Praxis ohne Grenzen:
„Jeder Mensch hat ein Recht auf Gesundheit“

Einmal in der Woche bietet der Allgemeinmediziner Dr. Uwe Denker kostenlose Behandlungen für bedürftige Menschen ohne Krankenversicherung an.

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von Kristin Frauenhoffer

Dr. Uwe Denker in seiner „Praxis ohne Grenzen“

Mittwoch ist ein besonderer Tag für Dr. Uwe Denker. An diesem Tag hat nämlich seine „Praxis ohne Grenzen“ in Bad Segeberg Sprechstunde. Von 15 bis 17 Uhr empfängt der Familienarzt im Ruhestand besonders bedürftige Patient*innen. Die, die keine Krankenversicherung haben. In Deutschland sind das laut Statistischem Bundesamt zur Zeit rund 60.000 Menschen. Über die Gründe kann nur spekuliert werden, aber oftmals spielen die Kosten eine große Rolle. Die Betroffenen können sich schlicht die Beiträge zur Krankenversicherung nicht leisten. Für sie gibt es ärztliche Versorgung nur im Notfall. Für Uwe Denker war dieser Umstand nicht tragbar und deshalb gründete er vor zwölf Jahren die „Praxis ohne Grenzen“.

„Die Idee für das Projekt war eine ‚Tafel-Idee'“, sagt Uwe Denker. „So wie die Tafeln Lebensmittel verteilen, so wollten wir „Mittel zum Leben“ an bedürftige Kranke verteilen.“ Er und das Team, das sich sehr schnell formierte, wollten Medikamente ausgeben, die nicht mehr gebraucht werden, im Müll landen und verbrannt werden. Das seien allein in der Region Bad Segeberg 20 Tonnen im Jahr. Die Voraussetzung, dass die Medikamente ausgegeben werden dürfen, sind ungeöffnete Verpackungen und ein noch nicht abgelaufenes Verfallsdatum. Doch bevor man Medikamente verteilt, braucht es natürlich zunächst eine Behandlung und schließlich eine Diagnose. Die „Praxis ohne Grenzen“ war geboren.

Die meisten Patient*innen sind Selbstständige

Die Menschen, die zu Uwe Denker und seinem Team kommen, sind oft Menschen, die durch Krankheit oder Armut an den Rand der Gesellschaft geraten sind. Und die sich deshalb Gesundheit nicht leisten können. Es kommen zum Beispiel viele Selbstständige, die die Beiträge nicht zahlen können. Aber auch Erwerbslose sind dabei. „Wir behandeln jeden, der uns aufsucht und in einer medizinischen Notlage um Hilfe bittet. Auch Kinder sind in unserer Klientel, deren Eltern nicht- oder nicht ausreichend krankenversichert sind“, erklärt Uwe Denker. Leider befänden sich die Patient*innen der Praxis ohne Grenzen oftmals bereits in einer gewissen Notlage. Denn aus Scham suchten sie die Praxis erst auf, wenn es nicht mehr anders ginge. „Manchmal können wir leider nicht mehr lebensrettend helfen.“

„Gesundheit ist ein Menschenrecht“

Und weil Uwe Denker in den zwei Stunden, in denen er jeden Mittwoch seine besonderen Patient*innen betreut, so viele Schicksale miterlebt, setzt er sich dafür ein, das System zu ändern. Seit 2010 haben er und alle Beteiligten des Projektes daher drei Forderungen an die Politik. Erstens eine in den Monatsbeiträgen einkommensangepasste Krankenversicherung für alle. Zweitens eine beitragsfreie Krankenversicherung für Kinder zwischen 0 und 18 Jahren. Und drittens die Senkung der Mehrwertsteuer auf verschreibungspflichtige Medikamente auf einen EU-einheitlichen Satz. „Alles unter der WHO-Vereinbarung, dass Gesundheit ein Menschenrecht ist“, ergänzt Denker.

Die „Praxis ohne Grenzen“ finanziert sich ausschließlich über Spenden

Die anfallenden Kosten in der „Praxis ohne Grenzen“ werden über Spenden finanziert. Dazu gehören neben Kosten für Behandlung, Beratung und Medikamente auch Fremduntersuchungen und in einigen Fällen sogar Krankenhausaufenthalte. Kranksein in Deutschland ist ja nicht gerade günstig. Umso erfreulicher ist es, dass Denker und sein Team in den meisten Fällen helfen können. Die Mitarbeiter*innen arbeiten alle ehrenamtlich. Die „Praxis ohne Grenzen“ in Bad Segeberg ist ein eingetragener Verein. „Wir erhalten keine staatliche Unterstützung“, sagt der ehemalige Familienarzt Denker. „Obwohl wir eine Art „freiwillige Feuerwehr“ im Gesundheitswesen sind, müssen wir die ‚Geräte‘ und das ‚Löschwasser‘ selber bezahlen.“ Deshalb bezeichnet Denker die „Praxis ohne Grenzen“ auch als ein „Projekt der tätigen Nächstenliebe und Barmherzigkeit“.

Großer Andrang und mittlerweile neun Standorte

Und sie ist ein Erfolgsmodell. Bereits ein Jahr nach der Eröffnung war der Andrang groß. Menschen aus ganz Norddeutschland kamen zu Uwe Denker und seinem Team. Und das hat sich bis heute nicht geändert, abgesehen davon, dass sie mittlerweile aus der gesamten Bundesrepublik und anderen Ländern kommen. Sie war aber auch eine Inspiration für andere Ärzte und so wurden noch weitere Praxen gegründet. Heute gibt es insgesamt neun „Praxen ohne Grenzen“, die meisten davon in Schleswig-Holstein, aber auch in Mainz und Solingen.

Körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden

Auf die Frage, was den heute 84-jährigen Arzt antreibe, antwortet Denker: „Ich sehe die zunehmende Armut, die krank macht und wie Krankheit arm macht. Das treibt uns und mich als Arzt an, hier etwas zu verändern.“ Ihm sei es wichtig, dass alle Menschen in Deutschland ihr Menschenrecht auf Gesundheit verwirklichen können. Das eindrücklichste und bedrückendste Erlebnis in der Praxis war für ihn, dass sie einer Patientin die Lebertransplantation nicht ermöglichen konnten. Es scheiterte am Geld, weshalb sie am Ende verstarb. Es sind wohl auch diese Schicksale, die Denker immer wieder dazu bringen, sich für die Menschen einzusetzen. „Gesundheit heißt aber nicht nur frei sein von Krankheiten, sondern es heißt körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden“, sagt Denker. Deshalb ist die Seeelsorge auch ein großer Teil der Arbeit des Praxisteams.

„Praxis ohne Grenzen“ – ein Teamprojekt

Und weil das Projekt von Uwe Denker in Bad Segeberg so erfolgreich ist, hat er bereits diverse Preise gewonnen. Er war zum Beispiel der „Held des Nordens“ und wurde sogar mit einem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Doch Uwe Denker ist ein bescheidener Mensch und betont, die „Praxis ohne Grenzen“ sei zwar seine Idee gewesen, doch sie Umsetzung konnte nur dank eines hoch engagierten Teams gelingen. Und noch mehr als alle Auszeichnungen ehre und motiviere sie die Dankbarkeit ihrer Patient*innen.

Für mehr Informationen zur „Praxis ohne Grenzen“ klickt hier.

 

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