Gapminder:
Die Welt zeigen, wie sie ist

Die schwedische Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, die globale Unwissenheit zu beseitigen. Mit Fakten - für ein realistischeres Weltbild.

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von Kristin Frauenhoffer

Zwei Visionäre: Gapminder Gründer*innen Ola Rosling und seine Frau Anna Rosling Rönnlund (Foto: Gapminder)

Sprechen wir über Fakten! Fakten über die Welt. Wisst ihr zum Beispiel, wie viel Prozent der Weltbevölkerung in Ländern mit niedrigem Einkommen leben? 9, 37 oder doch eher 61 Prozent? Wie viele Menschen haben weltweit Zugang zu sauberem Trinkwasser – was schätzt ihr? Rund 30, 50 oder 70 Prozent?

Eine große Umfrage der schwedischen Stiftung Gapminder hat ergeben, dass mehr als 80 Prozent der Menschen diese Fragen falsch beantworten. Und zwar – zumindest bei den genannten Fragen – eher in die negative Richtung. Das heißt, sie sehen die Welt in einem dunkleren Licht, als sie tatsächlich ist. Andere Ergebnisse zeigen den gegenteiligen Effekt – die Welt wird verklärt. Beides entspricht nicht der Realität. Gapminder will dieser „devastating Ignorance“, dieser „verheerenden Unwissenheit“ etwas entgegensetzen: ein faktenbasiertes Weltbild, das jede*r verstehen kann.

Was ist Gapminder?

Der Name der unabhängigen schwedischen Stiftung bezieht sich auf die „Lücke“ im Wissen vieler Menschen, wenn es um die Einschätzung globaler Entwicklungen geht. Und so, wie man beim Bahnfahren „die Lücke“ zwischen dem Zug und der Bahnsteigkante beachten sollte (daher stammt der Ausdruck ursprünglich), hat sich die Stiftung verpflichtet, diese Lücke zu erkennen und sie zu schließen. Dabei verfolgt sie weder eine politische oder wirtschaftliche Agenda noch gehört sie einer staatlichen Institution an. Sie ist eine spendenfinanzierte Non-Profit-Organisation. „Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit gibt es verlässliche Statistiken für fast alle Aspekte der globalen Entwicklung“, heißt es auf der Website. Das sollte genutzt werden. Die Arbeit von Gapminder besteht darin, zunächst systematische Missverständnisse über wichtige globale Trends und Proportionen aufzudecken. Anhand zuverlässiger Daten lassen sich dann leicht verständliche Unterrichtsmaterialien entwickeln, um Fehlannahmen auszuräumen.

 

Woher kommen diese Fehlannahmen?

Es ist nicht schwer, herauszufinden, woher die Vorstellungen, die wir von der Welt haben, kommen. In den Medien sehen wir jeden Tag außergewöhnliche, dramatische Ereignisse. Erdbeben, Krankheiten, Morde oder Überschwemmungen … Die Welt erscheint uns nicht selten als ein schrecklicher, gefährlicher Ort. Es geht darum, unsere Aufmerksamkeit zu wecken und zu erhalten, denn Sensationslust ist ein zutiefst menschliches Gefühl. „Aber wenn wir uns auf langsame globale Trends und Proportionen konzentrieren würden, würden die meisten von uns diese Artikel wahrscheinlich überfliegen und nach einer interessanteren Lektüre suchen“, heißt es auf der Gapminder-Webseite. Die meisten von uns werden das nachvollziehen können. Doch wie schaffen wir es, unser Weltbild von einer emotionalen hin zu einer eher faktenbasierten Sichtweise zu korrigieren?

 

Worldview Upgrader hilft dabei, Fehlannahmen zu korrigieren

Ein Instrument, das Gapminder verwendet, ist der „Worldview Upgrader“, der auf der Website frei zugänglich ist. In einer Art Quiz kann man sein eigenes Weltbild testen und mit dem der Umfrageteilnehmer*innen vergleichen. Grundlage für die Fragen sind die Nachhaltigkeitsziele (SDGs) der UN. Das Überraschende daran: Die Mehrheit der Befragten beantwortet alle Fragen falsch. Jede Frage wird dazu ausführlich erklärt und alle Quellen werden angezeigt, was das Tool zu einem echten Augenöffner macht.

 

Dollar Street zeigt: Andere Menschen sind weniger fremd als wir annehmen

Das zweite auf der Website zugängliche Instrument ist ein Projekt namens „Dollar Street„. Es befasst sich mit einer anderen Form der erwähnten „devastating ignorance“ – dem Bild des hungernden afrikanischen Kindes. Dieses Bild soll bei Menschen aus der so genannten „zivilisierten Welt“ Mitleid erwecken, etwa, damit sie möglichst viel Geld spenden. Es soll die Menschen zusammenbringen, aber in Wirklichkeit bewirkt es das Gegenteil. Es zieht eine Grenze zwischen „ihnen“ und „uns“.

Dollar Street ist ein Fotoprojekt, das die Wohnungen von Menschen in 50 verschiedenen Ländern zeigt – von der Zahnbürste über die besten Schuhe und die Küchenausstattung bis hin zu Toiletten oder Betten der Bewohner*innen. „Wenn Sie bei Google nach ‚Sofa‘ suchen, finden Sie schicke Sofas, die sich nur die Reichen der Weltbevölkerung leisten können. In der Dollar Street findet man die echten Sofas. Und zwar für alle Einkommensschichten“, sagt Anna Rosling Rönnlund über das von ihr ins Leben gerufene Projekt. Denn das Besondere daran ist: Die Häuser sind auf einer imaginären Straße platziert, geordnet nach dem monatlichen Einkommen der Bewohner*innen. Links finden sich die Ärmsten, rechts die Reichsten.

So kann man auf eindrucksvolle Weise sehen, wie Dinge des täglichen Gebrauchs unseren Lebensstandard widerspiegeln. Der Vergleich von Toiletten mit niedrigem, mittlerem und hohem Einkommen macht den Betrachter oder die Betrachterin direkter betroffen als ein weiteres Bild eines afrikanischen Kindes. Und es hilft definitiv, das eine oder andere Klischee loszuwerden.

Foto: Dollarstreet.org CC by 4.0
Foto: Dollarstreet.org CC by 4.0
Foto: Dollarstreet.org CC by 4.0

Die Geschichte von Gapminder beginnt in den Neunzigern

Da gibt es das Klischee, dass die Welt in „zivilisierte“ und „unzivilisierte“ Völker unterteilt ist. Auch wenn heute niemand mehr behaupten würde, eine solche Weltanschauung zu haben, ist diese „koloniale“ Denkweise zuweilen immer noch vorhanden. Zum Beispiel, indem man die vermeintlich „natürliche“ Lebensweise von Menschen in ärmeren Ländern lobt. Und davon ausgeht, es gefiele den Menschen genau so. Diese doch sehr verkürzte Weltsicht steht am Anfang der Geschichte von Gapminder. Sie beginnt in den 90er Jahren, als Hans Rosling, ein schwedischer Arzt, aus Afrika zurückkam, wo er eine Zeit lang gearbeitet hatte. Er begann an der Universität von Uppsala zu unterrichten und war schockiert darüber, wie seine Student*innen über den afrikanischen Kontinent dachten. Also machte er sich daran, dieses Bild zu korrigieren, so gut er konnte.

Es gibt keine „dritte“ Welt

Er begann mit einem einfachen Diagramm, das die Relation zwischen dem Pro-Kopf-Einkommen und der Lebenserwartung der Menschen darstellt. Nach der postkolonialen Sichtweise einer „ersten“ und einer „dritten“ Welt würden Europa und Nordamerika in der einen Ecke des Diagramms liegen und die anderen Länder in der anderen Ecke. Doch die Realität sieht anders aus: Die meisten Länder auf allen Kontinenten befinden sich irgendwo in der Mitte. Die Botschaft, die Hans Rosling vermitteln wollte, war folgende: Die Welt ist ein Ort, an dem die Menschen nicht entweder reich oder arm sind, sondern irgendwo dazwischen. Nicht schwarz oder weiß, sondern grau.

Eine animierte Infografik verändert die Welt(sicht)

„Wie man nicht unwissend ist“: Ola Rosling gibt die Antwort auf einem TED Talk. (Foto: Gapminder)

Ola Rosling, der Sohn von Hans Rosling, entwickelte dieses Diagramm weiter, nachdem er zusammen mit seinem Vater und seiner Frau Anna Rosling Rönnlund die Gapminder-Stiftung gegründet hatte. Er fügte dem Diagramm eine weitere Dimension hinzu – die Zeit. Alle Länder wurden zu farbigen Blasen, geordnet nach Kontinenten. Auf diese Weise entwarf er eine animierte Infografik, auf der man die Entwicklung der verschiedenen Länder im Laufe der Zeit anschaulich verfolgen konnte. Und diese Infografik zeigte deutlich: Ausnahmslos alle Länder weltweit sind zwischen 1900 und 2000 in der Grafik von links unten nach rechts oben gewandert. Das bedeutet, dass selbst die Ärmsten unter ihnen – die „Unzivilisierten“ – keine Lust haben, weiterhin ihre „natürliche“ Lebensweise im Dschungel zu führen. Diese Visualisierung von trockenen Fakten wurde zur Grundlage zahlreicher Reden und TED-Talks von Hans Rosling und seinem Sohn. Heute wird die Infografik-Software namens „Trendalyzer“ von Google verwendet und umfasst zahllose weitere Themenbereiche.

 

Gapminder ist für alle frei zugänglich

Das heißt jedoch nicht, dass Gapminder sich an das große US-Unternehmen verkauft hat, im Gegenteil. Nach dem Google-Deal im Jahr 2010 kehrte Ola Rosling nach Schweden zurück, um die Mission von Gapminder voranzutreiben: Menschen kostenlos mit Fakten und Statistiken versorgen. Ola und seine Frau Anna begannen mit der Entwicklung kostenloser Lehrmaterialien und führten die erwähnte Umfrage durch, um thematische Prioritäten zu setzen. Heute ist die Gapminder-Website voll von kostenlosen Werkzeugen und Materialien, die jede*r nutzen kann – angefangen bei den Blasendiagrammen und Infografiken, über Videos bis hin zu den Fotos der „Dollar Street“. Alles, was man dort finden kann, ist mit den entsprechenden Quellen versehen. Und der „Worldview Upgrader“ kommt sogar mit Erklärungen zu jeder Frage.

Grübelt ihr noch über die Eingangsfragen? Hier die Antworten: Nur 9 Prozent der Weltbevölkerung leben in Ländern mit niedrigem Einkommen. Und der Prozentsatz der Menschen, die Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, liegt sogar bei 70 Prozent! Hättet ihr das gedacht?

 

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