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Menschen helfen: Wer in einem solchen Beruf arbeitet, ist jetzt besonderen Arbeitsbedingungen ausgesetzt. Jeder Beruf fordert anders.

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von Kristin Frauenhoffer und Isolde Hilt

Menschen helfen: in Ambulanten Diensten und Betreutem Wohnen

Birgit Baron ist Diplom-Sozialpädagogin und arbeitet im Caritas-Jugendhilfezentrum Schnaittach in den Bereichen „Ambulante Dienste“ und „Betreutes Wohnen“. Sie begleitet Kinder, Jugendliche und deren Familien sowie junge Erwachsene in schwierigen Lebenssituationen. Sie besucht Familien zuhause, berät diese und leitet sie an bei Fragen der Erziehung, der Konfliktlösung oder der beruflichen und schulischen Entwicklung. Ihr Ziel ist es, den Betroffenen dabei zu helfen, eigenverantwortlich ihr Leben zu gestalten, ihre Erziehungskompetenz zu stärken und dadurch familiäre Beziehungen zu festigen. Ihre Arbeit wird durch die Regelungen zum Kontaktverbot extrem erschwert. Wie es ihr geht und wie sie mit der Situation umgeht, hat sie uns im Interview verraten.

Was bewegt Sie zur Zeit?

Zunächst war ich – wie wahrscheinlich viele andere – schockiert darüber, dass „das“ jetzt wirklich passiert. Dass die Kinder nicht mehr in Schulen und Kindertagesstätten gehen dürfen, dass wir gravierende Ausgangsbeschränkungen haben. Die Auswirkungen dessen konnte ich kaum erfassen. Ich war in einer Art Schockstarre, die sich aber jetzt nach und nach löst. Neben der Sorge um langanhaltende Schäden sowohl in den Beziehungen untereinander als auch was unsere Wirtschaft angeht, bin ich aber in dem Vertrauen, dass in jeder Krise auch etwas Gutes steckt und wir gestärkt aus ihr hervorgehen können.

Was sind die Herausforderungen in Ihrem Beruf in der jetzigen Situation?

Meine Kolleg*innen und ich sind jetzt darin gefragt, alternative Kontaktmöglichkeiten zu den Klient*innen zu finden, denn das Im-Kontakt-Bleiben ist essentiell. Ich persönlich telefoniere jetzt viel mehr mit meinen Klient*nnen, chatte zum Beispiel mit den Kindern via Skype oder Whatsapp. Aber ich besuche die Familien auch nach wie vor. Allerdings überwiegend außerhalb der Wohnung, da es in vielen Wohnungen nicht möglich ist, den nötigen Abstand einzuhalten. Wo das doch einmal unumgänglich ist, verwenden wir Mundschutzmasken aus Stoff, die ich selbst anfertige. Da das Wetter uns derzeit entgegenkommt, gehe ich viel mit meinen Klient*innen spazieren, wobei ich meistens meine Bordercollie-Hündin Ella als Interventionsbegleithund einsetze. Sie wirkt für viele kommunikations- und entspannungsfördernd.

Was wünschen Sie sich gerade von der Gesellschaft? Gibt es etwas, dass Ihnen gut täte?

Ich wünsche mir, dass wir alle durchhalten. Den räumlichen Abstand wahren, solange wie es nötig ist. Es ist eine harte Zeit, die große Ängste hervorbringt. In unserer Gesellschaft ist es üblich, Gefühle, vor allem unangenehme zu verdrängen. Was aber dazu führt, dass sie in Zeiten besonders großen Drucks aus uns herausbrechen und dann häufig Schaden anrichten. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen den Mut haben, ihre Gefühle wahrzunehmen und angemessen auszudrücken. Und dass wir einander ein Gegenüber sind, das dem anderen urteilsfrei und wertschätzend zuhört.

Wie sind die Familien drauf? Wie kann man ihnen überhaupt helfen – ohne Kontakt?

Ich bin selbst erstaunt darüber, dass die meisten meiner Klient*innen sagen, dass es ihnen gut geht. Zwar fehlen die sozialen Kontakte, das Zusammensitzen und Plaudern. Aber man arrangiert sich mit der Situation, auch wenn einige über Langeweile klagen. Dann gibt es aber auch noch diejenigen, die allein sind, sich isoliert fühlen. Hier kann ich Telefongespräche und Spazierengehen anbieten. Letzteres wird sehr gern angenommen.

Können Sie uns ein positives Beispiel dafür nennen, wie es gerade gut klappen kann mit der Betreuung der Familien?

In einer Familie hatte der Vater die Idee, dass wir miteinander skypen. So sitzen wir jetzt gemeinsam mit den Kindern vor dem jeweiligen Computer, unterhalten uns und spielen miteinander (zum Beispiel Stadt-Land-Fluss oder Schiffe versenken). Das Skypen habe ich jetzt auch einer anderen Familie vorgeschlagen. Ich bin zuversichtlich, dass wir so auch wieder zusammenkommen und gemeinsam Probleme besprechen und Lösungen finden. Einer Mutter habe ich ein paar Ohrenstöpsel per Post geschickt, für Momente, in denen sie mal ihre Ruhe braucht und die räumlich nicht herstellen kann.

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Menschen helfen: bei Telefon-Hotlines

Wertvolle Arbeit leisten derzeit auch Menschen, die an Telefon-Hotlines sitzen und Mitbürger*innen zuhören, die sich einsam fühlen oder verzweifelt sind. Dazu gehören zum Beispiel die Telefonseelsorge oder auch Silbernetz, die kostenfreie Hotline gegen Einsamkeit. Silbernetz haben wir euch bereits auf good news for you vorgestellt. Die Mitarbeiter*innen haben ein offenes Ohr für ältere Menschen, die alleine sind und jemanden zum Reden brauchen. Besonders in der aktuellen Situation ist das wichtiger denn je. Wir konnten mit Silbernetz-Gründerin Elke Schilling darüber sprechen, wie es momentan an den Hotlines aussieht.

„Wir bekommen derzeit etwa fünfmal so viele Anrufe pro Tag wie sonst. Deshalb stocken wir personell auf: Unsere 16 festen Mitarbeiter*innen bekommen Unterstützung von gut 30 Ehrenamtlichen im Homeoffice, die eine besondere Schulung zum Umgang mit unseren Anrufer*innen haben.“

Was liegt den Anrufer*innen am Herzen?

„In der momentanen Situation rufen vor allem ältere Menschen an, die sonst ein aktives Leben führen und jetzt gezwungen sind, alleine zu sein. Sie sind froh, dass wir ein offenes Ohr für sie haben. Zum einen möchten diese Menschen einfach jemanden zum Reden haben. Zum anderen fragen sie in ihrer Unsicherheit bei uns nach: Wer kann für mich einkaufen gehen? An wen wende ich mich, wenn ich mich krank fühle?“

„Jede*r von uns kann etwas für diese Menschen tun“, sagt Elke Schilling.

„Werfen Sie einen Zettel in den Briefkasten des älteren Nachbarn mit der Frage, ob er oder sie Hilfe benötigt. Ich habe selbst so einen Zettel bekommen und mich so sehr über das Angebot gefreut. Seien Sie wachsam in Ihrer Umgebung und bieten Sie Ihre Hilfe an, zum Beispiel auch über größere Portale wie nebenan.de.“

Die Silbernetz-Hotline ist kostenfrei: 0800 4 70 80 90 (8 bis 22 Uhr). Vor kurzem rief Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier persönlich dort an, um sich für die wertvolle Arbeit zu bedanken.

Geld- oder Sachspenden können gerade besonders gut gebraucht werden! https://www.silbernetz.org/jetzt-spenden.html

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Menschen helfen: in der Krankenpflege

© Tumisu auf pixabay.com

In der Pflege von Menschen sind Krankenschwestern und -pfleger oder auch Altenpfleger*innen jetzt besonders gefordert. Wie schwer die Arbeitsbelastung und die Bedingungen sind, mag man sich in vielen Häusern kaum vorstellen. Was in der Gesundheitspolitik in den letzten Jahren versäumt und verdrängt wurde, tritt jetzt massiv zutage. Ingrid Greif, Krankenschwester aus München und Betriebsratsmitglied, findet deutliche Worte.

„Bei uns herrscht der Ausnahmezustand. Wir werden als die Held*innen der Nation gefeiert und von den Balkonen beklatscht. Wir brauchen jedoch etwas anderes: Dass ihr euch an unsere Seite stellt, gegen die Privatisierung des Gesundheitswesens … Wer uns bis jetzt nicht geglaubt hat, sieht es jetzt: Privatisierung tötet. Sie sorgt dafür, dass die kommunalen Häuser in einen Konkurrenzkampf getrieben werden, den sie nicht überstehen können. Und mit ihnen das Personal. … Wir sind am Ende unserer Kräfte. Wir können schon lange nicht mehr unsere Patient*innen so versorgen, wie wir es gelernt haben.

Für uns gibt es nicht einmal mehr genügend Schutzkleidung.

Wir wissen, dass für uns die nächsten Wochen und Monate das Arbeitszeitgesetz, der Gesundheitsschutz keine Gültigkeit haben werden. Es wird von uns automatisch erwartet, dass wir jetzt einfach da und zu allem bereit sind. Dass wir auf Zuruf auf anderen Stationen und in anderen Häusern arbeiten – egal, ob wir uns da auskennen oder nicht. Dass wir nach Hause gehen, wenn einmal weniger zu tun ist, aber auf Abruf sofort zur Verfügung stehen.

Es gibt für uns nicht einmal mehr genug Schutzkleidung. Wir fragen uns, wie wir demnächst all die vielen Beatmungsgeräte bedienen und die beatmeten Patient*innen versorgen können mit wenig Personal am Start.

Auch wir machen uns Sorgen!

Auch wir machen uns Sorgen um unsere Gesundheit und unsere Angehörigen, denen wir vielleicht die Krankheit nach Hause bringen. Wir machen uns Sorgen, wie es sein wird, wenn unsere Kliniken volllaufen und wir die Versorgung nicht mehr schaffen. Wenn wir entscheiden müssen, wer an die Maschine darf … All das beschäftigt und quält uns …

Was wir jetzt brauchen

Ingrid Greif wünscht sich Solidarität mit den Pflegefachkräften. Ein derzeitiger landesweiter Aufruf von Pflegefachkräften an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn macht deutlich, was sich dringend ändern muss.

 

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