeit auf die Haltung der Dankbarkeit zu richten, ist eine Form achtsamer spiritueller Praxis, die den Vorzug hat, dass sie sehr schnell Resultate zeigt. Wenn wir uns am Morgen vornehmen, für alles dankbar zu sein, was uns an diesem Tag begegnet, werden wir am Abend vielleicht bereits spürbar glücklicher sein.“*

Wir können uns zum Beispiel vornehmen, für alles dankbar zu sein, das heute „blau“ ist. Einfach als Übung. Und wir werden abends merken, wie wir uns einfach besser fühlen für das viele „Blaue“: den Himmel, die Packung Butter, den blauen Pullover – für alles, was wir an diesem Tag bemerkt haben. Diese Haltung ist erlernbar und für jeden Menschen zugänglich. Den Wert, der dahintersteckt, erkennt man, wenn man sich mit dieser Haltung länger beschäftigt: Das eigene Leben verändert sich hin zu Reichtum und Fülle, sogar zu Verbundenheit mit allem, was ist. Dankbar leben ist für mich der Abschied vom Mangeldenken in der Welt.

 

Dankbarkeit fällt vermutlich leichter, wenn es einem gut oder zumindest nicht ersichtlich schlecht geht. Welchen Sinn aber soll Dankbarkeit in einer Lebenssituation haben, die einem – wie z. B. in einem Krieg – alles nimmt? Wenn einen Schmerz und Leid, weil man einen geliebten Menschen verloren hat, fast um den Verstand bringen?

Elisabeth: Das ist eine oft gestellte Frage … Bei dem Leid und Verlust, den Sie hier – auch aufgrund der Aktualität – ansprechen, wird niemand daran denken, dass man dafür dankbar sein kann. Da geht es um das Bezeugen von Schmerz und Leid, um das zur Seite stehen, Zuhören und Unterstützen, wo ich wirksam sein kann und wo ich lebe.

Aber vielleicht gibt es die Chance und Gelegenheit, dafür zu danken, dass ich unterstützen kann. Oder dass ich Unterstützung bekomme und die Erfahrung mache, dass ich nicht allein bin, nicht allein gelassen werde.

Robert: Man kann nicht für alles dankbar sein. Schon gar nicht, wenn man an die vielen Schrecken in dieser Welt denkt, die einem täglich begegnen. Aber mit einem gewissen Abstand dazu wird man vielleicht in diesen Schrecken erkennen, dass auch das alles Teil dieser Welt ist, dass auch das „gegeben“ ist. Man könnte sich also fragen: Welche Gelegenheit bietet sich nun für mich daraus? Vielleicht initiativ zu werden, aufzustehen, mitzufühlen … Es gibt viele Möglichkeiten, auf das Gegebene zu antworten. Und für diese Gelegenheit könnten wir wiederum dankbar sein.

 

Wer ist bei „dankbar leben“ mit dabei? Geht das auch quer durch alle Religionen?

Elisabeth und Robert: In unserem engeren Team sind wir acht, neun Menschen, die sich noch gar nicht gefragt haben, welcher Religion sie angehören. Wir fragen auch niemand anderen danach. Darum geht es nicht. Wir alle sind im Herzen verbunden und wollen ein dankbares Leben führen. Das vereint.

David Steindl-Rast hat als Brückenbauer in der Welt einen Namen. Er hat erkannt, dass alle Religionen eines im Herzen vereint: die Erkenntnis, dass im Hintergrund alles eins ist. Dieses All-eins-Sein hat viele Namen: Gott, Göttin, großes Geheimnis, Mysterium … Darin sind wir alle, alles mit allem, verbunden. Dankbarkeit ist dann ein Weg, dieses Nicht-Getrennt-Sein bewusst zu leben. Das geht durch alle Religionen.

Haben Sie ein, zwei Beispiele, die Sie in der Begegnung mit anderen in dieser Gemeinschaft besonders berührt haben?

Elisabeth und Robert: Ein Beispiel ist unser Online-Angebot – der offene Raum –, das es seit dem Frühjahr 2020 gibt. Im Schnitt nehmen 25 bis 30 Menschen teil … Die Gruppe wächst kontinuierlich. Es ist erstaunlich und erfreut uns immer wieder, wie sich neu dazukommende Menschen in der Offenheit der Begegnung direkt eingebunden und wahrgenommen fühlen. Jede*r erhält den Platz, sich aus der Tiefe des Herzens über Verluste oder Verunsicherungen sowie über Erfahrungen aus alltäglichen Situationen mitzuteilen, wo das Lächeln eines fremden Gegenübers plötzlich in einem anderen Licht erscheint und guttut.

Ein anderes Beispiel ist unser engeres Team, das einen intensiven Findungsprozess hinter sich hat. Wir hatten uns manchmal unerklärbar ineinander verhakt, einzelne fühlten sich verletzt und unverstanden. Dialoge wurden zäh, das Gefühl von Leichtigkeit und Kreativität war einem Gefühl von Anstrengung gewichen. Und dann ließ sich jede*r – in Erinnerung an die Haltung der Dankbarkeit und des Geschenks, dass wir uns in dieser Form des Zusammenwirkens gefunden hatten – auf einen persönlichen Reflexions- und Wandlungsprozess ein. Das gab uns in unserem Tun nach dem Durchstehen des Schmerzes und des Erkennens eigener (Ego-) Muster neue Kraft und Vertrauen zueinander.

 

Kann ein Netzwerk, das von Dankbarkeit, gegenseitigem Respekt bis hin zu Liebe geprägt ist, nachhaltig etwas in der Welt verändern?

Elisabeth: Unbedingt! Für mich ist es Teil einer lebensdienlichen Haltung zum Leben bzw. bezeugt es die Ehrfurcht vor dem Leben, wie es Albert Schweitzer einmal ausgedrückt hat. Netzwerke sind von ihrer Grundausrichtung auf Kooperation ausgerichtet, stellen den Umgang von Macht und Hierarchie in Frage und berühren das tiefere Interesse des Menschen, sich zu verbinden, gemeinsam auf ein Ziel hinzubewegen und gemeinsam zu wachsen.

Robert: Jede*r Einzelne verändert mit ihrem oder seinem So-Sein andauernd die Welt. Wir sind alle Schöpfende, das Universum entwickelt sich ununterbrochen weiter. Ein Netzwerk, das sich der Dankbarkeit, dem Bewusstsein der Verbundenheit widmet, verändert die Welt in jedem Augenblick.

 

Weitere Informationen zu „dankbar leben Begegnungsräume“ und Angeboten finden sich hier: https://www.dankbar-leben-begegnungsraeume.net/

*Quelle: https://www.dankbar-leben.org/bruder-david/dankbar-leben/

 

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