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Die Idee: Gemeinnützige Stiftungen erhalten Darlehen, um Immobilien zu kaufen. Über Mieten werden die Darlehen zurückbezahlt. Die Mieten bleiben moderat, weil keine Rendite erwirtschaftet werden muss.

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Interview: Isolde Hilt

Hamid Djadda ist ein Mensch von Welt. 1957 im Iran geboren, zog er im Alter von vier Jahren mit seiner Familie nach Hamburg und machte dort Abitur. Anschließend studierte er in den U.S.A. Wirtschaft. Nach dem Studium kehrte er nach Deutschland zurück und gründete in Bayern eine Manufaktur für Kristallglas. Diese verlagerte er nach Thailand, wo er 22 Jahre lang lebte. Vor sieben Jahren kehrte er wieder zurück, dieses Mal nach Berlin, und gründete da verschiedene Firmen, unter anderem OHDE Marzipan. Sein Hauptgeschäft sind jedoch Immobilien. Das prädestiniert ihn für das Projekt, das er dieses Jahr ins Leben gerufen hat: mit dem Verein Erste Sahne e. V. teure Mieten abschaffen.

Hamid Djadda liebt Berlin. Die Menschen dort seien tolerant, weltoffen und sozial denkend. Die Stadt, so sagt er, ist witzig, vielfältig und noch sozial durchmischt. Noch … Berlin laufe Gefahr, sich zu seinem Nachteil zu verändern. Seit ein paar Jahren steigen die Mieten rasant. Die Wohnungsnot ist groß, bezahlbare Mieten rar. Auf eine Wohnung bewerben sich bis zu 800 Menschen. In einer Metropole, in der ca. 85 Prozent der Menschen zur Miete leben, eine fatale Entwicklung.

Wer eine Wohnung kaufen möchte, wird sich wundern, wenn er die Immobilienpreise von vor fünf Jahren noch kennt. Laut Hamid Djadda kostete da eine Wohnung pro Quadratmeter in guter Lage zwischen 2.400 und 2.800 Euro. Heute liegt der Preis bereits bei 7.000 Euro.

Was ist in Berlin passiert, dass sich das so schnell so eklatant verändert hat? Der Unternehmer und Immobilienprofi macht verschiedene Ursachen aus, die seiner Meinung nach jetzt angegangen werden müssen, will man die Lebensqualität nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch in anderen Ballungszentren bewahren.

Herr Djadda, Sie haben verschiedene Ursachen für zu wenig Wohnungen und in Folge für zu hohe Mieten ausgemacht … Welche sind das?

Die Hauptgründe, die zu diesem Desaster geführt haben, sind:

•   viel zu wenig Bau von bezahlbaren Wohnungen. Pro Jahr ziehen 30- bis 40.000 Menschen nach Berlin. Gebaut werden aber nur 10- bis 12.000 Wohnungen. Das reicht bei weitem nicht. Viele dieser Neubauten sind zudem Luxuswohnungen, die niemand braucht.

•   Rahmenbedingungen, die die Spekulation mit Wohnraum fördern wie zum Beispiel einige Steuergesetze. Des Weiteren Regularien, die es ermöglichen, Mietpreisbremsen zu umgehen.

•   Bauen ist durch die Verteuerung von Grundstücken teurer geworden und durch immer mehr unbedachte Bauvorschriften, die von 5.000 auf über 20.000 gestiegen sind.

Es entstehen Ghettos, in denen nur die Reichen leben, und Gebiete, wo die Armen unter sich sind.

Wie sich zu hohe Mieten auf die Lebensqualität einer Stadt auswirken können, beschreiben Sie in Ihrem Buch „Teure Mieten abschaffen!“. Wie verändert sich das Bild von Stadtteilen oder einer ganzen Stadt, wenn sich etwa Altenpfleger*innen, Erzieher*innen, Alleinerziehende, Familien mit Migrationshintergrund diese Mieten nicht mehr leisten können? Das Kleingewerbe nicht ausgenommen …

Die Menschen müssen einen immer höheren Anteil ihres Einkommens für Miete aufbringen. Dann bleibt weniger übrig für andere Ausgaben. Die Schere zwischen Arm und Reich vergrößert sich. Die Verdrängung der Mieter*innen aus ihren Räumen hat zur Folge, dass sie nicht mehr in der Nähe ihres Arbeitsplatzes wohnen können und somit stundenlang pendeln müssen.

Das Kleingewerbe verliert komplett seine Existenz, denn Geschäfte kann man nicht in Randgebiete verlagern.

Die soziale Mischung geht verloren. Es entstehen Ghettos, in denen nur die Reichen leben, und Gebiete, wo die Armen unter sich sind. 

Das ist nicht die Stadt, die Sie sich wünschen … Ihr Ziel: bezahlbaren Wohnraum schaffen und die Verdrängung des Kleingewerbes verhindern. Wie wollen Sie das angehen?

Es sind die von der Politik gestalteten Rahmenbedingungen, die zu dem Desaster geführt haben. Daraus folgt, dass nur die Politik diese Rahmenbedingungen ändern kann. Und genau da liegt das Problem: Die heutige Politik ist in sich zerstritten, es kommt nicht mehr zu einer überparteilichen Zusammenarbeit.

Ich habe deshalb ein Modell entwickelt, bei dem wir die Politik nicht brauchen. Teure Mieten entstehen, weil Investoren einen Gewinn erwirtschaften müssen. Wenn man aber freiwillig auf Gewinne verzichtet, braucht man auch nicht teuer zu vermieten. So etwas geht über gemeinnützige Stiftungen. Eine Stiftung hat keine Inhaber, die nach Rendite schreien. Ihr Zweck besteht nicht darin, Profit zu machen, sondern etwas Gemeinnütziges zu tun. Die von Stiftungen erworbenen Immobilien sind dem Markt entzogen und könne auf ewig günstig vermietet werden.

Ihre Idee ist, gemeinnützigen Stiftungen Darlehen zu geben, damit sie Immobilien kaufen können. Das Darlehen wird über Mieteinnahmen getilgt. Wer aber soll die Darlehen geben?

Ich habe anhand eines Projekts, bei dem wir die Verdrängung eines Handwerkers aus seinem Laden verhindern konnten, bewiesen, dass mein Modell funktioniert. In unserem Fall habe ich der Stiftung ein persönliches Darlehen gegeben. Der Clou ist: Ich habe das Geld nicht verschenkt, sondern lediglich verliehen. Das ist ein großer Unterschied. Nach langer Zeit wird meine Familie das Geld zurückerhalten und das sogar verzinst. Das können natürlich auch andere betuchte Leute machen. Des Weiteren könnten große Firmen Darlehen gewähren, denn auch ihre Mitarbeiter*innen leiden unter steigenden Mieten.

Der große Fisch ist natürlich der Staat. Es wäre eine Win-win-Situation, denn auch der Staat muss nichts verschenken. Die Darlehen werden ja über die Mieten zurückgezahlt. Der Staat spart sogar Geld, denn wenn er so für günstige Wohnungen sorgt, muss er auch weniger Wohngeld zahlen.

Sie haben für Ihr Anliegen den Verein „Erste Sahne e. V.“ gegründet. Wie kamen Sie auf diesen Namen?

Fast alle Organisationen haben drei oder vier Buchstaben. Wer errät schon, was das bedeutet? Die Meisten vergessen solche Namen sofort wieder. Es entstehen keine Emotionen. „Erste Sahne“ aber merkt man sich und es ruft ein positives Gefühl hervor. Viele Menschen, denen ich sage, dass unser Verein „Erste Sahne“ heißt, lächeln. Das genügt.

Was kann „Erste Sahne“ leisten?

Der Verein versucht, die notwenigen Schritte in die Wege zu leiten, um Immobilien zu retten und die Verdrängung der Menschen aus ihrem gewohnten Gebiet zu verhindern.

Geld allein reicht nicht für ein glückliches Leben, sonst gäbe es nicht so viele Selbstmorde bei Millionären.

Sie könnten sich als erfolgreicher Unternehmer auch auf die „andere Seite“ schlagen. Was ist es, was Sie bewegt, das nicht zu tun?

Ich bin ja auch auf der anderen Seite. Aber ich verschließe mich nicht der Realität, dass Millionen Menschen unter den Mietsteigerungen leiden, während eine kleine Minderheit exorbitant viel Geld damit verdient. Ab einer Einkommensstufe sind weitere Vermögenszuwächse nur Zahlen im Kopf. Geld alleine reicht nicht für ein glückliches Leben, sonst gäbe es ja nicht so viele Selbstmorde bei Millionären. Sozialer Frieden ist wichtig, auch für die Reichen. Egal, wieviel Geld man hat: Wenn man krank wird, braucht man Krankenschwestern, wenn das Haus brennt, die Feuerwehr, wenn Gefahr droht, die Polizei. Das Schicksal dieser Menschen darf einem nicht egal sein.

Wie sind die Reaktionen auf „Erste Sahne“?

Sehr, sehr positiv und zwar über alle Altersgruppen hinweg. Selbst von vielen Unternehmern bekomme ich Zuspruch.

Wie reagiert die Politik?

Interessanterweise auch positiv und zwar alle Parteien. Wir sind eine der wenigen, die nicht auf Politiker schimpfen und auch nicht von ihnen verlangen, das Problem zu lösen. Wir können das selber und entlasten die Politik sogar. Allerdings leiden Politiker*innen derart unter Zeitmangel, dass keine konkrete Hilfe zu erwarten ist.

Können Sie schon über erste Erfolge berichten?

Der größte Erfolg war die Rettung eines Glasermeisters in Friedenau. Wir haben meines Wissens nach zum ersten Mal in Berlin den Rausschmiss eines Kleingewerblers aus seinen Räumen verhindert. Das wollen wir nun wiederholen.

Werden Sie, wenn es gut läuft, Ihr Modell bundesweit ausbauen?

Mit Sicherheit. Erst erobern wir die Wohnungen und Kleingewerberäume in Berlin zurück und dann die in der Bundesrepublik Deutschland. 

Wir brauchen ein anderes Bewusstsein in der Gesellschaft, nicht wahr? Wie denken Sie darüber?

Wir haben unstreitig schwere Zeiten. Durch die Globalisierung und Digitalisierung kommen große Änderungen auf uns zu. Alles wird komplexer und schneller. Der Mensch strebt aber nach Einfachheit und Ruhe. Wir müssen versuchen, nicht in Panik zu geraten und nicht nach Scheinlösungen zu greifen. Die allergrößte Gefahr ist die Polarisierung und das Streiten. Nur gemeinsam werden wir die Probleme der heutigen Zeit lösen können. Der Dialog ist sehr wichtig. Statt nur stur seine eigenen Ansichten verbreiten zu wollen, müssen wir uns die Fähigkeit aneignen, auch einmal der anderen Seite zuzuhören, sie zu verstehen. Wir müssen lernen, Kompromisse einzugehen, denn es gibt leider für die vielen komplexen Probleme keine einfache Lösung.

Kann man der „anderen Seite“ – Menschen, Unternehmen, die mit Immobilien spekulieren, die Mieten hochtreiben – vermitteln, wieviel Sie mit ihrer Art, Geschäfte zu machen, zerstören?

Man muss klar zwischen Investoren und Spekulanten unterscheiden! Letztere machen den Fehler, kurzfristig zu denken. Wenn sie alte Menschen aus ihren Wohnungen rausschmeißen oder das Kleingewerbe vertreiben, wenn sie in Kauf nehmen, dass Menschen zwei bis drei Stunden am Tag zu ihrer Arbeit fahren müssen, nur um ihre Rendite zu erhöhen, ohne Rücksicht auf die Schicksale der Menschen, dann dürfen sie sich nicht wundern, wenn Panikreaktionen kommen wie zum Beispiel Enteignungen, Mietendeckel oder Forderungen, Privatbesitz oder sogar die freie Marktwirtschaft ganz abzuschaffen.

Noch etwas, das Ihnen wichtig ist, am Herzen liegt?

Wir haben einen langen Kampf vor uns. Diesen Kampf kann ich nicht alleine bestreiten. Wir benötigen Unterstützung in Form einer Mitgliedschaft bei „Erste Sahne e.V.“. Gemeinsam sind wir stärker!

 

Weitere Infos zu „Erste Sahne e. V.“

https://erste-sahne.berlin/

Das Buch „Teure Mieten abschaffen! Wie sich ein paar Visionäre daran machen, alle Mieten dauerhaft zu senken.“ von Hamid Djadda ist erfreulich verständlich geschrieben. Der Gründer des Vereins „Erste Sahne e. V.“ führt aus, wie es zu teuren Mieten kommt. Weiter enthält das Buch nicht nur Lösungsansätze, sondern eine ganze Reihe an Maßnahmen, um das Problem anzugehen.

Ein empfehlenswerter Handlungsleitfaden, den ihr bei uns gewinnen könnt! Hamid Djadda hat uns 3 Exemplare zur Verfügung gestellt – herzlichen Dank!

Schickt uns bis Sonntag, 8. Dezember 2019, 24:00 Uhr, eine E-Mail mit dem Betreff „Teure Mieten abschaffen!“ an neues@goodnews-for-you.de. Die Gewinner*innen werden aus allen Teilnehmenden gelost.

 

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

 

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