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Zwei Londonerinnen fuhren als erste über den Pamir Highway in Zentralasien, um einen einzigartigen Film zu drehen.

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von Oxana Bytschenko

Drei Länder, zwei Frauen und ein alter Toyota Landcruiser: 2018 machten sich Catherine Haigh und Hannah Congdon aus London auf den Weg, Zentralasien zu bereisen. Ihr Ziel: Mit den Frauen in der Region sprechen – über Themen wie sexuelle Aufklärung, Arbeit, Migration, Rollenverständnis, häusliche Gewalt, Single-Muttersein, Armut und Bildung. Für ihre Reise wählten sie die Länder Usbekistan, Tadschikistan und Kirgistan. Einerseits, weil dort der Pamir Highway verläuft. „Meiner Meinung nach sind wir die ersten Frauen, die ihn bewältigt haben“, sagt Cat.

Andererseits sei ihnen bewusst gewesen, dass die Stan-Länder einen negativen Ruf haben. „Wir waren neugierig, diese Region zu bereisen, auch weil sie so anders ist und sowohl von der Sowjetunion als auch vom Islam beeinflusst wurde. Also entstand die Idee, dass zwei Frauen in einem Auto die Stimmen der anderen Frauen einfangen“, erklärt Cat. Daraus wurde eine Dokumentation.

Filmfestivals als Ziel

Der Film „Women Behind the Wheel – unheard voices of the Pamir highway“ soll 2022 in die britischen Kinos kommen und bei internationalen Filmfestivals gezeigt werden. Parallel dazu ist eine Infokampagne geplant, bei der zentralasiatische Frauenhilfsorganisationen und Journalist*innen an Podiumsdiskussionen teilnehmen. Zurzeit läuft die finale Crowdfunding-Kampagne, um die Kosten für die Postproduktion zu decken.

Denn was die beiden Britinnen in den drei Ländern erlebt haben, könnte für einen fünfstündigen Film reichen. Sie trafen eine Gynäkologin, die seit Jahrzehnten Babys auf die Welt holt – auch wenn es keine Medikamente gibt und eine alte Öllampe als Lichtquelle reichen muss. Sie sprachen mit Frauen über ihren Glauben und erfuhren, dass Islam für sie vor allem wichtig sei, um anderen Menschen als Vorbild zu dienen. Sie plauderten mit ihnen über Männer, die monatelang nichts zu tun haben, während Frauen Jobs, Haushalt und mehrere Kinder wuppen.

Wirtschaftliche Auswirkungen auf Frauen

Vor ihrem Roadtrip wussten Cat und Hannah wenig über Zentralasien. Sie lernten sich beim Sport an der Universität von Oxford kennen und stürzten sich direkt nach dem Studium in die Vorbereitung des Roadtrips. Dabei lernten sie die Geschichte der ehemaligen Sowjetrepubliken und ihre Besonderheiten kennen, wo Armut und häusliche Gewalt weit verbreitet sind. Viele Männer sind gezwungen, Arbeit in Russland zu suchen, wo sie oft unter prekären Umständen leben und arbeiten müssen. Ihre Familien in Zentralasien sind auf das Geld dieser Gastarbeiter angewiesen. „Aber wie sich das auf die Frauen in der Region auswirkt, ist kaum dokumentiert“, sagt Hannah. Deshalb wollten sie die Stimmen der Frauen einfangen.

„Eigentlich haben wir uns damals auf den Weg gemacht, um Geschichten über Frauen zu hören, die gegen patriarchalische Traditionen kämpfen“, sagt Cat. Unterwegs wurden aber ihre Vorurteile infrage gestellt. „Wir trafen Frauen, die aus ihren Traditionen heraus einen Wandel anstoßen“, sagt sie. „Da verstanden wir, dass es Feminismus in allen Formen und Größen gibt – und dass selbst die kleinsten Veränderungen zusammengenommen eine Revolution bedeuten können.“

Die Protagonistinnen für den Film fanden sie über Instagram oder in den Medien. So hatten sie zu Beginn des Trips einige Punkte auf der Karte markiert, die sie besuchen wollten. Aber unterwegs trafen sie weitere interessante Charaktere. „Einige brachten ihre Bekannten und Verwandten ins Gespräch und so kamen wir auf noch mehr Frauen“, sagt Cat.

„Women behind the wheel“ erzählt auch von weiblicher Resilienz

Cat beschreibt die Menschen in den drei Ländern als sehr unterschiedlich. „Es hängt sehr von der Region ab. In Tadschikistan waren die Frauen eher schüchtern. Es hat gedauert, bis sie Vertrauen gefasst haben, so dass wir die Kamera auspacken und drehen konnten“, sagt sie. Aber insgesamt seien die Menschen dort extrem gastfreundlich. „Im Vergleich dazu sind die Menschen in Großbritannien voller Vorurteile gegenüber Fremden. In Zentralasien dagegen waren die Leute sehr offen. Sie ließen uns in ihre Häuser und überließen uns sogar ihre Betten“, sagt Cat.

Außerdem seien die Frauen dort resilient, was auch einen Grund habe. Etwa 80 Prozent der Männer arbeiten in Russland, der weibliche Teil der Bevölkerung ist also auf sich allein gestellt. „Frauen reparieren dort Straßen und arbeiten mit großen Maschinen. Ich habe sie als unglaublich stark erlebt“, sagt Cat.

3000 Kilometer in drei Monaten haben Hannah und sie bereist – mitten in der Hitze des zentralasiatischen Sommers. Dabei war es schon kompliziert, ein Auto zu mieten. „Es war einfach nichts da“, sagt Cat. In Kirgistan wurden sie fündig. An den Grenzen gab es die meisten Probleme, weil sie streng bewacht werden. „Alle unsere Taschen wurden durchsucht. Aber niemand fand die Kamera und die Filme“, sagt Cat.

Karteikarten und Instagram

Die beiden Londonerinnen sprechen kein Russisch oder eine der zentralasiatischen Sprachen. „Wir haben immer jemanden gefunden, der Englisch konnte. In den Städten wie Duschanbe oder Bischkek haben wir einfach Menschen über Instagram angeschrieben, ob sie für uns übersetzen könnten. Das war kein Problem“, sagt Cat. In den Dörfern habe sich ihr Besuch schnell herumgesprochen, so dass sich immer jemand gefunden hat, der Englisch konnte. „Zur Sicherheit haben wir einige Fragen auf Karteikarten geschrieben und sie in Usbekisch oder Tadschikisch übersetzen lassen. Die Antworten haben wir dann gefilmt, um sie später zu übersetzen“, sagt Cat.

Auch drei Jahre nach dem Trip bleiben sie am Projekt dran – neben ihren Jobs. Hannah arbeitet bei einer Filmproduktionsfirma in London, Cat ist im Bereich Sales tätig. „Wir glauben, dass es eine gute und interessante Geschichte ist. Die Gespräche, die wir gefilmt haben, haben uns überrascht und alle Erwartungen übertroffen“, sagt Cat. Die Finanzierung habe leider viel Zeit verschlungen. „Aber wir sind noch in Kontakt mit vielen Protagonistinnen des Films. Sie fragen uns immer wieder nach Fortschritten. Das hält uns in Schwung. Und je näher wir dem Finale kommen, desto motivierter sind wir!“

Mehr Infos zum Film gibt es hier.

Zur Crowdfunding-Kampagne geht es hier.

 

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