Freiwilligenarbeit im Centre Algarve:
„Hier fühlt sich jede*r willkommen“

Ein besonderes Ferienresort. Hier können Kinder mit Behinderung einen spannenden Urlaub verbringen. Die 26-jährige Luise erzählt von ihren Erlebnissen.

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von Kristin Frauenhoffer

Centre Algarve Luise
Luise mit einem Nasenbären, den sie im Centre Algarve versorgen durfte.

Wie viele junge Menschen wollte Luise nach dem Abitur raus. Verreisen und die Welt sehen. Doch nicht nur das. Denn Luise wollte auch etwas Sinnvolles tun und entschied sich, als Freiwillige in einem Projekt mitzuarbeiten. Über die Onlineplattform „workaway“ finden an Freiwilligenarbeit Interessierte zahlreiche Projekte, bei denen sie sich engagieren können. Meist gegen Kost und Logis und oft an außergewöhnlichen Orten. Die Projekte sind so vielfältig und innovativ wie die Ideen, die Menschen haben können. Von nachhaltigen Bauernhöfen, Permakulturgärten über kulturelle, spirituelle oder touristische Anlagen. Hier wird jede*r fündig.

So auch Luise, die es nach Südeuropa zog. An der portugiesischen Küste fand sie ein ganz besonderes Ferienresort – das Centre Algarve. Einen Urlaubsort für Kinder mit Behinderung. Dieser ist nicht nur barrierefrei, sondern gezielt auf die Bedürfnisse von Kindern mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen und deren Begleiter*innen abgestimmt. Dort gibt es unter anderem eine Tierfarm, auf der die kleinen Gäste einzigartige Begegnungen mit verschiedenen Tieren haben können. Und dort war auch Luises Hauptarbeitsfeld. Im Interview erzählt sie uns, was sie dort erlebt hat.

 

Luise, du hast mittlerweile zweimal im Centre Algarve als Freiwillige gearbeitet. Wie hast du die Einrichtung gefunden?

Nach meinem Abitur wollte ich gerne ein bisschen verreisen und gleichzeitig Freiwilligenarbeit machen. Dadurch bin ich dann auf die Seite „Workaway“ gestoßen und habe geschaut, welche Projekte in Südeuropa, genauer im Raum Spanien und Portugal, angeboten werden. Und dann entdeckte ich eine Anzeige mit einem Foto von Erdmännchen und wurde neugierig. „Seit wann gibt es in Portugal Erdmännchen?“, dachte ich mir. Nachdem ich mir dann die Anzeige des Centre Algarve durchgelesen hatte, war mir klar, da muss ich hin!

Es waren also die Erdmännchen, die dich nach Portugal gelockt haben?

Das Foto der Erdmännchen ist mir sofort ins Auge gestochen, ja. Und da ich generell ein sehr tierfreundlicher Mensch bin, und sie dort nach Leuten gesucht haben, die sich vor allem um die Tiere kümmern, habe ich mich sofort angesprochen gefühlt. Auch das Grundprinzip der Einrichtung – Menschen mit Beeinträchtigung einen barrierefreien Urlaub zu ermöglichen – fand ich super. Deshalb wollte ich gerne meine Unterstützung anbieten.

Die Erdmännchen haben Luise ins Centre Algarve gelockt.

Was genau hast du im Centre Algarve gemacht?

Zu meiner Freude war ich primär für die Tiere verantwortlich und durfte das Futter vorbereiten, die Fütterungen durchführen und die Gehege reinigen. Es gab viele verschiedene Tiere: von Hasen, Meerschweinchen und Papageien über eine Ziege mit drei Beinen bis hin zu Erdmännchen, Nasenbären und Kängurus. Ab und zu sind auch andere Arbeiten angefallen oder es wurde unter den Freiwilligen ein bisschen getauscht. Zu den anderen Aufgaben zählten zum Beispiel Wände streichen oder Unkraut zupfen, den Pool säubern und Frühstück für die Gäste und die anderen Freiwilligen vorbereiten. Es wurden immer fünf Tage die Woche jeweils sechs Stunden mit Pause gearbeitet und dafür wurde dann Unterkunft und Verpflegung gestellt. An den freien Tagen konnte ich dann gemeinsam mit den anderen Freiwilligen Ausflüge machen und die Gegend erkunden. Bei meinem ersten Besuch 2016 war ich vier Wochen dort.

Was war besonders an deiner Erfahrung dort?

Besonders die Arbeit mit den Tieren hat mir große Freude bereitet. Die Möglichkeit zu haben, Tiere die man bislang nur in Zoogehegen gesehen hat, selbst zu versorgen und aus nächster Nähe zu erleben, war toll! Wer kann schon von sich behaupten, ein Erdmännchen auf der Schulter sitzen und mit Nasenbären gekuschelt zu haben? Hier und da musste ich mich ein wenig überwinden. Die Fütterung der Eulen war beispielsweise sehr abenteuerlich und das Reinigen der Gehege bei den heißen Temperaturen im portugiesischen Sommer nicht jeden Tag eine reine Freude. Gemeinsam mit den anderen Freiwilligen an diesem Projekt zu arbeiten, hat jedoch jeden Tag große Freude gemacht. Dafür haben sich auch anstrengende Tage gelohnt. Insgesamt hat mir die Arbeit mit den Tieren und der Austausch mit den anderen Freiwilligen so sehr gefallen, dass ich 2018 beschlossen habe, in meinen Semesterferien noch einmal für 4 Wochen ins Centre Algarve zu kommen.

Der große Garten bietet viel Platz für Tiere und Besucher*innen.

Was ist das Besondere am Centre Algarve?

Im Centre Algarve fühlt sich jeder willkommen. Freiwillige Helferinnen und Helfer aus unterschiedlichen Nationen, verschiedensten Alters und in den unterschiedlichsten Lebenslagen kommen zusammen. Mit mir gemeinsam haben beispielsweise Leute aus England, den Niederlanden, der Türkei, Australien, Brasilien, Mexiko und Deutschland gearbeitet. Es werden lauter verschiedene Tiere aufgenommen. Während ich dort gearbeitet habe, wurde beispielsweise ein zugelaufenes Minischwein adoptiert. Auch die Gäste sind natürlich total unterschiedlich. Es wird aber jeder herzlich aufgenommen. Und teilweise gab es auch Ausflüge gemeinsam mit den Gästen und den freiwilligen Helfer*innen.

Was hast du dort gelernt?

Der Austausch mit den anderen Freiwilligen und den Gästen hat mich sicherlich geprägt. Verschiedene Sichtweisen und Einstellungen kennen zu lernen, finde ich sehr wichtig, um den eigenen Horizont zu erweitern. In Bezug auf den Umgang mit Personen mit Beeinträchtigungen habe ich mir sicherlich auch einiges für meinen Alltag mitgenommen. Die Tatsache, dass es nur wenige Möglichkeiten gibt, barrierefreien Urlaub zu machen, finde ich sehr schade. Ich hoffe, dass es zukünftig mehr solcher Einrichtungen geben wird.

Wenn jemand mit workaway dorthin gehen möchte, was würdest du ihm oder ihr mit auf den Weg geben?

Das Centre Algarve kann ich auf jeden Fall weiterempfehlen. Wichtig ist jedoch, sich im Vorhinein darüber bewusst zu sein, dass es sich bei der Freiwilligenarbeit nicht um einen reinen Urlaub handelt. Man muss auch mal mit anpacken können und hat geregelte Arbeitszeiten. Die freien Tage bieten dennoch viele Gelegenheiten, um das Land zu erkunden und sich auch einmal an den Strand zu legen 😉

Ist dir noch etwas wichtig?

Ich würde mir wünschen, dass sich mehr Leute dazu entschließen, sich freiwillig zu engagieren. Davon profitieren dann nicht nur die Personen oder auch Tiere, die man unterstützt, sondern auch man selbst kann daraus viel lernen und tolle Erfahrungen sammeln!

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Das Centre Algarve

Die Geschichte des Centre Algarve begann 2010. Der britische Unternehmer Andy Mahoney stellte fest, dass es in Europa keine einzige Ferienanlage gab, in dem eine Familie mit einem Mitglied mit besonderen Bedürfnissen, Lernschwierigkeiten oder körperlichen Behinderungen gemeinsam in einer sicheren und speziell eingerichteten Anlage Urlaub machen kann. Sein Traum, genau so ein Zentrum zu errichten, nahm sogleich Form an. Als Inhaber einer Transportfirma, die sich auf die Beförderung von Kindern mit Beeinträchtigungen spezialisiert hat, weiß er genau, was diese brauchen.

480 Freiwillige bauen mit

Andy machte sich auf die Suche nach einem geeigneten Gebäude und Gelände, das ein Zentrum für Menschen mit besonderen Bedürfnissen beherbergen sollte. Er fand den perfekten Ort: ein fast verfallenes Familienhotel in der wunderschönen Umgebung der Algarve in Portugal. Es benötigte vier Jahre und das Engagement von über 480 Freiwilligen, um das Centre Algarve aufzubauen. „Die Zahlen und Fakten sind wirklich erstaunlich: Wir haben 18.000 Meter Fliesen verlegt, 800 Gallonen Farbe verbraucht, 20.000 Meter Kabel verlegt, 2.000 Tonnen Zement allein für unsere Wände verwendet und 22.000 Mahlzeiten für die Freiwilligen gekocht“, heißt es auf der Webseite des Centre Algarve.

Swimmingpools mit Hebebühne und Sensorikräume

Und am Ende war es geschafft: Das Ferienresort „Centre Algarve“ in der portugiesischen Region Algarve ist das einzige seiner Art auf dem europäischen Kontinent. Was es besonders macht, ist, dass Kinder mit Beeinträchtigungen hier Urlaub machen können, ohne dass Kompromisse eingegangen werden müssen. Es verfügt beispielsweise über einen Swimmingpool mit Hebebühne und Entspannungsbereichen, barrierefreie Schlafzimmer mit angrenzenden Hygieneräumen, einen Streichelzoo und grasbewachsene Koppelflächen, wo die Gäste die verschiedenen Tiere kennenlernen dürfen.

Außerdem gibt es einen sicheren Kinderspielplatz im Freien mit Schaukeln und Rutschen und ein pädagogisches Entdeckungszentrum mit Soft- und Sensorikräumen, ein Klassenzimmer und eine Küche, in der jede*r seine Fähigkeiten unter Beweis stellen kann. Die Gärten wurden so angelegt, dass sie auch für Rollstuhlfahrer*innen zugänglich sind – mit einigen Hochbeeten, so dass kleine Gäste diese genießen oder interaktiv mithelfen können.

Das Centre ist auch ein beliebter Ort für Schulausflüge. Andys Traum ist es, dass es für alle zugänglich ist. Dafür hat er den 24×7 Special Needs Holiday Trust  als eingetragene britische Wohltätigkeitsorganisation gegründet. Um finanziell zu helfen, wo es nur geht. Die Stiftung sucht ständig nach Möglichkeiten, Mittel zu beschaffen. Damit möglichst vielen Menschen der wohlverdiente Urlaub im Centre Algarve ermöglicht werden kann.

 

PS: Ein herzliches Danke an Petra Bartoli y Eckert, die uns von Luise und dem Centre Algarve erzählte! Eine good news par excellence!

 

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