Das Geschenk:
Ein Buch, das lange nachwirkt

Wie schafft man es, sein Glück trotz der zahlreichen Herausforderungen des Lebens zu finden? „Das Geschenk“ von Dr. Edith Eger gibt darauf zwölf gute Antworten.

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von Gerda Stauner

 

Mit den Worten „Das wird dir gefallen!“ überreichte mir eine liebe Freundin ein Buch. Auf dem hellen Umschlag prangte in roten Druckbuchstaben der Titel „Das Geschenk“. In schwarzer Farbe stand der Name der Autorin geschrieben: Dr. Edith Eger. Von ihr hatte ich bisher noch nie gehört und erst beim zweiten Hinschauen bemerkte ich den Untertitel „12 Lektionen für ein besseres Leben“. Ich begann zu lesen und bereits nach den ersten Seiten war ich hingerissen von der lebensbejahenden Sichtweise der Autorin. Schnell stellte ich fest, dass zwischen den Seiten weit mehr als die angekündigten zwölf Lektionen auf mich warteten.

Dr. Edith Eger, die auch Dr. Edie genannt wird, veröffentlichte im Alter von neunzig Jahren ihr erstes Buch „Ich bin hier, und jetzt ist alles“. Darin schildert die erfolgreiche Psychologin, Therapeutin und weltweit gefragte Rednerin, wie sie 1944 im Alter von 16 Jahren aus ihrem Heimatland Ungarn nach Ausschwitz verschleppt wurde und dort Unvorstellbares erleiden musste. Gleich nach ihrer Ankunft im Lager wurden sie und ihre Schwester Magda von ihren Eltern getrennt und mussten mit ansehen, wie ihre Mutter in die Gaskammer geschickt wurde. Am selben Abend wurde Edith gezwungen, vor Josef Mengele zu tanzen.

 

Schlüssel zum Überleben

Dieses Erlebnis sollte zum Schlüsselereignis für ihr eigenes Überleben werden. Tief in ihrem Inneren spürte die junge Frau schon damals, dass nicht sie, sondern vielmehr ihre Bewacher in einem Gefängnis festsaßen. Edith erinnerte sich an die Worte ihrer Mutter, die sie mahnten, dass niemand ihr das wegnehmen könne, was sie in ihrem Kopf hatte. Und so zog sie sich während des bizarren Vortanzens in eine innere Welt zurück, in der sie nicht frierend und hungrig in einem Todeslager eingesperrt und vom Verlust zerbrochen war. So konnte sie sich die Hoffnung auf ein Ende ihres Leidenswegs erhalten.

„Ich hatte keine Kontrolle über die sinnlosen, quälenden Umstände. Aber ich konnte mich auf das konzentrieren, was ich in meinem Kopf bewahrte. Ich konnte eine Antwort geben, statt zu reagieren. Ausschwitz gab mir die Gelegenheit, meine innere Stärke zu entdecken, und die Macht, eine Wahl zu treffen.“

Dennoch hätte Edith die Zeit in den Lagern fast nicht überlebt. Kurz vor Kriegsende wurde sie auf einen Todesmarsch nach Mauthausen geschickt und von dort ins Lager Gunskirchen verlegt. Halb verhungert und mit gebrochenem Rücken wurde sie nach der Befreiung von einem Soldaten gerettet und in eine Krankenstation gebracht.

Vier Jahre nach Kriegsende floh Edith Eger mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter vor den Kommunisten in die USA. Mit knapp fünfzig Jahren begann sie Psychologie zu studieren und machte 1978 ihren Abschluss. Viktor Frankl, der berühmte Gründer der Logotherapie und ebenfalls Holocaustüberlebender, wurde ihr Mentor und bestätigte sie in ihrem Vorhaben, als Therapeutin Menschen zu helfen, sich aus ihren inneren Gefängnissen zu befreien.

Gefangen in der eigenen Geschichte

Das zweite Buch der Holocaustüberlebenden „Das Geschenk“ erschien 2020 und wurde ebenfalls ein Bestseller. Es beschäftigt sich mit der Frage, wie man ein besseres Leben führen kann. In zwölf Kapiteln beschreibt Dr. Edie anhand von Fallbeispielen aus ihrer therapeutischen Praxis, welche Schritte notwendig sind, um destruktives Verhalten zu überwinden und ein Umdenken dauerhaft zu etablieren. Dabei steht immer das eigene Handeln im Fokus. Eger vertritt den Standpunkt, dass eine Veränderung nur bei einem selbst beginnen kann. Wir können lernen, aus den dunkelsten und schwierigsten Momenten gestärkt hervorzugehen, so die Psychologin.

„Wir sind alle Opfer von Opfern. Wie weit wollen Sie zurückgehen, um nach dem Ursprung zu suchen? Es ist besser, bei sich selbst anzufangen.“

Diese Lektion empfiehlt sie beispielsweise Alex, einer jungen Mutter, die immer noch damit hadert, von ihrem Vater schlecht und herabwürdigend behandelt worden zu sein. Alex hätte sich so sehr gewünscht, einmal in ihrem Leben Wertschätzung durch ihren Vater zu erfahren. Doch dieser war dazu offenbar nicht in der Lage. Und das konnte sie ihrem Vater nicht verzeihen. Dr. Edie rät ihr, anstatt ihn zu hassen, solle sie vielmehr versuchen, ihn in einem helleren Licht zu sehen. Sie sagt, wer hasst, bleibt ein Gefangener. Diese Denkweise hatte Edith in Ausschwitz geholfen zu überleben. Ihren Hass auf die Aufseher verwandelte sie während ihrer Gefangenschaft in Mitleid. Eger sagte sich, die Wärter wären einer Gehirnwäsche unterzogen worden und glaubten, die Welt von einem Krebsgeschwür befreien zu müssen.

„Sie hatten ihre Freiheit verloren. Doch ich hatte meine noch.“

 

Schweigen über die eigene Geschichte

Eger hatte lange Zeit über ihre Erlebnisse in den Lagern geschwiegen. Selbst ihren drei Kindern erzählte sie jahrelang nichts davon. Sie erfuhren von ihrem Vater, dass ihre Mutter eine Holocaustüberlebende war. Doch 45 Jahre nach ihrer Befreiung kehrte sie schließlich nach Ausschwitz zurück und stellte sich ihren lange unterdrückten Gefühlen und dem erlittenen Trauma. Heute gibt sie ganz offen zu, dass sie auch über sieben Jahrzehnte nach ihrer Verschleppung noch immer Alpträume hat und an Flashbacks leidet. Diese würden wahrscheinlich nie ganz verschwinden. Man könne das erlittene Unrecht nicht ungeschehen machen. Aber man könne lernen, damit zu leben, so Dr. Edie.

Eger zeigt dem Leser anhand verschiedener Beispiele aus ihrer eigenen Lebensgeschichte, dass wir immer eine Wahl haben, wie wir mit den Herausforderungen des Lebens umgehen wollen. Wir haben es selbst in der Hand, ob wir angesichts von persönlichen Katastrophen den Mut verlieren oder versuchen, etwas daraus zu lernen. Zum Beispiel können wir uns einreden, dass wir es nicht schaffen, keine Süßigkeiten mehr zu essen. Wir können aber auch sagen, heute esse ich nichts Süßes mehr. Es sind die kleinen Schritte, die uns im Leben weiterbringen.

„Achten Sie auf das ICH KANN NICHT, das ICH VERSUCHE, das ICH MUSS und überlegen Sie, ob Sie diese Redewendungen, die Sie Gefangennehmen, durch andere ersetzen können: ICH BIN BEREIT, ICH ENTSCHEIDE MICH.“

 

Rezept für ein besseres Leben

Als Leser wird man von Dr. Edie immer wieder mit Fragen zum eigenen Leben konfrontiert. Welches Vermächtnis möchte ich weitergeben? Wie fühle ich mich in bestimmten Situationen? Bin ich weich und durchlässig oder angespannt und abweisend? Was ist das Fazit meines Lebens?

Die Psychologin schafft auf eine wunderbare Art und Weise den Spagat, schreckliche Erfahrungen zu schildern und gleichzeitig das Potenzial aufzuzeigen, wie man im Umgang damit daran wachsen kann. Eger schreibt, sie hätte sich früher immer gefragt, wieso ihr dieses Unglück zugestoßen sei. Doch nun fragt sie stattdessen, warum nicht ihr? Sie überlegt, sie hätte vielleicht deshalb überlebt, um zu wählen, was sie mit dem Geschehenen anfangen und wie sie damit umgehen könne. Damit sie alle Lektionen, die sie in der Hölle gelernt hätte, zu einem Geschenk umwandeln könne, das sie ihren Lesern nun anbietet: die Möglichkeit, zu entscheiden. Dazu gehöre auch die Wahl zu treffen, ob man weiterhin in der Opferrolle bleiben möchte. Oder sich traue, diese hinter sich zu lassen, um mit einem neuen Leben anzufangen.

„Der einzige Grund, aus der Opferrolle auszusteigen, ist der, dass wir in unser restliches Leben einsteigen können.“

 

Wertvolle Lektionen

Ich habe selten ein Buch gelesen, in dem andere Menschen so warmherzig und wohlwollend beschrieben werden. Es ist eine Freude zu sehen, wie Dr. Edie ihre Mitmenschen und ihre Umwelt wahrnimmt und wie herzlich und ohne Vorbehalte sie diese Beobachtungen wiedergibt. Sie verwendet Worte wie klug, wunderschön, anmutig und leidenschaftlich, um ihr jeweiliges Gegenüber zu umschreiben.

Aber auch kleinen Dingen schenkt sie viel Beachtung. Sie erinnert sich an die köstlichen Speisen ihrer Mutter, an ein wunderbares Schmuckstück, das ihr Mann ihr zur Geburt ihres ersten Kindes schenkte, eine duftende und pflegende Creme, mit der sie von ihrer Enkelin im Krankenhaus verwöhnt wurde. Auf beinahe jeder Seite finden sich Schilderungen von Begegnungen, Situationen und Erlebnissen, die durch Egers positive Wortwahl auffallen. Man kann als Leser gar nicht anders, als seinem eigenen Umfeld künftig auch mit diesem bejahenden Blick zu begegnen. Und dies ist nur eine der vielen, wertvollen Lektionen, die Dr. Edie uns so ganz nebenbei mit auf den Weg gibt.

Mehr Infos zu Dr. Edith Egers gibt es hier:

https://dreditheger.com/
https://www.instagram.com/dr.editheger/
https://www.facebook.com/dreditheger

 

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