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Oberförsterin Friederike Rövekamp: „Ich lerne von den Wildpferden immer wieder neu, mich selbst nicht so wichtig zu nehmen.“

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von Isolde Hilt

Die Wildpferde im Merfelder Bruch

Nordrhein-Westfalen hat etwas, das es sonst nirgendwo auf dem europäischen Kontinent gibt: In der Nähe der Stadt Dülmen lebt eine Herde wilder Pferde, bekannt als die Wildpferde im Merfelder Bruch. Ihr Ursprung lässt sich bis in das Jahr 1316 zurückverfolgen. Knapp 400 Tieren steht dank der Familie Herzog von Croÿ ein Reservat von ca. 400 Hektar Land zur Verfügung – die Wildpferdebahn im Merfelder Bruch.

Der Mai scheint eine gute Zeit für einen Besuch zu sein: Viele Stuten haben bereits gefohlt, etliche sind noch trächtig. Von den „Wild-Pferden“ geht eine Ruhe, ein Frieden aus, so dass man am liebsten den ganzen Tag bleiben und nur schauen möchte. Forstoberinspektorin Friederike Rövekamp weiß mehr über diese einzigartigen Tiere.

Friederike Rövekamp, die sich lieber Oberförsterin nennt, weil sich darunter jede*r etwas vorstellen kann, kümmert sich um die Bewirtschaftung von Wald und Wild. Ihr Revier ist der Merfelder Bruch, weshalb sie auch für die dort lebenden Wildpferde zuständig ist. Es ist ein weitläufiges Land: Wiesen, Heideflächen, Moor, Nadelwälder und Eichenbestände sind das Zuhause für die Tiere und bieten abwechslungsreiche Nahrung.

 

Die Wildpferde im Merfelder Bruch sind überwiegend weiblich.

Wilde Pferde: Das, was ich sehen und beobachten kann, hat mit „wild“, so wie ich es im Kopf hatte, nichts zu tun. Da gibt es Stuten, die bereits gefohlt haben, daneben hochträchtige Muttertiere, die sich – stehend oder bereits liegend – auf die Geburt ihres Nachwuchses einstellen. Dazwischen vereinzelt der eine oder andere Junghengst.

Über Friederike Rövekamp erfahre ich, dass es sich um eine reine Stutenherde handelt, die nur einmal im Jahr für vier Wochen Hengstbesuch bekommt. Durch die Begrenzung der Deckzeit lässt sich der Zuwachs der Herde steuern. „In einer Pferdeherde kann es immer nur einen Hengst geben, der alleine das Oberhaupt ist.“ Die Junghengste werden herausgefangen, um Rivalenkämpfe zu vermeiden: „In wirklicher Wildnis würden diese auch ihre Mutterherde verlassen und eigene Wege gehen.“ Und was passiert mit den jungen Wilden? Die Oberförsterin beruhigt. Für Junghengste sei es kein Problem, sich in ihrer neuen Umgebung zurechtzufinden. „Sie sind jung und suchen Leitung und Führung, die ich ihnen als Mensch bieten kann. Wenn sie erst einmal Vertrauen gewonnen haben, werden sie auch schnell zahm.“

 

Was macht das „Wilde“ aus?

Das lässt sich gar nicht so einfach erklären, wie sich im Austausch mit Friederike Rövekamp herausstellt. Wirkliche Wildpferde sind weltweit ausgestorben. Es gebe nur noch Pferde, denen man ihre ursprüngliche Verwandtschaft noch mehr oder weniger ansehe und anmerke: „Dabei spielt es eine große Rolle, was man unter ‚wild‘ versteht: ein wildes Verhalten, eine ursprüngliche Genetik, eine Robustheit oder Scheu vor Menschen. Auf unsere Wildpferde trifft alles ein bisschen zu.“

Ich lerne, dass andere Herden wie die Mustangs in den USA genetisch gesehen Hauspferde sind, aber frei und auf sich gestellt leben. Das Prewalskipferd, das genetisch noch sehr ursprünglich sei, treffe man hingegen häufig in Zoos an. Wild ist nicht gleich wild …

Das schönste Charakteristikum für das Wilde ist vielleicht, dass die Pferde im Merfelder Bruch weitgehend in der Lage sind, sich selbstständig ohne menschliche Hilfe zu versorgen. Das fasziniert auch Friederike Rövekamp: „Sie brauchen keinen Stall, keinen Tierarzt, keine menschliche Pflege. Oft trauen wir dem Pferd eine solche Selbstständigkeit gar nicht mehr zu, weil wir es nur noch als Haustier kennen.“ Wie bei den anderen Tieren im Wald entscheide auch hier die Natur über Leben und Tod.

Der menschliche Eingriff beschränkt sich, aufgrund des begrenzten Reservats, auf die Gestaltung des Lebensraums. „Wir sorgen in Trockenzeiten für eine ausreichende Wasserversorgung. Im Winter füttern wir mit Heu, damit die Pferde nicht aus der Not heraus anfangen, die Rinde von den Bäumen zu schälen.“ Würde der Wald absterben, wäre das für die Wildpferde im Merfelder Bruch gefährlich. Er bietet ihnen Schutz im Winter und spielt eine große Rolle bei der Nahrungsergänzung.

 

Was die Wildpferde im Merfelder Bruch lehren können

Wie sehr Friederike Rövekamp die Wildpferde am Herzen liegen, spürt man, wenn sie von ihnen erzählt. „Ich lerne von den Pferden immer wieder neu, mich selbst nicht so wichtig zu nehmen.“ Für die Pferde ist das System, in dem sie leben, wichtig – die Herde. Die Bedürfnisse des einzelnen Tieres sind dem Wohl der Gruppe untergeordnet. „Vielleicht ist es deshalb in der Herde so ruhig und friedlich“, sinniert die Pferdekennerin.

Oberförsterin Friederike Rövekamp

Dieses Wissen gibt die Oberförsterin gerne an ihre Besucherinnen und Besucher weiter. Die Natur, so sagt sie, brauche uns nicht für ihre Existenz. Wir Menschen müssten nicht alles regeln oder organisieren. Manchmal sei weniger mehr. Um die Wildpferde in ihrer Ursprünglichkeit zu schützen, liegt ihr eines jedoch sehr am Herzen: „Mir ist wichtig, dass die Herde als System auch noch in 100 Jahren existiert und funktioniert. Die Tiere dürfen sich nicht so sehr an die Menschen gewöhnen, dass sie von ihnen Hilfe erwarten. Das würde sie abhängig und unselbstständig machen.“ Aus diesem Grund, so Friederike Rövekamp sollten Besucher*innen auch nicht versuchen, die Pferde zu locken, zu streicheln oder gar zu füttern. Das sichert ihren Bestand am besten.

 

Weitere Infos unter:

www.wildpferde.de

 

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Was uns die Natur noch alles zu bieten hat!

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