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Haruki Murakami gilt als einer der populärsten und einflussreichsten Schriftsteller Japans. Seinem Geheimnis, einen im Augenblick festzuhalten, kommt man nicht wirklich auf die Spur.

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von Daniel Hostmann, Gastautor

Die Leserschaft von Haruki Murakami hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten stark vergrößert. Die meisten seiner Romane werden in viele Sprachen übersetzt und auf allen Kontinenten vertrieben. Er gilt zurecht als ein international anerkannter und prämierter Schriftsteller.

Trotz seines großen, daraus resultierenden kommerziellen Erfolgs ist er ein Unikat, weit weg vom Mainstream. Er schreibt „fantastisch“. Aktuell liegt von ihm ein zweiteiliger Roman vor: „Die Ermordung des Commendatore“.

In diesem Roman geht es um einen Mitte dreißig Jahre alten Auftragsmaler, Portraitmaler. Der Mann wird von seiner Ehefrau verlassen und zieht, um seine Gedanken neu zu ordnen, in das ehemalige Haus eines berühmten Malers. Das Haus liegt relativ verlassen in den Bergen. Auf dem Dachboden findet er ein zusammengerolltes und niemals veröffentlichtes Gemälde des Hausbesitzers mit dem Titel „Die Ermordung des Commendatore“. Das Bild übt augenblicklich eine Faszination auf ihn aus. Das geheimnisvolle Gemälde und die Vergangenheit seines Schöpfers verbergen Geheimnisse. Auch das Haus in den Bergen und der Protagonist selbst bilden Elemente für interessante und unvorhersehbare Geschehnisse.

(Band I und II gibt es bereits als gebundene Ausgabe. Band I liegt auch als Taschenbuch vor, Band II als Taschenbuch erscheint im Dezember.)

 

Murakamis Schilderungen scheinbar alltäglicher Dinge halten einen im Augenblick.

Haruki Murakami verfasst scheinbar einfache Sätze, mit unkompliziertem Satzbau. Er beschreibt alltägliche Details. Man könnte vermuten, dass dies relativ uninteressant sei. Das Gegenteil ist der Fall. Der Erzähler oder Protagonist wird von Haruki Murakami so ins Bild gesetzt, als werde dieser von einer fiktiven Webcam gefilmt, die im jeweiligen Raum an einer Seitenwand angebracht ist.

Während der Aufnahme wechselt die Perspektive dieser Kamera und beschreibt Dinge aus dem Sichtfeld des Erzählers. Es scheinen nur alltägliche Dinge zu sein, wie zum Beispiel Kaffee machen oder ein Frühstück zubereiten. Diese Tätigkeiten werden einerseits nüchtern dargelegt, andererseits spürt man, dass der Protagonist wach im Augenblick agiert – im Flow ist. Indirekt wird so der eigene Flow ermöglicht, was einem aber erst später bewusst wird. Genau das macht den Stoff in seinen Romanen so lesenswert.

Er praktiziert, was in vielen Ratgebern und Büchern zum Thema „Achtsamkeit“ empfohlen wird. Den meisten von uns fällt es mehr oder weniger schwer, während einer Tätigkeit geistig hundertprozentig im Hier und Jetzt zu bleiben. Man lässt sich gerne ablenken, ist in Gedanken bei einer vergangenen Situation oder bereits bei einer zukünftigen Aktivität. Haruki Murakami aber folgt der Leser, die Leserin von Augenblick zu Augenblick.

 

Ist meine Wahrnehmung vom Leben überhaupt real?

Die alltäglichen Dinge sind jedoch nicht Kern seiner Stories, sondern vielmehr Transportmittel für seine Geschichten. Verwobene Erzählungen, zusammengesetzt aus scheinbar banalen Dingen. Haruki Murakami bietet seinen Leser*innen einerseits ein persönliches Wiedererkennungspotential, andererseits treten unvorhergesehene Verknüpfungen von Geschehnissen auf, die das Gegenteil erzeugen. Völlig unverhofft werden kleine surreale Dinge eingestreut, verschwinden wieder, um später in Einklang mit andern realen Dingen einen Sinn zu ergeben.

Oft deutet sich eine Parallelwelt an, welche sich von unserer scheinbar realen Welt nur leicht absetzt. So treten unweigerlich auch philosophische Fragen ins Bewusstsein: Ist meine Wahrnehmung vom Leben, bestehend aus meinen zusammengebauten Sinneseindrücken, überhaupt wirklich? Angenommen, ich hätte einen weiteren Sinn, der mir Rückmeldung für ein zusätzlich reales Phänomen bietet, das ich bisher gar nicht wahrnehmen konnte … Wie würde das meine jetzige Welt verändern?

 

Das Laufen ist für Haruki Murakami Bedingung, um schreiben zu können.

Haruki Murakami wurde 1949 in Kyoto geboren. Er studierte Theaterwissenschaften. In Tokyo betrieb er zusammen mit seiner Ehefrau, die er während seines Studium kennenlernte, erfolgreich eine Bar. Er lebte lange Zeit in Europa und in den USA. Sein erster Roman, in Japan 1979 veröffentlicht, erhielt später in der deutschen Übersetzung den Titel „Wenn der Wind singt“.

In einem seiner Bücher thematisiert er das Laufen und welch große Bedeutung dem Laufen in seinem Alltag zukommt. Es ist ein autobiografisches Buch mit dem Titel „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“. Der tägliche Lauf gehört für ihn zum Alltag, wie das Mittagessen oder Zähneputzen. Durch diese Art der Bewegung findet er geistige Ruhe und stärkt gleichzeitig seine Physis. Für ihn eine notwendige Kombination, um überhaupt Romane schreiben zu können. Das Schreiben, so der Schriftsteller, koste ihn viel Kraft, erfordere Kreativität und absolute Konzentration, die er nur so bewältigen könne.

Für mich als Hobbyläufer faszinierend und irgendwie auch selbsterklärend, warum seine Werke so einzigartig sind. Murakamis Geschichten spielen meist in seiner Heimat – in japanischen Orten und mit japanischen Personennamen. Man könnte vermuten, seine europäischen oder deutschen Fans hätten dadurch Schwierigkeiten, sich einzulesen oder kulturell wiederzufinden. Das ist absolut nicht der Fall. Ich finde es immer sehr interessant, wie Murakami es schafft, einen in seinem scheinbar fremden Japan heimisch werden zu lassen. Kulturell bestehen zwischen Japan und Deutschland sicherlich einige Unterschiede, die hier aber bedeutungslos werden. Viel mehr entsteht ein heimisches Bauchgefühl und lädt ein, dieses Land vertiefter kennenzulernen.

 

Haruki Murakami? Suchtgefahr droht!

Mittlerweile habe ich wahrscheinlich sämtliche, auf Deutsch erschienenen Bücher gelesen. Meinen ersten Murakami-Roman bekam ich in einem Bahnhofsbuchladen vor einer längeren Zugfahrt in die Hände. Es war das Taschenbuch „Wilde Schafsjagd“, das ich zum Glück nicht wieder ins Regal zurückgestellt habe. Eines seiner ersten Werke, das in deutscher Sprache 1991 erschienen ist. Es handelt von der Suche nach einem Schaf mit wahrscheinlich übernatürlichen Kräften. Das Schaf dient hier aber nur als Aufhänger. Die Geschichte ist weit mehr als das …

Seit dieser Zugfahrt bin ich Murakami-Fan. Sein Lesestoff wirkt anziehend und ist auch der Grund, warum viele seiner Buchrücken mein Regal schmücken. Vergebens aber versuche ich bisher, den eigentlichen Schlüssel dieser Anziehungskraft zu identifizieren. Für mich bisher unmöglich.

Ich empfehle jedem und jeder Roman-Interessierten, sich nicht zu scheuen, ein Buch oder eine Kurzgeschichte von Haruki Murakami zu testen. Aber Achtung: Suchtgefahr droht!

 

Mehr Infos zu Haruki Murakami auf seiner Website: http://www.harukimurakami.com/

 

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