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Daniel Hostmann hat sie wieder entdeckt – die Jugenddisco, den Ort, der unweigerlich auch mit Jugendliebe verbunden ist. Da möchte man manchmal wieder Teeny sein ...

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Text: Daniel Hostmann, Gastautor

 

Es ist Samstagabend kurz vor 19 Uhr und schon dunkel. Von weitem, aber unübersehbar, hat sich eine lange Menschenschlange vor einem großen Gebäude, mit einem bis auf dem Gehsteig einbiegendem Neunziggrad-Knick, formiert. Ich schätze, mindestens 25 Meter lang.  Ein Bus biegt um die Ecke und leuchtet für einen kurzen Moment die Wartenden aus. Das Scheinwerferlicht reflektiert auffallend viele weiße Spots. Weiße Sneaker-Sohlen. Da warten aber viele, denke ich …

Aber auf was? Enge Skinny-Jeans und Kapuzenoveralls machen mir beim Näherkommen klar, dass es sich um Teenager handeln muss. Über dem Eingang des Gebäudes strahlt ein weißes Leuchtschild mit der Aufschrift „Tanzschule Trautz & Salmen“. Für einen normalen Tanzkurs so ein Andrang? Kann nicht sein. Ach ja, unsere Nachbarin hat vor einigen Wochen doch erzählt, dass ihr 16-jähriger Sohn jetzt in der Nähe immer samstags in die Disco geht. Ich hatte dabei jedoch an andere Locations entlang der Partymeile Maxstraße gedacht.

 

Disco oder Club? Eine Frage des Alters?

Der Ausdruck „Disco“ wird übrigens längst nicht mehr verwendet, beziehungsweise, wer das tut, verrät unweigerlich sein Alter. Wer noch keine 3 oder 4 oder höhere Zahl vor seinem Lebensalter vorweisen kann, sagt „Club“. Also, in den Club gehen.

Das war vor einigen Wochen. In der Zwischenzeit habe ich, um etwas mehr zu erfahren, einen Informanten vor Ort einschleusen können. Um ehrlich zu sein, hat er sich ohne mein Zutun selbst eingeschleust. Es handelt sich um einen Jugendlichen aus meinem direkten Umfeld, der namentlich anonym bleiben möchte. Alter – 15 Jahre. Ich nenne ihn Tim. Tim war diesen Samstag in der gleichen Warteschlange und kehrte erst gegen 23:15 Uhr aus besagter Tanzschule zurück. Am nächsten Morgen konnte ich ihm, auch wenn er nicht zum vollständigen Interview bereit war, doch einige interessante Informationen entlocken.

Von außen eher unspektakulär, zieht diese Tanzschule junge Leute in Scharen an.

Eine Disco in Augsburg, in der die Leute Schlange stehen, obwohl es keinen Alkohol gibt

Ja, das Wort „Disco“ ist nicht länger mehr ein Relikt vergangener Zeiten, sondern scheint hier in der Tanzschule jedes Wochenende ein kleines Revival zu erleben. Die Disco beginnt um 19 Uhr und endet pünktlich um 23 Uhr. Ein Zeitraum, der sich sorgende Eltern von pubertierendem Nachwuchs beschwichtigt. In herkömmlichen Clubs geht vor Mitternacht normalerweise gar nichts. Der Eintritt kostet 5 Euro. Im Inneren gibt es eine Bar mit vielen leckeren Getränken, alle ohne Alkohol. Auch das wirkt beruhigend auf elterliche Nerven. Zudem gibt es einen echten DJ, der Querbeet-Musik auflegt.

Da es sich im Grundsatz um eine Tanzschule handelt, wird natürlich der Paartanz gefördert. Der DJ, ein ansässiger Tanzlehrer, empfiehlt per Mikrofon unterschiedliche Tanzarten, die sich für nachfolgend gespielte Songs eignen. Und dann geht‘s los. Neugierig befrage ich Tim, wie das dann praktisch abläuft: Ist die Tanzfläche voll? Wird tatsächlich Paartanz praktiziert? Und wie bilden sich die Pärchen? Als Antwort leider nur so viel: „Die Tanzfläche ist immer voll!“ Mehr ist nicht zu erfahren.

Das Ambiente kann man sich so vorstellen, dass sich über dem erhabenen Streifenparkettboden eine Discokugel dreht. Übliche Lichteffekte runden das Ganze ab. Klingt sehr ähnlich zu meinen Anfängen …

Gelegentlich wäre ich auch gerne wieder Teeny …

Kommendes Wochenende soll‘s wieder auf die Piste gehen, erfahre ich von Tim noch. Dabei kann er ein Lächeln vor mir nicht ganz verbergen. Seine Freunde und er freuen sich also auf diese Samstage. Das freut mich sehr für sie. Gelegentlich wäre ich auch gerne noch einmal ein Teeny, um wieder ein bisschen in meine eigene Weggeh-Vergangenheit einzutauchen. Ich glaube, bei dieser samstäglichen Veranstaltung wäre das vortrefflich möglich.

Lebhaft erinnere ich mich an meine Zeit in der Warteschlange vor dem Eintritt und die Aussicht auf einen unbeschwerten Abend mit meinen Freunden. Hinzu kam ein leichtes Aufgeregt-Sein, gemischt mit einer Art Neugier nach kultureller Auseinandersetzung unter Gleichgesinnten. Gerade als Teenager stellt man sich ja viele Fragen zu verschiedensten Lebensaspekten. Es geht immer auch darum, die persönliche Identität zu finden: Wer bin ich? Wer sind meine Freunde? Welche ihrer Interessen und Weltanschauungen decken sich mit meinen?

Meine Sturm- und Drangzeit Ende der 80er und im Laufe der 90er Jahre war stark von unterschiedlichen, sogenannten Subkulturen geprägt. Es gab Punks, Gruftis, die Metaller, Popper … Viele dieser unterschiedlichen Strömungen waren ursächlich durch die Musik und dem jeweils zugeordneten Lebensgefühl geprägt. Diese Mischung versprach, um es chemisch auszudrücken, ein relativ großes Reaktionspotenzial. Die Wahl des Outfits – trägt man Jeansjacke mit Bandaufnähern oder doch eine schwarze Lederjacke – sowie die Wahl, bei welchem Song man die Tanzfläche betritt, waren gezielte Entscheidungen.

Outfits sind immer noch wichtig.

Altersbedingt kann ich das alles heute leider nur noch außenstehend beobachten. Outfits sind immer noch wichtig, haben aber mehr eine reine Modefunktion. Große Bekleidungskonzerne gaukeln einem Individualität vor, wobei die Looks jedem zur Verfügung stehen. Ob das gut oder schlecht ist? Erfreulicherweise beobachte ich seit einigen Jahren ein Aufblitzen echter Individualität. Ich meine die Verbindung modischer Merkmale und ideologisch gelebter Grundsätze. Und damit meine ich ausdrücklich nicht die an der Oberfläche treibende Hipster-Bewegung.

Das Wichtigste ist und bleibt in der Disco aber immer noch die Jugendliebe.

Ein gemeinsamer Nenner, damals wie heute, lässt sich trotzdem finden: die Möglichkeit, mit dem anderen Geschlecht zu interagieren. Wie etwa die Aussicht, der hübschen Brünetten aus der Parallelklasse etwas näherzukommen, sogar physisch über einen Paartanz. Das wird in unserer Jugenddisko in Augsburg erfreulicherweise gefördert. Die Tanzschule Trautz & Salmen zeigt da einen guten Weg auf.

Ich würde mir mehr derartige Veranstaltungen wünschen. Jugendliche müssen nicht illegal nach Mitternacht unterwegs sein, um erste Ausgeherfahrungen zu sammeln. Und auch ihre Eltern profitieren davon. Sie wissen Ihre Kinder gut aufgehoben und können beruhigt ihren Samstagabend verbringen.

Um zu verhindern, dass besagte Tanzschule in Zukunft nicht kilometerlange Warteschlangen am Einlass bewältigen muss, sei hier noch erwähnt, dass der Eintritt nur aktuellen oder ehemaligen Tanzschülerinnen und Tanzschülern gewährt wird. Diese Voraussetzung wird über einen Tanzpass inklusive Passfoto kontrolliert.

 

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

 

 

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