Ali Mahlodji, erfolgreicher Unternehmer und EU-Jugendbotschafter, will vor allem eines: Jungen Menschen helfen, selbstbestimmt ihren Weg zu gehen.

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Interview: Isolde Hilt

 

Mit Ali Mahlodji könnte man mindestens zu zehn Themen Interviews führen. Bei keinem würde einem langweilig – wertvoller Input garantiert. Vom Flüchtling und Schulabbrecher zum international erfolgreichen Unternehmer? Die meisten hätten dazu die Wette verloren. Mit whatchado* setzt der gebürtige Iraner ein Berufsorientierungsportal auf, das jungen Menschen zeigt, welche Berufe es über die üblichen bekannten hinaus gibt. Das Zukunftsinstitut in Frankfurt – einflussreicher Think Tank in der europäischen Trend- und Zukunftsforschung – kann ihn als Trendforscher für den Themenschwerpunkt „Arbeit“ gewinnen. In der Akademie für Potentialentfaltung, von Prof. Dr. Gerald Hüther auf den Weg gebracht, verantwortet Ali Mahlodji den Bereich „Bildung und Potentialentfaltung“. Unternehmen schätzen ihn als Keynote-Speaker und Coach, um für die digitale Zukunft gerüstet zu sein. Auch hier ist Umdenken in einer Qualität gefordert, bei der viele erst einmal tief ausatmen müssen.

Mit am stärksten aber schlägt das Herz des 37-Jährigen für junge Menschen. Als EU-Jugendbotschafter will er vor allem eines: ihnen helfen, ihren Weg zu gehen. Darüber haben wir mit ihm gesprochen …

 

Wie würdest du dich jemandem, der dich nicht kennt und wissen will, wer du bist, vorstellen?

Hallo, ich bin der Ali. Ich versuche, jungen Menschen zu helfen, ihren Weg zu gehen. Erwachsenen versuche ich zu erklären, warum junge Menschen so sind, wie sie sind. Ich kenne das Gefühl sehr gut, wie es ist, wenn du als junger Mensch nicht weißt, was du aus deinem Leben machen sollst. Ich kam als Flüchtling nach Österreich, habe die Schule abgebrochen und war eines der Kinder, dem man prophezeit, dass aus ihm nichts wird. Habe es trotzdem irgendwie geschafft, meinen Weg zu gehen und nach dem Schulabbruch angefangen, mein Leben in die Hand zu nehmen. In den letzten Jahren habe ich whatchado gegründet – ein Berufsorientierungsportal, das jungen Menschen zeigt, welche Jobs es auf der Welt gibt. Vor kurzem habe ich mich aus diesem Unternehmen zurückgezogen und arbeite heute daran, jungen Menschen in Schulen und an Unis ihre Potenziale aufzuzeigen. Ich mache Vorträge und wende mich auch an Erwachsene, Führungskräfte, Lehrer*innen und Eltern, um ihnen klarzumachen, warum es so sehr auf die Jugend ankommt.

 

Du bist EU-Jugendbotschafter. Wie kommt man an eine solche Aufgabe?

Das ist eine ziemliche Ehre. Die Europäische Union hatte erkannt, dass sie zu jungen Leuten keinen Draht hat. Es gab niemanden, der „übersetzen“ konnte, was die Jugend heute ausmacht. Einige Erwachsene, die viel mit Jugendlichen zu tun haben, sollten eine Art Schnittstelle zwischen Jugendlichen und der EU in Brüssel bilden und erklären, warum Jugendliche so ticken, wie sie ticken. Das österreichische Bundeskanzleramt schlug mich 2013 für diese Aufgabe vor.

 

Was macht man als EU-Jugendbotschafter?

Wir sind dazu da, unsere Meinung einzubringen. Mit die wichtigste Aufgabe ist, selber unterwegs zu sein und mit Jugendlichen zu arbeiten.

"Wir Erwachsenen meinen, dass wir die Ahnung, die Lebenserfahrung haben, obwohl wir auch nur unser eigenes Leben leben können und kein anderes."

„Ich mache Menschen fit für die Herausforderungen des kommenden Zeitalters,“ sagst du von dir. Die junge Generation liegt dir dabei besonders am Herzen. Eine Schülerin meinte, du hättest ihr die Angst vor der Zukunft genommen. Was fasziniert dich an jungen Menschen?

Das wirklich Schöne an jungen Menschen ist: Sie wissen nicht, was nicht funktioniert. Sie haben keine Ahnung und deshalb machen sie es einfach. Junge Menschen haben auch keine Angst, „blöde“ Fragen zu stellen. Sie wissen nicht, was eine „blöde“ Frage ist. Was wunderbar bei ihnen ist, ist dieses bedingungslose Davon-Ausgehen, dass die Dinge schon funktionieren werden. Das haben wir Erwachsene mit der Zeit vergessen. Wir meinen, dass wir dieAhnung haben, dieLebenserfahrung, obwohl wir auch nur unser eigenes Leben leben können und kein anderes. Und durch diese „unsere Lebenserfahrung“ reden wir anderen Leuten ein, warum etwas nicht funktioneren kann, nur weil wir es so erlebt haben. Lebenserfahrung an sich ist etwas Wunderbares. Wir müssen es jedoch schaffen, dass wir Jugendlichen nicht unsere Glaubensmuster überstülpen. Sie sollten mit ihren offenen Gedanken ihre eigenen Sichtweisen entdecken, wie sie diese Welt besser machen können.

 

Sind Jugendliche für dich auch eine Kraftquelle und Inspiration?

Ja, für mich sowieso. Es gibt aber auch Menschen, die mich faszinieren, weil sie im Kopf jung geblieben sind. Fragt man sie, warum das so ist, kommt meist die Antwort: „Ich arbeite viel mit jungen Leuten, das geht gar nicht anders.“ Dieses Glück habe ich auch. Wenn du das hast, kannst du gar nicht in irgendwelchen Glaubensmustern festhängen. Ich glaube, das ist das größte Glück.

Du hast einen sehr guten Zugang zu jungen Menschen, sie vertrauen dir viel an. Sie erzählen dir, was sie beschäftigt, verunsichert und auch quält. Wie würdest du die Jugendlichen von heute beschreiben? Wie geht es ihnen?

Ich glaube, es geht ihnen nicht viel anders als den Menschen zuvor. Wir sind immer das Ergebnis unseres Umfelds, unserer Eltern und der Generationen davor. Jugendliche passen sich da an. Jeder Jugendliche will wissen, wer er ist und welche Aufgabe er hat. Viele Jugendliche haben das Glück, in eine Welt hineingeboren worden zu sein, in der Wohlstand herrscht – also in unsere Welt. Du hast immer zu essen, die Wasserversorgung klappt, Hygienestandards und die medizinische Versorgung sind auf einem hohen Level. Wir haben eine wunderbare Welt, und trotzdem fühlen sich Jugendliche einem unglaublichen Druck ausgesetzt. Die Eltern sagen ihnen ständig, „dir soll es einmal besser gehen als uns“. Und so sitzen sie dann zwischen den Stühlen, weil sie zuhause hören: „Kümmere dich um eine sichere Ausbildung, einen lebenslangen Job. Arbeite brav, egal, ob es dich interessiert oder nicht, damit die Rente sicher ist.“ Auf Social Media sehen sie, dass alle scheinbar ein besseres Leben haben als sie selbst. Das setzt enorm unter Druck.

 

Eine große Veränderung ist auch, dass sich familiäre Strukturen verändert haben. Dass der Spiegel nicht mehr nur die persönliche Umgebung ist, sondern digitale Welten und Wesen, die dich nicht wirklich kennen. Ist das nicht die eigentliche große Herausforderung?

Ja, das ist so. In meiner Kindheit gab es nur zwei Fernsehsender. Und wenn es nichts zum Ansehen gab und ich mich gelangweilt habe, sagte meine Mutter, dann langweile dich halt. Ich habe noch echte Geduld gelernt, mit mir wurde aber auch noch richtig gesprochen. Wir saßen in meiner Familie beim Essen zusammen und haben miteinander geredet. Dieses Glück habe ich. Heute passiert es bereits bei Babys, die herumquengeln, dass man ihnen ein Tablet vors Gesicht hält, damit sie Ruhe geben. Da passiert kein Beziehungsaufbau zum Kind mehr. Oder die Jugendlichen, die schon vor 15 Jahren ein Handy bekommen haben: Sie erleben eine Welt, in der die Eltern sie nicht mehr richtig wahrnehmen, wo keine Gespräche laufen und kein Beziehungsaufbau stattfindet. Ihnen fehlt jegliche Gelassenheit oder Geduld. Das alles bekommt die Jugend ab. Gleichzeitig hinterlassen wir Erwachsene eine Welt, in der es klimamäßig überhaupt nicht sexy ist, die nächsten 100 Jahre zu erleben. Wo wir eine Schere zwischen Arm und Reich haben, wo die, die an der Macht sind, überhaupt keine Lust haben, daran etwas zu ändern.

Die Jugendlichen haben gerade die größte Chance der Menschheitsgeschichte, das in Ordnung zu bringen und sie tun es auch. Jetzt zum Beispiel mit den Schulstreiks angesichts des Klimawandels. Es sind nicht die Erwachsenen, die jede Woche auf die Straße gehen. Es sind Schüler*innen weltweit, die gegen den Klimawandel demonstrieren und streiken.

Ich glaube, das Ganze geht sehr gut aus. Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen, wir dürfen den jungen Menschen nur nicht im Weg stehen.

Wie, glaubst du, geht das aus? Das ist ja jetzt erst der Beginn …

Das geht gut aus. Wenn wir nicht selbst in der Sch… sitzen, bekommen wir nicht mit, wie sehr wir drinsitzen. Wir können uns Zahlen, Daten und Fakten ansehen, ein paar heiße Sommer haben … In dem Moment aber, wo ich eine Klimaanlage habe, ist es mir schon wieder egal. Ich war einmal für eine Zeit in Südafrika. An einem Tag in Kapstadt war das komplette Wasser aus. Die Leute mussten sparen. Wenn du so etwas erlebst hast und wieder nach Europa zurückkommst, wird dir schon anders: Hier wird geschimpft über fehlende Parkplätze oder dass wir schneller fahren dürfen sollten. Der Klimawandel bleibt am besten ein abstraktes Problem.

Ich glaube, dass das Ganze sehr gut ausgeht. Wir haben eine Generation, die mit anderen Problemen heranwächst und keine Lust hat, später einmal eine Art Erwachsener zu werden, der bei diesen Problemen nicht mehr Challenger ist. Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen, wir dürfen den jungen Menschen nur nicht im Weg stehen. Das ist die große Challenge der Erwachsenen.

 

Eine deiner wichtigsten Aufgaben, die du dir selber gestellt hast, ist, Jugendliche zukunftsfit zu machen. Wie sieht das aus, wie arbeitest du mit ihnen?

Es kommt immer darauf an, wo ich hinkomme. Was an der einen Schule funktioniert, geht nicht unbedingt an der nächsten. Ich bereite jedes Gespräch intensiv vor und möchte vorab wissen, welches Anliegen die jungen Leute haben. Sonst kannst du das komplett vergessen.

Hast du ein Beispiel dafür?

Ich war vor ein paar Wochen in der Steiermark bei 800 Jugendlichen im Alter von 14 bis 19. Die Lehrer hatten mir erzählt, dass die Jugendlichen unendlich viel Potenzial haben, dass kein Kind aber an sich selbst glaubt, kein einziges. Die haben zuhause Eltern, die ihnen ständig sagen, was sie können und was nicht. Und wenn diese Kinder dann einmal etwas machen wollen, haben sie im Kopf: „Meine Mama, mein Papa hat gesagt, das kann ich ja nicht.“ Viele Jugendliche hätten die Chance, in dieser Region eine Lehre zu machen. Die meisten Eltern aber vermitteln ihnen, dass sie als Azubi nichts sind.

Und dann kommst du dahin und triffst auf Jugendliche mit viel Energie, aber null Selbstwert. Bei so vielen Leuten mache ich einen Vortrag, den ich an die Zielgruppe anpasse. Das heißt, es geht darum, den Jugendlichen klarzumachen, dass ich auf ihrer Seite bin. Das gelingt meistens, wenn ich ihnen meine Geschichte erzähle. Dann wissen sie, ‚… ah, ok, der Typ hatte es auch nicht leicht. Keinen Bock auf Schule, Schulabbrecher…“. Das funktioniert meist sehr gut.

 

Das ist deine Eintrittskarte …

Ja. In dem Moment, wo Leute ehrlich von sich selber sprechen, kannst du vor jeder Schulklasse stehen, weil dann der Draht zu den Schüler*innen da ist. Sie hören dir zu! Das Zweite ist dann, den Jugendlichen auf ihre Weise klarzumachen, welche Möglichkeiten es auf dieser Welt gibt. Ihnen zu zeigen, es gibt 100.000 Jobtitel. Viele Jobs, die wir in zehn Jahren haben, gibt es heute noch nicht. Ihnen zeigen, wie Ideen in der Welt entstehen. Es geht darum, ihnen klarzumachen, dass die Glaubenssätze ihrer Eltern, die sie ständig hören, aus der Vergangenheit ihrer Eltern sind und nichts mit ihrer Zukunft zu tun haben. Nach den Vorträgen kommen die Jugendlichen dann zu mir und sagen: „Ach so, alle Dinge, die mir meine Mama erzählt, stimmen so gar nicht.“ Ich sage dann: „Für deine Mama stimmt das sehr wohl, das gilt aber nicht für alle Menschen. Deine Eltern können auch nicht alles wissen, die haben ja auch nicht die ganze Welt gesehen.“ Und dann hast du sie! Ab da hast du ihr Vertrauen. Sie hören dir zu und gehen raus mit einer Art Wissen und Motivation, das sie stärkt. Bei den Lehrern mache ich es wieder ein bisschen anders.

 

„Führungskräfte sollten mehr auf Kinder hören“, ist eine Aussage von dir. Die meisten werden da vermutlich schon erst einmal mit der Stirn runzeln und sagen: Wie bitte?

Ja, stimmt. Ich meine damit, wir sollten auf junge Menschen hören, weil sie oft Fragen stellen, die so einfach sind, die Dinge aber auf den Punkt bringen. Erwachsene denken da gerne einmal, dass die Frage doch viel zu simpel und zu blöd sei. Wenn du dich aber wirklich auf die Frage einlässt, merkst du: Ok, das Kind hat das gerade tatsächlich auf den Punkt gebracht. Oft sind es scheinbar so „banale“ Fragen wie, ob Dinge so sein müssen wie sie sind. Die stellen sich Erwachsene gar nicht mehr. Die denken sich, das war immer schon so. Ein Jugendlicher aber kennt dieses  „Es war immer schon so“ gar nicht. Bereits kleine Kinder fragen doch dauernd: Warum? Warum? Warum? Genau dieses Denken gilt es beizubehalten und zu reanimieren.

 

Du hast ein besonderes Naturell, mit dem du Menschen begeisterst.Was verdankst du da deinen iranischen Wurzeln? Die Heimat deiner Eltern wird dich, auch wenn du dort kaum gelebt hast, doch irgendwie geprägt haben …

Ja, es ist definitiv diese Kultur der Gastfreundschaft, die für mich das Normalste auf der Welt ist. Wenn ich zum Beispiel mit einer Person spreche, geht es in diesem Augenblick nur um diese Person und um niemand anderen. Was mir Menschen oft sagen, ist, dass sie bei mir das Gefühl haben, ich höre ihnen zu, ich bin voll und ganz bei ihnen. Und dann noch diese Fähigkeit, mich zu begeistern. Ich merke schon, dass ich – wenn ich in Österreich, Deutschland, der Schweiz unterwegs bin – manchmal Tiefergehendes suche, dieses Emotionale.

 

Dein wichtigster Tipp für junge Menschen?

Kein Mensch kann dir sagen, wie die Zukunft aussieht, denn es gibt noch niemanden, der dort war. Das heißt, wenn du nicht versuchst, sie selbst zu schreiben, schreiben andere Menschen die Zukunft und du bist darin gefangen. Das ist das Wichtigste. Auch dein bester Freund hat absolut keine Ahnung, was in den nächsten zehn Jahren passiert. Das ist die größte Chance deiner Geschichte, sie selbst zu schreiben.

 

Eigenverantwortung zu übernehmen und sein Leben selbst in die Hand zu nehmen …

Eigenverantwortung übernehmen und radikal alles hinterfragen.

 

Noch etwas, das dir wichtig ist, das dir am Herzen liegt …?

Egal, was du im Leben machst: Wenn du einen Monat lang jeden Tag am Stück merkst, dass dir etwas keinen Spaß und so gar keine Freude macht, dann trenne dich sofort davon. Egal, wie wichtig es ist: Du wirst keine Energie haben, es zu Ende zu bringen.

 

 

Zur Person

Ali Mahlodji

Unternehmer, Begründer des Unternehmens whatchado, Keynote-Speaker, Coach, EU-Jugendbotschafter, Trendforscher für die Zukunftsinstitut GmbH Frankfurt a. Main, Leiter für den Bereich „Bildung und Potentialentfaltung“ an der Akademie für Potentialentfaltung Göttingen

Weitere Infos: www.ali.do

* whatchado wurde mit fast 20 Awards, unter anderem dem Österreichischen Staatspreis für Bildung und Wissen, dem TRIGOS Nachhaltigkeitspreis, dem Europäischen Digitalkommunikationspreis und von der UN mit dem UN World Summit Award für das beste Internetprojekt ausgezeichnet.  
Quelle: https://www.lernwelt.at/begegnungen/begegnungenteil1/ali-mahlodji/index.html

 

Und was machst du so?

In diesem Buch erzählt Ali Mahlodji seine persönliche Lebensgeschichte. Ein absolutes Mutmach-Buch, das wir nur empfehlen können!

 

 

 

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Prof. Dr. Gerald Hüther hat die Akademie für Potentialentfaltung auf den Weg gebracht. Der bekannte Neurobiologe und Ali Mahlodji werden in Zukunft enger zusammenarbeiten, um Menschen darin zu bestärken, ihren eigenen Weg zu gehen.

 

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