Das poetisch-philosophische Buch "Anleitung zum Gehen" des kroatischen Schriftstellers Edo Popovic leistet dabei gute Hilfe.

von Isolde Hilt

 

Kruste. Foto: Herbert Grabe

Ich habe keine Zeit… Weiß gar nicht, wann ich da noch lesen soll…

„Anleitung zum Gehen“ ist so aufbereitet, dass man es gut portionsweise aufnehmen kann. Und mehr als eine Portion „verträgt“ man auch nicht. Jedes Kapitel, das uns Edo Popovic serviert, regt nicht nur an, sondern „zwingt“ einen sanft zum Nachdenken und In-Sich-Gehen.

15 Kapitel sind es und es spielt keine Rolle, mit welchem man beginnt. Das erste heißt „Der erste Schritt“, das zweite „Beschleunigung“… Beim vierten Kapitel bleibe ich hängen: „Die Zeit“. Gerade, weil ich in den letzten Wochen so wenig Zeit hatte oder meinte, wenig zu haben. Und schon bin ich … überführt.

Edo Popovic erinnert uns daran, dass es sich bei der Zeit nur um einen Augenblick handelt: „… um den Augenblick, in dem ich diesen Satz niederschreibe, um den Augenblick, in dem ihr ihn lest. Wir haben nur das. Nur das ist uns gegeben. Weder die Vergangenheit noch die Zukunft, sondern nur dieser kurze Augenblick der Gegenwart.“

 

Es liegt nur an uns, wie wir die eigene Zeit nutzen.

Der kroatische Autor hält uns den Spiegel vor. Unverhüllt. Und so müssen wir erkennen, dass es nur an uns liegt, wie wir die eigene Zeit nutzen. „Ob wir erlauben, dass andere über sie verfügen und uns dabei in programmierte Maschinen verwandeln… Wie die Dinge derzeit stehen, haben wir einen wichtigen Kampf verloren. Wir haben unsere eigene Zeit anderen zur Verfügung gestellt und nur wenig davon für uns gelassen. Wir haben erlaubt, dass unser Rhythmus von Verpflichtungen und nicht von wirklichen Bedürfnissen bestimmt wird.“

Überhaupt die Zeit … Die Zeit ist ein Knechtwerkzeug, erschaffen von den Mächtigen dieser Welt. Edo Popovic bringt uns das folgendermaßen nahe: „In der Natur gibt es keine Jahre, Monate, Stunden, Zehntel- oder Tausendstelsekunden. Ein Wurm, ein Ahorn, ein Luchs, ein Lurch – sie alle kümmern sich überhaupt nicht um die Bewegungen der Uhrzeiger. Sie richten sich nach der Sonne. Der Mensch hat die Zeit definiert, sie zerstückelt und zerschnipselt. Er hat Maschinen für ihre Messung erfunden und sich zum Sklaven der eigenen Begriffe und Werkzeuge gemacht…“

 

Was wäre, wenn wir keine Uhren mehr hätten?

Foto: Isolde Hilt

Ein interessanter Gedanke: Was wäre, wenn wir keine Uhren mehr hätten? Wenn wir die Zeit nicht mehr messen würden? Wenn wir einfach den Stecker zögen? Die Welt der Menschen – die Natur ausgenommen – würde wahrscheinlich erst einmal in sich zusammenklappen, denn alles funktioniert im Takt. Alles ist aufeinander abgestimmt und kontrolliert sich gegenseitig,

In die Zeit, als es noch keine Messgeräte gab, können wir wahrscheinlich nicht mehr zurückkehren. Interessant ist aber, wie wir mit uns und der Zeit umgehen, wie wir uns „gehen lassen“, wie ferngesteuert – das innere Muster vor langer Zeit selbst programmiert. Edo Popovic fragt: „Wenn wir am Morgen aufwachen, haben wir dann Zeit, um uns fünf Minuten im Bett zu räkeln, um zu gähnen und uns zu kratzen? Um den Geräuschen zu lauschen und durch das Fenster zu schauen und zu erraten, mit welchem Wetter wir an diesem Tag zu rechnen haben? Oder stehen wir sofort auf, um dann eine Reihe schneller automatischer Handlungen folgen zu lassen?“ Wir kennen sie alle, diese Abläufe im Trancezustand: ins Bad gehen, auf die Toilette, duschen, sich das Gesicht waschen, sich anziehen, in die Küche trotten – dabei nicht wirklich im Hier, im Jetzt, bei dem, was wir gerade tun. Der Autor überführt uns, sagt uns auf den Kopf zu, dass unsere Gedanken schon längst woanders sind, vorausgeeilt zu den Aufgaben, Pflichten, Terminen, die irgendwo auf uns warten. Wann sind wir einmal in der Gegenwart? Seine Erkenntnis: „Wir wissen nicht, wie man die Zeit einatmet.“

 

Anleitung zum Gehen – Anleitung zu sich selbst

Die Schlussfolgerung von Edo Popovic schmeckt bitter: „Man sagt, wir hätten – was den Umgang mit der Zeit betrifft – keine Wahl. Blödsinn. Wir hatten immer und wir haben immer eine Wahl. Das, was uns manchmal fehlt, sind Mut und Risikobereitschaft. Wir schalten selten unser Gehirn ein. Wir verlassen uns zu wenig auf die eigenen Einschätzungen. Wir stellen ungern unser eigenes Leben auf den Prüfstand. Genauso, wie wir nur ungern die Richtung ändern, in die wir gehen. Und es ist für uns beinahe unvorstellbar, von Zeit zu Zeit ins Leere zu springen…“ Wer sich festgefahrenen Abläufen und damit anderen die Entscheidung überlässt, hat sein Leben nicht mehr wirklich in der Hand.

In seinem Buch „Anleitung zum Gehen“ liest uns Edo Popovic noch in so manch anderer Hinsicht „die Leviten“ – auf eine gute Art und Weise. Brauchen wir das nicht manchmal, um innezuhalten und etwas mehr über die Qualität unseres Lebens nachzudenken? Dieses Buch ist etwas Besonderes, mit wunderbaren Fotos illustriert, erschienen im Luchterhand Literaturverlag.

 

Unser Tipp: fürs Osternest!

Bild: Luchterhand Literaturverlag

Anleitung zum Gehen

von Edo Popovic

„Ein poetischer Ratgeber, der uns lehrt, was wir selbst und unsere Welt zum Überleben brauchen.“

erschienen im Luchterhand Literaturverlag

 

Herzlichen Dank an Herbert Grabe für seine beeindruckende Fotografie „Kruste“!

Mehr zu ihm unter: https://www.erdeundwind.de/willkommen/

 

 

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

 

 

 

Weitere Tipps fürs Osternest, die Freude machen 🙂

Emojical Mau-Mau weckt wieder die Lust am Spielen

„Da wohnt die Hexe Lindenbart!“

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.