Ein generationenübergreifendes Projekt:
Agil leben im Alter

In der sorgenden Gemeinde Weiherhammer soll in den nächsten Jahren ein bauliches Leuchtturmprojekt entstehen. Auf einer Fläche von 1,4 Hektar ist ein inklusiver Lebensraum von der KiTa bis zur ambulant betreuten Demenz WG geplant.

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Interview: Gerda Stauner

In der Gemeinde Weiherhammer soll in den nächsten Jahren das bauliche Leuchtturmprojekt ALIA entstehen. Auf einer Fläche von 1,4 Hektar ist ein inklusiver Lebensraum von der Kita bis zur Demenz WG geplant.

Weiherhammer ist eine kleine Gemeinde mit knapp viertausend Einwohnern im nordöstlichen Bayern. Wer durch den beschaulichen Ort schlendert, würde nicht auf die Idee kommen, dass auf einem brachliegenden Stück Land ein zukunftsweisendes Bauprojekt auf den ersten Spatenstich wartet. Die Lars und Christian Engel (LUCE) Stiftung hat hier zusammen mit der Gemeinde und dem Verein SEGA e. V. sowie verschiedenen Pflegediensten im Rahmen des Projekts Agil leben im Alter (ALIA) auf einem großzügigen Gelände ein generationenübergreifendes Bauvorhaben konzeptioniert, dass von der ALIA GmbH realisiert werden wird.

ALIA ist sowohl Akronym für Agil leben im Alter als auch Leitgedanke (lat. anders), auf anderem Wege Altern zu gestalten und neue Wege für Hilfe und Pflege zu gehen. Dr. David Rester entwickelt und leitet das Modellprojekt auch als Ansprechpartner vor Ort.

Unsere Gesellschaft wird immer älter. Das Projekt ALIA soll eine wichtige Herausforderung der Zukunft lösen: die Lebensqualität von Menschen im Alter verbessern. Dr. Rester, wie sieht das genau aus?

Exemplarisch kann zunächst ein Perspektivwechsel helfen: Eine alternde Gesellschaft stellt kein Problem dar, außer für unsere sozialen Sicherungssysteme. Eine Erkenntnis, die bereits in den Diskursen zur Gestaltung der Bevölkerungsplanung der Antike reifte. Die Betroffenen, also die älteren Menschen, bestätigen bestimmt gerne, dass sie kein Problem sind, dass es zu lösen gilt. Wir können es auch anders ausdrücken. Zum Beispiel: Die Gesellschaft entjüngt.

Weiter ist dazu festzuhalten: Das Alter verjüngt sich, wie ein #BestAger und die häufig zitierte Geburtenkohorte der Babyboomer veranschaulichen. Unser individuelles und kollektives Altersbild, also der Blick auf das eigene Alter(n) und auf das der anderen, verändern sich positiv. Die Vulnerabilität des fragilen, gebrechlichen von zunehmender Hilfe- oder Pflegebedürftigkeit geprägten, meist hohen Alters wird dabei aber nicht ausgeblendet. Diese Altersbilder bzw. künftig Älteren adressieren wir primär im Projekt ALIA.

Wir ermöglichen Teilhabe auf unterschiedlichen Ebenen und binden dabei alle Generationen mit ein. Beispielsweise wenn es um die Nutzung und Sinnstiftung neuer Technologien oder eben der Architektur-, Raum- und Freiraumplanung auf dem ALIA-Areal geht.

Kooperation statt Konkurrenz

Im Projekt ALIA haben wir keine Lösung für die kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen der demografischen Entwicklung. Jedoch lassen sich viele der Herausforderungen vor Ort gestalten. Zunächst haben wir hierzu eine breite gesellschaftliche und politische langfristige Unterstützung erarbeitet, die auf Kooperation statt Konkurrenz basiert.  Zudem stärken wir mit Hilfe von Beteiligungs-, Begleitungs-, Beratungs- und Bildungsangeboten Ressourcen und Fähigkeiten, eine alternde/entjüngende Gesellschaft vor Ort mitzugestalten.

Der Anspruch von ALIA ist es, modellhaft verschiedene Konzepte und Maßnahmen für eine sorgende Gemeinde zu vereinigen.

Dieser Prozess ist von Beginn partizipativ, agil und auch digital gestaltet. Die konkreten Ziele, Sozialraumentwicklung, gemeindenahe Nachbarschaftspflege und künftiges nachhaltiges Bauen für Menschen mit und ohne Hilfe- oder Pflegebedarf adressieren überdies den Stiftungszweck der LUCE Stiftung, die Oberpfalz hin zur modellhaften Wissensregion mitzugestalten. Das angesprochene Bauvorhaben ist also ein wichtiger, aber eben nicht der erste und einzige Baustein. Der leitende Gedanke dabei: Stellen Sie sich vor, man begegnet einer prognostizierten Pflegebedarfslücke nicht durch den Bau von Pflegeheimen (in denen keiner wohnen und arbeiten will), sondern durch eine sorgende Gemeinschaft mit Technik, Digitalisierung und gemeindenaher Nachbarschaftspflege. Und stellen Sie sich weiter vor, dass Pflegepersonen dann ihrer Berufung, ihrem Beruf und ihrer Profession länger nachgehen werden!

Wie können junge und ältere Menschen auf einem gemeinsamen Lebensraum voneinander profitieren?

Ich könnte jetzt aus ein, zwei Studien zu den positiven, negativen und unklaren Wirkungen des intergenerationellen Austausches, auch auf Lebensqualität, zitieren. Aber meine bisherigen praktischen Einblicke in und Kenntnisse zu Mehrgenerationenwohnprojekten lassen mich hier kritisch bleiben.

Daher versuche ich es für das ALIA-Projekt zu konkretisieren: Die Generationen sollen nicht voneinander profitieren, so wie das ja zwischen Großeltern und Enkel auch nicht der Fall ist. Soziale Austauschbeziehungen werden nicht erwartet, eingefordert oder als natürlich angenommen. Vielmehr ist die soziale Teilhabe über die ehrliche, offene und gemeinsame Gestaltung von Zeit, Raum und Freiraum auf dem ALIA-Areal konstitutiv für soziale Teilhabe, sowohl der Älteren als auch der Jüngeren.

Gemeinsamer Garten und Speiseraum

Dies erreichen wir exemplarisch einerseits über einen gemeinsamen Garten und Speiseraum von Tagespflege und KiTa. Andererseits haben wir konzeptionell u. a. mit dem Netzwerk DigiMINTKids, als starken Partner zur Entwicklung einer entsprechenden partizipativen und generationenfreundlichen Grundhaltung aller Beteiligten, geplant. Hierzu hatten wir diese Woche ein erfolgreiches über vierstündiges Auftakttreffen mit dem achtköpfigen Team des voraussichtlichen Kita-Betreibers sowie der wunderbaren Brigitte Netta von DigiMINTKids.

Betreuungseinrichtungen für Pflegebedürftige werden oft als abgeschlossene Lebensräume wahrgenommen. Wie will ALIA diese Räume öffnen und für alle Altersgruppen zugänglich machen?

Dies haben wir umfangreich konzeptionell im Versorgungskonzept, u. a. mit ein- und ausstrahlenden Hilfe- und Pflegdienstleistungen sowie in der baufachlichen Planung berücksichtigt. So sind die Freianlagen öffentlich zugänglich und verzichten unter der Maßgabe der Reduzierung freiheitsentziehender Maßnahmen auf eine klassische Einzäunung. Die Tatsache, dass sowohl Menschen mit als auch ohne Hilfe- oder Pflegebedarf und auch Kinder vor Ort sein werden, ermöglicht natürlichen sozialen Austausch und verhindert insbesondere die Segregation von Menschen mit Demenz.

Zudem wird das Begegnungszentrum wichtig sein, dass für alle Besucher*innen offen ist. Es wurde u. a. mit den Vereinen, dem Rathaus und der katholischen Pfarrgemeinde sowie einem Demenz-Café von SEGA e. V. geplant. Darüber hinaus werden neben einem Büro der Nachbarschaftshilfe, auch eine Reparaturwerkstatt und weitere shared Offices erfolgen.

 

Dr. Rester, wie haben Sie es geschafft, ein ganzes Dorf bei der Entwicklung eines Projekts dieser Größenordnung mitzunehmen? Gab es keinen Gegenwind?

Da bleibe ich mal plakativ bei ein paar geläufigen Schlagworten: Denke langfristig. Mache Betroffene zu Beteiligten. Klarheit vor Freundlichkeit. Gewährleiste echte Beteiligung auf unterschiedlichen Ebenen und in unterschiedlichen Qualitäten. Keine Angst vor Bürger*innen bzw. Partizipation.

Bildung ist ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg. Nicht über Pflegebedürftige und pflegende Angehörige sprechen, sondern mit ihnen. An einen Tisch setzen und sprechen, und das dauerhaft. Gutes Change-Management würdigt Gegenwind. Widerspruch und Widerstand sind die Grundlage für Erkenntnis auch in der Praxis. Lehre die Menschen nicht, wie man ein Boot baut, sondern … na ja, der ist schon abgekaut, aber eben auch treffend.

Und alle, in allen Ortsteilen, haben wir auch noch nicht erreicht und werden wir nie erreichen. Aber es werden nach und nach mehr.

Ein Leuchttrumprojekt wie ALIA würde man eher in einer Großstadt als in einer kleinen Gemeinde vermuten. Wieso wird die Idee gerade in Weiherhammer umgesetzt?

Diese Frage kommt von jemandem, der in einer Stadt wohnt, würden manche Bürger*innen hier im urbanen Umfeld wohl sagen. Aber ich verstehe die Frage: Ländliche, insbesondere strukturschwache Regionen sind häufig innovativ. Nur wird das oft nicht sichtbar.

In der Wirtschaft spricht man bei Unternehmen häufig von Hidden Champions. Diese beeinflussen dann auch ihr strukturelles, sozio-ökonomisches und kulturelles Umfeld. Und in der dreihundertjährigen Geschichte Weiherhammers gibt es solche Unternehmen mit einer ebenso langen Historie. Aus diesem Umfeld ging die LUCE Stiftung und schließlich auch das Projekt ALIA hervor.

Offener Blick für die Zukunft

Wichtig überdies: Hier leben Menschen mit einem offenen Blick für die Zukunft, die wie der Vorsitzende des Vereinskartells Weiherhammer alle Bemühungen maximal unterstützen und sich aktiv einbringen. Allen voran der 1. Bürgermeister, der zusammen mit dem Stifter Christian Engel treibende Kraft ist und lange vor dem Projekt ALIA strategisch tätig war.

Entscheidend zudem: Der Verein SEGA e. V., der den Stein ins Rollen und die konzeptionellen Grundlagen geschaffen hat und weiterhin mit Kompetenz und Netzwerk vieles erst ermöglicht. Also alles in allem ein sehr fruchtbarer Boden für die Saat ALIA.

Könnte man dieses Projekt auch an einem anderen Ort umsetzen? Gibt es vielleicht schon konkrete Anfragen von anderen Städten oder Gemeinden, die sich für die Idee interessieren?

Ja. Als Modell ist es unter der Überschrift „Social Franchising“ das Ziel, den Entwicklungsprozess sowie Ergebnisse wie das Bauvorhaben in unterschiedlicher Ausprägung in kleinen Gemeinden zu verstetigen und weiter zu entwickeln. Primär soll das für die Oberpfalz geschehen. Die bisherigen Anfragen kommen allerdings auch aus anderen Regionen.

Dr. Rester, wie sieht Weiherhammer in zwanzig Jahren aus?

Das kann ich leider nicht vorhersehen. Jedoch werden die demografischen, die technologischen und die wirtschaftlichen Entwicklungen zu globalen Veränderungen führen, die auch Weiherhammer betreffen werden.

Was ich aber sagen kann: Das ALIA-Areal wird bebaut sein. Ich wünsche dem Ort und den Menschen in Weiherhammer, dass es hier weiterhin so schön und lebenswert bleibt. Aufgrund der zuvor erwähnten Hidden Champions, den Menschen, die hier leben und arbeiten, bin ich guter Dinge, dass es auch so sein wird. Und die LUCE Stiftung sowie das Projekt ALIA werden ihren Beitrag dazu leisten.

 

Mehr Infos findet ihr hier:

https://www.alia.de/

 

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