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Vom Friedens- und Umweltaktivist zum Pionier und Experten für nachhaltiges Investment: Im Gespräch mit Max Deml, Gründer des Öko-Invest-Verlags

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Interview: Isolde Hilt

Er studierte Anfang der 80er Jahre Psychologie und Philosophie – erst in Regensburg, dann in Wien. Und „plötzlich“ gründet Max Deml 1991 den Öko-Invest-Verlag, um unter anderem bis heute alle 14 Tage einen Börsenbrief für ethisch-ökologische Geldanlagen herauszugeben. Als Pionier und gefragter Experte für nachhaltiges Investment konnte er viel bewegen. Nächstes Jahr möchte er seinen Verlag verkaufen – nicht an den Meistbietenden, sondern an jemanden, der ihn in seinem Sinn weiterführt. Ein Resümee nach knapp 30 Jahren …  

 

Psychologie und Philosophie kann man in Ihrer Branche sicher auch gut gebrauchen. Wie aber kam es dazu, dass Sie sich auf ethisch-ökologische Geldanlagen spezialisiert haben?

Als Student war ich in Wien auch in der Friedens- und Umweltbewegung aktiv. Ein damals geplanter Export von 100 Panzern Typ „Kürassier“ der Steyr-Daimler-Puch AG – an Chile unter Pinochet konnte nach Protesten u. a. von Amnesty International und dem Veto eines Ministers in letzter Minute verhindert werdenBei einemPanzerexport an die Militärjunta von Argentinien gelang das nicht mehr, weil niemand davon wusste. Damit solche Informationen frühzeitig bekannt werden, schlossen sich 1982 über 200 Personen – meist Studierende wie ich – zur Initiative Steyr-Aktionäre für Umrüstung“ zusammenWir kauften uns jeweils eine Steyr-Aktie, um unsere Anliegen bei der Jahreshauptversammlung einzubringen bzw. die Verantwortlichen des Unternehmens zu befragen. Den einst größten österreichischen Rüstungskonzern gibt es schon lange nicht mehr, die Aktien haben nur noch Sammlerwert.

Als die Studierenden von damals später ihr erstes Geld verdienten, wollten sie es sinnvoll anlegen. Auf keinen Fall bei Banken wie der halbstaatlichen Creditanstalt (inzwischen in der Bank Austria aufgegangen), die nicht nur Steyr-Hauptaktionär war, sondern auch die illegalen Kanonen-Exporte an die beiden Golfkriegsländer finanziert hat.

Vor 30 Jahren waren neben der deutschen Ökobank (inzwischen in der GLS Bank aufgegangen) und den ersten norddeutschen Windparks noch nicht viele Möglichkeiten bekannt, um sein Geld ethisch korrekt zu investieren. So haben wir ein Forschungsinstitut und 1991 den Öko-Invest-Verlag gegründet, um darüber Informationen zu sammeln und zu verbreiten.

Muss man dazu nicht wenigstens auch Wirtschaft studiert oder eine Ausbildung im Finanzwesen gemacht haben?

Bei mir war das nicht der Fall, aber „learning by doing“ zum Beispiel durch die Teilnahme an Aktionärsversammlungen bringt so manche Erfahrung mit sich. Außerdem hatte ich anfangs einen Co-Geschäftsführer im Verlag, der bereits vier Jahre vorher den Austria-Börsenbrief gegründet hatte. Und wir konnten professionelle Analyst*innen als freie Mitarbeiter*innen gewinnen. 

Wie waren die Reaktionen in der Branche – bei Banken und Investoren?

Die erste Auflage unseres Handbuchs „Grünes Geld“ lag 1990 bei 2.500 Stück. Das Interesse auf Seiten der Banken war gering. Aber schon zehn Jahre später lag die Auflage bei 12.000 Stück. Viele Banken haben eigene Umweltinvestmentfonds aufgelegt. Inzwischen gibt es in Deutschland, Österreich und der Schweiz über 400 Nachhaltigkeits-Investmentfonds, deren Volumen sich innerhalb von 30 Jahren auf eine dreistellige Milliardensumme mehr als vertausendfacht hat.

Was versteht man unter grünen Geldanlagen? Wo wird investiert? Welche Kriterien müssen erfüllt sein?

Es gibt einerseits „Negativkriterien“, das heißt, man vermeidet Anlagen, bei denen zum Beispiel Rüstungsgeschäfte oder Kinderarbeit im Spiel sind. Und dann gibt es „Positivkriterien“, wenn man etwa bestimmte, nachhaltig orientierte Branchen wie erneuerbare Energien (Solar-, Wasser- oder Windkraftanlagen) mitfinanzieren will.

Bei vielen Fonds lässt sich heute jedoch kaum eine „Nachhaltigkeits-Wirkung“ erkennen, da die Anlagekriterien unterschiedlich streng sind: Von dunkelgrün bis blassgrün gibt es bei der Auswahl von Aktien viele Schattierungen. Bei den sogenannten „best-in-class“-Ansätzen von „Nachhaltigkeits“-Fonds, die keine Ausschlusskriterien berücksichtigen, sondern jeweils die Aktien der „nachhaltigsten“ Branchenführer auswählen, können neben vielen „neutralen“ Großkonzernen wie zum Beispiel Microsoft fallweise auch Rüstungs- oder Atomkraftaktien gekauft werden.

Welche Kriterien haben Sie für sich in Ihrer Beratungstätigkeit aufgestellt, denen Sie auf jeden Fall immer gerecht werden wollten?

Vorweg: Wir bieten als Verlag keine individuelle Beratung an, sondern besprechen im Öko-Invest-Heft einzelne Aktien, Fonds und sonstige Finanzprodukte. Im Musterdepot finden sich gut 40 Titel verschiedenster Branchen und Länder, die sowohl ökologisch und sozial als auch finanziell interessant erscheinen.

Richtig Geld anlegen ist eine Kunst für sich. Was ist zu beachten?

Wer in Zeiten von Niedrig- und Negativzinsen die Kaufkraft seines Ersparten erhalten will, kommt mit einem einlagengesicherten Sparbuch kaum weiter, sondern sieht sich nach Unternehmensbeteiligungen um, zum Beispiel in Form von Aktien. Diese Investments oder Fonds unterliegen zwar höheren Schwankungen und damit auch Verlustrisiken, sind aber auf längere Sicht meist viel ertragreicher als alle Zinsanlagen. Wichtig ist natürlich auch eine breite Streuung: nicht alles auf eine Karte setzen!

Kann man mit grünen Geldanlagen tatsächlich Einfluss auf die Wirtschaft, den (Welt-)Markt und damit auf die Entwicklung von Gesellschaften nehmen?

Ja, dazu gibt es viele Beispiele! Mit den deutschen Wind- und Solarpark-Anteilen, die anfangs nur Privatinvestor*innen finanziert haben, stieg der Anteil erneuerbarer Energieträger am Stromaufkommen innerhalb von nur 30 Jahren von rund vier auf über 40 Prozent. Atom- und Kohlestrom haben ein Ablaufdatum!

Bei vielen Start-up-Unternehmen entscheiden oft wenige, risikobereite Investor*innen, ob genügend Mittel zum Aufbau des Geschäfts zusammenkommen oder ob man mangels Finanzierung wieder schliessen muss.

Natürlich spielen auch politische Rahmenbedingungen eine Rolle: Ohne das deutsche Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) wären zum Beispiel Solarmodule nicht so schnell so preisgünstig geworden. Die auf viele Jahre kalkulierbare Einspeisevergütung für regenerativ erzeugten Strom hat wie ein Katalysator für die Massenproduktion und den technischen Fortschritt in der Wind- und Solarbranche gewirkt. Kostete eine Solarzelle mit 1 Watt Leistung vor 50 Jahren noch fast 50 Dollar, ist der Preis bis heute auf 10 bis 15 Cent gesunken.

Lassen sich mit grünen Geldanlagen gute Renditen erzielen? Oder beißen sich „investieren in eine bessere Welt“ und gleichzeitig „richtig Geld machen“?

Es gibt – entgegen mancher Vorurteile – keinen prinzipiellen Rendite-Nachteil grüner gegenüber konventionellen Geldanlagen. Nicht selten ist sogar das Gegenteil der Fall. Ein Beispiel: Während die Aktien der Deutschen Bank AG in den letzten 15 Jahren von über 50 auf unter 8 Euro gesunken sind, stieg der Kurs der Umweltbank AG von 1,40 Euro auf rund 10 Euro. Das heißt, statt über 80 Prozent Verlust mehr als 600 Prozent Gewinn!

Ein anderes Beispiel: Die Börse straft Konzerne wie BP nach dem Deepwater-Horizon-Öl-Desaster 2010 im Golf von Mexiko oder VW nach Bekanntwerden des Abgasschwindels 2015 gnadenlos ab. Die Aktienkurse halbierten sich sofort; die Umweltauswirkungen von fossilen Geschäften werden zunehmend auch als ökonomische Risiken gesehen.

Auf welche Empfehlungen in Ihrem Börsenbrief sind Sie besonders stolz?

Es gibt eine Reihe von Öko-Aktien, die neben jährlichen Dividenden in den letzten 10 bis 15 Jahren sehr hohe Kurszuwächse – bis zu 1.000Prozent! – verzeichnen konnten. Zum Beispiel der Schweizer Sanitärkonzern Geberit: Das Unternehmen ist vor allem durch die WC-Spülkästen mit zweierlei Tasten für große und kleine Geschäfte bekannt. Allein durch diese Innovation werden jährlich viele Millionen Liter Trinkwasser eingespart. Eine Geberit-Aktie kostete 2003 bei unserer Erstempfehlung bzw. Aufnahme in den Natur-Aktien-Index 44 Franken, inzwischen sind es rund 480 Franken.

Wind- und Solarpark-Investor*innen können sich über eine fünffache Hebelwirkung ihres Geldes freuen: Durch zusätzliche Bankkredite konnten die Betreibergesellschaften für jeden 10.000 Euro Eigenkapital-Anteil bis zu 40.000 Euro Fremdkapital investieren. Anfangs noch als unrentable Liebhaberei belächelt, haben sich Wind- und Solarparks als gefragte Anlagekategorie etabliert.

Sie haben 1997 den Natur-Aktien-Index entwickelt, den nx-25, der sehr erfolgreich läuft. Können Sie bitte erläutern, was es damit auf sich hat?

Der Natur-Aktien-Index wurde nach sehr strengen Kriterien aus 25 Unternehmen verschiedener Branchen und Länder zusammengestellt. Seit seinem Start lief der nx-25 mit einem Plus von derzeit über 1.100 Prozent wesentlich besser als der Welt-Aktienindex MSCI World mit 170 Prozent – jeweils in US-Dollar gerechnet. (nähere Details auf www.oeko-invest.net) 

„Es ist nicht alles Gold, was glänzt.“ Wie ist das bei grünen Geldanlagen? Wie prüfen Sie, ob die Kriterien tatsächlich Ihren Standards entsprechen?

Ob eine grüne Anlage auch wirklich grün ist, ist für Laien oft schwer erkennbar. Die Palette an solchen Finanzprodukten ist enorm gewachsen und bietet von blassgrün bis dunkelgrün alle Schattierungen. Man muss sich informieren, wohin das Geld letztlich fließt. Vorsicht ist auf jeden Fall dort geboten, wo jemand überdurchschnittlich hohe, fallweise sogar zweistellige Renditen verspricht wie das bei einigen Plantagen- oder Baum-Anbietern der Fall ist, die auch mit Umweltargumenten werben. In diesem Sektor gibt es vermehrt auch Pleiten bis hin zu Betrugsfällen, bei denen nicht selten Dutzende oder Hunderte Millionen Euro verschwinden. Doch es gibt neben dem Öko-Invest-Verlag auch andere Medien sowie Anlegerschutzorganisationen, die solche Angebote kritisch unter die Lupe nehmen. 

Inzwischen gibt es für ethisch-ökologische Geldanlagen die sogenannten ESG-Kriterien. Was verbirgt sich dahinter? Wer kontrolliert, ob sie eingehalten werden?

ESG steht für Environmental, Social und Governance-Kriterien (Umwelt, Soziales und Unternehmensführung). Die meisten Ethik- und Umweltinvestmentfonds haben mehr oder weniger ausformulierte Auswahlkriterien in den Statuten verankert. Ausgeschlossen sind dabei oft Branchen, die mit Rüstung, Atomkraft, Tierversuchen, Kinderarbeit oder Suchtmitteln wie Tabak zu tun haben. Positive Auswahlkriterien beziehen sich meist auf Umweltthemen wie Wasser und Erneuerbare Energien oder Arbeitsplatzbedingungen. Manche Fonds haben Beiratsgremien, die über die Einhaltung von Negativ- und Ausschlusskriterien wachen, andere nutzen die Datenbanken von Research-Agenturen wie MSCI, ISS, imug oder Sustainalytics.

Im jährlichen Rechenschaftsbericht, den jeder Fonds publizieren muss, sieht man, welche 50 bis 100 Titel sich tatsächlich im Portfolio befinden. Wer sicher gehen will, dass sein Geld verantwortungsvoll angelegt ist, muss sich informieren. Als Kund*in sollte man seinen Berater, seine Beraterin fragen: „Wo fließt das Geld genau hin, das ich anlege? Wie ist mein Geld im Kreditportfolio einer Bank tatsächlich verteilt? Womit erzielt meine Lebensversicherung die Erträge?“ 

Von Ihnen erwartet man vermutlich mehr als bei jedem normalen Geldinstitut oder Anlageberater, dass sie einem tatsächlich „die bessere Welt“ empfehlen. Liegen Sie manchmal auch daneben?

Ja, immer wieder einmal! Das jüngste Beispiel ist die nicht börsennotierte Öko-Test-Aktie, die wir vor fast 20 Jahren vor allem wegen der Tests und der Breitenwirkung des Monatsmagazins Öko-Test erstmals zum Kauf empfohlen haben. Viele Jahre lief es finanziell auch ganz gut; es wurden sogar Dividenden von 10 Prozent – in einem Jahr sogar 30 Prozent – ausgeschüttet. Aber die Rücklagen von 6 Millionen Euro, die es vor zwei bis drei Jahren dort noch gab, sind jetzt weg. Der Verlag hat u. a. hohe Verluste durch eine Beteiligung in China eingefahren. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen fünf Personen aus dem Vorstand bzw. Aufsichtsrat wegen des Verdachts der Untreue. Details dazu greift das ARD-Magazin Plusminus in der Sendung am 18. September auf. 

Inzwischen haben grüne Geldanlagen den Mainstream erreicht. Was bedeutet das? Zusätzlich eine gute Quelle, um Geschäfte zu machen oder wollen Anleger*innen mit ihren Investitionen tatsächlich auch wirtschaftlich und gesellschaftlich etwas verändern?

Beides! Es ist ein Milliardengeschäft geworden. Und es gibt eine steigende Zahl von Menschen, die mit bewussterer Geldanlage etwas verändern wollen. 

Wenn Sie zurückblicken, worauf sind Sie besonders stolz? Was haben Sie beeinflusst?

Nicht nur ich, sondern auch viele andere Frauen und Männer haben das Thema „nachhaltige Geldanlagen“ in den letzten 30 Jahren in Europa ein gutes Stück vorwärtsgebracht. Sie haben so auch ein wenig zur Beschleunigung der Energiewende oder zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen in Zulieferländern beigetragen.

Gut die Hälfte der Öko-Invest-Abonnent*innen sind Privatanleger*innen, der Rest institutionelle Investoren wie Vermögensverwalter, Fondsmanager, Stiftungen, Banken, Pensions- und Vorsorgekassen, Versicherungen, Berater etc., die insgesamt über schätzungsweise 60 Milliarden Euro Vermögen disponieren.  

Wie baut man sich ein Vermögen auf? Ihr Tipp?

Das Thema Vermögensbildung lässt sich schwer in wenigen Sätzen umreißen. Daher hier nur so viel, frei nach einem US-Komiker: Geld allein macht nicht glücklich. Es gehören auch Aktien und Immobilien dazu!

Wo und wie findet man seriöse Beratung?

Das Handbuch „Grünes Geld“ listet auf knapp 400 Seiten fast alle grünen Anlagemöglichkeiten samt Informationsquellen, Anbietern und Beratern auf: vom Sparbrief über Mikrokredite und Anleihen bis zu Aktien, Fonds, Investmentklubs oder Vorsorgekassen. Ein eigenes Anlegerschutzkapitel enthält neben Hinweisen und Kontaktdaten auch eine „grau-grüne Liste“ von Unternehmen, die sich weigerten, bestimmte Fragen zu beantworten.

Selbst bei „grünen“ Banken und Berater*innen sollte man darauf achten, ob es nicht zu Interessenskollisionen kommt, wenn die Beratenden bzw. Vermittler*innen für manche Produkte mehr Provisionen erhalten als für andere, die vielleicht mehr im Sinne des Kunden wären. 

Noch etwas, das Ihnen wichtig ist?

Wie beim Einkauf von Lebensmitteln, wo es Bio- oder Fair Trade-Siegel gibt, kann jeder Mensch auch bei der Anlage seiner Ersparnisse auf Nachhaltigkeit und Fairness achten. Laut Umfragen würden viele Menschen – bis zu 75 Prozent – gerne ethisch-ökologisch anlegen, wenn sie dabei keine Abstriche bei der Rendite machen müssen. Nicht einmal 5 bis 10 Prozent tun es wirklich; die anderen wissen meist nicht, wie das gehen soll. Insofern ist es bei der Finanzbildung wichtig, auch Themen wie die Nachhaltigkeit bzw. Wirkung von Investments zu berücksichtigen.

 

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